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FOREVER       Magazin für Physische Unsterblichkeit

 (3. Jahrgang)                                     Clubarchiv

DAS CLUBARCHIV DER TOTEN DICHTER

DIE ZEIT-MASCHINE

‘Der Film mit seinen bewegten Bildern ist die wichtigste kulturelle Zeit-Errungenschaft der Postmoderne. Durch ihn haben wir völlig neue Ebenen und Perspektiven der Schaulust, des Erzählens und Berichtens sowie des Langweilens, des Dösens, des Spasses, der Ablenkung und der Zerstreuung kennengelernt. Wir wissen das zu schätzen und stürmen die Kinos dank der radikalen Veränderungen der Wertschätzung unserer Schaulust. Augustinus, der nicht nur über die Zeit nachdachte, hielt die Schaulust im Hinblick auf das geistige Heil noch für höchst gefährlich. Das hat sich radikal gewandelt, vielleicht auch deshalb, weil es uns heute weniger ums geistige Heil geht. Nicht die Zeiten der Natur und auch nicht mehr die Uhrzeit bestimmen die Zeiten des Kinofilms, das tut die szenische Zeit. Diese befreit von den Zwängen moderner Uhrzeit-Logik. Filmkunst ist, so der Regisseur Tarkowskij, ‘das Modellieren der Zeit’. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werden beliebig manipulierbar, ‘zurück in die Zukunft’ ein attraktives Programm. Im Film wird Zeit zerlegt, neu zusammengesetzt und relativ frei rhythmisiert. Dort können wir uns an vieles, das wir erst erleben, bereits erinnern: ‘Clint Walker als ‘Yellowstone Kelly’ kommt die hügelige Landschaft herangeritten, wie es so Westernart ist, in gemessenem Tempo, solange man ihn reiten sieht, spürt man die endlose Weite des Landes, aber kaum ist er hinter einem Hügel verschwunden, muß sein Pferd Flügel bekommen, denn schon ist er auf der Kuppe des nächsten zu sehen, und dann beginnt er gar, Hügel zu überspringen, bis er plötzlich direkt vor uns auftaucht; dieses Land steckt voller Zeitfallen’ (Seeßlen 1993, S.48).

Viel häufiger als in der Realität werden den Uhren auf der Leinwand die Zeiger abgeschossen, und eben dies gelingt dem Film auch formal unentwegt. Daß er die Beschränkungen der linearen Uhrzeit zu überwinden vermag, macht ihn zu einem magischen Medium, das die Dunkelheit braucht, um die Helligkeit zu befördern. Wer also mit Zeit wirklich flexibel umgehen will, muß die Uhr wegwerfen und sich eine Kamera kaufen. Im Kino nämlich läßt sich die verlorene Zeit wiederfinden, dort gelingt es, sich gegen den Zeitfluss zu stellen und in die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Zeiten einzutauchen. Wo sonst sieht man einen Turmspringer, der rückwärts aus dem Wasser auf das Sprungbrett zurückhechtet. Der Film präsentiert die postmodernen Zeiten wie kein anderes Medium.’

                                                  

YOU ARE THE CLOCK, CASSIEL!

(aus: Clubarchiv der toten Dichter, Vol.11: Karlheinz A. Geißler: ‘Vom Tempo der Welt’, 1999, S.130)

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