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FOREVER       Magazin für Physische Unsterblichkeit

 (3. Jahrgang)                                     Clubarchiv

DAS CLUBARCHIV DER TOTEN DICHTER

‘GOTT’

‘(...) Ich erinnere mich an einen anonymen Typen aus der Keith-Truppe, der vermutlich der närrischste Kerl von Amerika war und dafür vielleicht fünfzig Dollar in der Woche bekam. Dreimal täglich trat er an jedem Tag in der Woche auf und schlug die Zuhörer in seinen Bann. Er hatte kein festes Programm, er improvisierte einfach. Nie wiederholte er seine Witze oder Tricks. Er verausgabte sich völlig und nahme dabei sicherlich keine Drogen. Er war einer von den Burschen, denen nichts etwas anhaben kann, und so stark waren seine Energie und seine Lebenslust, daß nichts sie einzudämmen vermochte. Er beherrschte jedes Instrument, kannte jeden Tanzschritt, konnte eine Geschichte aus dem Stegreif erfinden und sie bis zum Pausenzeichen ausspinnen. Er begnügte sich nicht mit seinem eigenen Auftritt, sondern half auch den anderen. Er stand in den Kulissen und wartete auf den richtigen Augenblick, in den Auftritt eines anderen Burschen einzugreifen. Er bestritt die ganze Vorführung, und es war eine Vorführung, die mehr Heilkraft besaß als das ganze Arsenal moderner Wissenschaft. Einem Mann wie ihm hätte man die Diäten zahlen sollen, die der Präsident der Vereinigten Staaten erhält. Man sollte den Präsidenten und den ganzen Obersten Gerichtshof entlassen und einen solchen Mann zum Regierungschef machen. Er hätte jedes Übel geheilt, das auf der Tagesordnung steht. Zudem war er ein Mann von dem Schlag, der es umsonst tat, wenn man ihn darum bat. So sieht der Menschentyp aus, der die Irrenhäuser leert. Er schlägt keine Kur vor - er bringt jeden aus dem Häuschen. Zwischen dieser Lösung und einem dauernden Kriegszustand, wie es die Zivilisation ist, gibt es nur noch einen Ausweg - nämlich den Weg, den wir schließlich alle einschlagen, weil alles andere zum Scheitern verurteilt ist. Der Menschentyp, der diesen einen und einzigen Weg verkörpert, hat einen Kopf mit sechs Gesichtern und acht Augen; dieser Kopf ist ein sich drehender Leuchtturm, und statt einer dreifachen Krone, wie es sehr wohl sein könnte,hat er ein Luftloch für das bißchen Gehirn, das vorhanden ist. Wie gesagt, es ist wenig Hirn da, denn das Gepäck ist sehr gering, weil die graue Substanz, wenn man bei vollem Bewußtsein lebt, sich in Licht auflöst. Er ist der einzige Menschentyp, den man über den Komödianten stellen kann; weder lacht er noch weint er, er ist über das Leiden hinaus. Wir erkennen ihn nicht: er ist uns zu nah, steckt uns direkt unter der Haut. Während der Komödiant unser Zwerchfell erschüttert, spricht dieser Mensch, dessen Name, wenn er einen Namen brauchte, wie ich glaube, Gott heißen könnte, die Dinge frei aus. Wenn die ganze Menschheit sich vor Lachen krümmt, ich meine, so sehr lacht, daß es wehtut, dann ist jeder auf dem rechten Pfad. In diesem Augenblick kann jeder ebensogut Gott sein wie etwas anderes. In diesem Augenblick wird das Bewußtsein doppelt, drei-, vier- und mehrfach ausgeschaltet, die graue Substanz oben im Schädel rollt sich in toten Windungen zusammen, das Gewissen wird augenblicklich zum Schweigen gebracht. In einem solchen Augenblick kann man wirklich das Loch im Schädel fühlen; man weiß, daß man dort einstmals ein Auge hatte und daß dieses Auge alles auf einmal aufnehmen konnte. Das Auge ist nun dahin, aber wenn man lacht, bis die Tränen kommen und der Bauch schmerzt, öffnet sich das Dachfenster, und das Gehirn wird gelüftet. Niemand kann einem in einem solchen Augenblick einreden, ein Gewehr in die Hand zu nehmen und seinen Feind zu töten; ebensowenig wie einem jemand einreden kann, einen dicken Wälzer aufzuschlagen, der die metaphysischen Wahrheiten der Welt enthält, und ihn zu lesen. Wer den genauen Sinn der Freiheit kennt, nämlich der absoluten und nicht relativen Freiheit, muß zugeben, daß in einem solchen Augenblick die Annäherung an sie die größte ist, die man erreichen kann. Wenn ich mich gegen den gegenwärtigen Zustand der Welt auflehne, dann nicht als Moralist - sondern weil ich mehr lachen möchte. Ich sage nicht, daß Gott nur ein einziges Gelächter ist: Ich sage, daß man viel lachen muß, ehe man Gott näherkommen kann. Mein ganzes Lebensziel ist, Gott näherzukommen, das heißt, mir selbst näherzukommen. Deshalb macht es mir nichts aus, welchen Weg ich gehe. Aber die Musik ist sehr wichtig! Die Musik ist ein Tonikum für die Zirbeldrüse. Die Musik ist nicht Bach oder Beethoven; sie ist der Büchsenöffner der Seele. Sie macht einen innerlich schrecklich ruhig, bringt einem zu Bewußtsein, daß unserem Wesen ein Dach gesetzt ist. (...)’

                                                  

WHAT IF GOD WAS ONE OF US!?

(aus: Clubarchiv der toten Dichter, Vol.3, Henry Miller: ‘Wendkreis des Steinbocks’, 1939)

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