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FOREVER       Magazin für Physische Unsterblichkeit

 (3. Jahrgang)                                     Clubarchiv

DAS CLUBARCHIV DER TOTEN DICHTER

DIE DORNENKRONE

‘Als vor einigen Monaten der Dichter Rilke starb, konnte man aus dem Verhalten der geistigen Welt - teils aus ihrem Schweigen, teils und noch mehr aus dem, was sie äußerte - deutlich sehen, wie in unserer Zeit der Dichter, als reinster Typus des beseelten Menschen, zwischen Maschinenwelt und der Welt der intellektuellen Betriebsamkeit gleichsam in einen luftlosen Raum gedrängt und zum Ersticken verurteilt ist.

Diese Zeit deswegen anzuklagen, haben wir kein Recht. Diese Zeit ist nicht schlechter noch besser als andere Zeiten. Sie ist ein Himmel für den, der ihre Ziele und Ideale teilt, und ist eine Hölle für den, der ihnen widerstrebt. Da nun der Dichter, wenn er seiner Herkunft und Berufung treu bleiben will, sich weder der erfolgstrunkenen Welt der Lebensbeherrschung durch Industrie und Organisation anschließen und hingeben darf, noch der Welt rationalisierter Geistigkeit, wie sie etwa unsre Universitäten beherrscht, sondern da es des Dichters einzige Aufgabe und Sendung ist, Diener, Ritter und Anwalt der Seele zu sein, sieht er sich im heutigen Welt-Augenblick zu einer Vereinsamung und einem Leiden verurteilt, welches nicht jedermanns Sache ist. Wir wehren uns alle gegen das Leiden, jeder von uns hat es gern ein bißchen gut und warm auf der Welt, und sieht sich gern von seiner Umwelt verstanden und bestätigt. So sehen wir denn die Mehrzahl der heutigen Dichter (ihre Zahl ist ohnehin klein) sich irgendwie der Zeit und ihrem Geiste anpassen, und gerade diese Dichter sind es, denen die größten Erfolge an der Oberfläche zufallen. Andere wieder verstummen und gehen im luftleeren Raum dieser Hölle still zugrunde.

Noch andere wieder - zu ihnen gehörte Rilke - nehmen das Leid auf sich, unterwerfen sich dem Schicksal und wehren sich nicht dagegen, wenn sie sehen, daß die Krone, welche andere Zeiten für den Dichter hatten, heut zum Dornenkranz geworden ist. Bei diesen Dichtern ist meine Liebe, sie verehre ich, ihr Bruder möchte ich sein. Wir leiden, aber nicht um zu protestieren oder zu schimpfen. Wir ersticken in der für uns nicht atembaren Notdurft, die uns umgibt, aber wir lösen uns nicht vom Ganzen, wir nehmen dies Leiden und Ersticken an als unsern Teil am Weltgeschick, als unsere Sendung, als unsere Prüfung. Wir glauben an keines von den Idealen dieser Zeit, nicht an das der Diktatoren noch an das der Bolschewiken, nicht an das der Professoren noch an das der Fabrikanten. Aber wir glauben, daß der Mensch unsterblich ist und daß sein Bild aus jeder Entstellung wieder genesen, aus jeder Hölle geläutert wieder hervorgehen kann. Wir glauben an die Seele, deren Rechte und Bedürfnisse, wenn auch noch so hart unterdrückt, niemals sterben können. Wir suchen unsere Zeit nicht zu erklären, nicht zu bessern, nicht zu belehren, sondern wir suchen ihr, indem wir unser eignes Leid und unsere eigenen Träume enthüllen, die Welt der Bilder, die Welt der Seele, die Welt des Erlebens immer wieder zu öffnen. Die Träume sind zum Teil arge Angstträume, diese Bilder sind zum Teil grausige Schreckbilder - wir dürfen sie nicht verschönern, wir dürfen nichts weglügen. Wir dürfen nicht verhehlen, daß die Seele der Menschheit in Gefahr und nah am Abgrund ist. Wir dürfen aber auch nicht verhehlen, daß wir an ihre Unsterblichkeit glauben.’ (1927)

                                                  

WILLKOMMEN IM MAGISCHEN THEATER!

(aus: Clubarchiv der toten Dichter, Vol. 2, Hermann Hesse: ‘Eine Literaturgeschichte in Rezensionen und Aufsätzen’, Suhrkamp 1975, S. 444)

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