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FOREVER       Magazin für Physische Unsterblichkeit

 (5. Jahrgang)                                     Einwände

                   Einwände gegen die physische Unsterblichkeit                                                       Die Top Ten der beliebtesten Argumente

     Autor: Lothar Michael Muth ---------- Datum: 18.05.08

Die Top Ten sind:

Platz 1:   Wir sind schon unsterblich!                                                                                     Platz 2:   Überbevölkerung                                                                                                     Platz 3:   Mangelnde Lebensqualität                                                                                     Platz 4:   Unsterblichkeit ist unnatürlich                                                                                 Platz 5:   Unsterblichkeit ist praktisch nicht machbar                                                             Platz 6:   Unsterblichkeit ist egoistisch                                                                                   Platz 7:   Unsterbliche können alles aufschieben                                                                   Platz 8:   Unsterblichkeit ist nur für Reiche                                                                             Platz 9:   Unsterbliche riskieren nichts mehr                                                                   Platz 10: Unsterbliche wären ewig alt                                                                                                  

Vorbemerkung: Nach Jahren der Beschäftigung und Auseinandersetzung mit Einwänden gegen die körperliche Unsterblichkeit der verschiedensten Art bin ich der festen Überzeugung, daß es nur eine kleine Zahl von Punkten gibt, die wirklich relevant sind. Mit ihnen wird man immer wieder auf’s neue von Kritikern konfrontiert, während der große Rest mehr oder weniger bedeutungslos ist oder nur eine Variation der Standardeinwände darstellt. Daher macht es Sinn, sich auf sie zu konzentrieren bzw. sie einmal übersichtlich und komprimiert aufzulisten und Gegenargumente zu formulieren. Diese Kernpunkte sind, meiner Meinung nach und in dieser Reihenfolge:

Platz 1: Wir sind schon unsterblich! Religiöse Einstellungen und Überzeugungen

Dieser Einwand bezeichnet meist ein ganzes Bündel von Argumenten und Vorbehalten und kommt fast immer von traditionell religösen Menschen, die ihr EIGENES Konzept von Unsterblichkeit besitzen. Sie haben gewissermassen den gleichen Wunsch nach Unsterblichkeit aber andere Vorstellungen davon, wie er sich realisiert, vor allem natürlich als Unsterblichkeit der Seele. Es macht in der Regel nur begrenzt Sinn, sich mit Kritik, die aus dieser Richtung kommt, näher auseinander zu setzen, allein schon, weil die Diskussion religiöser Glaubensüberzeugungen sich nicht auf das Thema der Unsterblichkeit beschränkt sondern eine ganze komplette Lebens- und Weltanschauung umfasst.

Geht man doch einmal darauf ein, wäre primär natürlich die Wahrheitsfrage der behaupteten metaphysischen Realitäten und Subjekte zu klären, woran sich ganze Generationen von Denkern und Gläubigen abgearbeitet haben, ohne zu irgendeinem Konsens zu kommen, sekundär müsste man die mangelnde Kompatibilität traditioneller Glaubensaussagen mit den Maßstäben und Selbstverständlichkeiten der modernen Welt thematisieren. Es wäre weiterhin vor allem darauf achten, daß man bei allen Unterschieden mit den Anhängern der religiösen Tradition immerhin das inhaltliche Ziel teilt und sich ‘nur’ in der FORM seiner Realisierung unterscheidet. Zum anderen muß man schließlich auf den jeweiligen religiösen Hintergrund des Kritikers konkret eingehen und die verschiedenen Unsterblichkeitsvorstellungen der unterschiedlichen Lehren und Richtungen genau berücksichtigen, die sich in der Frage von Tod und Ewigkeit allerdings nicht so sehr untereinander unterscheiden wie in anderen Aspekten etwa der rituellen Praxis, theologischer Begründungen oder moralischer Ableitungen.

So lässt sich insbesondere der Auferstehungsglaube des Christentums als komplizierte Mischform aus seelischer und leiblicher Unsterblichkeit deuten, wodurch er zum historischen und geistesgeschichtlichen Vorläufer moderner Auffassungen wird. Der Reinkarnationsglaube hinduistischer, teilweise buddhistischer oder westlich-esoterischer Prägung läßt sich salopp hingegen als „körperliche Unsterblichkeit mit Umsteigen” deuten, die Ausrichtung auf körperliche Unsterblichkeit damit als Beschleunigung der individuellen Entwicklung, weil sie das ‘spirituelle Vergessen’ überwindet, das gewöhnlich mit dem physischen Tod einhergeht. Die grundlegende seelische Transformation, auf die es in diesen religiösen Richtungen ankommt, muß immer IN der inkarnierten Form erfolgen, IM Leben also, während der mit den Wiederverkörperungen oft - jedenfalls bei westlich geprägten Esoterikern - wie selbstverständlich verbundene Fortschrittsglaube ein komplizierteres Selbstmissverständnis des jeweiligen Reinkarnisten zum Ausdruck bringt usw.

Platz 2: Überbevölkerung: Wenn niemand mehr sterben würde, käme es zur Überbevölkerung mit katastrophalen sozialen und ökologischen Folgen

Die moderne Welt weist nun schon seit mehreren Jahrzehnten einen starken Niedergang der Bevölkerungsraten auf. Jede heutige und jede zukünftige Frau bzw. jedes heutige und zukünftige Paar kann außerdem immer noch mindesten EIN Kind bekommen, ohne zur Überbevölkerung beizutragen, selbst wenn die Sterblichkeitsrate und das auch noch über Nacht auf den utopischen Wert von Null fiele, weil bei einer Geburtenrate von einem Kind pro Frau bzw. pro Paar die Gesamtzahl aller Menschen langfristig auf einen relativ niedrigen GRENZWERT zuläuft! Tatsächlich existiert ein solch niedriger Grenzwert bei allen Geburtenraten, die sogar größer sind als eins aber deutlich niedriger als zwei, so daß viele Frauen/Paare sogar mehr als ein Kind bekommen können, ohne daß die Zahl der Menschen auf diesem Planeten immer weiter zunimmt. Dieses Argument erscheint nur auf den ersten Blick kompliziert und überraschend, weil es mit spezifischen mathematischen Proportionen und Dynamiken zu tun hat, die kontra-intuitiv sind, d.h. dem Alltagsverstand und naiven Augenschein widersprechen, aber jeder kann es leicht selbst nachrechnen, in einer idealtypischen Annäherung an den Kern der Zusammenhänge:

3 Milliarden Männer und 3 Milliarden Frauen bekommen bei einer Geburtenrate von 1 Kind pro Frau bzw. pro Paar 3 Milliarden Kinder macht  zusammen 9 Milliarden Menschen. 1,5 Milliarden Männer und 1,5 Milliarden Frauen in der NÄCHSTEN Generation bekommen nur noch 1,5 Milliarden Kinder macht zusammen 10,5 Milliarden. 750 Millionen Männer und 750 Millionen Frauen der übernächsten Generation bekommen nur noch 750 Millionen Kinder macht zusammen 11,25 Milliarden Menschen. 375 Millionen Männer... usw. Man sieht schnell, daß der hinzukommende Anteil an Geburten immer weiter abnimmt und letztlich gegen Null läuft, und das obwohl nicht nur jede heute schon lebende Frau sondern auch noch jede zukünftige mindestens ein Kind zur Welt bringt!

Dahinter verbirgt sich die schlichte Tatsache, daß immer nur zwei Menschen miteinander - Mann und Frau - ein Kind zusammen bekommen bzw. ihren Kinderwunsch miteinander erfüllen können, während ein Kind pro Paar bei gegebener(!) Sterblichkeit nicht ausreichen würde, die Menschheit zu erhalten. Damit aber ist der Unterschied zwischen „Sterblichen” und „Unsterblichen” in Bezug auf das Bevölkerungsproblem nur der zwischen einem oder zwei Kindern und keineswegs - wie immer wieder unreflektiert unterstellt! - der zwischen gar keinen Kindern und Kindern überhaupt, was psychologisch von allergrößter Bedeutung ist! (Keine Frau, kein Mann, kein Paar muß sich zwischen Unsterblichkeit und Kinderwunsch entscheiden!) Die Kritiker, die das Argument der Überbevölkerung gewöhnlich so emphatisch oder selbstverständlich vortragen, vergessen in der Regel, daß dieses Problem längst ein existierendes der höchst sterblichen Menschheit ist und halten es anscheinend für völlig selbstverständlich und unproblematisch, daß jedes Paar soviele Kinder bekommen kann, wie es möchte. Ein solcher allgemeiner Kinderwunsch von zwei und mehr Kindern pro Frau/Paar führt aber mittel- und langfristig - und zwar schon ganz ohne Lebensverlängerung! - auf jeden Fall zur exponentiellen Bevölkerungsvermehrung, mit allen beschworenen katastrophalen Folgen, die man aber auf das Langlebigkeitsthema projiziert. In Wahrheit haben die langlebigsten Menschen in der Regel die niedrigsten Geburtenraten und die kurzlebigsten die höchsten, worin sich ein ganzes Bündel psychologischer, sozialer und politisch-kultureller Aspekte verbirgt, die an dieser Stelle nicht weiter erörtert werden müssen.

Eine Sterblichkeitsrate von Null, die gar auf einen Schlag einträte, ist jedenfalls noch unwahrscheinlicher, als daß es überhaupt zu einer starken Ausdehnung der individuellen Lebenserwartung kommt, wie selbst die vorerst ziemlich utopische komplette Abschaffung sämtlicher Krankheiten und des Alterungsprozesses bekanntlich nicht zu einer völligen Abschaffung von Todesfällen führt, wie ein einfacher Blick in die Mortalitätsstatistiken zeigt. Da die Ausdehnung der durchschnittlichen wie der maximalen Lebenserwartung sich wahrscheinlich nur in Etappen oder einzelnen Schüben vollziehen wird, kann man mit größeren zeitlichen Anpassungsspielräumen für die Geburtenrate rechnen. Ironischerweise ist sie aber in vielen westlichen Ländern jetzt schon annähernd auf dem passenden Niveau, so als ob die Menschen eine kommende Unsterblichkeit unbewußt vorwegnehmen würden, weshalb der meist emotional beschworene Einwand Überbevölkerung besonders skuril anmutet.

Platz 3: Mangelnde Lebensqualität: Das Leben ist nicht so besonders oder wird schnell langweilig, warum es bis in alle Ewigkeit ausdehnen?

Dies ist ein vernünftiger Einwand, weniger als abstraktes Argument sondern als Ernst zu nehmende Aussage über die psychologische Grundverfassung des Kritikers. Darin steckt die tiefere Wahrheit, daß die Lebensqualität im hier und jetzt bzw. der näheren Zukunft immer wichtiger und dringender ist als die extreme Lebensverlängerung in eine vage und ferne Zukunft hinein, denn niemand, der grundlegend mit seinem Leben, dem Leben überhaupt, unzufrieden ist oder gar daran in stärkerer Form leidet, möchte es immer weiter fortsetzen oder sogar noch aktiv etwas unternehmen, um es bewußt zu verlängern! Der ebenfalls weit verbreitete Einwand ‘Langeweile’ ist dabei nur eine spezielle Sonderform dieses allgemeineren Vorbehalts, wobei er an sich viel unproblematischer ist, denn man kann leicht zeigen, daß Langeweile keineswegs mit zunehmendem Alter automatisch häufiger wird: sehr junge Menschen können zu Tode gelangweilt sein während sehr alte Menschen nicht davon betroffen sein müssen usw. Ein chronisches Gefühl der Langeweile ist in JEDEM Alter oft Ausdruck einer individuellen Entwicklungsverweigerung, die heute allerdings noch im höheren Alter auf Grund der fortschreitend schwindenden Zukunftsperspektive eine fundamentale biologisch-medizinische Rechtfertigung besitzt. (“Warum soll ich in meinem Alter noch etwas lernen oder mich verändern? Wer weiß, wie lange ich noch lebe!”) Fiele diese biologische Basis weg, würde der Einwand Langeweile sofort völlig anders eingeschätzt.

Letztlich wird es auch keine Zwangsunsterblichkeit geben, so daß jedem, der tatsächlich sein ‘unsterbliches’ Leben nur noch als eine Qual empfindet, immer der Ausweg des Selbstmordes offenstünde, aber gegen das allgemeinere Lebensqualität-Argument anzuargumentieren ist nicht so einfach. Im Kern ist es nämlich gar keine theoretische Frage sondern eine höchst praktische Angelegenheit, in psychologisch-subjektiver, politischer, sozialer, ökonomischer... Hinsicht! Die meisten Einwände, die meisten Kritiker, kommen in Wahrheit nur von diesem einen Punkt her, in der ein oder anderen Weise, auch wenn sie etwas anderes sagen oder vortragen: „Soll ich etwa ewig arbeiten?”, “Was ist mit unsterblichen Mördern und Diktatoren?”, “Die Welt wird immer ungerechter, kälter und egoistischer!”, “In einer ökologisch zerstörten Welt will ich nicht leben!” usw. usf., die ganze Litanei, die überhaupt nichts mit dem Thema der individuellen Langlebigkeit zu tun hat, ähnlich wie das Überbevölkerungsproblem, denn die Misstände und Ungerechtigkeiten der Welt (oder des eigenen Lebens) wären so oder so ein Problem, auch für normalsterbliche Menschen, die sich wie bisher sexuell fortpflanzen und in ihren Kindern ‘verewigen’.

Würde man sich näher mit dem Ursprung und dem Wesen von Religion beschäftigen, also mit Platz 1 dieser Liste, würde sich schnell herausstellen, daß religiöse Haltungen ebenfalls sehr eng mit allen Fragen der Lebensqualität zusammenhängen, wie es die konventionelle Religionskritik seit Jahrhunderten, wenn auch falsch zuspitzend (weil sie die existentielle und überhistorische Frage der Todesangst ausblendet), hervorhebt. Ähnliches liesse sich für Platz 2 und das Problem der Überbevölkerung aufzeigen, denn es sind immer die befürchteten und in sich logischen negativen Folgen der Überbevölkerung für die zukünftige Lebensqualität, die sie zu einem scheinbar plausiblen Einwand gegen die Langlebigkeit machen. Der Einsatz für die Verlängerung der individuellen Lebensdauer muß jedenfalls immer mit dem glaubwürdigen Engagement für die kontinuierliche Verbesserung aller Lebensumstände einhergehen. Wer dies bewußt auseinanderdividiert oder auch nur unbewußt ignoriert, braucht sich über mangelnde Resonanz nicht mehr zu beklagen.

Platz 4: Unsterblichkeit ist unnatürlich, der Tod dagegen Ausdruck des natürlichen Laufs der Dinge, Teil der Evolution, notwendig für die Art, für die Entwicklung, Motor genetischer Veränderungen usw.

Die ganze moderne Welt, die moderne Kultur, Technologie und Medizin im besonderen aber schon die Evolution des menschlichen Gehirns, die evolutionäre Entstehung des Menschen überhaupt, lassen sich nicht in dieser simplen und unreflektierten Weise unter den Begriff ‘natürlich’ subsummieren. Der Tod ist zunächst ‘natürlich’ wie Hunger, Krankheit, Schmerzen, Stürme, Giftschlangen usw. usf. ‘natürlich’ sind, wobei auch die Kritiker gewöhnlich alle möglichen technologisch-kulturellen (‘unnatürlichen’) Errungenschaften - traditionelle wie moderne - zur Steigerung ihrer eigenen Überlebensfähigkeit und ihres Wohllebens längst wie selbstverständlich in Anspruch nehmen: das Werkzeug, das Feuer, die Kleidung, den Pflug, die Bewässerungssysteme, das Rad, die Schrift, die Kanalisation, die Maschine, die Elektrizität, die Fabrik, das Penicillin, das Aspirin, die Anti-Baby-Pille, den Mähdrescher, die Brille, das Telefon, das künstliche Hüftgelenk, das Internet, die sozialen Sicherungssysteme, das arbeitsteilige Wissen...

Die Lernmechanismen des menschlichen Gehirns und der menschlichen Kultur sind letztlich generell eine effizientere Form der evolutionären Anpassung an Veränderungen der Umwelt als die soviel langsamere Variation der genetischen Information im Prozeß der sexuellen Fortpflanzung. Sowohl die individuelle wie die kollektive Entwicklung brauchen primär daher schon lange keinen physischen Tod mehr, um diesen Anpassungsprozeß zu leisten, sondern unaufhörlichen wissenschaftlich-technologischen, psychologischen wie kulturellen WANDEL. Das Leben in seiner Gesamtheit ist dabei längst schon unsterblich, schon von daher ist es missverständlich oder zumindest undifferenziert von der biologischen ‘Unnatürlichkeit’ der Unsterblichkeit zu sprechen. Man kann überhaupt grundlegende Aussagen über den Menschen nicht anhand ausschließlich biologischer Kriterien gewinnen, ohne sein Wesen zu verfehlen. Selbst wenn Unsterblichkeit in einem reduktionistischen oder biologistischen Sinne tatsächlich ‘unnatürlich’ wäre, folgte aus einem naturalistischen Sein noch lange kein ethisch-moralisches Sollen (=naturalistischer Fehlschluß in der Moralphilosophie).

Kritiker nehmen dabei fast immer die heutige durchschnittliche Lebensdauer der westlichen Wohlstandsländer als ‘natürlichen’ Maßstab für ihre Vorbehalte und Einwände, dabei existiert die heutige Lebenserwartung nicht mal in unserer eigenen Kultur länger als 100 Jahre, geschweige denn aktuell weltweit. Die vermeintliche ‘Natürlichkeit’ eines durchschnittlichen Lebensalters von ca. 80 Jahren variiert schließlich nicht nur historisch sondern auch individuell in stärkerem Maße, denn wie es einerseits immer mehr Menschen gibt, die über 100 werden, erreichen viele selbst hierzulande noch nicht einmal das 70. Lebensjahr (wobei diese massiven Differenzen nicht zuletzt auch mit unterschiedlichen materiellen Privilegien zu tun haben, eines der best gehütetsten Geheimnisse des demographischen Diskurses). In das heute wie selbstverständlich als ‘natürlich’ fehlinterpretierte Durchschnittsalter gehen wie oben schon angedeutet unzählige ‘unnatürliche’ zivilisatorische Bedingungen und Voraussetzungen mit ein. Daher ist das Beharren auf der Unnatürlichkeit der extremen Langlebigkeit auch ein indirekter Angriff auf die Errungenschaften des längst erreichten und somit zugleich auf die Würde der heute älteren Menschen, die tatsächlich ihr Leben und ihr Wohlbefinden den längst erreichten technologischen und kulturellen Fortschritten verdanken und keineswegs einer abstrakten ‘Natürlichkeit’.

Platz 5: Unsterblichkeit ist technologisch-praktisch nicht möglich, nicht machbar, nicht durchführbar - aus unterschiedlichsten Gründen

Dies ist wahrscheinlich der vernünftigste Einwand, allein schon weil er zumindest mit der Schwere des Problems und der Komplexität der zu lösenden Aufgabe korrespondiert, die auch von vielen Anhängern des Immortalismus oft unterschätzt wird. Es stellt sich zum einen die Frage, ob die Zahl der allgemeinen Todesursachen an sich begrenzt ist, wovon man ausgehen kann, und ob jede einzelne Kategorie (Hunger, Krankheit, Altern, menschliche Gewalt, Unfälle, Naturkastrophen...) tatsächlich überwunden werden kann. Letzteres stellt die eigentliche Herausforderung dar, wobei diese Frage der Machbarkeit - neben der der Wünschbarkeit - nur praktisch zu beantworten ist. Dabei geht es zunächst nicht um ‘Unsterblichkeit’ im eigentlichen Wortsinne sondern ‘nur’ um extreme Lebensverlängerung, wodurch die Überwindung des Alterungsprozesses in den Focus der Aufmerksamkeit rückt, da das Altern die offensichtlichste und noch wie unverrückbar scheinende individuelle Lebensgrenze markiert (die sich freilich für jeden einzelnen bzw. für jede Generation zeitlich mit unterschiedlicher Dringlichkeit darstellt!). Der wissenschaftliche und materielle Fortschritt im allgemeinen, Forschungsergebnisse der experimentellen Alternsforschung bei verschiedenen Modellorganismen wie Würmern, Fliegen, Fischen oder Mäusen im besonderen geben Anlaß zur Hoffnung, daß auch die Ursachen des Alterns prinzipiell begrenzt, verstehbar und schlußendlich beherrschbar sein werden, wenngleich Annahmen über Zeitrahmen bezüglich entscheidender wissenschaftlicher oder medizinischer Durchbrüche hochspekulativ bleiben müssen.

Die Möglichkeit zur individuellen Verlängerung des Lebens um im Schnitt zehn bis zwanzig Jahre durch verschiedene Lebensstiländerungen etc., im Einzelfall bei sehr ungünstigen Voraussetzungen auch deutlich mehr, kann dabei aber heute schon als bewiesen gelten. Diese begrenzten Zeitgewinne lassen sich zum einen als ‘Sprungbrettzeit’ interpretieren, die die Chance erhöhen, an jenen kommenden Durchbrüchen Anteil zu nehmen. Zum anderen gehen sie mit präventiven Einstellungen und risikoarmen Verhaltensweisen einher, die IMMER von lebenserhaltender und damit lebensverlängernder Bedeutung sein werden.

Die Einwände, die gegen die mangelnde Durchführbarkeit körperlicher Langlebigkeit zielen, müssen an dieser Stelle nicht umfassend und im einzelnen besprochen werden, weil die Diskussion der Machbarkeit kontinuierliches Dauerthema der Berichterstattung dieses Magazins darstellt. Die Machbarkeit wird allerdings vom individuellen wie vor allem auch vom kollektiven Wunsch nach Unsterblichkeit entscheidend mitbestimmt, denn es ist klar, daß sie keine fixe Größe ist, sondern vom Umfang des wissenschaftlich-technologischen, politischen, finanziellen, organisatorischen und persönlichen Engagements abhängt.

Platz 6: Der Wunsch nach Unsterblichkeit ist egoistisch, selbstsüchtig und narzisstisch.

Dieser Punkt ist tief mit der Problematik der Lebensqualität verbunden, siehe Platz 3. Der Vorwurf des Egoismus wird dabei meist von Menschen erhoben, die in moralisierender, unbewußter und wie selbstverständlicher Weise geistige oder soziale Macht über andere  ausüben wollen. Alle möglichen Formen eines schwachen Ichs maskieren sich in der scheinbaren weil nur rhetorisch reklamierten Selbstlosigkeit des Kritikers, was man weniger an seinen Argumenten sondern am formalen Stil seines Auftretens ablesen kann, der von aggressiver Rechthaberei, Emotionalisierung, persönlichen Ausfällen usw. geprägt ist. Eine angemessene Entgegnung wäre daher z.B. der biblische Satz „Liebe Deinen Nächsten WIE DICH SELBST!”, mit der Betonung auf der zweiten Hälfte, denn diese Art von Egoismuskritik wird gewöhnlich von tiefen Schuldgefühlen, Unfähigkeit zur Freude und ähnlichen Übeln gespeist und läuft auf Zerrformen von wahrer Liebe und wahrem Mitgefühl hinaus.

Der damit verordnete “Zwangsaltruismus”, der nicht selten ein schweres Helfer-Syndrom verbirgt, hat noch nicht erkannt, daß authentische Liebe wirkliche Freiheit des Individuums voraussetzt und mit individuellem Glück, materiellem Wohlbefinden und nicht zuletzt körperlicher Gesundheit korrespondiert. In dieser Perspektive bringt der Wunsch nach körperlicher Unsterblichkeit ein ultimatives Freiheitsprojekt zum Ausdruck, das mit der Befreiung des Individuums auch die Grundlagen für die vollkommene Liebe legt. Die traditionellen Liebesvorstellungen stehen dagegen immer nur unter dem alten Vorbehalt ‘bis das der Tod euch scheidet’ - und genau so sieht die Welt auch seit Anbeginn aus!

So gesehen ist es dann auch kein Wunder mehr, daß der Vorwurf der Selbstsüchtigkeit in der Regel von Menschen kommt, die mit der Freiheit des Individuums ein grundlegendes Problem haben, seien sie nun religiös oder atheistisch geprägt, mögen sie von politisch rechter oder linker Seite kommen. Die tiefere reale Basis des Egoismusvorwurfs, der bei einigen modernen Immortalisten tatsächlich manchmal sonderlich egozentrische oder unsoziale Züge trägt - freilich auch nicht mehr als bei manchen traditionell Religiösen oder rationalistischen Atheisten - liegt darin begründet, daß körperliche Unsterblichkeit logischerweise immer am je eigenen Körper ansetzt und dadurch eine eben zutiefst individualistische Grundkomponente besitzt. Man sollte freilich Selbstliebe nicht umstandslos mit Selbstsucht gleichsetzen, wie es die moralisierenden Kritiker nur allzu gerne tun, wie umgekehrt moderne Immortalisten nicht beim eigenen Körper stehenbleiben sollten, denn der Mensch ist von Natur aus ein soziales Wesen und organisiert sein Überleben schon immer in vielfältigster Weise kollektiv, extrem gesteigert in der High Tech-Moderne.

Platz 7: Unsterbliche könnten alles bis in alle Ewigkeit aufschieben, Leben hat nur Wert, weil es begrenzt ist.

JEDE Erfahrung IST bereits in sich selbst begrenzt, daran änderte auch die extreme Lebensverlängerung nichts. Außerdem will niemand POSITIVE Erfahrungen ‘aufschieben’, ein solcher Vorwurf korrespondiert gewöhnlich mit all den Aspekten, die schon unter Punkt 6 erörtert wurden bzw. mit der Grundfrage der Lebensqualität und hier äußert sich gewöhnlich ein äußerst negatives Welt- und Menschenbild. Viele vitale Kernäußerungen des Menschen - atmen, schlafen, essen, sexuelle Bedürfnisse... - können ebenfalls nicht oder zeitlich nur sehr begrenzt aufgeschoben werden, ebenfalls alle Dinge, die einen sozialen Ursprung bzw. Rhythmus haben: die Tagesschau fängt weiterhin um 20 Uhr an und wer sie sehen will, muß pünktlich vor dem Fernseher sitzen (auch wenn man sie mittlerweile zeitlich verschoben im Netz sehen kann, was aber zumindest den Ereignischarakter einer kollektiven Anteilnahme verfehlt, die eine eigenständige und eben nicht-aufschiebbare Qualität aufweist).

Außerdem wird „Unsterblichkeit” nie garantiert sein, daher geht dieser Einwand von einer falschen wenn auch weit verbreiteten Grundannahme über die Natur der körperlichen oder biologischen Unsterblichkeit aus, wie Kritiker sowieso gerne Zerrbilder der Unsterblichker zeichnen, die sie anschließend lustvoll auseinandernehmen. Tatsächlich handelt es sich hier um eine Projektion der religiösen Formen von absoluter Unsterblichkeit, während der relativ biologisch Unsterbliche nur weiß, daß er permanent weiterleben kann, er aber dafür immer bewußt etwas tun muß. Von daher ist Unsterblichkeitsbewußtsein immer mit Todesbewußtsein verknüpft und gerade KEINE Verdrängung des Todes, wie so gerne von Kritikern unterstellt. Letzteres gilt durchaus für die Massen von Pseudounsterblichen im Kontext des modernen oberflächlichen Alltagsbewußtseins, bei denen die polemische Vokabel ‘Jugendwahn’  einige Berechtigung hat, weil sie sich nur unbewußt für unsterblich halten, aber nie ernsthaft mit all diesen Fragen beschäftigen...

Platz 8: Unsterblichkeit ist nur für die Reichen.

Es könnte ein reales Problem werden, daß Unsterblichkeit - insbesondere am Anfang - tatsächlich nur reicheren Schichten der Gesellschaft vorbehalten bliebe. Dies ist aber kein spezifisches Argument gegen die körperliche Langlebigkeit oder Unsterblichkeit selbst sondern gegen soziale und ökonomische Ungerechigkeiten in der Welt usw. Es handelt sich dabei, ähnlich wie beim Problem der Überbevölkerung, um einen längst existierenden Misstand der sterblichen Menschen, der auf die Frage der Unsterblichkeit 1:1 übertragen wird. Man könnte argumentieren, daß die Möglichkeiten zur Langlebigkeit bestehende Probleme noch verschärfen würden, aber zum einen wären neue Therapien gerade in der Anfangszeit wahrscheinlich mit Mängeln und Fehlern behaftet, die gerade die Privilegierteren auszubaden hätten. Andererseits ist es schwer vorstellbar, daß eine bestehende Klassenteilung zwischen Arm und Reich, Besitzlosen und Besitzenden, sich tatsächlich in eine Aufteilung in Sterbliche und Unsterbliche überhöhen sollte, ohne daß es zu grundlegenden politisch-ökonomischen Umwälzungen kommt. Es ist wahrscheinlich gerade umgekehrt so, daß der Tod heute noch als der große Gleichmacher wirkt, der die - gemessen an der Kategorie lebend/tot - begrenzteren Klassengegensätze versöhnt und aushalten lässt (‘Jeder muß mal sterben’, ‘Der kann sein Geld auch nicht mitnehmen’ usw.), während durch die Aussicht auf echte physische Unsterblichkeit bestehende Ungerechtigkeiten nicht mehr länger hinnehmbar wären. In Wahrheit ist für viele moderne Menschen das Anhäufen materieller Privilegien längst zu einer Art Ersatzunsterblichkeit geworden, die auch die aktuell in der Politik und der Wirtschaft grassierende Wachstumsideologie speist, so daß sehr viele Superreiche gar kein wirkliches Interesse an der körperlichen Unsterblichkeit besitzen.

Platz 9: Unsterbliche würden nichts mehr riskieren, daher gäbe es keine gesellschaftliche Entwicklung mehr.

Junge Menschen mit der höchsten Lebenserwartung zeigen heute gewöhnlich die riskantesten Verhaltensweisen, alte Menschen mit der niedrigsten die ängstlichsten. Das Argument scheint also schon einen empirischen Webfehler zu haben. Außerdem haben jene (junge) Menschen mit der größten zeitlichen Lebensperspektive die größte Motivation, sich dauerhaft zu entwickeln und zu verändern, während es gewöhnlich die älteren sind, die mit ihrer begrenzten Lebensspanne die Notwendigkeit und Lust auf Veränderung verlieren. Inwieweit tatsächlich Risiken, bei denen man sein Leben auf’s Spiel setzen muß, notwendig für grundlegende gesellschaftliche Innovationen sind, ist eine schwierige Frage, die nicht selten auf das Lob des Krieges als ‘Vater aller Dinge’ hinausläuft. Wenn die Massenschlächtereien des Zweiten Weltkriegs aber tatsächlich nicht ausgereicht haben sollten, einen fundamental neuen und gewaltfreien Modus gesellschaftlicher Modernisierung hervorzubringen, ist die Menschheit angesichts der angehäuften technologischen Vernichtungspotentiale verloren! Natürlich lebt dieser Einwand wie bei Punkt 7 auch wieder von einer falschen Grundannahme über die Natur der körperlichen Unsterblichkeit, denn da die individuelle Langlebigkeit nie völlig garantiert ist, hat niemand Veranlassung, sich sorglos zurückzulehnen und einfach auf dem bestehenden auszuruhen. Im übrigen verteilen sich die konkreten und materiellen Vorteile gesellschaftlicher Dynamik sozial ungleichmäßig, daher kommt dieser Einwand oft von privilegierteren Menschen bzw. deren ideologischer Steigbügelhalter, bei denen das Anhäufen von Macht, Reichtum oder anderen sozialen Vorteilen zur Ersatzunsterblichkeit geworden ist, siehe Platz 8.

Platz 10: Ich bin gegen die Unsterblichkeit, weil ich nicht ewig alt sein will.

Wahrscheinlich eines der dümmsten aber immer wieder neu gehörten ‘Argumente’, bei dem es nicht viel Sinn macht, näher drauf einzugehen, denn solche Kritiker sind entweder komplette Dummköpfe oder - wahrscheinlicher - völlig unbewußt und projizieren ihre psychologisch ganz anders gelagerten Vorbehalte, siehe 3., nur in einen hilflosen und naiven Satz. Als ob irgendein Unsterblichkeitsanhänger ewig alt im Sinne von körperlicher Gebrechlichkeit sein wollte und es nicht gerade zentral darum ginge, den biologischen Alterungsprozeß selbst und damit die Ursache des Gebrechlichwerdens zu überwinden! Von ähnlich skurilem Charakter wie ‘Das Rentensystem wird zusammenbrechen!’ (Das wollen wir hoffen!), ‘Das Sonnensystem, das ganze Universum, wird eines Tages zusammenbrechen (als ultimative und lächerliche Zuspitzung von Punkt 5) oder ‘Ich will nicht alle meine Freunde und Verwandte sterben sehen’, als ob man nur alleine unsterblich werden solle, wolle oder könne. Tatsächlich ist letzteres die schon immer GEGEBENE Realität von alten Menschen, die sich für Unsterbliche komplett anders darstellte, weil sie permanent neue Freundschaften und Beziehungen knüpfen könnten.

Anmerkungen: Man sieht, wer prinzipiell dagegen ist, aus Gründen, die letztlich schon mit den ersten fünf Punkten beinahe hinreichend erfasst sind, wird immer neue Aspekte und Kombinationen von Einwänden erfinden, als destruktiver Mißbrauch von Kreativität. An dieser Stelle soll noch ein Link zu einem zweiten Teil mit Anmerkungen folgen, der auf verschiedene übergeordnete und allgemeinere Aspekte im Umgang mit Kritikern und Einwänden eingeht: Kriterien für die Reihenfolge, Inkonsistenz von Argumenten, projektive Grundhaltung der Kritiker, Wünschbarkeit versus Machbarkeit, Praxis zählt, Schatten- versus Sonnenseiten des Lebens... Dieser zweite Teil muß leider noch etwas warten.

 

              

 

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