Der Klimawandel wird massenhaft Umweltflüchtlinge nach Europa treiben – das glaubt Sozialpsychologe Harald Welzer und warnt davor, dass unsere Demokratien darauf nicht vorbereitet sind. Ein Gespräch über die Angst des Menschen vor Neuem und die Unlust an einem klimafreundlichen Leben. Weiter zum Interview auf SPIEGEL-Online vom 21.2.09
„Blöde Zeitstruktur”
Dieses Interview enthält verschiedene wichtige Einsichten, auch wenn seine Grundhaltung des Alarmismus bzw. des „wissenschaftlichen Pessimismus” wenig produktiv ist, die er an gleicher Stelle vor zwei Monaten noch deutlicher zum Ausdruck gebracht hat. Die zentrale Passage im immortalistischen Kontext ist folgende:
„Beim Klimawandel kommt noch die blöde Zeitstruktur hinzu: Was wir jetzt tun, hat erst in 40 Jahren irgendwelche Auswirkungen. Und was soll einen schon eine Prognose über das Jahr 2050 oder 2100 berühren?”
Menschen sind anthropologisch und psychologisch tatsächlich so geschaffen, daß sie längerfristige Entwicklungen erst mal nur sehr schwer mit emotionaler Bedeutung und Handlungsbereitschaften ausstatten können. (Grundlegende Literatur dazu: ‘Das Konkrete und das Abstrakte’ von Dieter Claessens, Suhrkamp 1980.) Was das für die Ausbildung eines Unsterblichkeits- oder Langlebigkeitsbewußtseins für Folgen hat, dürfte klar sein, denn auch hier geht es immer darum, hier und heute etwas für eine sehr langfristig gedachte Zukunft zu tun.
Andererseits gibt es aber einen generellen zivilisatorischen Trend zur Langsicht, wie ihn der Soziologe Norbert Elias beschrieben hat, der sich zunächst allerdings nur partikular durchsetzt: bei besonders disponierten oder privilegierten Einzelnen, bei jüngeren und qualifizierteren und wohlhabenderen Menschen, bei Wissenschaftlern und Experten, bei Wirtschaftsführern und Politikern, bei Künstlern und Idealisten usw. Dieses ganze Problem liegt auch dem so oft beschworenen Konflikt zwischen ökonomischen und ökologischen Fragestellungen zu Grunde, in dem kurzfristiger ökonomischer Erfolg nicht selten zu Lasten längerfristiger Umweltzerstörung geht oder umgekehrt die Sicherung langfristiger Nachhaltigkeit kurzfristige ökonomische Ausgaben erfordert. Wie kürzlich an anderer Stelle betont, muß man dabei gerade der Ökologiebewegung zu Gute halten, daß sie das kollektive Einüben von Langsicht fördert und trainiert, wobei die Sorge um die äußere Natur um etwas ergänzt werden müsste, was „individuelle Nachhaltigkeit” genannt wurde, als Umschreibung von körperlicher Unsterblichkeit im ökologischen Kontext.
Die tiefere Beschäftigung mit individuellem Zeiterleben, sozial geprägten Zeitstrukturen, psychoexistentiellen Dispositionen und gesellschaftlichen Entwicklungen erlaubt es jedenfalls, die Zielgruppe des modernen Immortalismus genauer zu beschreiben und einzugrenzen. Menschen, die nur von jetzt auf gleich denken, sich vor allem von wechselnden Stimmungen und Gefühlen leiten lassen oder nur für den Augenblick leben, sind für die Sache der Unsterblichkeit dagegen weitgehend verloren – sie sind allerdings auch schon für 1000 + 1 andere, gewöhnlichere Dinge im Zusammenhang mit rationaler Zukunftsplanung verloren und daher kein spezielles Problem einer modernen Unsterblichkeitsbewegung. Letztere entsteht also nicht im luftleeren Raum sondern hat geistige und soziale Voraussetzungen, die es zu erkennen, zu berücksichtigen und zu fördern gilt.
Politikwissenschaftler Harald Welzer ist dabei übrigens ein gutes Beispiel, wie schon die ökologische Frage tendenziell unlösbar wird, wenn man die psychoexistentielle Dimension ausblendet, denn in seinem aktuellen Buch ‘Klimakriege’ leugnet bzw. relativiert er die tiefere Bedeutung des individuellen Todes explizit(!). Wie in FOREVER aber schon mehrfach ausgeführt, kann man annähernd korrekte ökologische oder soziale Prognosen nur von Menschen bzw. Experten erwarten, die bei ihren Zukunftsbeschreibungen über die Zeit in 30, 50 oder 100 Jahren ihr höchst eigenes Altern bzw. ihre höchst eigene Sterblichkeit mitthematisieren und grundlegend in Rechnung stellen, um projektive Verwechslungen von persönlichem Tod und kollektivem Schicksal zu vermeiden!
Auch die angeblich sensibilisierende Wirkung des Hinweises auf die existentiellen Bedrohungen potentieller Kinder und Enkel ist dabei ziemlich naiv, denn zum einen haben bzw. wollen viele Menschen gar keine Kinder und Enkel, zum anderen erschöpft sich dieser konventionelle emotionale Identifikationseffekt spätestens in der Urenkel-Generation und hat damit zeitlich eine viel zu geringe Reichweite angesichts der zeitlichen Folgewirkungen der wissenschaftlich-technischen Zivilisation, zugespitzt symbolisiert in den Halbwertzeiten des strahlenden Atommülls. Sein polemischer und durchaus zutreffender Seitenhieb gegen die Sozialwissenschaften, die sich seit dem Epochenwandel von 1989 im Niedergang befänden, gilt daher auf einer tieferen Ebene auch für ihn selbst. Dieser Niedergang hat gerade auch mit dem fortschreitenden Ausschluß der natürlichen Grundlagen von Gesellschaft aus den sozialwissenschaftlichen Diskussionen zu tun, was höchstwahrscheinlich eine indirekte Folge des anhaltenden wissenschaftlich-technischen Fortschritts und des damit einhergehenden immer weiter angehäuften Wohlstandes ist, die immer mehr Menschen und immer mehr Wissenschaftler von den unmittelbaren Erfordernissen des materiellen Überlebens freigesetzt hat. Einerseits ist das zwar auch die grundlegende Basis für die Entwicklung von Langsicht, aber immer da, wo der Zusammenhang zu den existentiellen Tatsachen des Lebens verlorengeht, dort können auch alle möglichen individuellen wie kollektiven Illussionsbildungen in Gang kommen, sei es als fundamentalistische Rückkehr zur Religion, seien es unrealistische Wachstumsphantasien in der Ökonomie, seien es irrelevante sozialwissenschaftliche oder philosophische Theorien oder seien es vielfältigste Alltagsphänomene: von den flüchtigen Sensationen der Popkultur, über die kurzfristigen Aufregungen in den Medien, über die Identitätscharaden im Internet und den Abgründen des Cyberspace bis hin zu allen möglichen Formen stofflicher oder nicht-stoffgebundener Süchte usw. usf.
Man wird abwarten müssen, inwieweit die aktuelle globale Finanzkrise hier als Korrektiv wirken kann, in dem über die „Rückkehr von Knappheiten” (wie es in einem kürzlichen Heise-Text über das Verhältnis von Foucault und Darwin hieß) sich auch ein existentieller Realitätssinn restauriert. Auf einen solchen Realitätssinn ist eine moderne Unsterblichkeitsbewegung jedenfalls absolut angewiesen, denn nur wer die Ernsthaftigkeit existentieller Bedrohungen wirklich erkannt hat, kommt überhaupt erst in die Nähe, ernsthafte Schritte zu ihrer Überwindung zu unternehmen und wird zum potentiellen Ansprechpartner für ein zugespitztes immortalistisches Engagement.