Ray Kurzweil can’t wait to be a Cyborg—a human mind inside an everlasting machine. But is this the next great leap in human evolution, or just one man’s midlife crisis writ large? Autor: Daniel Lyons —- Weiter zum Artikel aus der kommenden Ausgabe von NEWSWEEK vom 25.5.09. Siehe auch die dazugehörige Diskussion im Forum des Immortality Instituts sowie eine Kurzkritik von Kurzweils Thesen aus News 31 anlässlich eines Textes in der New York Times Juni 2008.
Tut (keine) Busse, denn das Himmelreich ist nah!
Kurzweils ambivalente Naherwartungen
Es ist tatsächlich die explizite Naherwartung, die Kurzweils Thesen erst mit Relevanz auflädt, denn wie es im älteren Text der Technology Review ganz richtig heißt – siehe obigen Link – wäre die Manifestation der Singularität etwa in 400 Jahren für niemanden besonders prickelnd oder auch nur erwähnenswert. Beim Dauerstreit weniger um die prinzipielle Richtigkeit als viel mehr die zeitliche Genauigkeit seiner Prognosen werden von seinen Anhängern oder Sympathisanten dabei immer wieder rhetorische Figuren benutzt wie, er könne sich vielleicht schon „um ein bis zwei Dekaden” geirrt haben, aber „prinzipiell” liege er gewiss richtig etc. Eine solch oberflächliche Formulierung kann letztlich aber nur von sehr jungen Menschen unter 30 benutzt werden, weil für sie „ein bis zwei Dekaden” tatsächlich keinen existentiellen Unterschied ausmachen. Gesellschaftlich bedeuten unterschiedliche Zeitfristen bis zum Eintreffen grundsätzlicher Durchbrüche auf dem Weg zur extremen Langlebigkeit aber unterschiedliche Ausmasse der individuellen Betroffenheit, die wiederum in die kollektiven Motivationen eingehen, bestimmten Positionen Aufmerksamkeit, Geltung, Legitimität und damit auch materielle Ressourcen zuzuweisen.
Wenn Kurzweil beispielsweise davon ausgeht, daß es nur rund 15 Jahre dauert, bis entscheidende Erkenntnisse in Wissenschaft und Technik gigantische Langlebigkeitshorizonte eröffnen, dann müsste man zu diesem Zeitraum eigentlich immer schon einen weiteren, unbestimmteren der konkreten, praktischen Umsetzung neuer Einsichten hinzurechnen. Man denke nur an die kombinierten Fristen experimenteller Bestätigungen im Tierversuch, erster klinischer Anwendungen beim Menschen, kontrollierter Groß- und Langzeituntersuchungen etwa zum Ausschluß von Nebenwirkungen inclusive langwieriger Zulassungsverfahren von allgemein verfügbaren Medikamenten, die gerade beim Thema Langlebigkeit aus wesensimmanenten Gründen der längerfristigen zeitlichen Überprüfung kaum beschleunigt werden können. Die Einführung eines Medikamentes, genauer: einer ganzen Kombination von Medikamenten und Therapieverfahren, da Altern ein multifaktorielles Geschehen darstellt, ist eben etwas grundsätzlich anderes als die Einführung der nächsten oder übernächsten Computergeneration. Selbst wenn diese Umsetzungszeit auf Grund heute noch ganz phantastisch erscheinender medizinisch-wissenschaftlicher Innovationen weitgehend wegfiele, wären selbst bei einer Frist von 15 Jahren 15 Jahrgänge auf jeden Fall noch verloren. In Deutschland sterben pro Jahr aber knapp 1 Million Menschen, die meisten von ihnen an altersbedingten Krankheiten. Zählt man zu diesen 15 Millionen aber weitere 10 bis 20 Millionen hinzu, weil Kurzweil sich ja „um ein bis zwei Dekaden” geirrt haben könnte, wäre man schon bei etwa 30 Millionen Menschen allein in Deutschland, für die seine Prognosen völlig wertlos wären! 30 Millionen – das sind aber mehr als ein Drittel der Gesamtbevölkerung, die Hälfte aller Erwachsenen über 20 bzw. die allermeisten über 50, die wiederum die ganz überwiegende Mehrheit aller Top-Positionen in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Medien, Kultur usw. einnehmen.
Mit anderen Worten: Irrt sich Kurzweil „nur” um ein bis zwei Dekaden, kippen ganze Mehrheitsverhältnisse in den potentiellen Betroffenheiten und insbesondere auf der Ebene gesellschaftlicher Machtverhältnisse! Ähnliche Kalkulationen könnte man übrigens auch mit den etwas gemässigteren Prognosen von Biogerontologe Aubrey de Grey anstellen, dessen 25-Jahre-Zeithorizont in analoger Weise 25 Jahrgänge preisgibt, die ebenfalls mehrheitlich die bessergestellten, wohlhabenderen und einflußreicheren Bevölkerungskreise repräsentieren.
Im Umgang mit solchen und ähnlichen Zeitprognosen schälen sich daher immer stärker drei relevante Punkte heraus, die es zu berücksichtigen gilt, wenn der emphatische Ausblick auf eine grandiose Zukunft tatsächlich eine konstruktive und motivationssteigernde Wirkung entfalten soll, anstatt nur kontraproduktive Strohfeuereffekte in der Gegenwart zu befördern:
1. Selbst bei einer äußerst positiven Entwicklung bleiben weiterhin noch Abermillionen Menschen fast aussichtslos vom Tod bedroht, so daß immer noch zusätzliche Anstrengungen unternommen werden müssen, um das ganze noch weiter zu beschleunigen. Die wissenschaftlich-technisch-medizinische Dynamik allein wird für viele Menschen zu spät kommen, die sowieso in vielfältig-komplexer Weise von den politischen, ökonomischen, sozialen und geistigen Rahmenbedingungen mit beeinflusst wird.
2. Man muß sich dabei auf Brückenzeiten oder Zwischenlösungen, auf Überbrückungsstrategien der verschiedensten Art, konzentrieren, also auf Strategien, die selbst zwar noch nicht den entscheidenden Durchbruch zur Langlebigkeit bewirken, aber im Rahmen gegebener und konventioneller Verhältnisse die gesunde individuelle Lebenserwartung deutlich erhöhen können: mindestens um 10 Jahre und im individuellen Einzelfall – bei unterdurchschnittlich sehr schlechten Ausgangsvoraussetzungen – auch sehr viel mehr! Hier ist ein gesundheitspräventiver und risikominimierender Lebensstil gefragt, die richtige Einstellung, die Beschäftigung mit alternativen Heilweisen, Ernährungsformen oder Selbsterfahrungstechniken, mit Anti Aging-Medizin, einer entsprechenden Gemeinschaftsbildung und ähnlichem mehr.
Ray Kurzweil hat in seinem Buch „Fantastic Voyage – Live long enough, to live forever” selbst schon das Bild von den drei Brücken zur Unsterblichkeit gebraucht, wobei die erste Brücke (neben Gen- und Nanotechnologie) eben ein umfassendes aber konventionelles Anti-Aging-Regime beinhaltet. Der damit verbundene sowohl medizinische wie individualistische Reduktionismus lässt sich dabei nur verstehen, wenn und insoweit solche Orientierungen noch seltene Außenseiterpositionen darstellen, während solche Haltungen und Methoden natürlich um ein vielfaches effektiver sein könnten, wenn sie in umfassendere soziale Zusammenhänge integriert wären.
3. Der moderne Immortalismus muß sich eigenständig und autonom mit den sozialen Konsequenzen der extremen Langlebigkeit und insbesondere auch mit den damit verbundenen Veränderungen gesellschaftlicher Machtverhältnisse auseinandersetzen. Die besitzen nämlich eine Eigendynamik und können sich fördernd oder bremsend sowohl auf die wissenschaftlich-technische Entwicklung im allgemeinen, den medizinisch-gerontologischen Fortschritt im besonderen als auch auf die individuellen wie kollektiven Motivationen im speziellen auswirken. Die isolierte Beschwörung von überzogenen Naherwartungen im Hinblick auf die technisch-praktische Umsetzung erscheint dagegen oft nur als die Wiederkehr der verdrängten Tatsache, daß auch extrem langlebige oder „unsterbliche” Menschen noch zeitliche Nahdimensionen behalten werden, die unhintergehbar bleiben. Dies hat mit fundamentalen Fragen der Lebensqualität zu tun, die sich immer nur „im hier und jetzt” entfalten und sich keineswegs im Horizont eines in die potentielle Ewigkeit ausgedehnten Lebens verlieren…
Eine kleinere Facette dieser Zusammenhänge ist dabei der herkömmliche Konflikt der Generationen, der sich durch die gesamte Geschichte und Vorgeschichte hinweg als fortschreitender Triumpf der jüngeren über die altersschwach werdenden älteren in ganz spezifischer Weise manifestiert hat. Hier entsteht manchmal der Eindruck, daß eine bestimmte relativierende Deutung Kurzweilscher oder transhumanistischer Zukunftsprognosen durch nachwachsende Immortalisten, wie sie eingangs angedeutet wurde, den klassisch-mörderischen Konflikt zwischen alt und jung noch einmal unter immortalistischen Vorzeichen reproduziert, wenn man „großzügig” ganze Generationen dem Alterstod überlässt. Dies ist allerdings nicht nur widersprüchlich zum eigenen Grundanliegen und gibt ohne Not eine größere Zahl potentieller Bündnispartner preis – es könnte sich auch erweisen, daß die älteren im Gegenzug über ihren privilegierteren Zugang zu sozialen Machtpositionen die Weichen weiterhin gegen die Langlebigkeit stellen, so daß es auch für deutlich jüngere Immortalisten noch sehr eng werden könnte, wenn zusätzliche und unerwartete Widerstände und Schwierigkeiten bei der Realisierung von Langlebigkeitstechnologien hinzukommen. Und dies gilt um so mehr, wenn die Zentrierung in technisch-wissenschaftliche Eigendynamiken zu illussionären Haltungen des Abwartens, der Passivität und der fortgesetzten Zukunftspekulation führen, denen kein aktives Engagement entspricht. Die kollektive und historische Macht der in vielfältiger Weise immer noch herrschenden Todesideologien kann so jedenfalls nicht gebrochen werden.
Naherwartungen und zeitlich unmittelbare Erlösungshoffnungen spielten höchstwahrscheinlich auch bei der Formierung des Christentums eine entscheidende Rolle, da die ersten Christen mit der baldigen Wiederkehr des auferstandenen Erlösers rechneten und sich erst im Laufe der Zeit mit dem anhaltenden Ausbleiben dieses Ereignisses arrangieren mussten. Mit der biblischen Formel „Tut Busse, denn das Himmelreich ist nahe!” war ursprünglich eine innere Umkehr und moralische Läuterung gemeint, die als fundamentale Voraussetzung für die Teilhabe am ewigen Leben diente. Ironischerweise läuft die passiv-abwartende und illussionäre Haltung mancher transhumanistischer Immortalisten im Fahrwasser von Kurzweil und ähnlicher Techno-Propheten seelisch-psychologisch auf die genau entgegengesetzte Konsequenz hinaus, denn sie wollen und müssen sich ja vermeintlich gerade NICHT ändern, um die Unsterblichkeit via Singularität zu erlangen. 2000 Jahre christlichen Hoffens und Bangens liefern dabei ein so eindrucksvolles wie fatales Vorbild, zu welch hartnäckigen Verdrängungsleistungen der Mensch angesichts des Todes fähig ist. Man kann nur hoffen, daß die Verweigerung des seelisch-psychologischen Wandels bzw. eines aktiven Engagements eines Teils der wissenschaftlich-technischen Immortalisten nicht analoge Wartefristen provoziert, insbesondere angesichts der Tatsache, daß physische oder körperliche Unsterblichkeit in Wirklichkeit den Akzent nur auf die ausgedehnte Permanenz der individuellen körperlichen Basis legt, während alle übrigen geistigen wie sozialen Verhältnisse unter einen beschleunigten Veränderungsdruck geraten… L.M.M.