Ist die Philosophie Heideggers nationalsozialistisch verseucht?

Der französische Philosoph Emmanuel Faye glaubt, dies mit neuen Dokumenten belegen zu können. Autor: Rudolf Maresch —– Weiter zum Artikel auf Telepolis-Online vom 04.10.09

Eine Antwort zu “Ist die Philosophie Heideggers nationalsozialistisch verseucht?”

  1. FOREVER sagt:

    Das Denken Martin Heideggers ist einer der wenigen Momente innerhalb der modernen abendländischen Philosophie, bei dem die existentielle Bedeutung des Todes erkannt und zumindest annähernd in ihrer fundamentalen Wertigkeit gewürdigt wird. Um so fataler ist daher der grundlegend affirmative Zug des Heideggerschen „Seins zum Tode”, der sich hinter seiner so hochtrabend-prätentiösen wie dunklen Sprache verbirgt.

    Von der abstrakten und nüchternen philosophischen Analyse führt anscheinend ein sehr kurzer Weg über die akzeptierend-passive Hinnahme und euphemistische Bejahung der menschlichen Sterblichkeit hin sogar zur intellektuellen Legitimierung einer aktiven mörderischen Ideologie. Es spricht zwar zumindest für den Menschen Heidegger, daß er schon bald nach dem Machtantritt Hitlers wieder auf Distanz zum Nationalsozialismus ging. Eine Philosophie, die das Sein zum Tode als fundamentale geistige Kategorie einführt und die Bejahung des Todes als grundlegende Befreiungsmöglichkeit feiert, entfaltet anscheinend dagegen wenig Widerstandskraft gegen die rasende Entfesselung von Todesmächten, wie sie schliesslich in Weltkrieg und Massenvernichtung kulminierten. Diese Entfesselung funktioniert sozialpsychologisch etwa nach dem Motto: Wenn man SOWIESO sterben muß und das Leben kurz ist, warum die existentielle Konfrontation mit dem Tod nicht bewußt suchen und aktiv provozieren, um der Steigerung des Lebensgefühls willen im hier und jetzt!? Die teils offene und bewußte, die größerenteils indirekt-fahrlässige Zustimmung Heideggers zu Kernaspekten der nationalsozialistischen Ideologie wäre so gesehen alles andere als zufällig.

    Letztlich führt wohl generell jedes rein philosophische Denken in die Irre, das die psychologischen und massenpsychologischen Aspekte ausblendet, weil erst mit den Gesetzmässigkeiten und Dynamiken der menschlichen Psyche die tieferen Ursachen und Motive auch für die menschliche Destruktivität verstanden werden können. Der Nationalsozialismus war letztlich auch nichts anderes als die ins monströs-kollektive gesteigerte paranoide Verarbeitung des Urschocks, in dem die individuelle Todesangst auf einen äußeren Sündenbock aggressiv umgeleitet wurde, was kurzzeitig innere Entlastung brachte. Längerfristig sind die resultierenden mörderischen Ekstasen allerdings nur eine furchtbare Illussion, denn zum einen ändern sie am eigenen Todesschicksal überhaupt nichts, zum anderen provozieren sie im Ausmass der eigenen Gewalt Gegenkräfte, die die eigene Lebenszeit sogar noch weiter verkürzen.

    Siehe auch den Abschnitt über Heidegger in Luigi De Marchis Buch ‘Der Urschock – Unsere Psyche, die Kultur und der Tod’, S. 132-134, innerhalb des Kapitels ‘Die philosophische Abwehr’ (der Todesangst).

    Siehe ebenfalls den Kommentar Nationalismus und Tod von Herbst 2008.


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