Witnessing the launch of Immortality, Inc.?
If you’re under age 30, it is likely that you will be able to live as long as you want. That is, barring accidents and wars, you have centuries of healthy life ahead of you. So the participants in the Longevity Summit convened in Manhattan Beach, California, contend. Autor: Ronald Bailey —– Weiter zum Artikel auf der Homepage des Reason-Magazins vom 17.11.09
Quantität und Qualität des Lebens
„Hanging over the entire event was a single question: Why are so many people unaware of the tantalizing possibility of soon achieving extreme human life extension? And why do so many reject it when they hear about it? Luckett put his finger exactly on the chief problem. Aspiring to live for hundreds of years sounds creepy to most people.”
Tja, warum wohl weisen so viele die Idee der extremen Langlebigkeit spontan erst mal von sich? Natürlich deshalb, weil vor der Ausdehnung der Lebenslänge immer die Frage nach der Lebensqualität kommt und die notorisch-einseitigen Debatten rein technisch-wissenschaftlich orientierter Immortalisten um Aspekte biomedizinischer Machbarkeit den Alltagsmenschen mit seinen Wünschen und Sehnsüchten, seinen Sorgen und Problemen nicht sonderlich interessieren können. Vor der Frage der wissenschaftlich-praktischen Machbarkeit und Umsetzung steht also immer ersteinmal der WUNSCH nach einem langen Leben, und dieser Wunsch wird ganz zentral von den Lebensumständen in der Gegenwart, der Lebensqualität eben, aber auch von den allgemeinen Zukunftserwartungen in überschaubareren Zeiträumen dominiert. Und hier geht es dann um soziale, politische, ökonomische, ökologische, kulturelle, spirituelle… und vor allem auch um psychologische Zusammenhänge, um Bedingungen des subjektiven Selbstverständnisses und zwischenmenschlichen Austausches mithin und nicht um Probleme des Mensch-Naturverhältnisses, für die allein rein naturwissenschaftliche Herangehensweisen zuständig und fruchtbar sind.
Lebenslänge und Lebensqualität sind miteinander verbunden wie zwei Seiten derselben Medaille – wer diese dialektische Einheit zerbricht, um sich nur auf einen der beiden Pole zu konzentrieren, braucht sich über Widerstände, Desinteresse und mangelnde Motivationsbereitschaften nicht mehr zu wundern. Ebenso bleiben alle Versuche, die allgemeine Unterstützung für konkrete Vorhaben wie z.B. Aubrey de Greys SENS-Projekt zu vergrößern, so naiv wie hilflos, wenn und insoweit sie sich auf bloße Informations- und Marketingkampagnen beschränken und dabei alle tieferen Grundsatzfragen weitgehend ausblenden, oder – schlimmer noch – als im eigenen Sinne längst positiv beantwortet voraussetzen. Man kann damit bestenfalls die wenigen potentiellen Unterstützer erreichen, die jetzt schon – aus welchen Gründen auch immer – einen eigenen und stärkeren Wunsch nach individueller Langlebigkeit entwickelt haben, überlässt aber die prinzipielle Größe dieser Unterstützergruppe weiterhin den zufälligen und ungeordneten Diskussionsprozessen in der Gesellschaft bzw. weiteren sozialen oder z.B. auch medialen Faktoren. Manche Protagonisten haben sich in der Vergangenheit explizit mit dieser kleinen Minderheit zufrieden gegeben, unter Hinweis darauf, daß es für die Mobilisierung und Finanzierung spezifischer Projekte nur auf eine kleine kritische Masse und nicht auf große kollektive gar politische Mehrheiten ankäme. Das ist zwar prinzipiell richtig, ändert aber nichts an der Tatsache, daß auch solche Minderheiten bzw. exponierte Einzelne immer in übergeordneten sozialen Zusammenhängen leben, die zumeist auch noch gleichgültig bis negativ gegenüber der extremen Langlebigkeit eingestellt sind. Insbesondere die Stärke der individuellen Motivation wird durch die Reaktionen des sozialen Umfelds vergrößert oder abgeschwächt, wobei das Ausmaß des eigenen Interesses schon über die simple Wahrnehmung, Einordnung und Bedeutungszuschreibung von blossen Sachinformationen entscheidet.
Letztlich sind es also allgemeinere Gesetzmäßigkeiten der Sozial- und Motivationspsychologie u.ä. Disziplinen die auch für die Bildung solcher kritischer Massen Geltung beanspruchen. Ein überraschendes und geradezu verblüffendes Beispiel für den Zusammenhang von sozialen Bezugsgruppen, Motivationsdispositionen und finanzieller Spendenbereitschaft liefert schon der Reason.com-Artikel, in dem er ausgerechnet und selbst für die sonst von unbescheidenen Aktivisten virtuell so gern umworbene Gruppe der Milliardäre die Macht des schnöden Gruppendrucks andeutet:
„The summiteers also puzzled over the frustrating fact that no billionaire evidently wants to live forever. Why else have none come forward to finance serious life extension research? Entrepreneur Offerdahl explained that rich people fear the ridicule of their friends.”
Das z.B. auch in den Foren des Immortality Instituts so beliebte Gedankenspiel der Anwerbung von Multimillionären und Milliardären verdankt sich einer voluntaristischen Grundhaltung, nach der ja tatsächlich ein einzelner Superreicher ausreichen würde, um z.B. das SENS-Projekt zu finanzieren. Die tiefere Wahrheit ist allerdings die, daß die Wahrscheinlichkeit des finanziellen Engagements von Milliardären genauso wie von entsprechenden wissenschaftlichen und staatlichen Institutionen um so größer werden dürfte, je mehr eine authentische Basisarbeit geleistet wird, die sich mit den tieferen individuellen wie kollektiven Vorbehalten konstruktiv auseinandersetzt. Die Dauerspekulation auf die „one and only” Großspende dagegen erweist sich dabei nur als das fortgesetzte Ausweichen vor dieser Überzeugungsarbeit, die auf der Ebene bloß virtueller social communities im Kontext des anhaltenden Web 2.0-Hypes sowieso kaum geleistet werden kann. Die Fixierung jüngerer Generationen auf die fantastisch erscheinenden Möglichkeiten des Internets und der neuen sozialen Netzwerke ist dabei zwar ein allgemeineres Zeitphänomen und kein spezifisches Defizit der noch jungen Unsterblichkeitsbewegung. Das inhaltliche Kernziel der körperlichen Langlebigkeit besitzt jedoch in einem solch wesentlichen Ausmaß gerade eine nicht-virtuelle Qualität, daß wohl nur die fundierte und kritische Selbstreflexion über Chancen und Grenzen der elektronischen Vernetzung den Erfolg der Bewegung fördern wird.
PS: Siehe auch den Text „Einwände gegen die physische Unsterblichkeit. Die Top Ten der beliebtesten Argumente”, der als Konzentrat jahrelanger Beobachtungen und Erfahrungen ebenfalls die oben skizzierte Priorität der Lebensqualität widerspiegelt. L.M.M.
Hier noch eine polemische Kritik aus konservativer Mainstream-Sicht von Wesley J. Smith auf den Online-Seiten des Magazins ‘First Things’ vom 29.11.09:
Reasons Ron Bailey Thinks We Can Live Forever
http://www.firstthings.com/blogs/secondhandsmoke/2009/11/29/reasons-ron-baily-swallows-that-new-time-transhumanism-religion
“Moreover, transhumanism and immortalism–the two are connected but different–are both forms of materialistic religion, in that they promote an eschatology similar to what most religions offer–eternal life.”