Unser dunkler Bruder
Die Vampire sind schon lange unter uns, in der gesamten populären Kultur. Gerade haben sie wieder Konjunktur, dank der „Twilight”-Reihe. Was fasziniert uns so an den untoten Beißern? Autor: Ariadne von Schirach —– Weiter zum Artikel auf FAZ-Online vom 23.11.09
Dieser Eintrag wurde am Freitag, 27. November 2009 um 08:44 erstellt und ist abgelegt unter Immortalismus, Religion, Top News. Mit dem RSS 2.0 Feed kannst du den Antworten zu diesem Artikel folgen.
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Der Vampirmythos beinhaltet eine so populäre wie negative Form von körperlicher Unsterblichkeit, die letztlich nur vor religiösem Hintergrund verstanden werden kann. Er entstand in einer Zeit, in der die christlichen Vorstellungen von einem Weiterleben nach dem Tode das Seelenleben der Menschen dominierten. Dieses Weiterleben wurde und wird primär in einer metaphysisch oder transzendenten Jenseitswelt angesiedelt, während christliche Theologen die nominal gleichwertige Auferstehungslehre weitgehend ins rein metaphorische und symbolische umdeuteten. Ein ewiges Weiterleben im materiellen Diesseits erscheint so für den traditionell Gläubigen als eine Art Fluch oder dämonische Kraft, da den Untoten die Teilhabe am Gottes- und Himmelreich versagt bleibt. Die lebensspende Kraft des Blutes ist dabei ebenfalls keine Eigentümlichkeit des Vampirmythos sondern knüpft an archaische und wahrscheinlich universell verbreitete Vorstellungen einer Lebenskraft an, die sich auch und gerade im Blut manifestieren bzw. konzentrieren soll. Prägnantestes Beispiel für die tieferen Beziehungen zwischen Vampirmythos und christlicher Religion ist daher das Ritual des Abendmahls, bei dem sich die Teilnehmer in symbolischer Weise das Blut des überirdischen Gottessohnes zuführen, um ebenfalls an seiner Kraft, Gnade und Unsterblichkeit teilzuhaben.
Interessant und geradezu ironisch am FAZ-Artikel erscheint auch die herausgearbeitete Tendenz, nach der Vampire immer „zivilisierter” werden, als ob sie eine analoge Entwicklung zum ‘Prozeß der Zivilisation’ durchmachen würden, wie sie der Soziologe Norbert Elias in seinem gleichnamigen Werk für die gesamte abendländische Geschichte beschrieben hat. Vielleicht spiegelt sich in dieser Tendenz ja die immer weitere Rehabilitierung des Diesseits und der materiellen, auch erotisch konnotierten, Sinneswelt, und vielleicht bereitet sich so die Neuinterpretation der Auferstehungslehre unter modernen und wissenschaftlichen Vorzeichen vor, um so den notorischen Widerspruch zwischen Unsterblichkeit der Seele und Auferstehung des körperlichen Leibes zu überwinden, der dem ganzen Leib-Seele-Dualismus des christlichen Abendlandes letztlich zu Grunde liegt…