Die neue Mickrigkeit

Robert Pfaller untersucht unser schönes Leben und findet zu wenig Dreck und Lust. Autor: Claude Haas —– Weiter zum Artikel auf ZEIT-Online vom 29.03.11

Eine Antwort zu “Die neue Mickrigkeit”

  1. 05.04.11: Forever sagt:

    Im Grunde plädiert der Autor für etwas, was hier in anderem Zusammenhang schon einmal ” tragischer Hedonismus ” getauft wurde. Die aktuellen Tendenzen einer kollektiven Überängstlichkeit sind zwar teils gut beobachtet und beschrieben, gehen aber von irreführenden Verallgemeinerungen aus, wie sie der philosophischen Überfliegerperspektive sehr oft eigen sind.

    In Wirklichkeit haben wir es in der modernen Gesellschaft mit sehr heterogenen und geradezu widersprüchlichen Einstellungen in Sachen Lust und Askese zu tun. Ein “übertriebenes” Sicherheits-, Gesundheits- oder Präventionsdenken geht dabei meistens von jenen Gruppen, Schichten oder Individuen aus, deren Leben von verstärkten Risiken, Traumatisierungen und existentiellen Grenzerfahrungen aller Art geprägt sind. Wer dagegen als gutsituierter Akademiker ganze Bücher schreiben kann, muß vor Gesundheit und Vitalität nur so strotzen, er könnte sich allerdings auch mit ein wenig Empathie und sozialer Intelligenz und unter zu Hilfenahme einschlägiger Statistiken (z.B. über das Ausmass von Krankheit, von Sucht, von Depression, von Gewalterfahrungen, von…) in die Lage von Millionen anderer hineinversetzen, deren Leben sehr viel weniger privilegiert oder abgesichert ist. Viele Erscheinungen der modernen Kultur würden sich dann sofort erklären, wie die ambivalente Rolle der Medien als Spiegel und Sprachrohr, aber auch als Nutzniesser und Verstärker kollektiver Lebenserfahrungen sich ebenfalls erhellen würde.

    Anders gesagt: die von Pfaller erwähnte “Todesverdrängung” spielt hier tatsächlich eine zentrale Rolle, aber ein unkritisch-naives oder genauer: ein bloss intellektuell bleibendes Plädoyer für den radikalen Exzess gerät schnell in den Verdacht der blossen Projektion. Wer selbst einen exzessiven Lebensstil führt, der klagt nicht auf geistig hohem Niveau über die existentielle Erlebnisarmut von anderen oder gar der ganzen Gesellschaft, denn wer seine Lebensenergie in realen Exzessen verausgabt, hat für hochsublime philosophische Reflexionen gar keine Zeit mehr oder keine Kraft. Pfaller würde hier vielleicht mit Hinweisen auf die ekstatische Natur der geistigen Kreativität antworten, dann wären jedoch die ganzen grobsinnlichen Beispiele aus dem Bereich des Kulinarischen, Gesundheitlichen oder Erotischen falsch gewählt und seine davon abgeleiteten Verallgemeinerungen eben: irreführend.

    Nebenbei bemerkt: es ist übrigens gar nicht so einfach, die Pole Lust und Askese den geistig-religiösen und ideologischen Lagern eineindeutig zuzuordnen. Schon der griechische Philosoph Epikur als Begründer des antiken Hedonismus wies auf die Notwendigkeit des Masshaltens hin, um die Basis der Lusterfahrung nicht zu zerstören. Umgekehrt könnte man den christlichen Askesegedanken im Sinne eines existentiellen hedonistischen Kalküls als den ultimativen Hedonismus interpretieren, denn schliesslich soll u.a. das Opfer aller weltlichen und “fleischlichen” Genüsse ja zu einer ewigen Glückseligkeit führen! Eine analoge Dialektik der Lust oder der “Begierde” liesse sich für den Islam oder den Buddhismus aufzeigen. Der Unterschied zwischen den ideologischen Lagern scheint also keineswegs auf der Achse Lust-Askese zu liegen, jedenfalls nicht prinzipiell, sondern vor allem von der Wahrheitsfrage abzuhängen hinsichtlich der unterschiedlichen Wege, wie “das ultimative Glück” zu verwirklichen wäre…

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