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Mit diesem Buch liegt ein - im Wortsinne -
schwergewichtiges Werk aus der altersmedizinischen Grundlagenforschung vor, das handbuchartig in zahlreichen Übersichtskapiteln unterschiedlicher Autoren den aktuellen Stand des Wissens übe r
altersspezifische Erkrankungen darstellt. Die Beiträge sind in vier Gruppen unterteilt. Nach einem Vorwort und einer kurzen - siebenseitigen - Übersicht
behandelt Teil 1 in insgesamt vier Kapiteln inclusive einer sehr umfangreichen Einführung allgemeine Aspekte. Im Teil 2 geht es in fünf Beiträgen um
altersspezifische Erkrankungen des Zentralen Nervensystems, vor allem um Demenz und Alzheimer. Teil 3 stellt das Wissen um altersspezifische
Erkrankungen des Endokrinums und des Mineralstoffwechsels dar, wobei die vier Beiträge sich vor allem mit der weiblichen Menopause, Veränderungen
der Prostata und dem Kochenstoffwechsel beschäftigen. Im vierten und letzten Teil schließlich werden in fünf Kapiteln altersspezifische Allgemeinerkrankungen sowie
ethische Aspekte in der Geriatrie bzw. Gerontopsychiatrie abgehandelt, darunter vor allem altersspezifische Aspekte von Herz-/Kreislauferkrankungen, Hauterkrankungen und Veränderungen des Immunsystems.
Bei den Autoren handelt es sich vorwiegend um Professoren und Doktoren der Medizin
vor allem aus dem deutschen Sprachraum, aber es sind auch Biologen bzw. Autoren aus Italien und Spanien vertreten. Der jeweilige Stand der Alternsforschung und
Altersmedizin wird unter Hinweis auf zahlreiche Quellenangaben aufgearbeitet und richtet sich in Sprache und Vorverständnis eindeutig an ein Fachpublikum, so daß der
interessierte Laie das Werk nur mit begrenztem Gewinn lesen kann. Wer allerdings ernsthafte Ambitionen besitzt, in die biogerontologische Forschung einzusteigen, findet
hier eine exemplarische Übersicht über wesentliche Probleme der Alternsforschung auf hohem Niveau, wobei Studienanfänger auf der Suche nach einem Studienort
insbesondere auch auf die Adressen bzw. Lehrorte der Autoren hingewiesen sein sollen. Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist auch noch, daß Professor Klaus Sames mit
einem eigenen Forschungsbeitrag über das Altern des Bindegewebes vertreten ist. Prof. Sames lehrt an der Uni-Klinik Hamburg, ist/war Vorsitzender der Sektion 1
‘Experimentelle Gerontologie’ der ‘Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie’ (DGGG) und hat in der Vergangenheit immer mal wieder gewisse Sympathien
für das transhumanistische Gedankengut kundgetan.
Das einführende Kapitel problematisiert vor allem den generell durchaus unklaren
Zusammenhang zwischen Altern und Krankheit, wobei zwischen den beiden Phänomenen wechselseitige Abhängigkeiten vermutet werden. Trotzdem geht man
zunächst von der grundsätzlichen Eigenständigkeit des Alterns aus, das - wie der Titel schon andeutet - durch einen molekulargenetischen Zugang erschlossen und begriffen
werden soll. Inwieweit dieser analytische Zugriff tatsächlich schlüssig ist oder ob ihm nicht letztlich doch ein reduktionistisches Menschenbild zu Grunde liegt, kann hier nicht
abschließend bewertet werden. Die Genauigkeit und methodische Kontrollierbarkeit, der Detailreichtum, die systematische und arbeitsteilige Herangehensweise der
wissenschaftlichen Forschung hat ihre ganz eigene Größe, die den Nicht-Naturwissenschaftler zunächst immer erst einmal beeindruckt, aber nach
Jahrzehnten des medizinischen Spezialistentums ist auch die Kritik an den damit einhergehenden Vereinseitigungen und Ausblendungen schon lange stark entfaltet
worden. Gerade wenn man die Ergebnisse einer solchen analytischen wie empirischen Herangehensweise auf einem solch hohem Niveau präsentiert bekommt, drängen sich
die alten Fragen und Einwände mit Macht auf: Wird das Leben in seiner komplexen Fülle im allgemeinen, wird das organische Lebewesen Mensch im speziellen, zu dem auch
noch eine Psyche gehört und eine soziale Umwelt, wirklich vollständig erfasst, wenn man immer mehr Wissen über immer kleinere Teilsysteme ansammelt!?? Besteht das Leben
tatsächlich nur im richtigen Funktionieren der einzelnen Zelle, der genetischen Steuerung oder noch kleinerer Einheiten auf molekularer Ebene, und kann man daher die Vorgäng e des Alterns also nur auf diesen Ebenen angemessen verstehen und
eventuell praktisch beeinflussen?? Oder ist es nicht vielmehr so, daß all’ diese Teil- und Untereinheiten eben nur Teile in einem größeren Ganzen sind, auf das hin sie zu funktionieren haben und
von dem sie selbst wiederum aufbauende oder pathologische Impulse erhalten!?
Wie gesagt: die herkömmliche analytische Herangehensweise
besitzt auch eine gewisse Größe, aber wenn sie einem in solch verdichteter und hochprofessioneller Form vor Augen geführt wird,
dann merkt man noch am ehesten, daß Leben im Allgemeinen, menschliche Subjektivität und Beziehungsfähigkeit im besonderen mit all’ ihren vielfältigen und unüberschaubaren
Rückwirkungen auf die organische Ebene schon in methodologischer Hinsicht niemals ‘exakt’ oder ‘kontrollierbar’ zu fassen sind, ohne die spezifische Qualität des Lebendigen
und des Menschlichen zu verfehlen oder sogar zu beschädigen! Es scheint jedenfalls kein Zufall zu sein, daß der letztjährig verstorbene Frederic Vester, der große Mentor des
systemischen Denkens, ursprünglich genau DIESE Art von analytischer (Krebs-)Forschung betrieben hat, bis er ein grundlegendes Ungenügen empfand, um sich weiterführenden
theoretischen Perspektiven zuzuwenden, denn wer integriert all’ dieses unverbunden bleibende Einzelwissen wieder zu einem höheren sinnvollen Ganzen, WER!??
Abschließend sei insbesondere auch noch auf das 34-seitige Schlußkapitel hingewiesen,
in dem der Berliner Professor Siegfried Kanowski u.a. die ethischen Aspekte der genetischen Beeinflussung des Alterungsprozesses auf hohem und differenzierten Niveau
erörtert. Einerseits geht er von der ‘Notwendigkeit’ des Todes bzw. von der ‘Sinnwidrigkeit’ eines ewigen Lebens auf Erden aus, andererseits würde das aber NICHT
gegen die Verjüngungsforschung oder die zunehmende Erfahrung einer im höheren Alter bleibenden Vitalität sprechen, wobei er vor allem auch Einwände gegen extreme
Langlebigkeit, die von der demographischen Entwicklung abgeleitet werden, zurückweist. Die gesellschaftlichen Verteilungsprinzipien hätten sich an die
Bevölkerungsentwicklung anzupassen und nicht umgekehrt, führt er aus, um zu verdeutlichen, daß es weder eine normale oder natürliche Bevölkerungsentwicklung
etwa im Sinne der statistisch-demographischen Pyramidenstruktur gäbe noch eine zwangsläufige ökonomische Belastung durch eine veränderte Bevölkerungs- und
Altersstruktur: ‘Somit ist wohl generell der Schluss zu ziehen, dass weder indirekte noch direkte Interventionen, die im Endergebnis zu einer Verlängerung der menschlichen
Lebensspanne führen oder sie sogar definitiv zum Ziel setzen, als prinzipiell ethisch nicht vertretbar zu beurteilen sind.’ (S.504) Dies drückt einen interessanten weltanschaulichen
Pluralismus aus, der verschiedenen Kontroversen von Anhängern und Gegnern der Langlebigkeit die polemische Schärfe nehmen könnte, und der in folgendem Zitat am
klarsten herauskommt: ‘Der Wunsch nach einem von Alternsprozessen möglichst ungetrübten Leben bei erhaltener Leistungsfähigkeit und Gesundheit ist dem Menschen
zutiefst eingeboren und natürlich. Ein grundsätzliches ethisches Gebot, das diesem Wunsch entgegenstünde, ist nicht erkennbar. Es mag sehr wohl philosophische und
religiöse Überzeugungen für ein anderes Lebenskonzept geben, dem der Einzelne folgen mag. Ein solches Feld individueller Entscheidungsmöglichkeiten sollte in der Gesellschaft
für jeden offen sein.’ (S.505)
Das Buch hat 546 Seiten im Hochformat, ist mit zahlreichen Illustrationen, Tabellen und
Abbildungen ausgestattet und enthält zusätzlich zum üblichen Schlagwortindex noch einführend einen umfangreichen Abkürzungs- und Erläuterungsteil sowie im Anhang eine
‘Chronologie ausgewählter Beiträge zum Altern’, hinter dem sich Kurzportraits berühmter Alternsforscher der Vergangenheit und Gegenwart verbergen. Der Band kostet 99,95 Euro
und ist Februar 2004 im Springer Verlag Berlin/Heidelberg erschienen. Auf amazon.de werden auch gebrauchte Exemplare ab 19,95 angeboten.
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