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FOREVER       Magazin für Physische Unsterblichkeit

 (3. Jahrgang)                                     Soziologie

Habermas und die Religion

Autor: Lothar Michael Muth ----------  Datum: 11.10.05

In Heft 10/05 der politischen Monatszeitschrift ‘Cicero’ konstatiert der Soziologe und Sozialphilosoph Jürgen Habermas unter der Überschrift ‘Zwischen Naturalismus und Religion’ zwei fundamentale geistige Entwicklungen der Gegenwart, die trotz aller oberflächlicher Gegensätzlichkeit aber auch insgeheime Übereinstimmungen aufweisen. Zum einen stellt er darin die Ausbreitung naturalistischer Weltbilder in der Nachfolge ‘wissenschaftsgläubiger Prämissen der Aufklärung’ fest, wie sie mit den Fortschritten der Bio- und der Computertechnologie verknüpft ist, zum anderen ‘die unerwartete Revitalisierung wie auch der weltweiten Politisierung von Glaubensgemeinschaften und religiösen Überlieferungen’. Mit der ersten Tendenz verbände sich für die Philosophie die Herausforderung eines naturalistischen Szientismus, bei dem nicht die Tatsache strittig sei, daß alle geistigen Operationen organische Substrate besitzen: ‘Die Kontroverse geht vielmehr um die richtige Art der Naturalisierung des Geistes. Ein angemessenes naturalistisches Verständnis der kulturellen Evolution muss nämlich sowohl der intersubjektiven Verfassung des Geistes wie dem normativen Charakter seiner regelgeleiteten Operationen Rechnung tragen.’ Bei der zweiten - religiösen - Tendenz sieht Habermas dagegen ‘die Herausforderung einer grundsätzlichen Kritik am nachmetaphysischen und nichtreligiösen Selbstverständnis der westlichen Moderne’, bei der nur die richtige Deutung der Säkularisierungsfolgen strittig sei.

Im weiteren betrachtet er diesen so skizzierten Gegensatz vornehmlich unter demokratietheoretischen Perspektiven. Beide Lager ließen es an Selbstreflexion insbesondere über die eigenen Grenzen und an Kompromißfähigkeit fehlen, während gerade die Demokratie, die demokratische Kultur, auf wechselseitige Toleranz angewiesen sei. Genau hier, in der resultierenden Polarisierung und Absolutsetzung der jeweils eigenen Wahrheit oder grundlegenden Weltbilder, sieht er denn auch die geheime Übereinstimmung der beiden Lager, die aber letztlich das demokratische Gemeinwesen bedrohe. Der moderne Verfassungsstaat sei dagegen gerade auch dafür erfunden worden, um einen friedlichen religiösen wie weltanschaulichen Pluralismus zu ermöglichen. Dies könne aber nur funktionieren, wenn alle Seiten sich an bestimmte Spielregeln bzw. ‘epistemische Pflichten’ halten, wie Habermas sich ausdrückt. Die religiöse Seite müsse einerseits ‘das Wissensprivileg der gesellschaftlich institutionalisierten Wissenschaften ebenso wie den Vorrang des säkularen Staates und der universalistischen Gesellschaftsmoral’ mit ihrem Glauben in Einklang bringen. Andererseits habe sie allerdings auch ‘Anspruch darauf, von ihren säkularen Mitbürgern ernst genommen zu werden’, die ‘den in religiöser Sprache formulierten Beiträgen nicht von vorneherein einen rationalen Gehalt absprechen dürfen’.

Zum Ende seines Textes versucht er anscheinend genau die Art von Kompromißangebot zu formulieren, die er von allen Beteiligten schon zu Beginn eingefordert hatte, wobei der Schwerpunkt klar auf dem Versuch liegt, der religiösen Tradition auch unter säkularen und rationalen Gesichtspunkten eine gewisse bleibende Wahrheit, einen tieferen bleibenden Wert zuzubilligen. Trotz klarer Zurückweisung der traditionell-religiösen Metaphysik versucht er damit eine mittlere oder eben vermittelnde Position einzunehmen, die die großen Weltreligionen im Einklang mit einer These Hegels zur Geschichte der Vernunft selbst zählt. Dementsprechend schließlich sein Schlußabsatz: ‘Religiöse Überlieferungen leisten bis heute die Artikulation eines Bewusstseins von dem, was fehlt. Sie halten eine Sensibilität für Versagtes wach. Sie bewahren die Dimensionen unseres gesellschaftlichen und persönlichen Zusammenlebens, in denen noch die Fortschritte der kulturellen und gesellschaftlichen Rationalisierungen abgründige Zerstörungen angerichtet haben, vor dem Vergessen. Warum sollten sie nicht immer noch verschlüsselte semantische Potentiale enthalten, die, wenn sie nur in begründende Rede verwandelt und ihres profanen Wahrheitsgehaltes entbunden würden, eine inspirierende Kraft entfalten können?’

Anmerkung: Der ‘Cicero’-Text ist auch identisch mit der Einleitung einer gleichnamigen und jüngst erschienenen Aufsatzsammlung von Habermas im Suhrkamp-Verlag.

Kommentar: Bekanntlich gibt es im Leben gute und es gibt faule Kompromisse, wobei in meinen Augen bei Habermas’ Versuchen der Wiederentdeckung der Religion unter rationalistischen und säkularen Vorzeichen, wie er sie schon seit einigen Jahren andenkt, eher letzteres vorzuliegen scheint. Auch in diesem Text wie in seiner berühmten Rede in der Frankfurter Paulskirche zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels (‘Glaube und Wissen’, 2001) oder in seinen öffentlichen Gesprächen mit dem jetzigen Papst vor dessen Ernennung wird der tiefere und letzte Ursprung von Religion, nämlich die Angst vor dem Tod und die Sterblichkeit des Menschen, mit keinem Wort erwähnt. Sämtliche analytischen Schwächen und politisch-praktischen Fehleinschätzungen sind die zwangsläufige Folge, wobei man dieses idealtypische Ausweichen eines Großdenkers der Nation geradezu als weiteren Absatz im Kapitel über die philosophische Abwehr des Todes in De Marchis klassischer Studie ‘Der Urschock - Unsere Psyche, die Kultur und der Tod’ (1988) hinzufügen könnte.

Seine Skizzierung der Ausgangslage, die zunehmende Stärke und Polarisierung gegensätzlicher geistiger Lager, ist dabei korrekt und gut gesehen, ebenso die schwerwiegenden Folgen für den längerfristigen Zusammenhalt der demokratischen Kultur. Auch und gerade der Kritik an einem zu engen und einseitig naturalistisch-szientistischen Selbstverständnis muß zugestimmt werden, da z.B. die Inhalte des menschlichen Geistes aber auch die personalen Selbstidentitäten, also die Vorstellungen vom eigenen Ich, tatsächlich nicht bloße Gehirnfunktionen sind sondern sich aus der hyperkomplexen Interaktion vieler ‘Gehirne’, vieler Gesellschaftsmitglieder, ergeben, die in einem ununterbrochenen wechselseitigen Austausch stehen und deren Zusammenleben eben normativ geregelt wird. Diese szientistische Ausblendung der ethisch-moralischen aber auch der individual- wie sozialpsychologischen Dimensionen des menschlichen Handelns könnte auf vielen Ebenen studiert und demonstriert werden, nicht zuletzt auf dem Feld der Gentechnologie, der Bioethik oder im Kontext um die Perspektiven der biomedizinischen Alternsforschung, wo überall reduktionistische Menschenbilder und Therapieansätze dominieren. Aber: ‘Der szientistische Glaube an eine Wissenschaft, die eines Tages das personale Selbstverständnis durch eine objektivierende Selbstbeschreibung nicht nur ergänzt, sondern ablöst, ist nicht Wissenschaft, sondern schlechte Philosophie.’ (‘Glaube und Wissen’)

Sicher ist auch das Insistieren auf die Selbstreflexion über die Grenzen des eigenen Wissens und Vermögens so nötig wie sinnvoll, aber Habermas mutet immer dann ein wenig naiv an, wenn er Errungenschaften der säkularen Aufklärung entweder eindimensional und widersprüchlich oder vielmehr unhistorisch und undialektisch auf das Weltbild der religiösen Tradition anwendet. Es klingt dann so, als ob bestimmte Fortschritte, die z.B. eine moderne christliche Theologie und ein modernes christlich-religiöses Selbstverständnis zweifellos aufzuweisen haben, aus lupenreinen Einsichts- oder Vernunftsgründen resultierten, während in Wirklichkeit die - hinterherhinkende - Vernünftigkeit aktuellen christlichen Denkens in schweren geistigen wie politischen Kämpfen über Jahrhunderte abgetrotzt werden mußte und sich letztlich nur aus dem politischen wie sozialen Macht- und Geltungsverlust des organisierten Christentums ergab. Ein grundlegender Einwand läßt sich auch gegen seinen Kerngedanken zum Schluß über ‘die semantischen Potenziale’ der religiösen Überlieferungen formulieren. Echt, authentisch und ‘inspirierend’ sind oder besser WAREN sie nur, wenn und solange ihre Verfechter von den tieferen - womöglich wortwörtlich interpretierten! - Wahrheiten der von ihnen vertretenen Metaphysiken überzeugt waren! Weist er daher SIE zurück, negiert er gerade das entscheidende Wesen des ganzen, und übrig bleibt tatsächlich nur die PROFANE statt der religiös ergriffenen Rede, der ‘Pfingstzungen’ oder des heiligen Furors angesichts ‘der Größe Gottes’, ‘der Herrlichkeit des Erlösers’, ‘der Niedertracht der Sünde’ oder ‘dem Triumpf der Auferstehung’ etc.

Aus der Sicht der religiösen Tradition kann ein solch faules Kompromißangebot wohl nur zurückgewiesen werden, während es aus rationalistischer und moderner Sicht durchaus einen gewissen Wert besitzt. Religiöse Überlieferungen fördern bis heute tatsächlich ein Bewußtsein ‘von dem, was fehlt’, denn es ist die religiöse Tradition, die idealtypisch die Überwindung des Todes formuliert und verspricht! Genau hier liegt daher auch die von Habermas nicht erkannte wirkliche tiefere Gemeinsamkeit der beiden geistigen Grundtendenzen unserer Zeit, denn sowohl die modernen naturalistischen Entwicklungen wie auch die religiösen bis fundamentalistischen Rückfälle stellen im tiefsten und letzten Antwortversuche auf sich zuspitzende existentielle Gefährdungen der Menschheit bzw. auf die Sterblichkeit des Menschen überhaupt dar. Dabei kehren die religiösen Traditionen zu alten Antworten zurück, die sich aber längst in der Geschichte der Menschheit als ohnmächtig oder höchst zwiespältig und destruktiv erwiesen haben, während die naturalistischen Tendenzen neue Antworten versuchen und in ihrer Neuheit all’ die geistigen und moralischen Kinderkrankheiten aufweisen, wie sie dem Neuen oft eigen sind. Habermas’ neuerer Begriff von der ‘postsäkularen’ Gesellschaft bleibt gegenüber dieser historischen Dimension allerdings völlig indifferent, wenn er nicht gar einen rückwärts gewandten Akzent aufweist, wie auch seine Aussage ‘bisher mutet ja der liberale Staat nur den Gläubigen unter seinen Bürgern zu, ihre Identität gleichsam in öffentliche und private Anteile aufzuspalten (‘Glaube und Wissen’) eine irreführende Differenzierung und Egalisierung nahelegt, denn diese tatsächlich existierende Zumutung ist einfach nur eine historische Reaktion auf eine analoge und viel gefährlichere Zumutung der Aufspaltung des Bewußtseins in einen öffentlichen und einen privaten Teil, die das religiöse und klerikale Denken der aufkommenden Aufklärung über Jahrhunderte auferlegt hatte.

Seine Versuche der Kompromissfindung unter demokratietheoretischen Gesichtspunkten erscheinen daher gewiss ehrenwert aber sachlich untauglich, da er historisch völlig gegenläufige Tendenzen zu versöhnen sucht und da ihnen auch der tiefere existentielle Ernst angesichts ‘der letzten Dinge’ fehlt, von dem her erst - vielleicht - ein solches Vorhaben gelingen könnte. Die Stabilität und Weiterentwicklung der Demokratie mögen generell zwar hohe und wichtige Ziele sein, sie sind aber keinefalls ein Selbstzweck, und wenn man sie nur zu dem Preis der gesteigerten existentiellen Gefährung ihre Mitglieder erreichen könnte, wäre das ganze Vorhaben von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Habermas’ genereller Anspruch auf Vermittlung ist dabei natürlich auch Ausdruck seiner grundlegenden Betonung einer herrschaftsfreien Kommunikation, wie er sie in vielen Werken und so auch in seinem Hauptwerk (‘Theorie des kommunikativen Handelns’) tiefer begründet hat. Dies führt ihn u.a. zur Frage oder Problematik einer gemeinsamen Sprache weltanschaulich verschiedener Gruppen, wie sie auch im ‘Cicero’-Text an mehreren Stellen wieder anklingt. Kritiker haben allerdings schon immer eingewandt, daß eine solche gemeinsame Sprache, daß solche herrschaftsfreie Kommunikation soziale und politische Rahmenbedingungen (z.B. von gleicher Bildung, gleicher materieller Sicherheit etc.) voraussetzt, die in einer unvollkommenen Welt schlicht nicht gegeben sind. Dies kann man gerade angesichts der tieferen existentiellen Ursachen von Religion nur ausdrücklich unterstreichen, denn angesichts von tödlichen Bedrohungen werden solche Voraussetzungen eskalierend obsolet.

Immerhin weiß er schon, daß ‘wissenschaftliche Erkenntnis unser Selbstverständnis umso mehr zu beunruhigen (scheint), je näher sie uns auf den Leib rückt’ (‘Glaube und Wissen’), oder daß ‘die gesellschaftliche Akzeptanz auch in Zukunft kaum schwinden (wird), solange nur die Technisierung der menschlichen Natur medizinisch mit der Erwartung eines gesünderen und längeren Lebens begründet werden kann.’ (‘Die Zukunft der menschlichen Natur’, 2001, S.48) Einen tieferen Durchbruch zu existentiellen Fragestellungen und Einsichten sucht man bei ihm aber bislang vergebens, und ‘die verlorene Hoffnung auf Ressurrektion’ hinterlässt bei ihm nur ‘eine spürbare Leere’ (‘Glaube und Wissen’), während eine wirkliche Vermittlung zwischen Naturalismus und Religion sich aber gerade auf diese existentielle Tiefendimension der menschlichen Natur einlassen müsste, wenn man bestimmte traditionell religiöse Wahrheiten für das moderne Selbstverständnis fruchtbar machen wollte. ‘Eine Säkularisierung, die nicht vernichtet, vollzieht sich im Modus der Übersetzung’, schreibt Habermas in ‘Glauben und Wissen’ zwar ganz richtig, aber wo findet sich bei ihm tatsächlich die ‘Übersetzung’ in eine rational zugängliche Form z.B. des todestranszendierenden Wesens Gottes, der Auferstehung oder des ewigen Lebens, also von Kernkategorien der christlichen Religion, die in der ein oder anderen Form auch in anderen großen Weltreligionen auffindbar wären? Wo??

In der Perspektive der Sterblichkeit des Menschen würde z.B. auch die von Habermas in die theoretische Diskussion eingebrachte ‘Kolonialisierung der Lebenswelt’ in einer tieferen Weise verständlich, also die zunehmende Rationalisierung, Verrechtlichung, Ökonomisierung, Verwissenschaftlichung und Formalisierung aller Lebensbereiche, da es die arbeitsteilige und existenzsichernde Kraft der großen Systeme und Institutionen ist, denen die einzelnen Individuen ein gesteigertes Überleben verdanken, und denen sie daher Aspekte ihrer privaten und informellen Lebenswelt opfern. Das Element der Kritik oder Denunziation, das in dem Begriff ‘Kolonialisierung’ implizit enthalten ist, stellte sich so unter existentiellen Prämissen noch einmal ganz anders dar, da den zweifellos vorhandenen individuellen Verlusten auch ein spezifischer Gewinn gegenübersteht, der sich kollektiv im fortschreitenden wissenschaftlich-technischen Fortschritt bzw. in einem immer größeren materiellen Wohlstand, einer besseren medizinischen Versorgung und nicht zuletzt auch in einer immer weiter ansteigenden durchschnittlichen Lebenserwartung manifestiert.

Auch sein Hauptanliegen eines herrschaftsfreien Diskurses kann in einer solchen existentiell vertiefenden Betrachtung fruchtbar gemacht werden, wobei man allerdings eine bestimmte Unterscheidung einführen muß, die sich letztlich schon bei De Marchi (s.o.) findet. Die Sterblichkeit des Menschen läßt sich nach primären bzw. natürlichen und nach sekundären Todesursachen unterscheiden, wobei es allerdings im einzelnen zu Überschneidungen oder Vermischungen kommt. Ein Beispiel wäre die Todesursache Hunger, die einmal natürliche Gründe (Dürre, Sturm...) zum anderen menschlich bedingte (Krieg, soziale Unruhen, Mißwirtschaft...) aufweisen kann, aber die ersteren können letztere quasi auch als Zwischenglieder bedingen, wie es in der aktuellen Hurrikankatastrophe im Süden der USA teilweise der Fall war, oder bestehende soziale Katastrophen können durch natürliche noch zusätzlich verschärft werden etc. Ein anderes Beispiel wäre die Todesursache Unfall (Fehlverhalten trifft etwa auf Materialermüdung o.ä.), ein drittes psychosomatische oder soziale Ursachen tödlicher Krankheiten (das Erzbeispiel der Verknüpfung von kulturellen mit biologisch-medizinischen Faktoren), wobei eine solche komplexe Vermischung von natürlichen und menschlich gesetzten Todesursachen gerade auch für das ganze Feld der ökologischen Probleme anschaulich demonstriert werden könnte.

Die Habermassche rationale und herrschaftsfreie Kommunikation zielt nun unmittelbar mehr auf solche sekundären - oder ‘vermischten’ - Todesgründe, die direkt oder indirekt aus den Pathologien des menschlichen Zusammenlebens resultieren, wie sie vor allem in Kriegen, menschlicher Gewalt, sozialer Ungerechtigkeit und materiellem Elend zum Ausdruck kommen. Natürliche Todesursachen dagegen, wie sie insbesondere in rein somatischen Krankheiten oder den rein somatischen Anteilen des Alterungsprozesses vorliegen aber auch in den negativen Folgen äußerer destruktiver Naturereignisse, sind in ungleich geringerem Maße einer direkten Beeinflussung durch verbesserte oder egalitäre Kommunikationsformen zugänglich sondern verlangen eine immer weitere Steigerung der instrumentellen Vernunft. Die Macht von Wirbelstürmen, Erdbeben oder Tsunamis etwa kann nicht ‘rhetorisch’ sondern nur technisch-praktisch präventiv verhütet oder in ihren Auswirkungen neutralisiert werden, wobei die dominierende und bleibende Herausforderung primär-natürlicher Todesursachen wahrscheinlich der tiefere und letzte Grund für die Entstehung, die fulminante Entwicklung und Ausbreitung des modernen Naturalismus darstellt, dessen Schattenseiten oder Defizite Habermas beklagt. Allerdings spielen natürlich auch hier, in der immer weiteren Effektivierung unseres technologischen und wissenschaftlichen Wissens, kommunikative und soziale Prozesse eine orientierende und organisierende Rolle, und es dürfte sich erweisen, daß die Forderung und das Ideal eines herrschaftsfreien Diskurses eine unverzichtbare Grundbedingung auch für die gesellschaftliche Arbeitsteilung und den immer weiteren technisch-wissenschaftlichen Fortschritt darstellt...

Mehr als solche ersten soziologischen Überlegungen unter existentiellen Gesichtspunkten können diese Anmerkungen noch nicht leisten, denn eine wirkliche ‘existentielle Soziologie’ gibt es noch nicht. Ein solches theoretisches Max WeberProjekt müßte an die religionssoziologischen Ursprünge der Soziologie etwa bei Auguste Comte, Emile Durkheim und Max Weber anknüpfen und den quasi-religiösen Status ihres zentralen Untersuchungsgegenstandes, nämlich von ‘Gesellschaft’, aufzeigen, der sowohl in der arbeitsteilig-existenzsichernden Einheit im Raum als auch in der Abfolge der Generationen in der Zeit in gewisser Weise eine gottähnliche oder todestranszendierende Eigenschaft aufweist, zumindest im Vergleich mit dem höchst gefährdeteren und zeitlich viel begrenzteren einzelnen sozialen Individuum. Das gesellschaftliche Kollektiv, soziale Systeme oder bestimmte soziale Muster sind immer schon langlebig bzw. ‘unsterblich’ und bedürfen im Prinzip keineswegs langlebiger oder ‘unsterblicher’ Individuen. Eine tiefere soziologische Begründung aktueller Langlebigkeitstrends müßte daher aufzeigen, ob und inwiefern die gesellschaftliche Reproduktion sozialer Strukturen mit langlebigeren Menschen besser gelingt als mit kurzlebigeren, z.B. weil die sachlichen Erfordernisse der technisch-wissenschaftlichen Zivilisation eine größere Investition in die (Aus)Bildung und Qualifikation der Menschen erzwingen, die sich nur in längeren individuellen Lebensspannen rechnet, oder weil sie generell völlig veränderte individuelle Lebensentwürfe, kulturelle Selbstverständnisse, neue Körperselbstbilder oder soziale Zeitmuster zur Folge haben.

Ergänzung (4.11.): Die existentiellen Vor- und Nachteile des fortschreitenden Rationalisierungsprozesses verteilen sich gesellschaftlich sehr UNGLEICH auf verschiedene soziale Gruppen und Schichten, Stichwort Modernisierungs- und Globalisierungsgewinner bzw. -verlierer! Hinzu kommt das übliche konjunkturelle auf und ab der kapitalistischen Ökonomie. Über die mehr individuelle und subjektive Ebene des einzelnen hinaus, bei dem sehr heterogene und auch zufällige (z.B. familiäre oder religiöse Prägungen etc.) eine Rolle spielen können, sind dadurch allgemeinere, übergeordnete und strukturelle Aspekte benannt, die die herrschende Ambivalenz gegenüber den immortalistischen Zielen, die kollektive Verteilung von Zustimmung und Ablehnung, genauer erklären und präzisieren können. Dies müßte in einer weiterführenden und unter Umständen empirischen Analyse weiter konkretisiert werden.

                  

 

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