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FOREVER       Magazin für Physische Unsterblichkeit

 (2. Jahrgang)                                     Religion

Papst Forever

Autor: Lothar Michael Muth ----------  Datum: 25.4.05

Der Tod des Papstes, der mehrere Wochen lang die mediale Berichterstattung dominierte, machte noch einmal klar, daß die religiöse Tradition zwar über eine ins jenseitige und transzendente zielende Unsterblichkeitshoffnung verfügt, aber auch wie brüchig und hochambivalent sich diese Erwartungen darstellen, wenn das Moment der kollektiven Angst und Trauer eindeutig überwiegt. Die säkularen Medien gingen auf diesen zentralen Kern des Christentums kaum oder nur beiläufig am Rande ein, während sie sonst ununterbrochen und pseudoauthentisch alle möglichen zweit- und nebenrangingen Aspekte des sterbenden Papstes diskutierten, seine politische und moralische Rolle, seine menschliche Seite, seine innerkirchlichen Probleme, seine eventuelle Nachfolge usw.

‘Papst noch nicht unsterblich’, hatte eine Schlagzeile schon von News-Folge 12 gelautet, und es schien beinahe, als wollte der SPIEGEL-Titel vom 28. März - ‘Der Unsterbliche’ - dem explizit widersprechen. Er stellte zwar zunächst nur eine durchschaubare rhetorische Übertreibung dar, brachte aber doch die ganz richtige Beobachtung auf den Punkt, daß es selbst den gläubigen Katholiken wohl tatsächlich am liebsten gewesen wäre, wenn Papst Johannes Paul der 2. ‘für immer’ auf Erden weilte: ‘Die Sehnsucht nach einem unsterblichen Papst Johannes Paul d. 2., die sich immer wieder aufs Neue da draußen in einer Welt artikuliert, die längst nicht mehr die seine ist, nimmt Wojtyla auch als Bestätigung dafür, dass er in seinem Pontifikat, das einen gewaltigen Zeitenwandel überspannt, das Richtige zur richtigen Zeit tat.’ Mehr war im ‘Leitmedium’ der Republik über den Unsterblichkeitskern des Christentums allerdings nicht zu erfahren.

Sechs Tage später starb er trotzdem und löste mit seinem Tod die bekannten medialen Schockwellen rund um den Globus aus und in ihrem Gefolge die gewaltigen Pilgerströme nach Rom, wobei sich die Vertreter der säkularen Medien zu einer wahren Orgie an geheuchelter Betroffenheit, haltlosen Kommentaren und scheinbarer Anteilnahme hinreißen ließen, als seien sie über Nacht alle zum Katholizismus oder wenigstens zum christlichen Glauben konvertiert und als seien die innerkatholischen Streitfragen und Probleme ihre eigenen authentischen Anliegen. Kaum war die Beerdigung vorüber, brach die Berichterstattung auch schon wieder ab bzw. kehrte - bis zur Wahl des neuen Papstes - zum Alltag zurück, als ob überhaupt nichts geschehen wäre, was ein deutliches Indiz dafür ist, daß es eben die Medien mit ihren Eigenlogiken und Wertmaßstäben sind, die das Massenbewußtsein in der westlichen Moderne dominieren, denen sich selbst die wertsetzenden Wahrheits- und Moralinstanzen der Vergangenheit, die christlichen Kirchen, beugen müssen. Daher wird der mittel- und längerfristige Katzenjammer der euphorisierten katholischen Massen auch groß sein, jedenfalls bei all’ den naiveren und jüngeren Gemütern, die das voreilige Talkshow- und Feuilletongerede von einer Wiederkehr der christlichen Religion, christlicher Werte oder des Glaubens als grundlegender Sinnorientierung in unübersichtlichen Zeiten tatsächlich ernstgenommen haben.

Der Tod eines Papstes muß dabei immer erst einmal ein äußerst erschütterndes Ereignis für den einfachen Gläubigen sein, weil er ins Herz seiner Religion zielt, das das Wesen von Religion überhaupt ausmacht. Als ‘Stellvertreter Christi’ steht gerade der Papst im tiefsten und letzten für das christliche Versprechen der Auferstehung und die Überwindung des Todes überhaupt, wobei für den normalen gläubigen Katholik der Papst zusätzlich noch eine überhöhte Vaterfigur darstellt, mit der er auch emotional identifiziert ist. Stirbt also der geliebte Papst, ist das daher für ihn nicht nur, als stürbe der eigene geliebte Vater, sondern als stehe die Heilserwartung des Unsterblichkeitsversprechens selbst auf dem Spiel!

Die Tiefenpsychologie in der Nachfolge Freuds erläutert die dabei wirkenden psychodynamischen Mechanismen der kindlichen Identifikation, Verinnerlichung von moralischen Instanzen, Ausbildung von Sexualmoral, Autoritätsgläubigkeit und Projektion im Rahmen der individuellen Sozialisation, wobei man z.B. bei Erich Fromm auch noch etwas über die historische Entstehung und Entwicklung traditioneller Gottesbilder nachlesen kann, in dem matriarchale oder die im Christentum heute noch dominierenden patriarchalen Vorstellungs- und Organisationsmuster im Grunde einer früheren geistes- und religionsgeschichtlichen Periode angehören, die eine unreife und kindlich-naive Frömmigkeit zum Ausdruck bringen: ‘In der Geschichte der Menschheit sehen wir - oder können wir - dieselbe Entwicklung antizipieren: von der Liebe zu Gott als der hilflosen Bindung an die Mutter-Göttin über die gehorsame Bindung an einen väterlichen Gott zum Stadium der Reife, in dem Gott keine außerhalb des Menschen stehende Macht mehr ist, in dem der Mensch die Prinzipien von Liebe und Gerechtigkeit selbst verkörpert und in dem er mit Gott eins geworden ist und wo er von Gott nur in einem poetischen, symbolischen Sinn spricht. (...) Wenn ein Mensch nicht über die inzestuöse Bindung an Mutter, Klan oder Nation hinauskommt, wenn er in der kindlichen Abhängigkeit von einem strafenden und belohnenden Vater oder von irgendeiner anderen Autorität verbleibt, kann er auch keine reifere Liebe zu Gott entwickeln; dann ist sein Glaube der einer früheren Phase der Religion, in der Gott als eine allbeschützende Mutter oder ein strafend-belohnender Vater erlebt wurde.’ (Erich Fromm: ‘Die Kunst des Liebens’) Solange Fromm und andere moderne Autoren allerdings den Ewigkeitskern der traditionellen Gottesvorstellungen unterschlagen oder diesen als ‘absolutes Nichts’ definieren, ist es allerdings kein Wunder, daß weiterhin die prämodernen Konzepte vorherrschend bleibend bzw. die Moderne nur im atheistischen Dagegensein verharren kann, aber dies wäre ein ganz neues und eigenständiges Thema.

Wahrscheinlich kann der einzelne Gläubige den Schock des Todes von Johannes Paul dem 2. um so leichter überwinden, je weniger er mit ihm tatsächlich persönlich sondern nur mit seiner überpersönlichen Rolle als Papst identifiziert war, weil er sich dann mit seinen Glaubensbereitschaften um so leichter dem Nachfolger zuwenden kann, etwa nach dem Motto: ‘Der Papst ist tot - es lebe der Papst!’ Der Papst in seiner Rolle und religiösen Funktion steht tatsächlich wieder auf, wenn auch in diesem Falle nicht am 3. Tage sondern erst nach drei Wochen, so daß die kontinuierliche Papstabfolge eine Art symbolische Stellvertretung des Auferstehungsgeschehens in der Zeit repräsentiert, was auch insofern durchaus paradox ist, weil die Auferstehung im Kern gerade die Aufhebung und Überwindung der linearen Zeit darstellt. Für all’ die anderen wird es dagegen sehr schwer werden, denn der konkrete ‘Stellvertreter Christi’ auf Erden erhob sich eben NICHT am 3. Tage wieder von den Toten sondern blieb sichtbar für die Abermillionen auf dem Petersplatz und vor den globalen Bildschirmen in seinem einfachen Holzsarg liegen. Zumindest die kindlich-naiven Aspekte der traditionellen Frömmigkeit sind damit irreversibel erschüttert und können allenfalls in sublimerer verwandelter Form weiterbestehen, wenn nicht gar der Same eines grundlegenden Zweifels in die Seele gelegt wurde, der längerfristig zum völligen Glaubensabfall führt.

Daß der neue Papst ausgerechnet ein Deutscher ist, ist in gewisser Weise tatsächlich eine Sensation, die ebenfalls längerfristige Folgen vor allem für die intellektuelle Diskussion hierzulande haben kann, was aber mehr an der konkreten Person Joseph Ratzingers liegt. Mit Ratzinger, der hierzulande in akademischen Kreisen auch kein Unbekannter mehr darstellt,  wurde ein hochkarätiger Theologe und sogar Theologieprofessor zum Papst gewählt, was für dieses Amt eine eher seltene Ausnahme darstellt, wie man jetzt staunend erfahren durfte. Sein öffentliches Gespräch mit Jürgen Habermas, dem obersten Sozialphilosophen der Republik, ist bekannt, der seit einigen Jahren über die Wiederkehr des Religiösen unter säkularen Vorzeichen nachdenkt, was immer diese widersprüchliche Konstruktion auch bedeuten mag. Mit Ratzinger besitzen wir daher nicht nur das große Privileg, die allgemein-philosophischen und theologischen Ansichten eines Papstes auf deutsch lesen zu können, der neue Papst hat in der Vergangenheit sogar schon explizit zum Thema der Unsterblichkeit aus christlich-katholischer Sicht gearbeitet. (‘Eschatologie, Tod, Ewiges Leben’, 1990) In seiner Wahl und der aufflackernden wie brüchig-illussionären Renaissance christlicher Glaubensvorstellungen, s.o., liegt damit auch eine große geistige Chance für den modernen Immortalismus, wenn es darum geht, sich in die öffentlichen Diskussionen um die Letztfragen der menschlichen Existenz im Spannungsfeld zwischen religiöser Tradition und Moderne erfolgreich einzumischen. Die sollten wir nutzen, aber dabei nicht vergessen, daß auch extreme Langlebigkeit oder physische Unsterblichkeit als bloße Überwindung von Altern und Krankheit die tiefste und letzte Springquelle von Religion, den Tod, nie abschaffen kann! ‘Die Pille gegen das Altern’ o.ä., worüber technische Immortalisten so gerne spekulieren (und die aber in dieser Form aus anderen und hier nicht zu erörternden Gründen eher unwahrscheinlich ist), würde ja auch jedem Katholik und so auch dem Papst zur Verfügung stehen, weshalb eine spezifisch weltanschauliche Konkurrenz nur durch bloße technologisch-medizinische Fortschritte allein unaufhebbar ist. Religion an sich wird es immer geben, die entscheidende Frage bleibt nur, welche geistigen, rituellen und moralisch-praktischen Formen sie annehmen wird, und ob ein neuer Immortalismus unter wissenschaftlich-rationalen Vorzeichen längerfristig die Kraft besitzt, die damit einhergehenden Sinnfragen und existentiellen Orientierungsprobleme eigenständig zu beantworten.

PS: Aus der riesigen Fülle der Medienberichte zum Thema sei nur auf drei Artikel näher hingewiesen. In einem Interview auf SPIEGEL-Online vom 7. April mit der ehemaligen und exkommunizierten Professorin für Katholische Theologie Uta Ranke-Heinemann kommt das existentielle Kernelement von Religion in selten klarer Form zum Ausdruck. Trotz aller vehementen Vorbehalte gegen das organisierte Christentum und trotz aller Vorbehalte philosophischer Selbstreflexion hegt selbst noch die radikale Kirchenkritikerin Hoffnungen auf ein Leben nach dem Tode. In der ZEIT vom 6.4. fasst Josef Joffe dagegen aktuelle Daten zur Säkularisierung im internationalen Vergleich unter der Überschrift ‘Gottloses Europa’ kommentierend zusammen, die alles andere als für eine bevorstehende Wiederkehr christlicher Glaubensvorstellungen sprechen. Seine Schlußthese, daß es ausgerechnet der Sozialstaat westeuropäischer Prägung sei, der zum Hauptkonkurrenten der Kirchen würde, ist allerdings etwas flach. Weitere empirische Informationen zur Frage, was die Deutschen wirklich glauben, finden sich im FOCUS vom 25.4.  Dieser Text ist nicht kostenfrei im Internet einsehbar.

 

              

 

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