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Der Karstadt-Konzern hatte geladen, die Filiale in Berlin-Neukölln macht anscheinend in Kultur, wenn sie regelmäßig prominente und weniger
prominente Autoren in den geräumigen Dachgarten einlädt, in den Eintritt für stolze acht Euro war immerhin ein Glas Wein und eine Bretzel eingeschlossen und knapp einhundert Zuhörer beiderlei Geschlechts vorwiegend
zwischen 40 und 60 waren gekommen. Die angekündigte Moderatorin von den GRÜNEN, Ex-Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer, war leider verhindert, ‘aber sie sind ja sowieso vor allem wegen Herrn Schirrmacher da,’
überspielte der Veranstalter einleitend ganz treffend die kleine Abänderung des Programms. Der mache ‘normalerweise’ gar keine Lesungen, weshalb man sich um so mehr freue...etc.pp. und in diesem
gemütlich-ungezwungenen Stil begann also der ganze Abend.
Er mache tatsächlich kaum Leseabende, nahm Schirrmacher scherzend den Ball auf, aus reinen Zeitgründen, aber hier für Karstadt am Hermannplatz,
wo er doch früher selbst häufig und so gerne eingekauft habe, mache er mal eine Ausnahme. Zum Glück wurde es auch diesmal keine Lesung im eigentlichen Sinne, denn im Verlaufe der folgenden guten Stunde fasste er
zunächst die für ihn wesentlichen Punkte seines Buches ‘Das Methusalem-Komplott’ in so engagierter wie souveräner freier Rede zusammen, um anschließend noch einmal so lange für die zahlreichen Fragen des Publikums
zur Verfügung zu stehen.
Der Antrieb dieses Buch zu schreiben, sei für ihn keine bloß geistig-theoretische oder ideologische Frage gewesen, sondern hätte für ihn sehr
handfeste, praktische und konkrete Gründe gehabt, die mit grundlegenden Einsichten und Erfahrungen zusammenhingen. Da seien zunächst die demographischen Veränderungen, die wir zwar alle seit langem kennen, deren
wahres Ausmaß, Dynamik und qualitative Neuheit gerade auch im menschheitsgeschichtlichen Kontext uns noch nicht wirklich bewußt geworden seien. Die ganze Gesellschaft altere dramatisch, und nicht nur in Deutschland
oder in den westlichen Industrieländern, und daß hierzulande bald mehr als die Hälfte der Bevölkerung über 50 Jahre alt sei, habe es noch nie vorher in der Geschichte irgendwo gegeben. Darin deute sich etwas an, was
sogar auf eine Veränderung der Natur des Menschen selbst ziele, auf eine Veränderung der anthropologischen Grundverfassung der Gattung Homo sapiens. Dabei altere die Gesellschaft als ganzes bekanntlich aus zwei
Gründen: zum einen werden immer weniger Kinder geboren, zum anderen fände eine ganz erstaunliche je individuelle Lebensverlängerung statt, wobei insbesondere letzteres in Art und Umfang allgemein völlig unterschätzt
werde. So führte er z.B. an, daß es innerhalb der letzten Jahrzehnte zu einer versechszehnfachung der Anzahl der (Über-)100-jährigen gekommen sei oder zitierte Expertenmeinungen, die auch schon in seinem Buch
abgedruckt sind, wir wären mit dem heutigen Wert für die durchschnittliche Lebenserwartung von 76 für Männer bzw. 80 für Frauen noch nicht einmal in der Nähe der wirklichen Möglichkeiten, wobei
medizinisch-wissenschaftlich sowieso offenbleiben müsse, ob es tatsächlich eine biologisch feste Obergrenze gäbe oder nicht. Die deutschen Lebensversicherungen hätten jedenfalls gerade erst vor ein paar Wochen ihre
Sterbetafeln als Basis für ihre Policen nach oben korrigiert, wonach heute geborene Jungen und Mädchen jetzt schon mit einer durchschnittlichen Wahrscheinlichkeit rechnen könnten, ca. 96 bzw. 100 Jahre alt zu werden.
Auf diese im Kern überaus positiven Entwicklungen reagierten wir allerdings kollektiv mit Vorstellungen über das Altern aus der ‘Steinzeit’ bzw.
dem Mittelalter oder dem 19. Jahrhundert, also Gesellschaften, in denen der ganz überwiegende Teil aller Menschen nicht älter als 40 Jahre wurde und in denen alte Menschen daher etwas extrem seltenes und meist auch
extrem gebrechliches waren. Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts, als die heute noch gültigen Rentensysteme der Bismarckschen Sozialgesetzgebung eingeführt wurden, erreichten nur wenige Prozent eines Jahrgangs
überhaupt das Renteneintrittsalter und die lebten in der Regel auch nur noch eine relativ begrenzte Anzahl von Jahren. Dieses Bild hat sich in den letzten Jahrzehnten völlig und natürlich zum positiven hin
verändert, freilich mit den bekannten und politisch vieldiskutierten Nebenfolgen wachsender Schwierigkeiten bei der Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme. Vor diesem Hintergrund habe ihn daher immer mehr der
Widerspruch umgetrieben, daß einerseits ein uralter Menschheitstraum nach größerer Gesundheit und Langlebigkeit wahr würde, wir andererseits kollektiv aber so damit umgingen, als handele es sich dabei um eine Art
neue Naturkatastrophe. Anders gesagt: die längere Lebenszeit sei sowohl geistig wie emotional noch nicht in unseren Köpfen, damit aber auch nicht in unseren sozialen, politischen, ökonomischen und rechtlichen
Strukturen, angekommen, wenn wir darauf mit Vorstellungen vom Alter aus längst überholten Zeiten reagierten, nach der man sich schon jenseits der 30 oder 40 zum alten Eisen zu zählen habe und beinahe ein ganzes
halbes Leben im depressiven Warten auf den allmählichen Niedergang der individuellen Kräfte verschenke. Gerade die sensible und umfassende Wahrnehmung dieses Widerspruchs sei ein wichtiger Grund für ihn gewesen,
warum er ‘Das Methusalem-Komplott’ hätte schreiben müssen.
Ein weiterer wichtiger Aspekt seien neuere Einsichten und Forschungsergebnisse gewesen, die mit ganz bestimmten Mythen über die vermeintlich
geringere gerade auch geistige Leistungsfähigkeit älterer Menschen aufräume. Wo keine krankhaften Veränderungen wie Demenz oder Alzheimer vorliegen, die keineswegs naturnotwendig jeden treffen müßten, seien ältere
Menschen heute nicht nur viel gesünder und körperlich vitaler als ihre Altersgenossen früherer Generationen sondern auch genauso leistungsfähig wie jüngere Menschen, wenngleich es tatsächlich zu gewissen
Kompetenzverschiebungen komme, die aber untereinander gleichwertig seien. (Die Reaktionsschnelligkeit und Unkonventionalität der Jüngeren u.ä. versus der größeren Erfahrung und Sicherheit von Älteren, die
‘Abkürzungen’ bei bestimmten Problemstellungen wüßten usw.) Auch diese Mythen stammten aus einer Vergangenheit, wo Jugend quantitativ in ganz starkem Maße gesellschaftlich dominierte.
Schließlich hob er eindringlich andere neuere Studien hervor, die klar bewiesen, daß es sich bei all den von ihm kritisierten negativen
Altersvorstellungen und -stereotypien nicht nur um irgendwelche überholten und ärgerlichen aber letztlich beliebigen Phänomene handele, sondern daß sich diese unaufhörlich von den Medien, der Werbung, von Film und
Literatur etc. verbreiteten und tief verinnerlichten kollektiven Deutungsmuster und Identitätszuschreibungen als negative sich selbst erfüllende Prophezeiungen über soziale und psychosomatische Zwischenglieder
DIREKT auf die körperliche Gesundheit und damit die Lebenserwartung auswirkten! Das negative Bild vom Altern verkürzt das Leben um eine ganze Reihe von Jahren, wie großangelegte Studien zeigen konnten, und zwar mehr
als alle anderen bekannten Risikofaktoren zusammengenommen, so daß es ein Akt individueller Notwehr sei, gegen solche geistigen, sozialen und kulturellen Zumutungen aufzubegehren! Daher habe er sich auch ganz bewußt
für diese militante und provokative Sprache entschieden, die ihm von den Kritikern oft vorgeworfen werde, weil es tatsächlich eine Art ‘Krieg’ der Gesellschaft gegen die Alten gäbe, gegen den es eben eines
‘Komplotts’ bedarf. Das ‘Methusalem-Komplott’ sei aber in erster Linie und vor allem eine Bewußtseinsrevolution, bei der diese Zusammenhänge analytisch aufgedeckt und mittelfristig im kollektiven Denken verändert
werden sollten, es betrifft erst in zweiter Linie handfestere politische, ökonomische und rechtliche Veränderungen, wie z.B. die Abschaffung von Altersgrenzen bei Stellenausschreibungen, die Möglichkeit für ältere
Menschen Geschäftskredite von den Banken zu erhalten oder länger arbeiten zu können, wenn man das möchte u.ä. mehr. In einem interessanten weil sehr treffenden Gedanken am Rande führte er aus, daß es gerade in der
Politik schon immer die Möglichkeit gab, so lange zu arbeiten, wie man möchte, die es den vielen anderen damit so schwer mache. Dabei seien es bei all diesen notwendigen Veränderungen vor allem die jüngeren
Babyboomer-Generationen als kommende Alte, die auf einen grundlegenden Bewußtseinswandel angewiesen wären, denn den heutigen älteren Generationen ginge es auf Grund verschiedener demographischer und
politisch-historischer Bedingungen, die für die Zukunft nicht verallgemeinerbar seien, vergleichsweise noch relativ gut.
Abschließend fasste er alles noch einmal in zwei ‘wunderbaren Informationen’ zusammen, um deren weitere Verbreitung und Anerkennung es ihm ginge:
1. Wir leben viel länger, als alle früher dachten und 2. wir können dabei viel länger körperlich gesund und geistig vital bleiben und dafür selbst eine ganze Menge tun, nicht zuletzt mit unserer eigenen
grundlegenden Einstellung dem Altern gegenüber. Stattdessen gingen wir heute immer noch mit dem Altern so unaufgeklärt um, wie die Menschen des Mittelalters in Bezug auf den Glauben an Geister und Gespenster oder
das 19. und frühe 20. Jahrhundert im Umgang mit der Sexualität. Schon im Jahre 2020 wird es aber allein in China genauso viele ältere Menschen geben wie heute insgesamt auf der Welt leben, und auch darum bräuchten
wir ein Methusalem-Komplott...
Auch die anschließende sehr lebhafte Diskussion gab Frank Schirrmacher erneut dankbare Gelegenheit, die für ihn wichtigsten Punkte noch einmal
herauszuarbeiten, bekannte Kritikpunkte und Einwände zu relativieren und weitere Informationen einfließen zu lassen, so z.B. daß es immer nur die letzten drei Monate vor dem Tod seien, die die medizinischen
Behandlungskosten und damit die Krankenkassenbeiträge so in die Höhe trieben, aber keineswegs die Kosten des Alterns an sich, weshalb es auch keine Rolle spiele, WANN, also in welchem Lebensalter, diese Kosten von
der Gesellschaft aufgebracht werden müssten oder - bei einer Nachfrage nach einer etwaigen religiösen Sinngebung von Altern und Tod - daß Religion für ihn im wesentlichen Privatsache sei und daß es ihm vor allem
darum ginge, daß niemand ihm VORschreibe, wie er zu altern habe. Er verlange auch keineswegs, daß jeder nun plötzlich länger als 65 arbeiten solle, wie Kritiker ihn unter Hinweis auf gewerkschaftliche
Errungenschaften und aktuelle Kämpfe mißverstünden, sondern nur, daß dies jedem offenstehe solle, der dies wünsche und in der Lage dazu sei, was viel mit größerer Flexibillität angesichts heutiger starrer
Arbeitszeitregelungen zu tun hätte. Das wäre im übrigen auch ein Beitrag für die ‘Entzerrung der Lebensläufe’, denn mit der partiellen Verlängerung des Arbeitslebens von einigen könnten andere jüngere Menschen sich
mehr und besser der Gründung einer Familie widmen und auch so die demographische Schieflage abbauen helfen. Nebenbei erfuhr man auch etwas über den Bedeutungsverlust der aktuellen Pop-Musik, der u.a. damit zu tun
habe, daß Britney Spears und co heute eine viel kleiner Zielgruppe von Teens und Twens bedienten als die Beatles, Stones, Madonna und Michael Jackson, die noch auf der Kaufkraft der Baby Boomer-Generationen aufbauen
konnten. (So deutlich hatte das Schirrmacher zwar nicht ausgesprochen, aber der Berichterstatter mit einem wohlwollenden Nicken und einem Aha-Erlebnis in seine Notizen gekritzelt: ‘Britney Spears weniger als
Madonna!’)
Der geistig interessantest Punkt, den er auch schon in seinem Buch kurz streifte, war der Hinweis auf einen Gedanken Max Webers, nach dem der
moderne Mensch nicht mehr so einfach nach begrenzten Lebensjahren ‘lebenssatt’ sterben könne, weil der Umkreis der menschlichen Dinge mit dem Fortschritt und Wachstum der menschlichen Kultur dermaßen angewachsen
sei, daß er sie unmöglich noch im konventionellen Zeitrahmen erschöpfen könne. Es schiene lohnend, dieser Aussage eines der Väter der Soziologie einmal genauer nachzugehen und seinen geistigen wie werkimmanenten
Kontext zu untersuchen, wenn man tiefere sozialhistorische Gründe und Zusammenhänge für die anhaltende Langlebigkeitsrevolution aufdecken will.
Es fiel generell auf, wie Frank Schirrmacher in Vortrag und Diskussion weit freundlicher und optimistischer wirkt, als es seine militante Diktion
(im Buch) und die veröffentlichte Kritik vermuten läßt. Dazu paßt auch, daß er sich selbst nur als Ideengeber und Analytiker ansieht und explizit die Rolle des geistigen Sinngebers oder gar politischen Führers
zurückweist, obwohl in seine demonstrative Bescheidenheit auch ein wenig Koketterie gemischt war, wie sie wohl vielen in der Öffentlichkeit stehenden Menschen eigen ist. Dabei bleiben freilich gewisse
Widersprüchlichkeiten und Ambivalenzen zwischen Hoffnungs- und Untergangsbeschwörung bestehen, was bei einem solchen mit existentiellen Problemen an allen Ecken und Enden aufgeladenen Thema wohl auch kaum zu
vermeiden ist. An diesem Abend dominierte eindeutig der Hoffnungspol, wobei er fast ausschließlich nachdenkliche Zustimmung selbst bei kritischen Teilnehmern erntete. Der Veranstalter des Abends, der Leiter der
Buchabteilung, verabschiedete den Referenten bzw. die Gäste jedenfalls mit dem Hinweis auf die ganz unglaubliche Nachfrage nach dessen Buch, das seit Mitte März nun sage und schreibe in der 25. Auflage erscheine,
was doch ebenfalls Anlaß zur Hoffnung gäbe. Nun ja, was soll der Leiter einer BUCHabteilung da auch anderes sagen.
(Anmerkung: Die Veranstaltung mit Frank Schirrmacher war am 27.8.04, dieser Text erschien zuerst in News-Folge 7 vom 20.9.04.)
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