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Von technischen Immortalisten, Transhumanisten u.ä. wird immer wieder einmal die Forderung erhoben, die biomedizinische Alternsforschung müsse
stärker politisch und vor allem auch ökonomisch gefördert werden. So findet man z.B. im Forum des Immortality Instituts (unter www.imminst.org) entsprechende Diskussionsbeiträge, die sich allerdings vorwiegend um die Gewinnung privater Geldgeber und Sponsoren drehen, aber auch
die Frage vermehrter staatlicher bzw. öffentlicher Förderung wird hier und auf ähnlichen Seiten regelmäßig erörtert.
Ungeachtet der inhaltlich-konzeptionellen Frage, was man tatsächlich von der biomedizinischen Gerontologie prinzipiell erwarten kann - siehe dazu
auch den Text ‘Perspektiven der Alternsforschung’
- erscheint der Wunsch nach einer Ausweitung bestehender politischer, organisatorischer und finanzieller Anstrengungen
zunächst nachvollziehbar und legitim. Allerdings wird diese Forderung meist nur sehr unspezifisch und allgemein erhoben, während es bei der Finanzierung realer und
konkreter Forschungsprojekte letztlich um höchst konkrete Summen oder zumindest um genauer eingrenzbare ökonomische Dimensionen geht. Im folgenden sollen daher einige
erste Zahlen aus dem Alternforschungsbereich und seines Umfeldes dargestellt und aufgelis tet werden, denn nur wenn man zumindest eine ungefähre Ahnung von der
Größenordnung der bereits bestehenden Forschungsanstrengungen besitzt, kann man eine Forderung nach Ausweitung präzisieren und genauer begründen. Die Recherchen gestalteten sich allerdings schwierig, so daß
man die folgenden Ausführungen am besten nur als eine ‘erste Annäherung’ an eine wirkliche empirische Bestandsaufnahme der biomedizinischen
Alternsforschung versteht, die in Zukunft immer weiter ergänzt, überarbeitet und selbst ‘präzisiert’ werden müssen.
Zunächst hat man es mit dem grundsätzlichen Problem der Zuordnung und Eingrenzung
der Alternsforschung zu tun, die sich immer noch nicht als einheitliches Fach konstituiert hat, sondern sich als interdisziplinäre Veranstaltung ganz unterschiedlicher
Wissenschaftsdisziplinen darstellt. Hier sind an erster Stelle die Medizin und die Biologie zu nennen, in dem einzelne Hochschulinstitute, einzelne Professoren und Assistenten,
sich im Alternforschungsbereich spezialisiert haben und ihre kontinuierliche Forschungsarbeit u.U. neben anderen Spezialisierungen und Verpflichtungen in
Forschung und Lehre leisten. Die ‘Deutsche Gesellschaft für Alternsforschung’ (DGfA) ist ein Zusammenschluß vorwiegend solcher Wissenschaftler und Mediziner und besitzt laut
Homepage ca. 150 Mitglieder. Die Mitgliederzahlen der DGGG, der ‘Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie’, waren nicht zu ermitteln, aber sie dürften
um einiges höher liegen, da sie die weitaus ältere Vereinigung darstellt und da in ihr auch noch sozialgerontologische wie geriatrische Experten hinzukommen.
Der Hinweis auf die Geriatrie, also die Altersmedizin, macht einen weiteren Aspekt des
Abgrenzungsproblems klar, denn die Altersforschung übernimmt Ergebnisse und Befunde aus wissenschaftlichen wie klinischen Bereichen, die zunächst wenig oder gar nichts mit
genuin gerontologischen Fragestellungen zu tun haben müssen. Dies ist am Beispiel der Gentechnologie, der Molekularbiologie, der Evolutionsforschung usw. noch stärker
augenfällig, die ihrerseits wiederum auf Ergebnissen und Erfolgen z.B. der Informations- oder Nanotechnik aufbauen, die sogar die Grenzen der Lebenswissenschaften sprengen.
Eine weitere Differenzierung besteht in der Tatsache, daß ein Großteil der Arbeit auch in den Forschungslaboren privater Firmen geleistet wird. So gibt es beispielsweise einige
tausend neuerer Unternehmen mit über hunderttausend Mitarbeitern weltweit, die mit biotechnologischen Verfahren arbeiten, um etwa neue Arzneimittel zu entwickeln etc.,
aber natürlich ist davon nur ein Bruchteil mit gerontologischen Fragestellungen beschäftigt. (Quelle: Winnacker: ‘Das Genom’),
Die bislang genaueste Zahl über die Ausgaben für die Alternsforschung im engeren
Sinne fand sich in einem Vortrag eines der führenden Sozialgerontologen Prof. Paul B. Baltes im M ai 2003, der auch auf die Forschungssituation in Deutschland einging und sie mit den Verhältnissen in den USA verglich. Danach würden in den
Vereinigten Staaten jährlich etwa 2 Milliarden Dollar öffentlich und noch einmal 1 Milliarde privat in die Alternsforschung investiert, weil man dort die Bedeutung des Themas für die
Gesellschaft schon früh erkannt habe. (Quelle: Internet) Damit wäre diese Fördersumme größer als der jeweilige gesamte Forschungshaushalt der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG)
oder der Max Planck Gesellschaften, woraus sich indirekt auf die Größenordnung der Ausgaben für die Alternsforschung hierzulande rückschließen läßt. Baltes konstatiert
dementsprechend auch einen ‘massiven Nachholbedarf’ für Deutschland.
In einer Stellungnahme für den Deutschen Bundestag vor dem Ausschuß für Bildung,
Forschung und Technologiefolgenabschätzung schon ein Jahr zuvor im Juni 2002 ging er noch etwas näher auf diese Zahlen ein. So erhält alleine das ‘National Institute of Aging’
der USA von den erwähnten 2 Milliarden öffentlicher Investitionen 1 Milliarde Dollar jährlich. Würde man diese 2 Milliarden Dollar öffentlicher Förderung der
Alternsforschung im Sinne eines Benchmark-Verfahrens als Vergleichsmaßstab für die deutsche Forschungslandschaft nehmen und berücksichtigen, daß Deutschland etwa drei
bis viermal weniger Einwohner als die Vereinigten Staaten besitzt, dann käme man auf einen jährlichen Förderungsbetrag von ca. 500 Millionen Euro. Er führte weiter aus: ‘Es
wäre gut, wenn es präzise Angaben über Finanzen der Alternsforschung in Deutschland gäbe. Sie sind mir zumindest nicht bekannt. Eine unter Experten gelegentlich genannte
Zahl für die jährliche Förderung der Alternsforschung in Deutschland ist die Summe von etwa 50 bis 100 Millionen Euro. Die Zahl legt nahe, dass die Alternsforschung in
Deutschland relativ gesehen um einen Faktor von 10 weniger als in den USA gefördert wird.’
Nebenbei bemerkt: wenn nicht einmal der professorale Sachverständige vor einem
Bundestagsausschuß genauere Zahlen nennen kann und letztlich mit Mutmaßungen vom Hörensagen arbeitet, dann sind eigene Rechercheprobleme kein Wunder, aber letztlich
ist das nur ein weiteres kleines Detail für die unterentwickelte Gesamtsituation auf dem Gebiet der Alternsforschung hierzulande. Diese drei Milliarden Dollar pro Jahr bzw. die
abgeleiteten 500 Millionen Euro geben also einen ersten Orientierungsrahmen, der es mittelfristig ebenfalls erlaubt, die Forderung nach Ausweitung der Alternsforschung ins
Verhältnis zu anderen Ausgaben zu setzen, etwa der allgemeinen Forschungsförderung, den Haushalten der Forschungsministerien oder den explodierenden Kosten im
Gesundheitswesen etc.pp. Für den Bundeshaushalt 2004 waren beispielsweise knapp 10 Milliarden Euro insgesamt für Forschung und Entwicklung vorgesehen -
Verteidigungshaushalt ca. 24 Milliarden, Bau-Verkehrs- und Wohnungswe sen 25
Milliarden, Gesundheit und soziale Sicherung 82 Milliarden, Entwicklungshilfe 3,8 Milliarden - wobei das Ministerium für Bildung und Forschung (BMBF) von 2001 bis 2005 insgesamt 800 Millionen Euro für die
Förderung der Biotechnologie bereitgestellt hat oder noch bereitstellt. Die deutsche Biotechnologiebranche mit ca. 350 Unternehmen rechnet für 2004 dagegen mit einem Jahresumsatz von 1 Milliarde Euro, was
knapp über dem Ergebnis von 2003 läge, während die größte deutsche Wissenschaftsorganisation, die Helmholtz-Gemeinschaft mit ihren 15
Forschungszentren, einen Jahresetat von 2,1 Milliarden Euro besitzt... (Quellen: Internet)
Jeder sollte sich grundsätzlich darüber im klaren sein, daß weitergehende und
spezifische finanzielle Begehrlichkeiten und Forderungen im politischen Kontext solange wohlfeil und naiv wenn nicht sogar völlig illussorisch sind, solange kein Bewußtsein über
die prinzipiell angespannte Kassenlage angesichts staatlicher Verschuldung einerseits und über die grundlegende Konkurrenzsituation ganz verschiedener Interessenslagen
andererseits besteht. Anders gesagt: in Wohlstands- und Wachstumszeiten zielt der Ruf nach mehr öffentlicher Unterstützung auf die zu verteilenden Überschüsse, in
Krisenzeiten läuft es dagegen darauf hinaus, daß ANDEREN Bereichen etwas gekürzt und weggenommen werden müsste! Es sollte jedem bewußt sein, daß letzteres schwieriger
ist und daher sorgfältigere und nachvollziehbarere Begründungen verlangt, da man auf größere allgemeine Zustimmung sowohl bei den politischen Entscheidungsträgern als auch der öffentlichen Meinung angewiesen wäre.
Drei Milliarden Dollar pro Jahr erscheinen zunächst als ansehnliche Summe, aber es
sollte bei all diesen empirischen bzw. finanziellen Überlegungen nie die wichtigere qualitative Ebene des wirklichen Erkenntnisfortschrittes vergessen werden. Im Bereich
der Grundlagenforschung kann es immer nur darum gehen, durch finanzielle Maßnahmen Rahmen- und Infrastrukturen zu verbessern, aber im Unterschied zur
angewandten Forschung ist es nicht möglich, grundlegende Erkenntnisse und Durchbrüche mit ökonomischen Mitteln zu erzwingen. Solange aber die Gerontologie
immer noch kein einheitliches Paradigma besitzt, das sämtliche Alterungsphänomene erschöpfend erklärt, befindet sich die Wissenschaft vom Altern zweifellos noch immer im
Stadium der Grundlagenforschung. Das Beispiel der Krebsmedizin sollte hier jedem warnend vor Augen stehen, denn es heißt, daß seit US-Präsident Nixon Anfang der 70er
Jahre ‘den Krieg gegen den Krebs’ ausgerufen hat, weltweit über 500 Milliarden Dollar in die Krebsforschung geflossen sein sollen, mit den bekannten Ergebnissen! (Quelle:
unbekannt, aber die Zahl scheint eher noch zu niedrig angesetzt.) Dabei wäre Krebs ja nur EINE der Krankheiten, die überwunden werden müsste, wenn die angewandte
Gerontologie die menschliche Lebenserwartung entscheidend ausdehnen wollte. Auch hier geht Qualität vor Quantität, was z.B. auch heißt, sich über den effektiven Einsatz von
Forschungsgelder genauer Rechenschaft abzulegen. In einem kürzlichen Bericht in der ZEIT über zwei private asiatische Forschungszentren auf dem Gebiet der
Molekularbiologie wurde beispielsweise das weit verbreitete Gießkannenprinzip der Forschungsförderung kritisiert und stattdessen Eliteeinrichtungen angemahnt, die zu
einer Systematisierung und Effektivierung der Anstrengungen führen würden. Solche Elitebildung hätte gewiß praktische Vorteile, aber vom Selbstverständnis her zielt sie
mehr in eine klassisch-konservative Richtung, während umgekehrt auch vermutet werden kann, daß es gerade die konservativ-statische Grundnatur der naturwissenschaftlichen
Forschung selbst ist, die den Fortschritt der Wissenschaft und der Medizin behindert. Es ist schließlich nur allzu bekannt, wie althergebrachte Denkmuster, theoretische Dogmen
und erstarrte institutionelle Strukturen sich via Fördergremien, Gutachterdschungel, Berufungsskommissionen, Ausschreibungskatalogen usw. sich immer wieder neu reproduzieren anstatt zu bahnbrechenden neuen Einsichten zu führen. Kreativität läßt
sich letztlich tatsächlich nicht auf Knopfdruck bestellen, und hier liegt schließlich auch die Grenze der ökonomischen Herangehensweise überhaupt.
Wie eingangs schon angedeutet sind die angeführten Zahlen noch etwas dürftig, stecken aber zumindest schon einmal einen
ungefähren Größenrahmen ab, um welche Summen es in der öffentlichen Forschungsförderung in Deutschland aktuell geht. Prinzipiell gilt immer, daß
jeder Wunsch nach einer spezifischen Ausweitung dieser finanziellen Anstrengungen sich um Legitimation bemühen muß, d.h. um sachliche Argumente, die in der
Öffentlichkeit zur Geltung gebracht werden müssen. Dabei kann man nicht einfach von den eigenen Wünschen und Ansichten ausgehen, denn öffentliche Gelder müssen einem
vertretbaren allgemeinen Zweck dienen, der allgemein Anklang findet. Je mehr daher die eigenen Argumente im Prozeß der öffentlichen Diskussion die der Allgemeinheit
werden, desto mehr könnte man staatliche Gelder in bestimmte Forschungsfelder lenken aber nicht umgekehrt, d.h., man kann mit der bloßen abstrakten Forderung nach
stärkerer Förderung diesen kollektiven Willen oder öffentlichen Meinungsumschwung nicht erzeugen. Eher im Gegenteil.
PS vom 23.12.04: Nach einem kürzlichen Artikel in der ZEIT über die aktuellen Probleme im Gesundheitswesen - ‘Das organisierte Versagen’ - belief sich die Gesamtsumme aller Gesundheitskosten in Deutschland im Jahre 2003 auf um die 240 Milliarden Euro, wovon
ca. 145 Milliarden von den gesetzlichen und privaten Krankenkassen aufgewendet werden müssen. Der durchschnittliche Beitragssatz zur gesetzlichen
Krankenversicherung liegt damit akuell bei 14,25%, wobei durch verschiedene Maßnahmen im Rahmen der Gesundheitsreform der weitere Anstieg der Ausgaben
vorerst gestoppt werden konnte. Diese Zahl und Größenordnung von 240 Milliarden eignet sich wohl in einer erweiterten Perspektive noch am ehesten als
Vergleichsmaßstab oder ‘benchmark’ für die Ausgaben in der Alternsforschung, weil sie eindringlich die längst bestehenden immensen finanziellen Anstrengungen im
Gesundheitssektor vor Augen führt. Abstrakt und isoliert betrachtet könnten die Aufwendungen für die Forschung natürlich nie hoch genug sein, aber da die Ressourcen
prinzipiell begrenzt und endlich sind, kann es immer nur um eine Güterabwägung und Prioritätensetzung nach dem grundsätzlichen Motto ‘first things first’ gehen. Der Dauerhinweis, wie er auch im Text ‘Perspektiven der Alternsforschung’
wieder gemacht wurde, daß die Menschen zunächst ihr kurz- und mittelfristiges Überleben sichern
müssen, bevor sie sich längerfristigen Optionen öffnen können, schlägt sich auf einer praktischen und ökonomischen Ebene daher einfach auch in einer ganz spezifischen
Verteilung der begrenzten finanziellen Mittel nieder. Es bleibt eine spannende und herausfordernde Frage, ob eine kollektive Hinwendung zur körperlichen Unsterblichkeit
aber tatsächlich die finanziellen Grenzen unseres Gesundheitssystems sprengen würde, wie es von Kritikern immer wieder einmal gerne eingeworfen wird, denn beispielsweise
die Erfahrungen aus der Anti Aging-Medizin mit deren grundsätzlicher Orientierung am ressourcensparenden Gedanken der Prävention deuten an, daß es sich dabei um einen
zwar naheliegenden aber letztlich doch irreführenden Fehlschluß handeln könnte.
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