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Die Titelgeschichten von Heft 8 des populärwissenschaftlichen Magazins ‘Wissen’ der Süddeutschen Zeitung, das noch bis Ende April an den Kiosken
käuflich zu erwerben ist, beschäftigen sich unter der Überschrift ‘100 Jahre - na und?’ aus verschiedenen Blickwinkeln mit den aktuellen Perspektiven der biomedizinischen Alterns- und Langlebigkeitsforschung. Das Titelcover zeigt eine hintergründig lächelnde alte Frau mit markant rot geschminkten Lippen. Mit der Parole ‘Mut zum Alter’ gibt das Editorial die Leitlinie für die Aufarbeitung des ganzen Themas vor. Ein einführender Prolog skizziert die Schwerpunkte der insgesamt fünf eigenständigen Beiträge und steigt mit einem Woody Allen-Zitat ein. Die längere Übersicht zum inhaltlichen Einstieg bringt eine gute Übersicht über die Bedeutung der Kalorienrestriktion, von Genfaktoren, Telomeren (in einem Einschub), Wachstumshormonen oder des Lebensstils für die Langlebigkeit, ohne allerdings in die Tiefe von Details oder wissenschaftlicher Theorien zu gehen. In einem weiteren Einschub wird die evolutionäre Plastizität des Alterns anhand verschiedener Beispiele dargestellt. Resümé zum Schluss: Es gibt keine Patent- oder Univeralrezepte, um ein hohes Alter zu errreichen, da der individuelle Weg, die individuellen Umstände zählen und weil letztlich SÄMTLICHE positiven wie negativen Faktoren einer gesamten Biographie zu Buche schlagen: ‘Allein individuelle Wege führen vermutlich ins höchste Greisenalter, abgestimmt auf Ernährung, Krankheiten und Umwelteinflüsse in der gesamten Biographie: eine schlechte Nachricht für jene, die erst im Alter ans Altern denken.’ (S. 25)
Im zweiten Text werden die Bedingungen der statistischen Häufung von Langlebigkeit auf Sardinien dargestellt bzw. wissenschaftliche
Untersuchungen, die sich diesem größerenteils noch unverstandenen Phänomen widmen. Darin eingebaut ist das Portrait eines 106-jährigen: ‘Das Geheimnis ist, einfach nicht zu sterben’, wird der kichernde Alte zitiert.
Es folgt ein Interview mit dem Direktor des Max Planck-Instituts für Demographische Forschung in Rostock, Prof. James Vaupel, nach dessen Meinung es ein biologisches Höchstalter für die menschliche Lebenserwartung nicht gäbe. Auch die so weit verbreiteten Warnungen vor der
Kostenexplosion im Gesundheitswesen auf Grund steigender Lebensalter und der damit vermutlich einhergehenden Pflegekosten seien irreführend, denn ‘nur wer gesund ist, wird älter’. Er räumt allerdings ein drohendes
Rentenproblem ein, das aber vermeidbar wäre.
Der vierte Beitrag bringt ein ausführliches Portrait des britischen Biogerontologen Aubrey de Grey, wobei der Schwerpunkt mehr auf dessem persönlichen Habitus und seinen
vermuteten Ambitionen als auf seinem wissenschaftlichen Ansatz im Rahmen des SENS-Projektes (siehe Glossar) liegt. Mit ironischen bis sarkastischen Untertönen wird das Bild
eines Wissenschaftlers zwischen Genie und Wahnsinn gezeichnet, ohne daß sich der Autor für eines der beiden Extreme klar entscheiden würde, wobei die Quersumme der Sticheleien allerdings eine klare Tendenz aufweist.
Die Vorsichtigkeit der Polemik macht einem aber noch einmal bewußt, daß de Greys Bedeutung und Provokation letztlich weniger in seinen wissenschaftlichen Thesen liegt, sondern darin, daß sich hier jemand plötzlich
INNERHALB der biomedizinischen Alternsforschung für das Ziel der extremen Langlebigkeit einsetzt. Außerhalb seiner Zunft ist das weder neu noch selten. Der konservative Zuschnitt der Biogerontologie schält sich im
Kontrast nur um so deutlicher heraus, was erneut klarmacht, warum aus dieser Richtung auf absehbare Zeit angesichts der Langsamkeit innerwissenschaftlicher Veränderungen oder gar ‘Paradigmenwechsel’ wenig zu
erwarten ist.
Den Abschluß bildet ein Text des Altersforschers Prof. Paul Baltes vom Max Planck-Institut für Bildungsforschung, in dem er noch einmal seine aus früheren Veröffentlichungen bekannte Unterscheidung des dritten und des vierten Lebensalters anschaulich darstellt. Als beschreibende Differenzierung zwischen den ‘jungen Alten’ und den ‘alten Alten’ hat das sicher einen gewissen Wert, Baltes neigt aber anscheinend dazu, diese Unterscheidung zu enthistorisieren bzw. zu biologisieren, in dem er den einzelnen Lebensphasen tendenziell konkrete Lebensalter zuordnet. Dies baut letztlich auf der Annahme von fixen biologischen Obergrenzen für die menschliche Lebenserwartung auf, wobei er sich aber nicht wirklich festlegen will, wenn er an einer Stelle die Probleme des vierten Alters von ‘biologisch-kulturellen’ Schwächen abhängig sieht, da eine solche Begriffskombination die Spezifik des Einflusses der beiden Bereiche völlig offenlässt. Eine grundlegende Verwirrung über den Begriff der biologischen Plastizität kommt auch am Schluß zum Ausdruck, wenn er sie von grundlegend neuen Erkenntnissen in den Biowissenschaften abhängig macht, während letztere in Wirklichkeit gerade notwendig würden, um eventuelle GRENZEN der natürlichen Anpassungsfähigkeit im Hinblick auf die Langlebigkeit zu erweitern. Anders gesagt: die Frage steht im Raum, wie groß die biologische und evolutionäre Plastizität des Alterns tatsächlich jetzt schon ist und welche Langlebigkeitserfolge bei einer immer weiteren Verbesserung und Optimierung aller Lebensumstände tatsächlich zu erreichen sind. Es spricht einiges dafür, daß immer größere und frühere allgemeine wie biomedizinische Verbesserungen der menschlichen Lebensbedingungen zu einem immer späteren Einsetzen sowohl des dritten wie des vierten Lebensalters führen würden. Die strukturelle Unterscheidung behielte damit weiterhin ihre abstrakte Geltung, sie manifestierte sich empirisch-konkret nur in immer neuer und zeitlich verschobener Form, und man wünscht sich daher dringend einmal eine Podiumsdiskussion o.ä. zwischen den Herrn Professoren Baltes und Vaupel zu dieser entscheidenden Frage. (Zu beiden, siehe auch
News 15, die auf unterschiedliche Artikel in der ZEIT verweisen. Zu Vaupel, siehe auch die kommende News-Folge 23.) Eingebaut in diesen letzten Text ist schließlich noch
ein kleiner Einschub, der die Unsterblichkeitsversion von Ray Kurzweil in knappester Form darstellt.
An der Grundtendenz aller Beiträge, Fragen und Kommentare fällt eine positive und optimistische Grundstimmung auf, die verschiedentliche Hervorhebung von Lebensstilfaktoren sowie der immensen Bedeutung individueller Umstände für die Langlebigkeit. Kritisch muß dagegen die mehrfache unreflektierte Gleichsetzung einer potentiellen Altersüberwindung mit der generellen Überwindung des Todes gesehen werden, ein naiver bis moralisierender Evolutionismus, wie er z.B. in den einleitenden Rahmentexten, den Interviewfragen oder manchen inhaltlichen Wendungen zum Ausdruck kommt, in denen ‘die’ Evolution in den Rang eines Subjekts erhoben wird oder eine streckenweise Überschätzung von Wissenschaft und Medizin als Ursachen des seit langem bestehenden Langlebigkeitstrends in den westlichen Wohlstandsgesellschaften. Außer bei Vaupel werden dadurch auch die allgemeineren Lebensverbesserungen bzw. -bedrohungen unterschätzt, so daß man manchmal den Eindruck gewinnt, die Autoren verfolgten nicht die täglichen Nachrichten oder das allgemeine Weltgeschehen bzw. setzten dies nicht in Verbindung mit dem Thema der menschlichen Lebenserwartung. Insgesamt gesehen lesen sich die Texte aber sehr flüssig und informativ, wenngleich sie nicht ganz so inspirierend sind wie die kürzliche
GEO-Titelgeschichte vom Februar zum gleichen Thema, zu der sie sich aber als gute und vielfältige Ergänzung eignen. Daher auch hier: strenge Kaufempfehlung! (5 Euro, bis ca. 28. April, danach voraussichtlich nur noch beim
Verlag.)
PS. Direkt im Anschluß findet sich eine kurze graphische Übersicht von Kometen, die potentiell die Erde bedrohen, und man weiß nicht, ob es sich
dabei um einen indirekten und ironischen Kommentar zum vorangegangen Titelschwerpunkt handelt - Motto: was nutzt die Überwindung des Alterns, wenn... - oder nur eine ‘zufällige’ Redaktionsentscheidung ausdrückt.
Langlebigkeit ist auf jeden Fall sehr viel MEHR als die bloße Überwindung des Alterungsprozesses, so daß hier eine dauerhafte und genaue Differenzierung auch so wichtig ist, wenngleich ihr sicher eine sowohl faktische wie nicht zuletzt symbolische hohe Bedeutung zukommt.
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