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FOREVER       Magazin für Physische Unsterblichkeit

 (4. Jahrgang)                                     Besprechung

                             ZDF: ‘2030 - Aufstand der Alten’                           Die Dialektik des demographischen Alarmismus

Autor: Lothar Michael Muth ----------  Datum: 28.1.07

1. Die dreiteilige Doku-Fiction des ZDF ‘2030 - Aufstand der Alten’ über die demographische Entwicklung in Deutschland hat ein größeres aber auch sehr zwiespältiges mediales Echo hervorgerufen. Während beispielsweise die Kritiker auf SPIEGEL-Online und der ZEIT den beängstigenden Realismus der Sendung und formal innovative Aspekte des neuen Fernsehformats lobten, bei dem Fakten und Spielszenen zu einer neuen, glaubwürdigen Einheit verschmölzen, griffen andere gerade die zugrunde liegende demographische Faktenbasis als verzerrt, einseitig und rein ideologisch motiviert an. So wurde auf den nachdenkseiten.de des ehemaligen SPD-Bundestagsabgeordeten und einstigen engen Mitarbeiter der Bundeskanzler Brand und Schmidt Albrecht Müller, dessen Buch ‘Machtwahn’ seit längerem in den Bestsellerlisten steht, der Dreiteiler als einzige neoliberale Propagandasendung und kostenlose Werbung für die Versicherungswirtschaft bezeichnet. Die wolle vor allem ihre privaten Rentenzusatzversicherungen aus reinen Profitgründen unters Volk bringen und schüre daher ganz gezielt einen demographischen Alarmismus, der in dieser Weise völlig überflüssig und irreführend sei.

Diese vehemente Kritik wurde auch auf die vielen flankierenden Rahmensendungen ausgedehnt, mit denen das ZDF eine Art ‘Woche der Demographie’ ausgerufen hatte, u.a. mit zwei Beiträgen im heute-Journal, einem Frontal 21-Special, Berichten in WISO und im Morgenmagazin u.ä., aber auch auf die eine Woche zuvor in der ARD ausgestrahlte Dokumentation ‘Im Greisenland’, in der der gleiche fragwürdige Pessimismus zum Ausdruck gekommen sei. Weitere gravierende inhaltliche Einwände waren etwa Hinweise auf falsche statistische Grundlagen oder das Argument, daß es für die zukünftige Lage sowohl der älteren wie auch der jüngeren Menschen bzw. für die Sicherheit unserer Sozialsysteme und insbesondere der Renten in erster Linie auf politische und ökonomische Rahmenbedingungen, auf Verteilungsgerechtigkeit zwischen arm und reich etc. und nicht auf die demographische Entwicklung oder das abstrakte Zahlenverhältnis zwischen den Generationen ankäme. Desweiteren wurde die reduktionistische Einseitigkeit moniert, mit der selektiv nur Negativfaktoren und -prognosen ausgewählt, ausgemalt und hochgerechnet würden, die ins düstere und gewünschte Zukunftsbild passten, während man wichtige positive Faktoren wie vor allem die zukünftige technologische Entwicklung einfach wegliesse. Dies sei gerade wegen der pseudo-authentischen und halb-dokumentarischen Machart des Films besonders gefährlich, da sie die bei naiveren Zuschauern bestehenden Vorurteile oder einen allgemeinen demographischen Fatalismus verstärken könnte.

Als weitere Beispiele für mögliche positive Entwicklungen und Chancen wurden etwa genannt: Mit der sinkenden Kinderzahl sänken auch gesamtgesellschaftliche Kosten für Erziehung und Ausbildung, wie es auch nicht auf die abstrakte Größe sondern den Ausbildungsstand der nachwachsenden Generationen für die Leistungskraft der Wirtschaft ankommt, damit auf Bildungs- und nicht Bevölkerungspolitik; die schrumpfenden jüngeren Generationen könnten im Schnitt mit noch höheren Erbschaften rechnen, wovon sich wiederum vermehrt Rücklagen für’s Alter bilden liessen; eine Abnahme der Bevölkerung in einer der dichtbesiedelsten Gegenden der Erde vermindere die Umweltverschmutzung und entsprechende Ausgaben für die Beseitigung von ökologischen Folgeschäden; die älteren Generationen wären heute fitter und gesünder als frühere Alte, so daß Horrorszenarien über steigende Gesundheitsausgaben auf Grund des Langlebigkeitstrends übertrieben seien, von künftigen medizinischen Durchbrüchen ganz zu schweigen, u.ä. mehr.

Ähnlich kontrovers und in den einzelnen Aussagen und Formulierungen noch polemischer und emotional zugespitzter sind die vielen Zuschauerkommentare in den Diskussionsforen des ZDF oder auf SPIEGEL-Online , die einen breiten und erschreckenden Eindruck vermitteln, für wieviele Menschen die Zukunft - oder doch schon die Gegenwart!? - tatsächlich rabenschwarz aussieht. Allerdings ist es eher unwahrscheinlich, daß der Querschnitt der sich manifestierenden Resonanz schon ein echtes repräsentatives Meinungsbild ergibt, und vielleicht ernten die alarmistischen Medien hier auch nur DIE vergiftete Ernte, die sie seit Jahren selbst gesät haben.

2. Aus immortalistischer Perspektive kann man den meisten vorgetragenen Einwänden der ‘Nachdenkseiten’ zwar zustimmen, freilich mit der alles entscheidenden Ergänzung, daß eine konventionell linke bzw. globalisierungskritische Analyse, die sich AUSSCHLIESSLICH auf rein politisch-ökonomische, soziale oder medienkritische Aspekte beschränkt, immer nur zu kurz greifen kann. Natürlich sind die sich abzeichnenden Probleme der Demographie keine quasi-biologischen Automatismen sondern mit vielfältigen politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Realitäten verknüpft, aber im Kern der demographischen Entwicklung ist auch eine zentrale biologische Wirklichkeit mit im Spiel, die gerade die politische Linke nur allzu gerne verdrängt und wofür sie einen ständigen Preis der anhaltenden Bedeutungslosigkeit zu zahlen hat, der dann ununterbrochen bedauert und beklagt wird, wo es nicht gar zu einer ganz eigenen und mörderischen Form der Wiederkehr des Verdrängten kommt. Diese biologische Wirklichkeit ist die Sterblichkeit des einzelnen Individuums, sein stets vom Tod bedrohtes und gerade im Alter grundlegend auf den Tod zulaufendes Schicksal! Zwar ist die Ausblendung der biologisch-anthropologischen Grundnatur des Todes kein ‘Privileg’ der kritischen und undogmatischen Linken, denn sie ist dem aktuellen demographischen Diskurs allgemein inhärent und prägt auch den ZDF-Dreiteiler bzw. die Debatten darum, aber sie stellt gerade für eine Haltung, die sich humanistischen Zielen und dem Glück des einzelnen verpflichtet fühlt, eine besondere Herausforderung dar. (Die kollektistische Grundorientierung der traditionell-dogmatischen Linken wußte natürlich nichts von diesem individuellen Glück, weshalb die verschiedenen sozialistischen und kommunistischen Großprojekte der Vergangenheit auch regelmäßig zu Machtveranstaltungen einiger weniger Privilegierter degeneriert sind.)

Die Unterstellung einer generellen Todesausblendung innerhalb der Sendung oder des demographischen Diskurses mag dabei auf den ersten Blick irrig oder überzogen erscheinen, da es doch stets um Alterselend, Todesdrohung, Euthanasie, Selbstmord, tödliche Krankheiten etc. zu gehen scheint, aber ob neoliberaler (Zweck-)Pessimismus oder globalisierungskritischer Humanismus: beide Positionen focussieren sich immer nur auf die menschengemachten oder durch Menschen beeinflussbaren Begleitumstände des Alterns und des Sterbens, während sie den tieferen und eigentlichen Kern des Problems, den Tod an sich oder den natürlichen Tod, in der Regel völlig unbeachtet lassen oder sogar manchmal noch schönreden, z.B. durch die dauerhafte und unkritische Benutzung solch sprachlicher Paradoxien wie ‘in Würde sterben’, ‘würdevoller Tod’, ‘humanes Sterben’ o.ä. Gemeint sind damit letztlich nur würdevolle und humane Lebensbedingungen VOR dem Tod, und das ist ja auch tatsächlich wichtig, aber beim Sterben geht es im Kern um etwas ganz anderes, eigenes, existentielleres, und wer sich dieser grundlegenden Dimension des Geschehens nicht stellt, weicht ihm aus und bringt fundamentale Aspekte des Lebens durcheinander!

3. Der Kerneinwand sowohl gegen einen reduktionistischen demographischen Alarmismus wie auch gegen einen zu kurz greifende politische Kritik eben dieses Alarmismus läßt sich dagegen leicht anhand folgender einfacher Zahlen und Beispielrechnungen veranschaulichen: In Deutschland sterben laut Statistischem Bundesamt jedes Jahr knapp eine Million Menschen, die überwiegende Mehrheit davon an Krankheiten, die mit zunehmendem Alter exponentiell zunehmen, vor allem an Herz-Kreislauferkrankungen und Krebs. (Inwieweit es sich dabei um echte ‘Alterskrankheiten’ im eigentlichen Sinne des Wortes handelt, kann an dieser Stelle nicht diskutiert werden.) Bis zum Jahre 2030 wären damit also ca. 20 Millionen Menschen in Deutschland gestorben, falls es keine baldigen fulminanten Durchbrüche in der Medizin gibt, womit ja gerade die pessimistische Fraktion nicht rechnet. Das ist jeder vierte Einwohner des Landes, ca. jeder dritte Erwachsene über 20 oder im Schnitt knapp jeder zweite Mensch über 50, da sich die Todesfälle natürlich ungleichmäßig über die verschiedenen Generationen verteilen!! Bezieht man sich gar auf das Jahr 2050, wie es in vielen anderen demographischen Zukunftsszenarien geschieht, ist der Anteil der Bevölkerung, der nach heutiger Lebenserwartung und heutigem Alltagsverständnis AUF JEDEN FALL nicht mehr am Leben sein wird, noch viel größer und reicht in den Bereich von Zwei-Drittel-Mehrheiten.

Es ist das riesige Ausmaß und genau DIESES kollektive Individualschicksal - der in der theoretischen oder filmischen Spekulation fiktiv vorweggenommene je eigene Tod oder auch der Tod von Eltern, Großeltern, anderer Angehöriger, Partner und Freunde - der die ganzen demographischen Debatten mit existentieller Bedeutungsschwere aufläd und sie im gleichen Masse projektiv verzerrt, wie man sich bewußt und primär nicht mit diesem(!) drohenden Schicksal sondern immer nur eben mit sekundären politischen, ökonomischen oder allgemein gesellschaftlichen Faktoren und Auswirkungen beschäftigt! Vor diesem qualitativen wie quantitativen Hintergrund wird dann auch der scharfe Ton der Debatte, werden die vielen teils düster-fatalistischen, hysterisch-übertriebenen oder zynisch-pessimistischen Kommentare, wie sie z.B. Umfragen zur Rententhematik, Leserbriefspalten oder die schon erwähnten Internetforen beherrschen, völlig verständlich, weil das emotionale Alltagsbewußtsein von Massen die abstrakten Expertenaussagen über Systeme, Strukturen und gesellschaftliche Großbedingungen immer schnell ins direkte und persönliche übersetzt.

Man muß es dabei, nebenbei gesagt, gar nicht immer gleich auf den individuellen Sterblichkeitshorizont zuspitzen, um zu verstehen, warum konkrete Spekulationen über das Jahr 2030 auch bei vielen jüngeren Menschen unbehagliche Gefühle auslösen können. 2030 wäre ein heutiger 23-jähriger 46, d.h. aus der begrenzten Sicht eines normalen jungen Erwachsenen wäre seine Jugend, wären seine offene Zukunftsperspektive und alle möglichen jetzt noch unbegrenzt erscheinenden Aussichten, vorbei und verstellt (‘gestorben’), wie er es subjektiv - im Rahmen des heute dominierenden begrenzten Lebenszeitmodells - mit 46 in den entscheidenden beruflichen und privaten Karrierefeldern ‘geschafft’ haben müsste. Je krisenhafter und verschlossener er dagegen schon die Gegenwart und nahe Zukunftsaussicht erlebt, desto mehr kann er die demographische Entwicklung als Verschärfung seiner persönlichen Situation interpretieren und damit als Projektionsfläche für Probleme mißbrauchen, die im Kern mit ganz anderen Zusammenhängen und sozialen Veränderungen zu tun haben. Für einen heute 46-jährigen gilt ähnliches, denn in 23 Jahren ist sein herkömmliches Leben weitgehend ‘vorbei’, auch wenn er noch mit weiteren Jahrzehnten Leben rechnen könnte, weil oder insoweit er diese Extra-Jahre entweder gar nicht antizipierend in Rechnung stellt oder sie nicht als positiv besetzt wahrnimmt. Eine individuelle Garantie für ein höheres Lebensalter gibt es im Einzelfall sowieso nicht, so daß abstrakte Steigerungen der durchschnittlichen Lebenserwartung für den einzelnen unsicher oder bedeutungslos bleiben und damit kaum zur Basis für längerfristige Lebensmodelle und konkrete Lebensperspektiven werden können - um so weniger, je mehr man sich den Grenzbereichen des Lebens nähert.

4. Komplette projektive Untergangsszenarien, bei denen das drohende individuelle Schicksal mit dem Schicksal der Allgemeinheit verwechselt wird, entstehen dabei im Einzelfall wahrscheinlich immer dann, wenn man mehrere und zunächst unabhängige Themenfelder wie z.B. Demographie, Ökonomie, Ökologie, außenpolitische Bedrohungen u.a. zu einer geschlossenen pessimistischen Weltsicht verschmilzt. Als kritische Grundregel für sämtliche Zukunftsprognosen kann man dagegen festhalten, daß alle Hochrechnungen in die Zukunft - seien sie alarmistisch oder entlastend - die den existentiellen Faktor der Sterblichkeit des individuellen Menschen nicht explizit mit einbeziehen, grundlegende Verzerrungen aufweisen müssen und in ihren inhaltlich-sachlichen Details, abgeleiteten Interpretationen oder praktischen Schlußfolgerungen daher nur unter größtem Vorbehalt ernst genommen werden können.

Projektive Verzerrungen sind dabei allerdings keine auf den demographischen Diskurs begrenzte Eigenart sondern gerade auch in den eben schon erwähnten politischen, ökonomischen oder nicht zuletzt ökologischen Themenbereichen weit verbreitet. Analysiert man dieses Phänomen unter immortalistischen Vorzeichen etwas genauer, ergibt sich allerdings eine interessante und geradezu erstaunliche Paradoxie, denn im Grunde genommen leistet sich die Gesellschaft in der verzerrten und projektiv verdrehten kollektiven Untergangs- oder Todesbeschwörung bei gleichzeitiger Ausblendung der individuellen Sterblichkeit einen permanenten Negativ- oder Schattendiskurs in Sachen Unsterblichkeit, gerade WEIL sie fast immer nur die politisch-sozialen aber prinzipiell VERÄNDERLICHEN Faktoren der jeweiligen Problematiken diskutiert! Der Wunsch nach Unsterblichkeit liegt gewissermassen in einer unausgesprochen und vorausgesetzten Form vor, indirekt und implizit, wie die heute noch illussionäre und einseitige Konzentration auf die tatsächlich schon veränderlichen Faktoren ein konstruktives Element enthält, das es nur kritisch-analytisch herauszuarbeiten, freizulegen und von den begrenzenden Anteilen zu befreien gilt, damit es auf das tiefere und allgemeinere Problem - eben die grundlegende Sterblichkeit des Menschen - angewandt werden kann.

Man kann diese vielleicht nicht ganz einfach nachzuvollziehende Dialektik auch am ZDF-Dreiteiler belegen. Der ganze umständliche Plot, der aus dem heute schon existierenden Alterselend eine zeitlich wie räumlich ferne Zukunftsangelegenheit machen muß, unplausible Altersresidenzen in West-Afrika, als ob da nicht völlig unpassende klimatische Bedingungen für westeuropäische Senioren herrschten, eine Art Alten-KZ im Drittwelt-Land, als ob die heutigen Zustände in vielen Altenheimen nicht längst schon ein quantitativ viel größeres Ausmass besässen, eine Film- und TV-typische Räuberpistole also, in der plakative und sensationelle Aspekte eines Kriminalfalls oder politischen Komplotts zu fiktiven Misständen führen, die sonst - anscheinend - gar nicht existieren würden: das zeigt alles nur, daß man die wahre und übersoziale Natur des Alterungsprozesses nicht wahrhaben will bzw. daß man glaubt, dessen existentielle Tragik durch rein menschliches Handeln, durch Aufklärung, politische Kritik, guten Willen etc. überwinden zu können. Die Tragik oder das Elend des Alterns resultiert im Kern aber nicht aus blossen Misständen und läßt sich nicht auf die Aspekte seiner negativen Begleitumstände reduzieren. Es wird durch die psycho-sozialen oder ökonomischen Rahmenbedingungen nur zusätzlich verschärft oder umgekehrt auch abgemildert bzw. verzögert, wie der Tod eben primär kein soziales sondern ein zutiefst biologisch-existentielles Geschehen darstellt.

Auch der zumindest dramaturgisch interessant gemachte Kniff mit dem ‘M-Faktor’ zeugt nicht von tieferem Verständnis der Autoren für die Alterungsproblematik, denn er baut auf einem falschen Gegensatz zwischen individueller Lebenserwartung und subjektiv erfahrener Qualität des Lebens auf, so als ob die Länge des Lebens - gar der anhaltende kollektive Langlebigkeitstrend - in irgendeiner genetisch-körperlichen oder rein medizinischen Weise feststünde und nicht vielfältig von den übrigen Lebensbedingungen abhinge. Die Menschen werden schliesslich NUR älter, wenn die Gesamtrechnung aller Lebensumstände unterm Strich immer positiver ausfällt, was nicht zuletzt von der Existenz einer Rente, eines Rentensystems, und natürlich auch von der Höhe der individuellen Rente mit beeinflusst wird, wie sie in der Vergangenheit massenhaft sehr viel früher gestorben sind, weil diese Gesamtrechung eben deutlich ungünstiger ausfiel. Eine Einheitsrente von 560 Euro, wie im Dreiteiler dargestellt, würde daher den aktuellen Langlebigkeitstrend massiv beeinträchtigen - trotzdem wäre selbst das noch sehr viel mehr als GAR KEINE RENTE, wie es in vielen Teilen der Welt heute noch und bis vor hundertfünfzig Jahren die gesamte Menschheitsgeschichte über normal ist bzw. war.

In all diesen Fehlern, Defiziten oder Ausblendungen kann man letztlich die Verdrängung der existentiellen und anthropologischen Natur des Todes aufzeigen, man kann aber auch zeigen, wie durch diese Verdrängung hindurch und in der vehementen Konzentration auf die veränderlichen Aspekte der einzelnen Misstände und Probleme der Wunsch nach Langlebigkeit und anhaltendem Glück im Diesseit vorhanden ist, wenngleich natürlich nur sehr indirekt, gebrochen und widersprüchlich, als Disposition, Maßstab und verborgene Voraussetzung der Kritik! Eine geschlossen neokonservative Behandlung des Themas hätte sonst auch die Sinn- und Trostangebote der traditionellen Religion samt entsprechender Todesakzeptanzphilosophien entscheidend mit ins Spiel bringen müssen, wovon aber nicht die Rede sein konnte.

Im übrigen ist die Existenz eines Rentensystems immer schon Ausdruck eines strukturellen ökonomischen Überschusses und fortschrittlicher sozialer Bedingungen, die in der Vergangenheit erreicht oder erkämpft worden sind, wie sich im demographischen Alarmismus tatsächlich politisch-ökonomische Krisenphänomene der Gegenwart niederschlagen (siehe oben, nachdenkseiten.de). Es ist daher sehr wohl möglich, daß sich in mittlerer Zukunft heute schon existierende soziale Krisen in der geschilderten oder ähnlichen Form weiter zuspitzen, die Kritik am demographischen Alarmismus will aber immer nur auf den zentralen Punkt hinaus, daß solche gesellschaftlichen Probleme ihre Wurzeln nicht in der demographischen Entwicklung sondern in ganz anderen Phänomenen besitzen, primär anthropologisch-existentiellen als auch sekundären politischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen. Es war einer der wenigen positiven Punkte des Dreiteilers, wenn man von der tatsächlich interessanten formalen Machart absieht, daß er die künftigen Probleme der älteren Generationen nicht nur als reines Produkt der Demographie beschrieb sondern sie zumindest ansatzweise mit dem Unterschied zwischen arm und reich, zwischen armen Alten und reichen Alten, verknüpfte. Was in dieser Hinsicht dann noch als eigenständiges und bloß ökonomisch-politisches Problem der reinen Bevölkerungsentwicklung und der blossen Alterung der Gesellschaft übrigbleiben mag, und sich wirklich von den tieferen anthropologischen Ursachen trennen lässt, behandelt man aus immortalistischer Sicht dann am besten im Kontext der ‘Langlebigkeitsdividende’, die dann sogar einmal zum geistigen, politischen wie strategischen Ausgangspunkt und Schlüssel für neue technologische Basisinnovationen und einen neuen kollektiven Innovationsschub werden könnte. Einer grundlegend pessimistischen Grundhaltung und Lebensphilosophie wird solch eine Aussicht allerdings immer verschlossen bleiben.

(Zur Langlebigkeitsdividende: siehe News 27. Zu einer konstruktiveren Deutung der demographischen Entwicklung: siehe News 26 über mehrere Texte auf SPIEGEL-Online von letztem Oktober, News 23 über ‘Kinderschwund - na und?’, einem Artikel in der ZEIT von letztem Mai und News 17 aus dem August 2005 über einen Essay von Soziologieprofessor Karl Otto Hondrich in ‘Cicero’. Einige der in dieser Besprechung vertretenen Kerngedanken finden sich aber auch schon in dem Sommer 2004 in FOREVER erschienen Artikel ‘Die Grenzen der Demographie’.

Der ZDF-Dreiteiler wird übrigens schon am 7. Februar in voller Länge das erstemal  wiederholt: 3 SAT, 14 Uhr. Eine Woche später bringt es der ZDF-Info-Kanal an drei verschiedenen Tagen. Mit vielen weiteren zukünftigen Ausstrahlungen darf gerechnet werden.)

                  

 

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