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Die SPIEGEL-Titelgeschichte vom 28.8. befasste sich unter der Überschrift ‘Lebensgefühl
Angst’ umfassend mit einem Thema, das auch unter existentiellen bzw. immortalistischen Gesichtspunkten in verschiedener Hinsicht eine Top-Priorität besitzt, sei es zur Frage des Ursprungs des
Unsterblichkeitsgedankens, seien es Aspekte der Motivation zur Langlebigkeit bis hin zu Problemen und Widerständen gegen den modernen Immortalismus überhaupt. In all diesen und angrenzenden Feldern spielt das
Phänomen der Angst eine Schlüsselrolle. Ausgehend von der aktuellen Terrorgefahr u nd den vereitelten Kofferbombenanschlägen wird die Stimmungslage der Deutschen untersucht, die zwischen Papst-Euphorie oder WM-Begeisterung, Gelassenheit, Gleichgültigkeit und den
verschiedenen jüngeren und älteren - medial geschürten - Angstkonjunkturen zu Anlässen und Themen wie Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, Kriegs- und Terrorbedrohung,
Kriminalität, BSE, Vogelgrippe, Klimawandel und ökologische Bedrohungen aller Art usw. hin- und herpendelt. Klinische, d.h. psychologisch-medizinische Aspekte der Angst werden abgehandelt und die immense
Zahl der entsprechenden Medikamentenverschreibungen und Behandlungsstunden erwähnt, die Unterscheidung zwischen Furcht und Angst erklärt etc., wobei der Autor in
der Fülle der angeführten Einzelerscheinungen sich um eine tiefere Letzterklärung der menschlichen Angst bemüht. Einerseits habe insbesondere die Geschichte der letzten 200
Jahre katastrophale kollektive Angstanlässe hervorgebracht, die noch in der Erinnerung der heute lebenden Menschen präsent seien, was auch mit der seither beschleunigten
Säkularisierung und dem Verlust von ultimativen Glaubenswahrheiten zusammenhänge. Andererseits verneint er das weit verbreitete Klischee, daß die christliche Religiosität des
mittelalterlichen Menschen tatsächlich zu einer völligen oder widerspruchsfreien Angstfreiheit geführt hätte, da das mittelalterliche Leben von einer Fülle leid- und
angstbesetzter Verhältnisse geprägt gewesen sei. Ein Teil der modernen Angstkonjunktur sei gewissermassen nur die Schattenseite der ungeheuren materiellen Fortschritte, die in
einer gesteigerten ‘Verlustangst’ beim durchschnittlichen westlich-wohlhabenden Menschen resultiere. Auf einer grundlegenderen Ebene in der Auseinandersetzung mit
religiösen Aspekten der Angst, Thesen der Existenzphilosophie, insbesondere Kierkegaard und Heideggers ‘Sein zum Tode’, und anthropologischen Fragestellungen gelangte er aber schließlich zu der Einsicht, daß die Fähigkeit und die Möglichkeit zur Angst letz tlich in der Natur des Menschen wurzele und mit seiner existentiellen
Gefährdung und prinzipiellen Sterblichkeit zu tun habe:
‘Die Grundstruktur der Zeitlichkeit, so analysiert Heidegger minutiös in seinem Hauptwerk ‘Sein und Zeit’ (1927), zwingt den Menschen zur
permanenten ‘Sorge’ um das, was auf ihn zukommt. Und diese Zukunft ist, letzten Endes, immer der Tod’. (S. 155)
Soweit liest sich der ganze Text mit großem Gewinn, wobei sein Hauptmanko eigentlich nur darin besteht, daß er diese Kernaussage
nicht deutlicher und systematischer herausstellt, was zu einer Art Hierarchisierung von Ängsten bzw. der Priorität der Todesangst hätte führen können oder sogar führen
müssen. Vielleicht ist das aber auch von einem bloß journalistischen Beitrag etwas zuviel verlangt. Die an sich interessanten und breiten Raum einnehmenden Reflexionen über die ‘german Angst’, also das weltweit verbreitete Vorurteil, daß die Deutschen
geistesgeschichtlich-kulturell oder politisch-massenpsychologisch ein besonderes Verhältnis oder gar eine besondere Nähe zur Angsterfahrung (bzw. ihrer
widersprüchlich-projektiven Abwehr?) aufweisen, hätte sich dadurch jedenfalls schon von selbst relativiert, denn als universelles Kennzeichen der menschlichen Natur sind letztlich
alle Menschen und alle Kulturen angstgefährdet. Interessant ebenso der beiläufige Hinweis, daß zuviel Angstanalyse unter Umständen selbst angstauslösend sein könnte,
ein Gedanke, der einem bei der regelmäßigen Berichterstattung für die Themen dieses Magazins nicht fremd ist, wobei es aber zur Analyse der Angst keine wirkliche Alternative
gäbe. Vielleicht ist hier das Maß und die konkrete Form in der Herangehensweise der entscheidende Faktor.
Daß ein glückliches und gelingendes Leben die Angst vor dem Tod mindere, wie es an
einer Stelle heißt, ist ein weit verbreitetes aber meist irrig interpretiertes Klischee und schon ein Widerspruch zu der an anderer Stelle vertretenen Verlustangsthypothese. Das
gelingende Leben oder Glückserfahrungen aller Art lassen den Tod nur im Augenblick vergessen und schieben ihn in eine subjektiv weite zeitliche Ferne, und sei es nur durch
materielle Überschüsse aller Art, die mit dem Lebenserfolg einhergehen und die größere Sicherheitsspielräume in der Ausschaltung angsterzeugender Umstände gewähren.
Dementsprechend schwach und ähnlich widersprüchlich ist seine Schlußwendung, da ausgerechnet die Einsicht in die prinzipielle Vergänglichkeit helfen solle, die individuelle Angstlast zu mindern...
Fazit: Der ganze Artikel ist eine perfekte Steilvorlage für das in FOREVER schon oft
erwähnte Buch des italienischen Psychoanalytikers Luigi De Marchi ‘Der Urschock - Unsere Psyche, die Kultur und der Tod’, zu dem man ihn trotz der erwähnten Schwächen
als ausgezeichnete hinführende Einleitung, inhaltliche Ergänzung und aktuelle Illustration lesen kann! Dort erfährt man nicht nur mehr sowohl über
philosophisch-politische, anthropologische und vor allem psychoexistentielle Hintergründe des Themas - gerade auch zu den Schwachstellen der oben erwähnten
Denker Heidegger und Kierkegaard - sondern u.a. auch noch etwas über die hier vermissten psychischen Gegensatzpaare Angst und Aggression bzw. Angst und Lust, die
einem bei vielen der erörterten Einzelaspekte und konkreten Problemstellungen weiterhelfen könnten. Daher also: strenge Lektüreempfehlung (‘Pflichtlektüre’) sowohl für
den SPIEGEL-Text wie natürlich auch für De Marchis Studie.
PS: Im SPIEGEL-Artikel wird auch das neuere Buch des britischen Soziologen Frank Furedi ‘The politics of fear’ (‘Die Politik der Angst’) erwähnt. In der aktuellen Ausgabe der
Zeitschrift ‘Novo’ (Nr.83) findet sich unter der Überschrift ‘Wider die moderne
Menschenverachtung!’ ein polemisches Plädoyer von Furedi gegen moderne Angst- und
Untergangspropheten aller Art, das zwar als Gegenmittel gegen tatsächliche ideologische Übertreibungen erfrischend zu lesen ist aber als ernstgemeinte Verallgemeinerung selbst
einen fragwürdigen Charakter besitzt. Wer Negativprognosen aller Art AUSSCHLIESSLICH auf ideologische oder psychologisch-projektive Phänomene reduziert, macht es sich zu
einfach, da er nicht nur die realen Schattenseiten der Moderne und die destruktiven sozialen wie politischen Potenzen des Menschen ausblendet sondern auch seine
prinzipielle Sterblichkeit unterschlägt. Mit den vielfältigen ökologischen Bedrohungsszenarien etwa muß man sich schon ernsthaft und sachlich konkret
auseinandersetzen und kann den aktuellen Bestseller von Jared Diamond ‘Kollaps’ und seine ihm zugrundeliegenden Fakten nicht nur dadurch beiseitewischen und
denunzieren, in dem man ihn in eine Auflistung hysterisch übertriebener Untergangsprophezeiungen übernimmt. Soziologen sind ja nicht gerade bekannt dafür,
daß sie das Mensch-Natur-Verhältnis adäquat beschreiben, weil ihre Stärke vor allem in der Analyse sozialer Bedingungen und Strukturen liegt. Daher tendieren sie allgemein
dazu, nicht nur die ökologische Krise sondern vor allem auch biologisch-anthropologische Ausgangsbedingungen des Menschen falsch einzuschätzen,
in dem sie vorschnell historische Veränderbarkeiten und individuelle Formbarkeiten wahrnehmen oder behaupten, wo in Wirklichkeit knochenharte Invarianten regieren. Von
einem Professor der Soziologe könnte man aber zumindest erwarten, daß er wenigstens eben die gesellschaftlichen Faktoren der von ihm kritisierten kollektiven
Bewußtseinsphänomene genauer herausarbeitet und nicht - anscheinend - seine eigenen geistigen wie materiellen Privilegien unbewußt zum Maßstab aller Dinge macht. Die
Hilflosigkeit und Naivität seines Schlußappells für einen neuen kollektiven Optimismus scheint jedenfalls in einem direkten Verhältnis weniger zu seiner analytischen Schwäche
als zu dieser Unterentwicklung von kritischer Selbstreflexion zu stehen.
Zum Thema Angst(bewältigung) seien abschließend dagegen auch noch einige prägnante Zitate von Unsterblichkeitspionier Prentice Mulford angeführt, aus dem Buch ‘Unfug des Lebens und des Sterbens’ (Fischer-Taschenbuchausgabe):
‘Verlange bisweilen, von aller Furcht befreit zu werden. Jede Sekunde solchen
Verlangens wirkt ein weniges, um dich auf immer aus der Sklaverei der Furcht zu führen. Das unendliche Bewußtsein kennt keine Furcht, und es ist dein ewiges Erbe, dem
unendlichen Bewußtsein immer näherzukommen.’ (S. 26)
‘Jeder Mensch hat seine Lieblingsfurcht - eine Krankheit, die er nie gehabt hat, aber stets
erwartet - irgend etwas, vor dessen Verlust ihm besonders graut! Jede Kleinigkeit, ein zufälliges Wort, bringt ihm diese Lieblingsfurcht mit einem Stoß ins Bewußtsein, das
durch jahrelanges Training sich allsogleich weit dem ganzen Schrecken öffnet, der wie ein Strom hereinstürzt, seinen Schaden anzurichten. Dieser Strom vibriert virtuos gerade
auf jener Saite unserer Natur, von der seit Jahren unsere Lieblingsschwäche erklingt.’ (S. 47)
‘Das beste Gebet wird bewußt und unbewußt stets sein: ‘Möge mein Glaube stetig
wachsen.’ Wer seine geistige Attitüde Krankheiten gegenüber insofern verändert, daß er sich daran gewöhnt, sie als ein Mittel des Geistes zu betrachten, alte Irrtümer -
‘Gedenksünden’ - abzuwerfen, die sich, von frühester Kindheit an absorbiert, im Fleische manifestiert haben, hört auf diese Weise langsam auf, sich mit neuen Irrtümern zu
beladen. Er beginnt im Gegenteil abzuladen und alle frühere ‘Gedankenangst’ aus sich hinauszutreiben. Die gefährliche Krankheit, die man vielleicht vor Jahren gehabt hat, hat
die Erinnerungen an eine bestimmte Furcht zurückgelassen und mit der Furcht auch den irrigen Glauben, der ihr zugrunde liegt. Dieser Irrtum, die falsche Zwangsvorstellung von
Furcht schlechthin, muß als Erinnerung alle die Jahre schädigend auf den Körper eingewirkt haben.’ (S. 94)
In seiner selbstironischen Betrachtung ‘Die Sorgen der Welt’ (S. 121 ff) beschreibt Mulford
die Launenhaftigkeit der Alltagsgedanken, die über mangelnde Entschlußkraft, Ungeduld und Eile einen Zustand der chronischen Angst heraufbeschwören. In seinem Essay ‘Eine Methode, Mut zu züchten’ (S.178 ff) schließlich singt er das Hohelied der Bedachtsamkeit als Möglichkeit noch in den kleinsten Alltagsverrichtungen ‘Mutsubstanz’ für den
psychischen Tresor zu gewinnen. Beide Essays stehen komplett im Internet auf einer Seite namens amanita.de zur Verfügung, siehe dazu auch News 11.
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