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In der Mai-Ausgabe der Zeitschrift ‘Cicero’, einem monatlich erscheinenden Magazin zu politischen und kulturellen Themen mit prominenten Autoren,
erschien ein umfangreicher Essay von Christian Illies, der sich mit den Erscheinungsformen des Todes in den heutigen Medien auseinandersetzt. Ausgangspunkt und Kernthese ist seine Annahme, daß der moderne Mensch als
‘homo faber’, als Werkzeugmacher, den Tod verdränge und daß in den medialen Inszenierungen des Todes, in Film, Fernsehen, Computerspiel..., die unaufhörliche Wiederkehr des Verdrängten stattfände. Dies bleibe aber
bedeutungslos, weil es sich dabei um einen bloßen kulturellen Artefakt handele, bei dem der Tod seine existentielle Bedrohung verliere, da er zu unserem eigenen Geschöpf würde.
Auch wenn einige Beobachtungen z.B. über die bloß symbolische Wiederkehr des Todes in den Medien oder die geistesgeschichtliche Entwicklung des
Umgangs mit der Sterblichkeit richtig sind, so führt der Text als ganzes gesehen in die Irre, da er vor allem die kompensatorische Grundnatur der Religion, die hochgradige Ambivalenz traditionell religiöser
Weltbilder, aus der die ungeheure Dynamik der Religionsgeschichte resultiert, und letztlich schon die anthropologische Ausgangssituation des Menschen völlig verkennt. Der Mensch ist nicht erst in der Moderne sondern von Anbeginn seiner
Evolution ‘homo faber’, wie dementsprechend die Entwicklung von Ich-Bewußtsein, das Illies im Einklang mit vielen anderen Autoren mit dem Todesbewußtsein verknüpft, viel weiter in die Vor- und
Frühgeschichte zurückreicht. Die Paläoanthropologie kennt sogar eine eigene Menschenform, die durch die Werkzeugbenutzung definiert wird, den ‘homo habilis’, und die ein bis zwei Millionen
Jahre in der Evolutionsgeschichte zurückdatiert ist, während ‘homo faber’ wohl mehr als eine kulturkritische und polemische Assoziation an den gleichnamigen berühmten Roman von Max Frisch gelten kann, in dem die
Entfremdung des modernen Technokraten von seiner Mitwelt beschrieben wird. Wahrscheinlich ist es schon verfehlt, Todesangst als existentielle und emotionale
Erfahrungsqualität an die Entwicklung des Ich-Bewußtseins und der kulturellen Selbstdefinitionen zu knüpfen, denn zweifellos sind höher entwickelte Tiere zu analogen
Empfindungen fähig. (Oder müßte man ihnen dafür umgekehrt schon erste Ansätze für Ich-Bewußtsein zubilligen??) Vielleicht ist es aber auch nur nötig bei diesem Thema die
philosophische Trennung von Furcht und Angst konsequent durchzuhalten, in dem ‘Furcht’ das unmittelbare selbstevident-sinnliche Gefühl und ‘Angst’ den ganzen
abstrakteren Komplex der vorgestellten und antizipierten Bedrohungen bezeichnet, obwohl diese Definition selbst angreifbar wäre, da sie letztlich einen Begriff zur Bezeichnung einer Emotion sinnwidrig verwendet!?
Der Mensch kann sich jedenfalls auf Grund seines geistigen Vermögens die Zukunft und
damit auch künftige existentielle Bedrohungen vor-stellen, ihn - auch ohne moderne Medien - imaginieren und daraufhin geistig-symbolische wie praktische Gegenmittel
ersinnen, und DAS ist im Reich des Lebendigen sicher etwas einzigartiges und neues! Die idealistische Verklärung der Vergangenheit, die Illies betreibt, in der der Mensch via
Religion angeblich besser mit dem Tod zurechtgekommen sei oder ihn ‘ertragen’ hätte, ist ein weit verbreitetes intellektuelle Stereotyp, das eine sehr oberflächliche Sicht der
historischen und geistigen Realität der Dinge widerspiegelt. Es ist die übliche Form gebildeter Menschen, den Schrecken des Todes dadurch zu neutralisieren, in dem man
ihn historisiert. In Wirklichkeit war eben die traditionelle Religion der klassische Modus der Verdrängung und geschah die Wiederkehr des Verdrängten in den unaufhörlichen
Feindbildprojektionen messianischer Bewegungen, Orthodoxien und resultierendem Glaubensterror nach innen und Religionskriegen nach außen, in denen im Namen des
‘wahren Glaubens’ die Ungläubigen zu Millionen niedergemetzelt wurden - bis eben der ganze Modus selbst aus der Zuspitzung innerer Widersprüchlichkeit an ein Ende kam. Die
Entstehung der westlichen Moderne läßt sich überhaupt nur richtig verstehen, wenn man diese ungeheure religionsgeschichtliche Dynamik zur Kenntnis nimmt, wobei man die
theoretischen und theologischen Selbstdefinitionen der religiösen Tradition keinesfalls eins zu eins für die geschichtliche und existentielle Wahrheit der Menschen selbst nehmen darf.
Der Soziologe Gerhard Schmied hat in seinem Buch ‘Sterben und Trauern in der
modernen Gesellschaft’ schon 1985 anhand verschiedener empirischer Beobachtungen angezweifel t, daß der moderne Mensch überhaupt den Tod verdränge oder ihn gar ‘tabuisiere’. Daran anknüpfend kann man sagen, daß es sogar NUR
der moderne säkularisierte Mensch ist, der den Tod als ein ewiges und irreversibles Ende kennt, während im Kontext traditionell religiöser Weltbilder der Tod bloß als Übergangs- und
Transformationsstadium in ein wie auch immer geartetes ‘ewiges Leben’ angesehen wird! Daher läßt sich auch die viel beschworene ‘Verdrängung’ des Todes in der Moderne konträr deuten, in dem erst
hier der Tod wirklich in seiner absoluten Verneinung des Lebens anerkannt wird und der moderne Mensch ihn in seiner zugespitzten weil geistig nackten
existentiellen Furcht eben an ein immer weiteres und ferneres Ende ‘verdrängt’, wenn man die fulminante und anhaltende Steigerung der durchschnittlichen Lebenserwartung
in den letzten 150 Jahren bedenkt. Erst sie gibt ja die reale und empirische Basis dafür ab, daß der Tod im heutigen Alltag tatsächlich viel seltener geworden ist, so daß eine
Verklärung der Vergangenheit immer auch eine ambivalente bis gefährliche Wertschätzung vergangenen Leid und Elends enthält. Der ganze Text erscheint so
jedenfalls wie ein aktuelles Beispiel für De Marchis entsprechendes Kapitel über die philosophische Abwehr des Todes in seinem Buch ‘Der Urschock - Unsere Psyche, die
Kultur und der Tod’, wie schon die ganze Themenwahl und Zuspitzung von Illies ein Ausweichen vor der tieferen existentiellen Dimension der Sterblichkeit des Menschen
verrät, denn natürlich sind die medialen Inszenierungen tatsächlich nur sekundäre und letztlich gefahrlos bleibende Kompensationen. Und das auch noch unter Behauptung des
Gegenteils, was es besonders ärgerlich macht, weil ganz richtige Einsichten über die anthropologische Rolle der Todesangst für die Entwicklung der menschlichen Kultur in
einen falschen Kontext gesetzt und dadurch entstellt werden. Dies legt letztlich geistige und kulturelle Regressionen in längst überwunden geglaubte vorrationale Weltbilder
nahe, und man beginnt angesichts des zweifellos hohen geistigen Niveaus des Autors zu ahnen, daß eine korrekte Wahrnehmung der existentiellen Zusammenhänge weniger
eine Frage des Intellekts sondern wohl mehr eine des Mutes und der geistigen Entschlossenheit ist. Das könnte zwar wie ein Selbstlob klingen, hat aber letztlich die
tiefere Konsequenz, daß die Wirkung solcher theoretischer Einsichten äußerst begrenzt bleiben dürfte, solange sie nicht mit einem spezifischen Prozeß der
Gemeinschaftsbildung einhergehen, der diese psychologischen Qualitäten erst fördert, stabilisiert und ihnen zur weiteren Ausbreitung verhilft.
Christian Illies ist übrigens der Bruder des ‘Generation Golf’-Autors Florian Illies. Er lehrt
Philosophie an der Universität Eindhoven. Sein Essay ist nicht im Internet einsehbar.
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