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FOREVER       Magazin für Physische Unsterblichkeit

 (2. Jahrgang)                                     Besprechung

Ist der Tod nur ein kultureller Artefakt?

Autor: Lothar Michael Muth ----------  Datum: 3.6.05

In der Mai-Ausgabe der Zeitschrift ‘Cicero’, einem monatlich erscheinenden Magazin zu politischen und kulturellen Themen mit prominenten Autoren, erschien ein umfangreicher Essay von Christian Illies, der sich mit den Erscheinungsformen des Todes in den heutigen Medien auseinandersetzt. Ausgangspunkt und Kernthese ist seine Annahme, daß der moderne Mensch als ‘homo faber’, als Werkzeugmacher, den Tod verdränge und daß in den medialen Inszenierungen des Todes, in Film, Fernsehen, Computerspiel..., die unaufhörliche Wiederkehr des Verdrängten stattfände. Dies bleibe aber bedeutungslos, weil es sich dabei um einen bloßen kulturellen Artefakt handele, bei dem der Tod seine existentielle Bedrohung verliere, da er zu unserem eigenen Geschöpf würde.

Auch wenn einige Beobachtungen z.B. über die bloß symbolische Wiederkehr des Todes in den Medien oder die geistesgeschichtliche Entwicklung des Umgangs mit der Sterblichkeit richtig sind, so führt der Text als ganzes gesehen in die Irre, da er vor allem die kompensatorische Grundnatur der Religion, die hochgradige Ambivalenz traditionell religiöser Weltbilder, aus der die ungeheure Dynamik der Religionsgeschichte resultiert, und letztlich schon die anthropologische Ausgangssituation des Menschen völlig verkennt. Der Mensch ist nicht erst in der Moderne sondern von Anbeginn Schopenhauerseiner Evolution ‘homo faber’, wie dementsprechend die Entwicklung von Ich-Bewußtsein, das Illies im Einklang mit vielen anderen Autoren mit dem Todesbewußtsein verknüpft, viel weiter in die Vor- und Frühgeschichte zurückreicht. Die Paläoanthropologie kennt sogar eine eigene Menschenform, die durch die Werkzeugbenutzung definiert wird, den ‘homo habilis’, und die ein bis zwei Millionen Jahre in der Evolutionsgeschichte zurückdatiert ist, während ‘homo faber’ wohl mehr als eine kulturkritische und polemische Assoziation an den gleichnamigen berühmten Roman von Max Frisch gelten kann, in dem die Entfremdung des modernen Technokraten von seiner Mitwelt beschrieben wird. Wahrscheinlich ist es schon verfehlt, Todesangst als existentielle und emotionale Erfahrungsqualität an die Entwicklung des Ich-Bewußtseins und der kulturellen Selbstdefinitionen zu knüpfen, denn zweifellos sind höher entwickelte Tiere zu analogen Empfindungen fähig. (Oder müßte man ihnen dafür umgekehrt schon erste Ansätze für Ich-Bewußtsein zubilligen??) Vielleicht ist es aber auch nur nötig bei diesem Thema die philosophische Trennung von Furcht und Angst konsequent durchzuhalten, in dem ‘Furcht’ das unmittelbare selbstevident-sinnliche Gefühl und ‘Angst’ den ganzen abstrakteren Komplex der vorgestellten und antizipierten Bedrohungen bezeichnet, obwohl diese Definition selbst angreifbar wäre, da sie letztlich einen Begriff zur Bezeichnung einer Emotion sinnwidrig verwendet!?

Der Mensch kann sich jedenfalls auf Grund seines geistigen Vermögens die Zukunft und damit auch künftige existentielle Bedrohungen vor-stellen, ihn - auch ohne moderne Medien - imaginieren und daraufhin geistig-symbolische wie praktische Gegenmittel ersinnen, und DAS ist im Reich des Lebendigen sicher etwas einzigartiges und neues! Die idealistische Verklärung der Vergangenheit, die Illies betreibt, in der der Mensch via Religion angeblich besser mit dem Tod zurechtgekommen sei oder ihn ‘ertragen’ hätte, ist ein weit verbreitetes intellektuelle Stereotyp, das eine sehr oberflächliche Sicht der historischen und geistigen Realität der Dinge widerspiegelt. Es ist die übliche Form gebildeter Menschen, den Schrecken des Todes dadurch zu neutralisieren, in dem man ihn historisiert. In Wirklichkeit war eben die traditionelle Religion der klassische Modus der Verdrängung und geschah die Wiederkehr des Verdrängten in den unaufhörlichen Feindbildprojektionen messianischer Bewegungen, Orthodoxien und resultierendem Glaubensterror nach innen und Religionskriegen nach außen, in denen im Namen des ‘wahren Glaubens’ die Ungläubigen zu Millionen niedergemetzelt wurden - bis eben der ganze Modus selbst aus der Zuspitzung innerer Widersprüchlichkeit an ein Ende kam. Die Entstehung der westlichen Moderne läßt sich überhaupt nur richtig verstehen, wenn man diese ungeheure religionsgeschichtliche Dynamik zur Kenntnis nimmt, wobei man die theoretischen und theologischen Selbstdefinitionen der religiösen Tradition keinesfalls eins zu eins für die geschichtliche und existentielle Wahrheit der Menschen selbst nehmen darf.

Der Soziologe Gerhard Schmied hat in seinem Buch ‘Sterben und Trauern in der modernen Gesellschaft’ schon 1985 anhand verschiedener empirischer Beobachtungen angezweifelMax Webert, daß der moderne Mensch überhaupt den Tod verdränge oder ihn gar ‘tabuisiere’. Daran anknüpfend kann man sagen, daß es sogar NUR der moderne säkularisierte Mensch ist, der den Tod als ein ewiges und irreversibles Ende kennt, während im Kontext traditionell religiöser Weltbilder der Tod bloß als Übergangs- und Transformationsstadium in ein wie auch immer geartetes ‘ewiges Leben’ angesehen wird! Daher läßt sich auch die viel beschworene ‘Verdrängung’ des Todes in der Moderne konträr deuten, in dem erst hier der Tod wirklich in seiner absoluten Verneinung des Lebens anerkannt wird und der moderne Mensch ihn in seiner zugespitzten weil geistig nackten existentiellen Furcht eben an ein immer weiteres und ferneres Ende ‘verdrängt’, wenn man die fulminante und anhaltende Steigerung der durchschnittlichen Lebenserwartung in den letzten 150 Jahren bedenkt. Erst sie gibt ja die reale und empirische Basis dafür ab, daß der Tod im heutigen Alltag tatsächlich viel seltener geworden ist, so daß eine Verklärung der Vergangenheit immer auch eine ambivalente bis gefährliche Wertschätzung vergangenen Leid und Elends enthält. Der ganze Text erscheint so jedenfalls wie ein aktuelles Beispiel für De Marchis entsprechendes Kapitel über die philosophische Abwehr des Todes in seinem Buch ‘Der Urschock - Unsere Psyche, die Kultur und der Tod’, wie schon die ganze Themenwahl und Zuspitzung von Illies ein Ausweichen vor der tieferen existentiellen Dimension der Sterblichkeit des Menschen  verrät, denn natürlich sind die medialen Inszenierungen tatsächlich nur sekundäre und letztlich gefahrlos bleibende Kompensationen. Und das auch noch unter Behauptung des Gegenteils, was es besonders ärgerlich macht, weil ganz richtige Einsichten über die anthropologische Rolle der Todesangst für die Entwicklung der menschlichen Kultur in einen falschen Kontext gesetzt und dadurch entstellt werden. Dies legt letztlich geistige und kulturelle Regressionen in längst überwunden geglaubte vorrationale Weltbilder nahe, und man beginnt angesichts des zweifellos hohen geistigen Niveaus des Autors zu ahnen, daß eine korrekte Wahrnehmung der existentiellen Zusammenhänge weniger eine Frage des Intellekts sondern wohl mehr eine des Mutes und der geistigen Entschlossenheit ist. Das könnte zwar wie ein Selbstlob klingen, hat aber letztlich die tiefere Konsequenz, daß die Wirkung solcher theoretischer Einsichten äußerst begrenzt bleiben dürfte, solange sie nicht mit einem spezifischen Prozeß der Gemeinschaftsbildung einhergehen, der diese psychologischen Qualitäten erst fördert, stabilisiert und ihnen zur weiteren Ausbreitung verhilft.

Christian Illies ist übrigens der Bruder des ‘Generation Golf’-Autors Florian Illies. Er lehrt Philosophie an der Universität Eindhoven. Sein Essay ist nicht im Internet einsehbar.

 

              

 

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