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FOREVER       Magazin für Physische Unsterblichkeit

 (3. Jahrgang)                                     Besprechung

                           ‘WIE ALT KÖNNEN WIR WERDEN?’                           (Zur GEO-Titelgeschichte 2/06)

Autor: Lothar Michael Muth ----------  Datum: 15.3.06

Die Titelgeschichte des Februarheftes von GEO 2006 brachte einen ganz ausgezeichneten und ausführlichen Bericht über neueste Entwicklungen in der biomedizinischen Alternsforschung. Schon die Überschrift: ‘Demnächst 100, 120, 150 Jahre - WIE ALT KÖNNEN WIR WERDEN? Und dabei jung bleiben.’ zu einem Foto dreier Frauenköpfe die drei verschiedene Generationen symbolisieren sollen spitzte die neuen aufregenden Perspektiven prägnant zu, in dem die vermuteten bisherigen Grenzen der maximalen Lebenserwartung in Frage gestellt werden und die Aussichten kommender Langlebigkeit mit dem Erhalt jugendlicher Gesundheit und Vitalität einhergehen sollen! (Die Überschrift im Innenteil lautet dagegen: ‘Die Biologie des Alterns - DAS METHUSALEM-PROJEKT’.)

Einleitend wurde die Wette zweier Alternsforscher, der US-Amerikaner S.Jay Olshansky und Steven Austad, von vor einigen Jahren beschrieben, inwiefern einige der im Jahre 2000 geborenen Kinder noch gesund und bei klarem Verstand das Jahr 2150 erleben werden. Die Kontrahenten wurden dabei gewissermassen als Vertreter oder Sprecher zweier gegensätzlicher Lager innerhalb der Biogerontologie charakterisiert, die grundsätzlich verschiedene Auffassungen über die maximale Lebenserwartung des Menschen und natürlich der dahinterstehenden Annahmen über die Mechanismen (nicht nur) des Alterungsprozesses überhaupt besitzen. Ausgehend von neueren Beobachtungen und Untersuchungsergebnissen etwa über extreme Langlebigkeit höher organisierter Tiere, der unvermindert anhaltenden Steigerung der durchschnittlichen Lebenserwartung beim Menschen und die sogar wieder etwas zunehmende Lebenserwartung bei Hochbetagten zieht sich folgende alles entscheidende Grundfrage wie eine Art roter Faden durch den gesamten Text: Gibt es überhaupt eine z.B. genetisch fixierte oder sonstwie biologisch-physikalisch begründbare ‘maximale Lebenserwartung’ bei Tier und Mensch oder ist das Altern evolutionär so plastisch und etwa die Genexpression so variabel, daß die konkreten Lebensumstände einen viel größeren Einfluß auf die individuelle Lebensdauer besitzen, als die Biogerontologen bislang angenommen haben!??

Insbesondere die neueren Forschungsergebnisse von Steven Austad, der die 150-Jahres-Grenze in der eingangs erwähnten Wette vertritt, über die Veränderlichkeit der maximalen Lebensspanne bei frei lebenden Tieren deuten in diese hoffnungsvolle Richtung. Die Autorin (Uta Henschel) wiederholt hier freilich in längeren Passagen Inhalte und Einsichten, die schon in einem anderen Artikel von ihr letztes Jahr in einer Ausgabe von GEO-Wissen zum Thema Zeit Verwendung gefunden hatten, siehe News 19, so insbesondere die grundlegende Herangehensweise von Austad, der besonders langlebige Tiere als idealtypische Untersuchungsobjekte für die Alternsforschung vorschlägt (anstatt besonders kurzlebige Einzeller, Würmer, Insekten oder Labormäuse) und bei denen er mittels einer selbst entwickelten Methode genannt ‘Kometenprüfung’ besonders effektive Immunfaktoren und zelluläre bzw. genetische Reparaturmechanismen isolieren will.

Auf solche vor allem genetische Selbstheilungs-, Alters- bzw. Langlebigkeitsfaktoren zielen auch andere große Vergleichsstudien an Hochbetagten in Deutschland, die die Autorin breit darstellt, wobei es hier vor allem um die Analyse und Entschlüsselung sogenannter ‘pathways’ geht, dem hochkomplexen Zusammenspiel ganz unterschiedlicher Einzelgene bei der Genexpression in Form von funktionellen Signalketten, die bei einfachen Organismen, bei Tieren wie beim Menschen zum großen Teil gleich oder ähnlich ablaufen sollen. Dies führt dann wieder zu den klassischen Ansätzen in der Biogerontologie, bei denen Ergebnisse, die an ‘Modellorganismen’ gewonnen wurden, das Verständnis und die potentielle Einflussmöglichkeite beim Alterungsprozess des Menschen erweitern sollen.

Fazit und Kritik:

Auch wenn das Altern wie in den zuletzt erwähnten Untersuchungen immer noch etwas zu deterministisch als bloße monokausale Funktion der Gene dargestellt und interpretiert wird, setzt dieser ganze Artikel doch Maßstäbe, weil er in Form der populären journalistischen Berichterstattung sehr gut aufzeigt, wie schon innerhalb der Mainstream-Gerontologie die lange Zeit wie festgezurrt wirkenden Grenzen für die maximale Lebenserwartung wackeln. Und dies in exponierter Form schon auf dem Titel herausgestellt, in einem renommierten Magazin, das vier Wochen lang an jedem Kiosk der Republik aushing! In dieser Hinsicht der prinzipiellen Grenzüberschreitung und auch gemessen am noch viel konservativer denkenden Alltagsbewußtsein, daß mit einer gewöhnlichen Höchstgrenze von 75 bis 85 Jahren rechnet, sind die optionalen gesunden und vitalen 150 Jahre nicht nur ein paar Jahrzehnte mehr als die vorsichtigen und nüchternen Wissenschaftler und Statistiker zugestehen sondern stellen einen  entscheidenden Qualitätssprung dar! 150 Jahre sind nämlich so gut wie 450 Jahre, 1500 Jahre oder 5500 Jahre, denn fällt erst einmal das Prinzip einer zeitlich engen, quasi-deterministischen oder programmierten Altersgrenze, werden erst einmal die tranceartigen Konventionen und kollektiven Suggestionen vom automatischen Altern, von Gebrechlichkeit und Tod, durchbrochen, rückt automatisch die spezifische, praktische und konkrete Beeinflussbarkeit vielfältigster äußerer und innerer Bedingungen der Langlebigkeit in den Vordergrund! Dieser qualitative Sprung zielt damit generell auch auf den tieferen geistigen, ethisch-moralischen, politischen und spirituellen Sinn der Ausrichtung an körperlicher Unsterblichkeit, die etwas mit ihrer grundlegenden Freiheits- oder Befreiungsnatur von blinden sozialen wie natürlichen Zwängen zu tun hat.

Die neueren Beobachtungen, Annahmen und Ergebnisse vor allem über extrem langlebige Tiere in freier Wildbahn untermauern dabei die alte Vermutung, wie groß in Wirklichkeit der Anteil des ungesicherten Wissens in der Alternsforschung noch ist, die anscheinend immer noch keine wissenschaftlich exakte Methode der genauen biologischen Altersbestimmung besitzt, sich schon biologisch-medizinisch mit vielfältig sekundären Indizien behelfen muß und die sich bei der unabhängigen Bestätigung des Alters eines Menschen auf die Verlässlichkeit amtlicher Statistiken, Meldeämter und Behörden stützt, mithin also auf ein NICHT-naturwissenschaftlich-medizinisches Kriterium! So sollte es auch stark zu denken geben, daß eine einzige Frau durch ihr bloßes Überleben und ohne jegliche wissenschaftlich-praktische Unterstützung aus der biomedizinischen Alternsforschung die lange Zeit in unzähligen Lehrbüchern und Artikeln verbreitete monolithische Altersgrenze von 120 Jahren zum Einsturz gebracht hat, die Französin Jeanne Louise Calment, die 1997 im Alter von 122 Jahren starb. (Am 28.2.06 meldet SPIEGEL-Online gar den Geburtstag einer zumindest vom Guiness-Buch der Rekorde anerkannten 126-jährigen Brasilianerin!) Seit dieser Zeit haben die entsprechenden Experten die ‘Grenze’ zumindest schon auf 130 hochgesetzt, siehe auch Olshansky, wobei sie Berichte in der Vergangenheit über 150-jährige, 200-jährige oder gar noch ältere Menschen tatsächlich nur wegen der fehlenden staatlich-bürokratischen Bestätigung als Spekulation, Täuschung, Betrug oder Aberglauben zurückweisen, nicht aber auf Grund biologisch-medizinischer Methoden, wie sie generell schon die anerkannten Hochbetagten in der Vergangenheit als seltene genetische Ausnahmefälle interpretierten. Mit dem Geltungsverlust der Programmtheorie zugunsten verschleißtheoretischer Ansätze wird aber auch dieses Argument im nachhinein weitgehend hinfällig, da genetischen Faktoren nur noch ein kleinerer Anteil gegenüber Lebensstil und Umweltbedingungen für die individuelle Lebenserwartung eingeräumt wird. Geht man aber nur 150 bis 200 Jahre historisch zurück, so landet man in Zeiten, in denen gar die komplette moderne Medizin und Evolutionsbiologie genausowenig existierten wie heutige verlässliche Formen der Bürokratie und in denen die große Mehrzahl aller lebenden Menschen noch Analphabeten waren. Gleiches gilt im übrigen schon für die systematische Tierbeobachtung im großen Stil wie für die Einrichtung von Zoos und Tierparks. Lehrbuchaussagen über das genaue Höchstalter insbesondere von erwiesenermassen sehr langlebigen Wildtieren sollte man daher mit großer Skepsis begegnen, denn die Beobachtungszeiträume umfassen schnell ein ganzes herkömmliches Forscherleben, wenn nicht ein vielfaches davon, wie bei der 175 Jahre alten Schildkröte ‘Harriet’ im Zoo von Brisbane, und ein 200-Jahre alter Fisch, Tiger, Elefant, Vogel oder Wal will erst einmal auch wissenschaftlich als solcher erkannt sein. Dieses grundlegende und schon methodische Problem gilt um so mehr beim Menschen, der ganz sicher zu einer der langlebigsten Spezies überhaupt gehört und der mit der mit der Fülle seiner kulturellen Überlebensstrategien ganz besondere sekundäre Reparatur- und Schutzmechanismen geschaffen hat.

Im Grunde ist die prinzipielle Möglichkeit extremer und plastischer natürlicher Langlebigkeit eine logische Konsequenz aus dem verschleißtheoretischen Paradigma, da es nur auf die statistische Quersumme aller positiven und negativen Lebensbedingungen ankommt, ob ein Organismus dauerhaft überlebt. Altern erscheint so nur als statistisches Wahrscheinlichkeitsphänomen der langfristigen Zunahme und wechselsseitigen Aufschaukelung aller möglichen und völlig heterogener Schadensereignisse im großen wie im kleinen, ob psycho-sozial oder organisch-physiologisch oder zellbiologisch oder molekulargenetisch, wobei der simple Begriff ‘Altern’ viel mehr Einheitlichkeit und innere deterministisch-systematische Notwendigkeit suggeriert als sachlich-faktisch vorzuliegen scheint. Viele haben etwa schon darauf hingewiesen, daß Tiere in der Regel einfach nur deshalb nicht besonders alt werden, weil schon die kleinste Verletzung, die kleinste Krankheit, die kleinste Widrigkeit in den äußeren Lebensbedingungen ausreichen kann, daß sie sich nicht mehr ernähren oder gegen Feinde verteidigen können. Für einen sehr langfristigen und schleichenden Alterungsprozeß fehlen ihnen dagegen die Ressourcen und Überschußpotentiale, wie sie der Mensch alleine schon durch das Prinzip vorausschauender Planung und die arbeitsteiligen Effekte sozialer Organisation aufbauen kann. Die immer wieder ins Feld geführte Fortpflanzungslogik der Evolution, nach der die Ausrichtung an der optimalen Reproduktion die individuelle Lebensdauer begrenzt, wird wahrscheinlich überschätzt bzw. falsch eingeordnet, weil Fortpflanzung gegenüber dem biologischen PRIMÄRziel Überleben schon logisch immer NACHgeordnet sein muß. Daher kann individuelle Langlebigkeit auch nicht prinzipiell gegen die Logik der Evolution sein, im Gegenteil, es kann allenfalls verschiedene natürliche Erfordernisse und daraus abgeleitete Logiken und Prinzipien geben, die miteinander in Konflikt geraten können, woraus sich dann kompliziertere Kompromissbildungen ergeben.

Sexuelle Reproduktion diene einer notwendigen Variabilität, die die Anpassung an sich verändernde Umwelten erleichtere, heißt es weiter, aber über die empirisch konkrete Frage nach der zeitlich-durchschnittlichen Schnelligkeit und Häufigkeit solcher einschneidenden Umweltveränderungen dürfte sich kaum auf einfache Weise Einigkeit herstellen lassen. Sind Umweltbedingungen aber über sehr lange naturhistorische Zeiträume stabil, bricht die tragende Säule des ganzen Arguments weg, das individuelle Langlebigkeit gewissermassen theoretisch-deduktiv verbieten will, wobei sowieso sämtliche Spezies mit einem entwickelten Großhirn und der Fähigkeit zum individuellen Lernen - und an ihrer Spitze der Mensch! - längst auf ein viel schnelleres Anpassungsprinzip an wechselnde Umwelten umgestellt haben. Induktiv-praktisch scheint das dagegen schon längst entschieden, wenn man immer mehr langlebige Organismen in der freien Wildbahn entdeckt, wie ja schon das Prinzip der sexuellen Fortpflanzung auch nur EIN natürlicher Mechanismus der Reproduktion darstellt.

Der ganze Text stellt dieses anbrechende Umdenken in der biomedizinischen Alternsforschung sehr gut heraus, wenn er z.B. auch nach den tieferen Erklärungen für die große Vielfalt der Lebensspannen im Tierreich fragt, wobei der ganze Forschungszweig letztlich nach jahrzehntelanger Arbeit in den Grundfragen noch nicht sehr viel weiter gekommen scheint: ‘Noch aber fehlt eine überzeugende Theorie, eine schlüssige Erklärung dafür, weshalb Lebewesen überhaupt gebrechlich werden und ihre körperliche Funktionen irgendwann versagen. Offenbar muss das nicht so sein. Tiere oder Pflanzen, die nicht altern, würden gegen kein Gesetz der Physik verstoßen. Das Fleisch ist nicht schwach und unweigerlich zum Verfall verdammt. Im Gegenteil: Selbstreparatur ist ein typisches Kennzeichen aller Lebewesen. Verletzungen heilen, das Leben geht weiter.’ (S.142)

Die Grundausrichtung Austads der methodischen Orientierung an erfolgreicher natürlicher Langlebigkeit frei lebender Tiere führt automatisch auch zu einer indirekten Kritik am ganzen Design des Methusalem Maus-Projekts des britischen Biogerontolgen Aubrey de Grey. Die Maus wäre danach als evolutionär auf sehr kurze Lebensspannen und hohe Nachkommenzahlen angepasstes Tier der völlig falsche ‘Modellorganismus’, wie Labor-, Zoo-, Nutz- und Haustiere generell nur eingeschränkte Aussagen über potentielle Langlebigkeit zulassen. Umgekehrt wäre aus der Perspektive des SENS-Ansatzes zu prüfen, ob die Austadsche ‘Kometenprüfung’ nicht einen zu engen Focus besitzt, in dem sie andere Alterungsmechanismen über Gebühr vernachlässigt, aber vielleicht kann man sie trotzdem in das methodische Arsenal des ganzen Konzepts integrieren, falls das nicht schon längst geschehen ist. Es stellt sich die weitere Grundsatzfrage, ob die ganze Ausrichtung an der Idee eines Modellorganismus nicht prinzipiell zu einer Fehlallokation begrenzter Forschungsmittel führt, denn es geht im tiefsten und letzten ja um die Langlebigkeit beim MENSCHEN, der schon evolutionär eine Sonderstellung besitzt, so daß die Gemeinsamkeiten mit dem übrigen Tierreich irgendwo schon biologisch-genetisch eine entscheidende Grenze aufweisen müssen! Die immer wieder pathetisch beschworenen großen genetischen Übereinstimmungen etwa mit Menschenaffen oder Säugetieren überhaupt, lassen vergessen, daß wir phänotypisch ganz gewiss einen völlig anderen und eigenen Organismus besitzen. Dies wird auch und gerade für den Alterungsprozess des Menschen Geltung besitzen, wie psychologisch und motivationell ganz sicher kleinere Erfolge beim Menschen immer ungleich größere Auswirkungen auf die öffentliche Aufmerksamkeit haben werden als scheinbare ‘Durchbrüche’ im Tier- oder Laborexperiment, siehe Jeanne Calment.

Die oben erwähnten Vergleichsuntersuchungen an Hochbetagten gehen daher wahrscheinlich in die richtige Richtung, allerdings sollten sich die Forscher vor naiven monokausalen Fehlannahmen hüten. Die 90- und 100-jährigen stellen keineswegs automatisch, wie explizit unterstellt, eine gesundheitlich-genetische Elite dar, denn sie verdanken ihr hohes Alter auch der erfolgreichen Meisterung ANDERER Lebensrisiken, die ihren unter Umständen biologisch besser ausgerüsteten Gleichaltrigen schon in früheren Jahren das Leben gekostet haben. Schließlich ist es keine Frage der Gen- oder Immunausstattung, ob man bestimmte akute oder chronische Krankheiten auf Grund des generellen Lebensstils, Autounfälle, Kriegseinsätze oder Bombenabwürfe im 2. Weltkrieg, sonstige Gewalttaten, Hunger- und Naturkatastrophen, die kollektive Dauersuggestion von Altern und Gebrechlichkeit oder andere Schicksalsschläge überlebt hat, und viele der früher umgekommenen könnten theoretisch über besonders gute Langlebigkeitsanlagen verfügt haben. Tiere in freier Wildbahn werden nur deshalb nicht sehr alt, weil eine einzige Verletzung, eine einzige kleinere Krankheit, ausreicht, dass sie sich nicht mehr ernähren können. Im direkten wie im übertragenen Sinne erfahren Menschen ebenfalls prinzipiell vermeidbare oder heilbare ‘Verletzungen’ im Rahmen ihres sozialen Lebens, die ihre Überlebensfähigkeiten zentral beeinträchtigen können, ohne dass dies mit einem automatischen biologisch-genetischen Alterungsprozess zusammenhängen muß. Die langfristige und jahrzehntelange Aufaddierung solcher negativen psychosozialen wie psychosomatischen Erfahrungen aller Art hat dabei aber altersanaloge Konsequenzen. Aus diesem Grund muß Alternsforschung beim MENSCHEN letztlich immer auf ein interdisziplinäres Projekt von natur- und verhaltenswissenschaftlicher Gerontologie hinauslaufen, wenn biogerontologische Konzepte und Visionen nicht bloß die Ignoranz und falschen Lebensstile der Menschen bedienen, d.h. (fiktiv!) kompensieren soll, um genau jenes typische ‘Unsterblichkeitsphantasma’ zu erzeugen, gegen das Geistesgrößen aller Richtungen ganz zu Recht Sturm laufen. Bei dem Massenproblem der koronaren Herzkrankheiten, Todesursache Nr. 1 in den westlichen Wohlstandsgesellschaften, kann man etwa auf High Tech-Verfahren, Medikamente, Stammzellenforschung, Transplantationen oder gar Kunstherzen setzen, man könnte aber auch erst einmal nur das immense Potential einer Lebensstiländerung ausschöpfen, was letztlich immer einfacher und praktikabler wäre (praktisch vielleicht, aber anscheinend nicht psychologisch oder soziapolitisch!?). Mit Stammzellentherapie kann man dagegen sowieso keine Kriege verhindern, und dieses Prinzip gilt für viele andere prinzipielle Todesursachen auch. Projekte à la SENS, die die Grenze der vermuteten maximalen Lebenserwartung künstlich hinausschieben wollen, machen einfach noch nicht viel Sinn, wenn der Durchschnitt der Bevölkerung selbst in den wohlhabenden Ländern noch nicht einmal zwei Drittel jenes Alters erreicht, das JETZT SCHON von konservativ rechnenden Experten als maximale Höchstgrenze zugestanden wird. Ein bestimmter biogerontologischer Diskurs, der diese Durchschnittsalter daher umstandslos als ‘biologische’ definiert, die es mit künstlich-naturwissenschaftlichen Mitteln zu verändern gälte, gerät unter der Hand zur ideologischen Rechtfertigung aller möglichen falschen Lebensbedingungen, die längst ohne medizinische Intervention beeinflussbar wären. Umgekehrt würden alle Versuche der künstlichen Lebensverlängerung automatisch an nicht-biologische Grenzen stoßen und die Wirksamkeit und Effektivität potentieller neuer Verfahren entscheidend beeinträchtigen. Daher läge es auch im Interesse der biomedizinischen Optionen allein schon unter methodischen Gesichtspunkten hier zu einer klareren Differenzierung zu kommen. Anders gesagt: sollte es erst einmal durch die immer weitere Verbesserung und Zivilisierung der Lebensumstände MILLIONEN vitaler 100-jähriger geben - statt wie in Deutschland nur oder immerhin schon 50000 bis 100000 - ist die Wahrscheinlichkeit groß, daß noch ganz andere Altersrekorde ganz von alleine fallen werden, auf Grund bloßer statistischer Zusammenhänge und ganz ohne grundlegenden Durchbruch in der biomedizinischen Alternsforschung. Man muß daraus aber auch keine künstlichen Gegensätze konstruieren.

Abschließend sei noch auf einen besonders faszinierenden Aspekt hingewiesen, der gegen Ende des Artikels erläutert wird. Langlebigkeit in der Natur wird dort im übertragenen Sinne als ‘rettende Insel’ ganz spezifischer Hilfs- oder Schutzfaktoren des Überlebens geschildert, sei es als Isolation von Fressfeinden auf einer wirklichen Insel, sei es durch Körperform oder -größe, als besondere räumliche Nischenbildung oder durch soziale Gemeinschaftsbildung bzw. eine herausgehobene soziale Position. Dieser Grundgedanke natürlicher Langlebigkeit erinnert frappierend an ein Schlüsseltheorem der Soziologischen Anthropologie nach Professor Dieter Claessens (‘Instinkt, Psyche, Geltung’, 1968, ‘Das Konkrete und das Abstrakte’, 1980) zur Erklärung der Menschwerdung des Menschen und der Entstehung von Gesellschaft, das Eingang in die allgemeine soziologische Theoriebildung zum generellen Verhältnis von Biologie und Sozialwissenschaft gefunden hat (siehe z.B. Hartmut Esser, ‘Soziologie’, 1993). Inselbildung bzw. ‘Insulation’ wird bei Claessens als natürlicher wie sozialer Prozess der strukturierten Schutzraumentstehung beschrieben, der einerseits biologisch-evolutionär herleitbar ist, andererseits aber zur Basis für ganz neue Phänomene wird, die ihre eigenen - eben sozialen - Gesetzmäßigkeiten aufweisen. Eine historische Entwicklungslogik gestufter energetischer Niveaus bzw. Niveaus der individuellen wie kollektiven Verfügung über energetische Ressourcen kommt dabei in Gang, die sich auf allen späteren bzw. historisch jüngeren Phasen bis hin zur Moderne und aktuellen Globalisierung nachweisen läßt. Wenn individuelle Langlebigkeit generell mit dem Ausmaß der spezifischen ‘Luxurierung’ zu tun hat, dann müßte es theoriestrategisch sehr aussichtsreich sein, die stetige Zunahme des allgemeinen Wohlstandes, wie er sich auch und gerade in der zunehmenden Verfügbarkeit über Energieressourcen äußert, nicht nur mit dem anhaltenden Trend der Steigerung der DURCHSCHNITTLICHEN Lebenserwartung zu verbinden sondern diese historische Entwicklung, die in fundamentalen anthropologischen Ausgangsbedingungen der menschlichen Natur wurzelt, auch noch auf die potentiell immer weiter gehende Ausweitung der MAXIMALEN Lebensspanne auszudehnen!! Die Kehrseite dieses Gedankens, der die Perspektive der Langlebigkeit in den Kontext der grundlegend grenzüberschreitenden Natur des Menschen stellt, besteht dann allerdings auch darin, daß jegliche soziale Krisenphänomene, wie wir sie aktuell nur allzugut kennen, eine Beeinträchtigung der tiefsten und letzten Bestrebungen und Sehnsüchte der Menschheit zum Ausdruck bringt.

Zum Schluß sei schließlich noch das einführende Editorial des Chefredakteurs erwähnt, der den Aspekt des Willens zur Langlebigkeit betont, die aktuelle demographische Entwicklung problematisiert und gegen Ende das bekannte Woody Allen-Zitat zur Unsterblichkeit etwas gegen den Strich auslegt. Die der Titelgeschichte beigelegten Fotos sind wie immer auf dem gewohnt edlen und eindrucksvollen GEO-Niveau und lassen den käuflichen Erwerb dieser Ausgabe zusätzlich ratsam erscheinen, falls irgendwo noch das Februar-Heft erhältlich ist, z.B. beim Verlag. Dies gilt aber vor allem für den Umstand, daß der Originaltext deutlich länger und prägnanter ausfällt wie die immer noch sehr ausführliche Online-Version, die frei im Netz verfügbar ist, wobei GEO-Online im Kontext-Menü bzw. auf einer speziellen Unterseite noch weitere Texte zum Thema Altern anbietet. Die sechs Euro für die Printausgabe wären aber auch gut etwa für ein passendes Geschenk für die passende Person ausgegeben.

PS: Interessant auch der Publikationszusammenhang der Titelgeschichte, denn sie folgte auf den Januar-Titel zur Religion (‘Warum glaubt der Mensch?’), die ebenfalls in FOREVER ausführlich besprochen wurde, und ging der März-Ausgabe voran, die sich um die philosophischen Aspekte der Weisheit dreht, ein Thema, das unter dem Gesichtspunkt der Lebensqualität und der immer weiteren persönlichen Entwicklung in gewisser Weise zentral zur Langlebigkeitsorientierung dazugehört.

                  

 

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