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Seltsam, nicht wahr!? Erich Fromms Klassiker über ‘die
Kunst des Liebens’ aus dem Jahre 1956 als allererste Buchbesprechung in einem Magazin, das sich de m Projekt der physischen Unsterblichkeit verschrieben hat!?? Und dabei taucht das Buch nicht mal in der Literaturliste mit den ‘zehn Essentials’ auf!???
Nein, das wäre auch mißverständlich, denn weder ist die
Unsterblichkeit - in welcher Form auch immer - ein Thema in diesem Buch, noch hätte sich Fromm meines Wissens nach an anderer Stelle dafür ausgesprochen oder auch nur damit
beschäftigt. Im Gegenteil. In ‘Haben und Sein’, seinem berühmten Spätwerk aus den 70er Jahren, plädiert er mehr in einer Nebenbemerkung und wohl im Sinne fernöstlicher bzw.
mystischer Traditionen für die Akzeptanz der Sterblichkeit, wobei er gleichzeitig einräumt, wie schwer diese Haltung beispielsweise angesichts des Todes eines
nahestehenden Menschen zu verwirklichen sei. Die Problematik der Todesakzeptanz soll jetzt nicht weiter inhaltlich verfolgt werden, denn dafür gibt es andere und ergiebigere
Anlässe, aber man sollte Fromms Grundposition in diesem zentralen Punkt genau zur Kenntnis nehmen und beim folgenden im Hinterkopf behalten.
Ich war selbst überrascht, als ich mich dafür entschied, ‘die Kunst des Liebens’ zum
ersten Gegenstand einer Buchbesprechung zu wählen, aber der tiefere und in gewisser Weise zwingende Grund dafür ist leicht benannt und wurde auch schon in der
Titelgeschichte angedeutet. Vor den Fragen nach der Verlängerung und extremen Ausdehnung der Lebenszeit steht die Frage nach seiner Qualität, und wenn man sich
überlegt, welche Bedingungen, Faktoren oder Elemente für ‘die Qualität des Lebens’ von hoher oder gar entscheidender Bedeutung sind, dann stößt man - den romantischen
Mystifikationen Hollywoods oder des sentimentalen Schlagerkitsches etc. zum Trotz - unweige rlich auf das Phänomen der Liebe! Und man stößt eben auf Erich Fromms Buch, wenn man sachkundige und umfassende Auskunft über die Liebe sucht,
die weder traditionelle Moral predigt oder oberflächliche Klischees verbreitet, sondern auf der analytischen Höhe des geistigen Bewußtseins der Moderne angesiedelt und dabei gleichzeitig in
einfachem und verständlichem Stil gehalten ist.
Das Buch hatte seine Konjunkturen und Popularität und wurde in der
gesamten westlichen Welt vielmillionenfach aufgelegt, obwohl bezweifelt werden darf, daß es genauso oft gelesen wie gekauft (und verschenkt!) worden ist, denn dann müßten die Welt und die Gegenwart
anders aussehen. Oder wäre sie dann noch bedrückender, falls diese Einschätzung irrig wäre? Seine Essentials sind zwar schnell benannt, aber es sei doch jedem geraten, sie
sich in aller Ausführlichkeit durch eigene Lektüre anzueignen. In den meisten Buchantiquariaten dürfte ein Exemplar für wenige Euro zu haben sein, was allerdings
auch ein kleines fatales Zeichen für die zwiespältige oder begrenzte Rezeption des Werkes darstellt. So macht es gleich zu Beginn den zentralen Unterschied zwischen
wirklichem Lieben und dem verbreiteten Wunsch, GEliebt werden zu wollen, klar, woraus sich auch die Leitidee ergibt, daß Lieben tatsächlich eine Fähigkeit und
Eigenschaft ist, eben eine ‘Kunst’, und nicht nur vom passiven Glück und Zufall z.B. bei der Partnerwahl abhängt. Die traditionell unterschiedlichen Voraussetzungen und
resultierenden Handlungsorientierungen von Mann und Frau werden benannt, was im Jahre 2003 durch die Veränderungen der letzten Jahrzehnte etwas differenziert werden müßte. Selbstsucht und Selbstlieb e werden unterschieden wie generell verschiedene
Erscheinungsformen der Liebe näher betrachtet (Elternliebe, erotische Liebe, Gottesliebe etc.). Der Unterschied von sexueller Lust und Liebe wird dargestellt wie die weit verbreitete
Annahme, daß Liebe ein bloßes - z.B. innig-herzliches - Gefühl sei, kritisiert, ebenso, daß sie etwas sei, das sich bloß zwischen zwei intimen Partnern ereigne. Die tiefenpsychologischen,
sozialen, politischen bis hin zu den spirituellen Dimensionen der Liebe werden erörtert, wobei er im Schlußteil noch ein paar einschränkende Betrachtungen über den Wert solcher
theoretischer Reflexionen über die Liebe anschließt. Eine solche Reflexion habe zwar ihre prinzipielle Berechtigung, aber sie könne die PRAXIS des Liebens nicht ersetzen, der eine ganz
eigenständige Wirklichkeit zukomme und die eine authentische tagtägliche Hinwendung verlange.
Wer wenig Zeit zur Lektüre hat, dem sei zur schnellen Übersicht vor allem die Einführung
und das erste Kapitel, das Kapitel über die Selbstliebe, die Gottesliebe und dieser Schlußteil zur Praxis des Liebens empfohlen.
Im Kontext des Todes- und des Unsterblichkeitsthemas ist nun das Kapitel über die
Gottesliebe von entscheidender Bedeutung, dem Fromms religionskritische Gedanken von and erer Stelle in verdichteter Form zugrundeliegen. Er propagiert hier ein modernes, säkulares und ‘nicht-theistisches’ Gottesverständnis - im Unterschied
zum ‘atheistischen’ - in dem die Rede von ‘Gott’ nur noch eine poetisch-metaphorische Umschreibung für die Prinzipien von Liebe, Wahrheit und Gerechtigkeit darstellen soll. Das ist durchaus
interessant und erfrischend, weil ein solches Gottesverständnis auch für rationale und glaubenslos gewordene Menschen annehmbar ist, aber es stellt sich die fundamentale Frage, ob und inwieweit Fromm
hier nicht das Wesen traditioneller Religiosität im tiefsten und letzten Punkt verkennt und damit unbeachtet läßt! Gott - jetzt wieder
der ohne Anführungszeichen - ist jedenfalls im Kontext der religiösen monotheistischen Traditionen eben auch DAS Symbol für die Ewigkeit und damit der Überwindung des
Todes, aber diese zentrale Dimension von Religion mit all’ ihren Folgeaspekten für das Selbstverständnis der Gläubigen und der daraus resultierenden kollektiven und
historischen Dynamiken kommt in diesem Kapitel - und meines Wissens auch an anderer Stelle in Fromms Gesamtwerk - nicht vor!!? Ist also Erich Fromm tatsächlich der
‘Verzuckerer aller existentiellen Wahrheiten’, wie Luigi De Marchi in seinem Buch ‘Der Urschock’ kritisch zu ihm anmerkt!?? Es scheint, daß sich in diesem Kapitel wie bei Fromm überhaupt die existentiellen Grenzen der klassischen
Psychoanalyse und des Marxismus manifestieren, die ja seine beiden wichtigsten geistigen Bezugsrahmen bilden, wobei sein Versäumnis oder Defizit um so ärgerlicher ist, weil letztlich gerade das Konzept der
physischen Unsterblichkeit mit Fromms materialistischen Grundpositionen konsistent wäre! Über dieses Konsistenzverhältnis von geistigen Grundorientierungen wie auch über die existentiellen Grenzen
von klassischem Marxismus und klassischer Psychoanalyse wird generell noch viel nachzudenken sein...
Ich setze jedenfalls die Besprechung von Fromms Buch an diese prominente Stelle, um
auch daran zu erinnern, daß Unsterblichkeit um jeden Preis, die sich gegen die Liebe als äußerstem Ausdruck der Qualität des Lebens richtete, sinnlos, wertlos bis böse wäre. Den
moralisierenden Todesakzeptierern sei dabei allerdings die entscheidende Frage ins Stammbuch geschrieben, warum die so oft beschworene ‘Macht der Liebe’ nicht so groß
ist und selbstverständliche Geltung besitzt, daß sie die Menschen und das menschliche Leben in ihrem Sinne verwandelt. Anders gesagt: die emphatische Rede von der Macht
der Liebe kann nur Geltung und Gehör im Angesicht des Todes beanspruchen, wenn es um eine Liebe geht, die - tatsächlich! - stärker als der Tod wäre und den Tod überwindet!
‘Liebe’ dagegen als bloßer Zusammenschluß von ängstlichen Kleingeistern, als egozentrische Lustbefriedigung, als Egoismus zu zweit oder Gruppenegoismus, als
unendliches Geschwätz von Moralisten oder sentimentalen Träumern oder gar als rhetorisches Kampfmittel der Marketingspezialisten ist selbst des Todes, und daher gibt es
kaum eine vornehmere und wichtigere Aufgabe als diese Arten des verkleideten Todes kontinuierlich zu demaskieren!
Es ist durchaus möglich, daß die wahre und vollkommene Liebe in diesem höchsten und
allerletzten Sinne mit Todesakzeptanz zusammen fällt, wie es die Mystiker propagieren, aber zum einen bliebe dann immer noch die Frage, WAS in dieser spirituellen
Perspektive dem Tod primär anheimfallen muß - der Körper oder eine bestimmte Form der psychischen Fixierung und geistig-seelischen Identifi kation - zum anderen gibt es
keinen ärgerlicheren Widerspruch, als wenn todes- und jenseitsorientierte Menschen sich noch irgendetwas positives für dieses Leben und die diesseitige Welt erwarten. Das Liebespathos solcher Weltverbesserer
drückt damit in der Regel eine unbewußte Kritik an ihren metaphysischen Glaubensvorstellungen aus, so daß ihre persönliche wie politische Kraftlosigkeit im Diesseits und ihre Verzagtheit, wenn das Jenseits REAL
an die eigene Tür klopft, kein Wunder sind, von der furchtbaren Wiederkehr des Verdrängten ganz zu schweigen, wenn im Namen der ‘Liebe’ die schlimmsten Verbrechen begangen und gerechtfertigt werden.
Kommende Buchbesprechungen werden viel näher und konkreter beim Thema physische
Unsterblichkeit sein, aber diese hier, dieses Buch und vor allem dieses Thema mögen auf einer Meta-Ebene als Prüfstein, Maßstab und ‘Eichung’ für andere Bücher und den
Kosmos der unterschiedlichsten Inhalte und Aspekte dienen. (...)
(Anmerkung 5/05: Dieser Buchbesprechung erschien zuerst in FOREVER Nr. 1 im
September 2003. Sie endete mit einem Zitat von bzw. einem Link zu einem längeren Liebesgedicht von Friedrich Schiller - ‘Phantasie an Laura’ - das bei einer späteren
Überarbeitung im Rahmen des ‘Clubarchivs der toten Dichter’ wieder hinzugefügt werden soll.)
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