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Am 18.5. gab es in der Berliner Urania einen gut
besuchten Vortrag von Prof. Dominik Bonatz vom Institut für Vorderasiatische Altertumskunde der Freien Universität zum Thema ‘Gilgamesch - Archäologie einer unsterblichen Gestalt’. Im Anschluß wu rde im
Foyer der Urania eine Ausstellung unter dem gleichen Titel eröffnet, die von Studenten seines Instituts in einem zweisemestrigen Projektkurs ausgearbeitet und organisiert worden war. Die
Ausstellung läuft noch bis zum 9. Juni. Der Eintritt ist frei. Vortrag wie Ausstellung stell(t)en die Ausgrabungs-, Rezeptions- und Wirkungsgeschichte des sumerischen Gilgamesch-Epos vor, das als
eine der frühestens religiösen bzw. literarischen Überlieferungen der Menschheitsgeschichte gilt und in dem insbesondere auch die Suche des Helden nach Unsterblichkeit geschildert wird. Die Handlung des
Epos spielt im Zweistromland, im heutigen Irak, und reicht zurück in das dritte Jahrtausend vor Christus. Der Held der Geschichte, Gilgamesch, wird als König
von Uruk beschrieben, wobei die Forschung inzwischen davon ausgeht, daß es ca. 2600 bis 2700 vor Christus tatsächlich ein reales Vorbild für diese Figur gegeben hat, der aber
wenig mit seinem mythologischen Namensvetter zu tun hat. Eingebettet in das Gilgamesch-Epos, das also aus einer Zeit weit vor dem Alten Testament stammt, sind
auch Berichte von einer Sintflut, weshalb die Wiederentdeckung der altsumerischen Erzählung im späten 19. Jahrhundert großes Aufsehen erregte, da die Einzigartigkeit und
Autorität der Bibel durch solche geschichtlichen Vorläufer in Frage gestellt war.
Die Ausstellung widmet sich auf zehn großen Stelltafeln den verschiedensten Aspekten
des Epos, während sechs weitere große Übersichtstafeln z.B. über den historischen Rahmen der sumerischen Kultur, die Erfindung der Schrift oder die fortdauernde Wirkung
von Gilgamesch in der zeitgenössischen Kunst und Literatur informieren. Der konzeptionelle Dreh- und Angelpunkt der ganzen Ausstellung besteht denn auch genau in
dieser Gegenüberstellung von ferner Vergangenheit und aktueller Fortdauer des Mythos im Sinne der leitenden Frage, was das Epos uns heutigen Menschen noch zu sagen weiß.
Daher wurden die zehn Tafeln auch mit zehn Bildern der saarländischen Künstlerin Christel Bak-Stalter kombiniert, die sich von der mythologischen Erzählung zu einem
eigenen Gilgamesch-Zyklus inspirieren ließ und die ebenfalls zur Ausstellungseröffnung anwesend war. In ihren großformatigen mehr abstrakten als figürlichen Werken
dominieren verwaschene orange-rote erdfarbene Grundtöne, die vor allem ins rostbraune, vereinzelt ins bläuliche, tendieren und dabei insbesondere von grünen und
schwarzen Farbfragmenten umrahmt sind. Auf den ersten Blick sehr ähnlich aussehend erkennt man doch bei näherem Hinsehen in den blass-gelben, beigen oder
cremefarbenen Zeichen, die aus dem so skizzierten Hintergrund auftauchen, Figuren und Gegenstände, in denen sich schemenhaft Motive aus dem Epos wiederspiegeln. Sie
erinnern aber auch entfernt an die Keilschriften der Sumerer (siehe nebenstehende Abbildung), bei denen es sich wahrscheinlich um die früheste Schrift in der Menschheitsgeschichte überhaupt handelt und der wir
letztlich erst die Überlieferung des Mythos über einen so großen zeitlichen Abstand hinweg verdanken. Die Maltechnik bzw. die ganze Komposition veranschaulicht und
unterstreicht so mit den Mitteln der Kunst das fragmentarische Wesen der archäologischen und philologischen Forschung, die ebenfalls aus räumlich und zeitlich weit verstreuten
Bruchstücken ein stimmiges Gesamtbild einer Sache zeichnen soll, deren letzte Ursprünge sich im Nebel der Jahrtausende verlieren. Es wird dadurch aber auch die unbestimmte, geheimnisvolle und deutungsoffene Eigenart
mythologischer Inhalte angedeutet.
Das Gilgamesch-Epos schildert vor allem auch die religiöse Welt der Sumerer, wobei sich Gilgamesch gegen die Götter
erhebt, was nach den Ausstellungsmachern der tiefere Grund dafür sei, warum das Epos so modern und bleibend aktuell wirke. Drei Tafeln gegen Ende
der Ausstellung gehen näher auf Gilgameschs Suche nach Unsterblichkeit ein, die letztlich vergeblich blieb, da er einsehen mußte, daß nur der durch Taten erworbene
Ruhm des Namens fortdauernden Bestand habe: ‘Gilgamesch suchte nicht nach dem ewigen Leben, sondern nach Unsterblichkeit. Es ist ihm gelungen, sich einen Namen zu
setzen, der dauerhaft währt. So wie er handeln bis zum heutigen Tage Menschen, die Unsterblichkeit nicht im Jenseits, sondern in der Verlängerung des irdischen Lebens suchen.’
Kommentar: In gewisser Weise ließe sich Gilgamesch tatsächlich als ältester - bekannter -
Ahnherr des modernen Immortalismus ansehen, der als ‘Vorbild’ trotzdem nur bedingt taugt, da sein Schicksal tragisch und seine Suche nicht von Erfolg gekrönt war. In dem
Motiv der Tötung des Himmelsstiers läßt sich übrigens unschwer auch der Übergang von matriarchalen Gesellschaften, in denen Stierkulte eine besondere Rolle spielten, zu
patriarchalen gesellschaftlichen wie religiösen Strukturen erkennen, wie die Rolle der Frau bzw. die Rolle der Sexualität für den dramaturgischen Höhe- und Wendepunkt der
Geschichte symbolisch sehr interessant und aufschlußreich ist. Gilgamesch machte sich schließlich auf die Suche nach der Unsterblichkeit aus Trauer über den Tod seines
Freundes Enkidu, der wiederum sterben mußte, weil Gilgamesch das Begehren der Göttin Inanna zurückgewiesen hatte. Faszinierend wirkt dabei besonders die
körperlich-konkrete Form, die seine Unsterblichkeitssuche annimmt, da sie in einer geistigen und religiösen Welt spielt, die noch völlig von traditionellen Jenseits- und
Transzendenzvorstellungen beherrscht wurde, in einer Zeit, die vor die Erbauung der großen Pyramiden in Ägypten zurückreicht! Hier liegt die wahre Aktualität von
Gilgamesch und seiner Wiederentdeckung in der Moderne, und man kann daher schon die weite Verbreitung des Epos in der Vorantike als erstes stärkeres Aufkeimen einer
ganz handfesten Unsterblichkeitssehnsucht deuten, die letztlich auch allen großen Religionen zu Grunde liegt. Es ist daher schade, daß die Ausstellung - zumindest in dieser
Form - nur drei Wochen läuft, da sie in kompakter Weise ein zeitlos wichtig bleibendes Thema anschaulich aufbereitet hat. Eine Verlängerung oder Fortführung an anderer Stelle wäre zu wünschen.
PS: Die maßgebliche Übersetzung des Gilgamesch-Epos stammt von dem Altorientalisten
Albert Schott und liegt als Reclam-Ausgabe vor, aber auch die neueren und teils freieren Übersetzungen von Raoul Schrott bzw. Stefan Maul sind interessante Alternativen.
Empfehlenswerte literarische Nachdichtungen gibt es dagegen z.B. von Harold Braem (‘Der Löwe von Uruk’), Thomas R.P.Mielke (‘Gilgamesch, König von Uruk’) oder sogar als
Comic-Edition (‘Gilgamesch von Uruk’), die 1998 in einem Esslinger Verlag erschienen ist.
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