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FOREVER       Magazin für Physische Unsterblichkeit

 (4. Jahrgang)                                     Besprechung

                                   GEO-Titel: Das Paradies                                     Die Geschichte einer großen Sehnsucht

Autor: Lothar Michael Muth ----------  Datum: 17.1.07

‘Heilige Bücher haben es beschrieben, Propheten verkündet. Gelehrte haben seine Bedeutung abgewogen, Forschungsreisende es in fernen Gegenden gesucht. Und seit Jahrtausenden wird es den Menschen der unterschiedlichsten Kulturkreise versprochen, sofern sie sich nur immer strebend bemühen: das Paradies, die selige Gegenwelt, der Ursprung der Schöpfung - und das Ziel all unserer Hoffnungen und Anstrengungen.’

So beginnt die Titelgeschichte der Januarausgabe der Zeitschrift GEO, die in einem weiten inhaltlichen Bogen die Religions- und Kulturgeschichte der menschlichen Paradiesvorstellungen darstellt, von den alten Sumerern, Persern und Babyloniern, deren Lehren und Mythologien die Vorläufer und zentralen Einflüsse der biblischen Paradieserzählungen des Alten Testamentes bildeten, über die jüdisch-christlich-islamischen Traditionen, die Paradiessuche des ausgehenden Mittelalters durch Christoph Kolumbus, die allmähliche Verweltlichung der Paradiesidee in der beginnenden Neuzeit, in der die Vorstellung religiöser oder jenseitiger Paradieswelten zur Keimzelle diesseitiger Utopien oder des ‘Prinzips Hoffnung’ wurde, bis hin zu modernen New Age-Kommunen und einer visionären Deutung aktueller Globalisierungstrends, die - ‘womöglich’ - die ganze Erde in einen Ort des paradiesischen Glücks verwandelten.

Der Text vermittelt durch seine historisierende Herangehensweise und die Vielfalt der Variationen einen guten Eindruck von der grundlegenden Relativität oder kulturellen Bedingtheit der Paradiesvorstellung, wie z.B. die christliche Idee der Erbsünde und ihr fundamentaler Zusammenhang mit der lange im christlichen Abendland vorherrschenden Sexualmoral noch nicht einmal innerhalb des Christentums zwingend ist und im wesentlichen auf die Deutungen und Bibelauslegungen des Kirchenvaters Augustinus zurückgeht. Die kollektiven Imaginationen paradiesischer Zustände hat dabei immer auch die Funktion des Protestes gegen unglücklich machende soziale Bedingungen oder ihrer symbolischen Kompensation, wie der Artikel vor allem anhand der Entwicklung innerhalb des Islams und teils mit hochaktuellem politischen Bezug anschaulich demonstriert.

Der Einstieg des Autors, der die Feinschmeckerabteilung des Berliner ‘Kaufhaus des Westens’ (KaDeWe) als modernes Paradies oder kleines Schlaraffenland beschreibt, ist dabei zwar originell aber auch etwas schief, da er selbst im weiteren herausarbeitet, daß die Freuden des Paradieses nicht auf den Genuß von Essen und Trinken oder den bloßen Überfluss an Nahrungsmitteln reduziert werden können. Außerdem wäre aus der Sicht von vom Hungertod bedrohter Menschen des Mittelalters, der Antike oder der Vorgeschichte schon das Warenangebot eines heutigen Billigdiscounters ‘paradiesisch’ zu nennen, wie deren allgemeine Verfügbarkeit der Vision eines kollektiven Glückszustandes auch näherkäme als die Exclusivität des KaDeWe.

Auch die ein wenig zu ausführliche Darstellung der norditalienischen New Age-Kommune von Damanhur gegen Ende scheint unangemessen, insbesondere da er die ganze okkulte Metaphysik jener Gemeinschaft, die tief mit dem Gedanken der Reinkarnation verbunden ist, nur streift und nicht genauer herausstellt. Dadurch wirkt seine durchaus interessante und nur vielleicht etwas unpolitische Interpretation moderner Globalisierungstrends zu unvermittelt, wie es dem Text generell gut getan hätte, besser zwischen modernen Ableitungen oder Transformationen traditionell-religiöser Paradiesvorstellungen und deren Wiederkehr bzw. bloßer Fortexistenz zu unterscheiden. Schließlich ist es doch nicht nur eine wichtige sondern auch sehr weitreichende Einsicht, daß weltliche und diesseitig ausgerichtete Utopien ihre historischen wie geistesgeschichtlichen Wurzeln in religiösen und jenseitig orientierten Glaubensüberzeugungen besitzen, wobei z.B. das filmische wie literarische Phänomen der Science Fiction, das seinerseits eine neuere Bewegung wie den Transhumanismus vielfältig inspiriert, von solchen politischen oder sozialrevolutionären Utopien mitbeeinflusst wurde. Die Ausblendungen, Reduktionismen und einseitigen Zuspitzungen, die mit den jeweiligen Übersetzungs- und Transformationsprozessen einhergingen und -gehen, wären allerdings ein ganz eigenes und spannendes Kapitel.

Das Paradies kann in der Vergangenheit, an einem fernen Ort, im Jenseits aber auch in der ZUKUNFT gesucht werden, wobei die fundamentale Zukunftsorientierung des wissenschaftlich-technischen Fortschrittsglaubens, wie er in Sozialutopien vorgeformt und eben in SF-Szenarien phantastisch ausgemalt und vorweggenommen wird, letztlich in religiösen Endzeitvisionen wurzelt. Die große Verbreitung moderner Negativutopien ist auch in dieser Hinsicht kein Wunder, aber deren tiefste und letzte Ursache dürfte einen überhistorisch-allgemeineren und letztlich anthropologisch-existentiellen Grund haben. Die Zukunft einer sozialen Gemeinschaft oder gar der ganzen Menschheit mag schließlich prinzipiell offen oder zumindest interpretierfähig bleiben, bislang gewiß ist aber die Zukunft des einzelnen Individuums, die immer auf den ‘baldigen’ Tod hinausläuft, gemessen jedenfalls am kollektiven Zeithorizont! Es überrascht daher nicht, daß die traditionell-religiösen Paradiesvorstellungen untrennbar mit der Idee von Unsterblichkeit und ewigem Leben verknüpft sind, und so enthält auch der GEO-Artikel eine ganze Reihe entsprechender Hinweise, ohne ihnen allerdings schon die gebührende Aufmerksamkeit zu schenken oder gar den angemessenen analytischen Rang zuzuweisen. Einer Nebenbemerkung über die Steigerung der Lebenserwartung im Rahmen seiner Deutung der Globalisierung geht der Autor dann auch nicht mehr weiter nach, und so endet er schließlich mit einer philosophischen Allerweltsweisheit - wer gut ist, habe schon auf Erden das Paradies etc. - und hält sich eher bedeckt, was den klassischen Streit zwischen vormodernen religiösen Traditionen und aufklärerischer Religionskritik angeht...

Der moderne Immortalismus kann durch die Beschäftigung mit der Geschichte der Paradiesidee und ihrem essentiellen Gehalt auf jeden Fall lernen, daß der Wunsch nach Unsterblichkeit zutiefst mit der Frage nach dem vollkommenen Glück, der vollkommenen Gerechtigkeit oder der ewigen Harmonie verknüpft ist. Wird dieser zentrale Aspekt der zugespitzten Qualität des Lebens z.B. in der ausschliesslichen und einseitigen Ausrichtung auf die bloße Machbarkeit von Lebensverlängerung ausgeblendet oder auch nur in unzureichender bzw. unangemessener Weise berücksichtigt, sind Widerstände, Defizite und die schmerzvolle Wiederkehr des Verdrängten - z.B. in Form irrationaler Erwartungen, illussionärer Projektionen oder konflikthafter Gemeinschaftsbildung etc. - vorprogrammiert. Man kann nicht mal eben so ‘unsterblich’ werden wollen, um sich dann in 1000 und 1 leidvollen - individuellen wie kollektiven - Bedingungen gemütlich einzurichten. Wahrscheinlich ist es genau jene Unbedarftheit in psychologisch-politischer, geistig-philosophischer und ethisch-moralischer Hinsicht vieler heutiger Unsterblichkeitssucher, die schnell zu genau jener Art von Lächerlichkeit oder Befremdung in der öffentlichen Wahrnehmung führt und die ihre allgemeine Erfolgschance entscheidend beeinträchtigt, während der moderne Immortalismus genau dann eine erfolgreiche geistige wie soziale Bewegung hervorbringen wird, wenn er für die organische und menschlich glaubwürdige Verbindung von extremer Lebensverlängerung und umfassender Verbesserung aller Lebensumstände eintritt.

PS: In einem eingefügten Interview mit einem Kulturwissenschaftler wird die Paradiesidee tiefenpsychologisch aus der Vor-Lust und anthropologisch aus dem Vor-Stellungsvermögen der Sprache abgeleitet, wobei er die altbekannte Warnung vor dem Versuch der Realisierung von Utopien wiederholt, der immer nur schrecklich enden könne. Man soll solche Einwände und ihre argumentativen Begründungen sicher gut zur Kenntnis nehmen, aber da das Leben im tiefsten und letzten SOWIESO ‘schrecklich endet’, müsste eine solche Kultur- und Utopiekritik mindestens den widersprüchlich-paradoxen Gehalt des eigenen Arguments bewußt reflektieren, um auch auf einer tieferen geistigen Ebene ernstgenommen zu werden. Letztlich brauchen auch das von ihm empfohlene ‘sozialstaatliche Ernüchterungsprogramm’ oder die ‘sachliche’ Überwindung von Krankheit und Armut einen Utopieüberschuss, damit man die richtigen Motivationen, Handlungsbereitschaften und Kreativitätspotentiale freisetzen kann.

Die Titelgeschichte der Januarausgabe der populären Psychologie-Zeitschrift ‘Emotion’ zum Thema Glück dagegen versammelt vor allem eine Reihe teils oberflächlicher, teils unfruchtbarer Paradoxien à la ‘Heiterkeit des Unglücklichseins’ u.ä., wobei sich der Artikel in seiner auf Ratgeberweisheit getrimmten prätentiösen Nettigkeit schon selbst widerspricht und man seine grundlegend pessimistisch gefärbten Einsichten besser als verborgene Machtlegitimationen deuten kann. Wer schließlich Glücksmöglichkeiten im Diesseits in der Anlehnung u.a. an buddhistisches Gedankengut philosophisch so grundlegend bestreitet und allenfalls noch Tips zur rein persönlichen Glückoptimierung gibt - Widersprüchlichkeit, s.o. - der rechtfertigt letztlich doch nur die verschiedensten Unglück erzeugenden materiellen Bedingungen und Ungerechigkeiten jeglicher Art, die durchaus veränderbar wären.

Zum religiösen Begriff des Heils und dem Verhältnis von Unsterblichkeit und normativen Aspekten des Zusammenlebens, siehe auch noch die letztjährige Besprechung eines Kursbuch-Artikels über den Transhumanismus. Über neuere archäologische wie religionswissenschaftliche Befunde zur Entstehungsgeschichte der biblischen Paradieserzählung war dagegen schon anläßlich einer SPIEGEL-Titelgeschichte in News 24 zu lesen. Dort findet sich auch die Kritik an einer rein historisierenden Behandlung traditioneller Religion.

                  

 

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