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Die Ausgaben des SPIEGELS und des FOCUS berichten
zeitgleich in ihren Ausgaben vom 11.12. über die neuesten Forschungsansätze zur vermeintlichen Rotwein-Wu ndersubstanz
Resveratrol. Unter der Überschrift ‘Heilkraft des Hungerns’ (‘Rezept für die ewige Jugend’ bzw. ‘US-Forscher entwickeln Jungbrunnen-Pille’ im Inhaltsverzeichnis) fasst der SPIEGEL-Artikel
zunächst die kürzlich veröffentlichten Zwischenergebnisse einer Langzeitstudie an Rhesusaffen zur Kalorienrestriktion zusammen, über die auch schon in der New York Times vom 31.10. zu lesen war, siehe News 27. Im Anschluß wird dann ausführlich dargelegt, inwieweit Resveratrol die lebensverlängernden bzw. gesundheitsfördernden Effekte einer reduzierten
Nahrungsmittelzufuhr künstlich simuliert, ohne mit den Nachteilen des Fastens einherzugehen und welche tieferen biologisch-genetischen bzw. evolutionären
Mechanismen dabei eine entscheidende Rolle spielen könnten: ‘Die Vorstellung, das Altwerden eines Organismus mit einer simplen Pille manipulieren zu können, wurde
bisher als Quacksalberei abgetan. Sollte sich nun doch der uralte Menschheitstraum von der ewigen Jugend erfüllen?’
Der Text geht vor allem auch auf die Enzymgruppe der Sirtuine ein, die Pionierarbeiten
von Sinclair und Guarente, die unklare Frage, wie oder wieviel Resveratrol vom Organismus resorbiert wird, auf verbesserte Resveratrol-Präparate, die Firma Sirtris
Pharmaceuticals, deren Mitgründer Sinclair ist und auf Sinclairs umstrittene Selbstversuche mit dem Stoff, um gegen Ende und unter Hinweis auf die noch fehlenden klinischen Studien beim Menschen einige grundlegende Einwände aufzulisten: ‘Die
angebliche Zaubersubstanz Resveratrol ist, was manche Pharmakologen einen ‘dreckigen’ Wirkstoff nennen: Sie aktiviert nicht nur die Sirtuine, sondern zugleich eine
große Zahl von Proteinen und biochemischen Regelkreisen. (...) Ohnehin bezweifeln viele Experten, dass man etwas so Vielschichtiges wie das Altern mit einem einzigen
Wirkstoff zu beeinflussen vermag. Körperzellen verfügen über Mechanismen, mit denen sie die Wirkung einer Pille kompensieren können, gibt Donald Ingram vom National
Institute on Aging zu bedenken. Zudem müssen vermutlich verschiedene Kreisläufe gleichzeitig durch verschiedene Substanzen beeinflusst werden.’
Der FOCUS-Artikel (‘Schlemmen, picheln, länger leben’) erwähnt einleitend ebenfalls die
neuesten Ergebnisse der Resveratrol-Forschung in ihrer möglichen Auswirkung für die Behandlung der Fettleibigkeit, um dann im weiteren näher die eventuell
gesundheitsfördernde Kraft maßvollen Rotwein-Konsums im Rahmen des ‘französischen Paradoxons’ zu erörtern. (‘Französisches Paradox’ nennt die Epidemiologie den
statistisch deutlich höheren Alkohol- und Fettkonsum in Frankreich bei gleichzeitig niedrigeren Krankheits- bzw. Todesfällen, die auf Herz-/Kreislaufkrankheiten
zurückzuführen sind.) Wie der SPIEGEL-Artikel stellt der Text einige Fakten und Essentials dar, die begründeten Anlass zur Hoffnung zu geben scheine n, erwähnt z.B. die bis zu 1000 übrigen Inhaltsstoffe des Rotweins, um dann aber
schließlich ebenfalls mit ein paar Einwänden und Kritikpunkten zu enden, so z.B. zu einem grundlegenden Widerspruch in den wissenschaftlichen Ansätzen von Sirtris Pharmaceuticals und Elixier
Pharmaceuticals, der Firma von Wissenschaftskollege Leonard Guarente, oder zur Frage der Dosierung: ‘Kritik entzündet sich auch an Sinclairs Mäuseversuchen. Der Wissenschaftsunternehmer pumpte
seine Nager teils mit Resveratrol-Mengen voll, die bei einem 100 Kilo schweren Menschen umgerechnet bis zu 18,6 Gramm täglich entsprächen. ‘Hat etwa irgend jemand Bedenken’’ fragt der Freiburger
Experte Joachim Schröder auf seiner Internet-Seite ironisch. Denn: Abgesehen davon, dass sich kein Mensch eine solche Dosis durch Picheln zuführen könnte - es wären fast
1000 Flaschen erforderlich - , niemand weiß, welche Folgen ein derartiges Quantum langfristig für den Körper hätte.’
Kommentar: Man könnte hinzufügen, daß zumindest die Folgen einer solch extremen
Hochdosierung für den Geldbeutel durchaus schon absehbar wären, denn wenn man für 100 Milligramm zur Zeit mindestens 1 Euro zahlen muß, dann käme man selbst bei
preiswerteren Anbietern in Übersee, größeren Rabatten oder einem deutlich geringeren Körpergewicht immer noch in die immense Größenordnung von jenseits der 30 bis 40
Euro pro TAG, also mehr als 1000 Euro pro Monat, wenn man tatsächlich diese Dosierung für einen signifikanten medizinischen Effekt zugrunde legen müsste! Soviel kostet etwa
auch eine dauerhafte Hormonersatztherapie, deren Nutzen auf Grund der Risiken von Nebenwirkungen ebenfalls umstritten ist, und für eine solch immense dauerhafte
Ausgabe, die sich ja über Jahrzehnte immer weiter aufsummiert, sind die wissenschaftlichen Ergebnisse einfach noch zu dünn und das immanente
Lebensverlängerungsversprechen viel zu gering. Käme man dagegen mit deutlich niedrigeren Dosen aus und lassen sich langfristige schädliche Nebenwirkungen sicher ausschliessen, sähe eine Gesamtbeurteilung dagegen anders aus. Zum gegenwärtigen
Zeitpunkt ist es aber weder in der einen noch in der anderen Richtung zu entscheiden. (Zu den sozialen Konsequenzen unterschiedlicher Dosierungen, siehe auch die
entsprechende Passage in einem Kommentar vom 7.11. zu einem früheren Artikel auf SPIEGEL-Online zum Thema in News 27.)
Die Aufregung um die vermeintliche oder tatsächliche Verjüngungspotenz von
Resveratrol unterstreicht dabei indirekt auch noch einmal deutlich die mangelnde Attraktivität der Kalorienrestriktion als praktische Verjüngungsmethode.
Nahrungsaufnahme besitzt eben nicht nur medizinisch-physiologische sondern auch komplexe soziale und psychologische Aspekte, ein kleines konkretes Beispiel, wie Lebensverlängerung und die Frage der Lebensqualität untrennbar ineinander verzahnt
sind. Außerdem wird zumeist völlig davon abgesehen, daß die Menge der ‘notwendigen’ Nahrung keine statisch-fixe Größe darstellt sondern natürlich komplett von den
unaufhörlich wechselnden Lebensumständen, den individuellen Energieverausgabungen, abhängig ist. Man vergleiche nur den Energieumsatz von Couchpotatoes mit dem von
Büroarbeitern, von Handarbeitern, Hochleistungssportlern usw., wobei auch dieser Hinweis schon mit reduktionistischen Stereotypen operiert, die nur den Grundgedanken illustrieren sollen.
Das der ganzen Resveratrol- bzw. Sirtuinen-Forschung zugrundeliegende Konzept der
caloric restriction erscheint schließlich völlig vage bzw. relativ, denn bei der Grundannahme, daß es gesundheitlich vorteilhaft sei, ‘weniger’ zu essen, taucht sofort
die Frage auf: weniger ALS WAS, die Frage nach dem Maßstab, dem Bezugssystem also! In einer Gesellschaft von Übergewichtigen mit all’ den aus dem Übergewicht
resultierenden Folgekrankheiten ist eine gezielte und maßvolle Beschränkung sicherlich gesundheitsfördern und damit - indirekt - auch lebensverlängernd. Die unkritische,
abstrakte und kontextfreie Verabsolutierung dieses Prinzips scheint dagegen völlig in die Irre zu führen und fast schon frivol zu sein angesichts einer Welt, in der immer noch jedes
Jahr Millionen von Menschen verhungern oder angesichts der gesamten Menschheitsgeschichte und -vorgeschichte, in der Nahrungsmangel bzw. die Folgen des
Hungerns wahrscheinlich die Todesursache Nr. 1 darstellten. Die allgemeine Wahrheit zur richtigen Ernährung dürfte daher ‘schlicht’ folgendermassen lauten: es gibt ein
optimales Maß an Nahrungsaufnahme sowohl hinsichtlich der Nahrungsmenge wie der Art und Qualität der aufgenommenen Lebensmittel, aber dieses Maß ist zum einen
individuell sehr verschieden und stellt zum anderen nur ein dynamisches Fließgleichgewicht dar, da die richtige Menge und die richtige Zusammensetzung sich je
nach wechselnden inneren wie äußeren Lebensumständen ständig verändert. (Fernöstliche Ernährungslehren betonen beispielsweise u.a. die unterschiedlichen Nahrungsanforderungen im Wec hsel von Klima und Jahreszeiten, die moderne Chronobiologie weist dagegen auf circadiane Rhythmen hin, die mit der Verdauung korrelieren, die Psychosomatik auf
Stressfolgen usw.)
Statt eindimensionaler und monokausaler Pille, statt externe und grob-schematische Wissenschaft, ist daher primär die höchst subjektive eigene Intuition und die eigenverantwortete
(Ernährungs-)Praxis angesagt. In die kann dann durchaus solch abstraktes Wissen oder können solche medizinischen Hilfsmittel abgewogen miteinfliessen, vorausgesetzt der
einzelne ist fähig, die Vorläufigkeit oder sogar Fragwürdigkeit bestimmter Forschungsergebnisse bzw. Hypothesen kritisch zu reflektieren, um eventuell ein bewußt
kalkuliertes Risiko eingehen zu können, das ja tatsächlich auch eine große Chance enthalten mag. Die Ebenen der Intuition und der Eigenverantwortung lassen sich aber
dadurch nie ersetzen. Eine Pille, die bloß die positiven Folgen eines gesundheitsbewußten Lebensstils simuliert oder künstlich unterstützt, wäre letztlich nur
für jene Menschen sinnvoll, die tatsächlich über lange Jahre und Jahrzehnte einer eklatant ‘ungesunden’ Lebensweise gefolgt sind - das wäre ja sowieso erst einmal
genauer zu definieren - und die den klaren Willen zur Umkehr besitzen. Schlanke, sportliche und ernährungsbewußte Menschen haben dagegen sowieso schon ein viel
geringeres Risiko an jenen Krankheiten zu sterben, die Resveratrol-Gaben mitverhüten sollen. Sie können den präventiven Effekt allerdings nicht zweimal erhalten bzw. der
potentielle Lebensverlängerungseffekt ist bei ihnen so viel geringer, daß sich zumindest die individuelle Kosten-Nutzen-Analyse (Preis von Resveratrol, siehe oben) oder auch die
Risiko-Nutzen-Analyse in ihrem Fall völlig anders darstellt. Wer dagegen umgekehrt auf Grund einer eventuell tatsächlich partiell segensreichen Pille NOCH weniger auf
Ernährung oder andere Lebensstilfaktoren achtet, ‘frisst’ die lebensverlängernden Effekte gleich wieder auf, im wortwörtlichsten Sinne, wie sich auch an dieser Stelle wieder
bestätigt, daß es eben die innere Einstellung, der Wille zur Langlebigkeit, ist, die die oberste Priorität besitzen muß. Naturwissenschaftlich-medizinische Strategien führen hier
einen Kampf gegen eine Art Hydra, den sie allein nie gewinnen können; sie werden schon Schwierigkeiten bekommen, ihre Ergebnisse unterschiedlicher Vergleichsgruppen
richtig zu interpretieren, wenn sie solche psycho-sozialen Faktoren nicht methodisch miteinbeziehen, denn Arzneimittelwirkung beim Menschen vollzieht sich schließlich
immer grundsätzlich anders und komplexer als im experimentellen Tierversuch. Daher sind klinische Studien am Menschen ja auch von so entscheidender Bedeutung.
Generell hat man ein wenig das Gefühl, daß die ganze wissenschaftlich-medizinische
wie öffentliche Beachtung dieser jüngsten Forschungsergebnisse vor allem mit der Ernährungsituation in den USA, dem steigenden Übergewicht und den daraus resultierenden volkswirtschaftlichen Kosten zusammenhängt. Eine einfache und effektive
Pille gegen die Folgen des Übergewichts wäre tatsächlich der Traum aller Gesundheitspolitiker und Finanzminister - dumm nur, daß man Menschen, die überhaupt
nicht länger leben wollen, gar nicht mit dem Lebensverlängerungsargument kommen kann. Die Akzeptanz langfristig wirkender Präventionsmaßnahmen setzt letztlich immer
eine komplette innere Umkehr voraus, denn man kann Resveratrol ja auch nicht ins Trinkwasser kippen oder staatlich verordnen.
Die weitreichenden Interpretationen, die übrigens aus dem Zwischenergebnis der
Rhesusaffen-Studie abgeleitet werden, wo der Unterschied zwischen den Vergleichsgruppen bis jetzt gerade mal 3 Tiere beträgt (in Worten: drei!), sind ein
weiteres Beispiel für den fragwürdigen Umgang mit wissenschaftlichen Daten. Die alte Sache, daß es bei kleinen Fallzahlen (= 30 Tiere in zwei Gruppen zu je 15 Tieren) immer
ziemlich irreführend ist, die Ergebnisse in Prozentangaben zu präsentieren. Empirie und Statistik gaukeln so mehr an Bedeutung vor, als tatsächlich vorhanden ist, denn ein so kleiner Unterschied ist statistisch nicht signifikant und könnte ja anderen und zufälligen
Faktoren anstatt der untersuchten geschuldet sein. (Zu den Details der Studie siehe den eingangs erwähnten SPIEGEL-Text. Er ist auch auf SPIEGEL-Online kostenlos einsehbar, aber da die Redaktion ihn zu einem Bestandteil des kostenpflichtigen ‘Dossiers Unsterblichkeit’ gemacht hat, dürfte dies nur noch kurze Zeit der Fall sein.)
PS: Wer die obigen Illustrationen anklickt, kann übrigens auf drei externen Seiten noch weitere interessante Informationen zum Thema erhalten.
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