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FOREVER       Magazin für Physische Unsterblichkeit

 (4. Jahrgang)                                     Besprechung

                             ZEIT-Serie: ‘Was soll ich glauben?’                            Über den Todesursprung von Religion

       Autor: Lothar Michael Muth ----------  Datum: 12.2.07

Am 8.2. startete die Wochenzeitung ‘Die ZEIT’ unter der Titelschlagzeile ‘Was soll ich glauben?’ eine siebenteilige Serie zum ‘Fluch und Segen der Weltreligionen’. Folge 1: ‘Das Christentum. Warum es auch nach 2000 Jahren noch für Überraschungen gut ist.’ Dieser Feststellung geht der Leitartikel auf S. 1 sowie das Dossier mit drei weiteren Artikeln plus einem längeren Streitgespräch zwischen Walter Kardinal Kasper und Philosoph Peter Sloterdijk tiefer auf den Grund. Den zentralen Stellenwert von Tod und Auferstehung für die christliche Religion bringt dabei folgendes Zitat aus dem Text von Bernd Ulrich (‘Die christliche Revolution’) prägnant auf den Punkt:

‘Was ist die Essenz des christlichen Glaubens? Auf diese Frage reagieren die schwarz Gewandeten alle ähnlich, sie werfen den Kopf in den Nacken und sagen dann dasselbe, wortwörtlich: dass Gott Mensch geworden ist, am Kreuz gestorben und wieder auferstanden. Das ist es.’

Den grundlegenden Bedeutungsverlust des Christentums in der Moderne fasst Harald Martenstein in seinem kurzen und kritischen Schlußartikel (‘Ihr Christen!’) dagegen so:

‘Der Christ weiß oder ahnt, daß die Wissenschaft alle geistigen Schlachten der letzten Jahrhunderte gewonnen hat und dass seine Religion geduldet wird, solange sie sich nicht einmischt in Dinge, die sie nichts angehen.’

Am erstaunlichsten ist aber folgende Schlußpassage des Leitartikels von Thomas Assheuer (‘Am Ende ist das Wort’):

‘Aber Religionen sind nicht bloß die Bewährungshelfer der Weltgesellschaft. Sie sprechen auch über einen ‘Skandal’, der alle Menschen bewegt, obwohl keine Macht der Welt Schuld daran trägt: über Zeit und Vergänglichkeit, über ein Leiden, das aus der menschlichen Existenz selbst entsteht, aus Endlichkeit und Tod. Dafür haben die Weltreligionen eine Sprache gefunden, die durch keine andere ersetzt werden kann, erst recht nicht durch die Heilsversprechen der Ökonomie oder der Naturwissenschaften. Dieses anzuerkennen kann auch für Kritiker der Religion nur - vernünftig sein.’

An dieser Stelle kommt endlich einmal und das an prominenter Stelle und mit hoher Auflage die überhistorische und nur anthropologisch zu begründende Quelle von Religion explizit und deutlich zum Ausdruck! Schade, daß Assheuer diese Einsicht, die zweifellos auch zu den analytischen Kernaussagen des modernen Immortalismus zu rechnen ist, gleich wieder relativieren, verwässern und verdrehen muß. Die polemische Spitze gegen die ‘Heilsversprechen’ der Ökonomie und der Naturwissenschaften mag man dabei ja noch hinnehmen, aber was soll das denn heißen, die Religionen hätten angesichts der Endlichkeit und Sterblichkeit des Menschen eine unersetzbare ‘Sprache’ gefunden!?? Wie bei nichts sonst in der Welt geht es an dieser Stelle schließlich fundamental um den objektiven Wahrheitsgehalt der todestranszendierenden Aussagen traditioneller Religion, und genau an diesen religiösen Wahrheitsansprüchen, die zumindest für die Anhänger der jeweiligen Religionen immer völlig selbstverständlich waren und sind, hat sich die philosophische Aufklärung der letzten Jahrhunderte abgearbeitet und die Existenz eines unsterblichen Gottes, eines Jenseits oder die Möglichkeit von Auferstehung bzw. des Lebens nach dem Tode grundlegend verneint. Genau deshalb wiederum halten auch aktuelle Kritiker der Religion ihre vehemente Kritik aufrecht und werden sich mit solchen naiven Vermittlungsversuchen zwischen religiöser Tradition und Aufklärung nicht lange aufhalten.

Aufklärerisch und ‘vernünftig’ könnte es allenfalls sein, die existentielle Leerstelle und Todesausblendung samt aller damit verbundenen psychischen und sozialpsychologischen Mechanismen der modernen Religionskritik aufzuzeigen, wie umgekehrt die strukturelle Ambivalenz der religiösen Tradition, bei der Daseinsverneinung und Daseinsbejahung, Todesverdrängung und Unsterblichkeitshoffnung, immer nur eine unauflösliche und zuweilen mörderische Verbindung eingehen. Die bloße ‘Sprache’ der Religion, ihre mythologischen Gehalte, rituellen Formen und institutionellen Verkündigungsmuster, bleibt gegenüber dem tieferen Wahrheitsgehalt dagegen völlig indifferent, weil die zwiespältige Natur von Sprache sowohl den Kosmos des Realen als auch den des Fiktiven und des Imaginativen umfasst. (Und der Kosmos des Fiktiven umfasst selbst wiederum zwiespältige und gemischte Elemente, die von der bewußten Lüge, unbewußten Täuschung und Illussion über die Vor-stellung von künftigem und möglichem, dem Kreativen bis hin zum ‘Prinzip Hoffnung’ und visionären Menschheitsutopien reichen.)

Interessanterweise wäre gerade eine NEUE religiöse Sprache so notwendig wie möglich, die die tieferen und allgemeineren Glaubensinhalte und -ziele der traditionellen Religion mit dem Erkenntnis- und Bewußtseinsstand der Moderne versöhnt. Sie wäre notwendig, weil die Formeln, Parolen und Gleichnisse etwa der Bibel, ihr ganzer symbolischer und ritueller Kommunikationsgehalt, die Lebenswelt und den Erfahrungshorizont des antiken Menschen von vor zweitausend Jahren voraussetzt, und deshalb haben insbesondere der Religion nahestehende und ihr wohlgesonnene Kritiker schon oft auf die altertümliche und verstaubte Sprache gerade des Christentums hingewiesen, mit der der moderne Mensch nichts mehr anfangen könne. Nicht zufällig daher die vielen aktuellen wie vergangenen Versuche, z.B. die Sprachgestalt der Bibel kontinuierlich zu modernisieren und an die Gegenwart anzupassen, wobei solche Projekte aber ‘zuverlässig’ der allgemeinen Entwicklung hinterherhinken; nicht zufällig auch das wachsende Interesse an exotischen Religionen, da deren Sprach- und Symbolkanon in ihrer kulturellen Fremdheit die frische Qualität des Neuen innerlich lebendig macht. Die heutige Unangemessenheit der überkommenen religiösen Sprache ist letztlich kein Wunder, da ‘Sprache’ nur abstrakt von den Inhalten zu trennen ist, die sie transportiert, und die unauflösbar mit den spezifischen Wahrheitsansprüchen verknüpft ist, von denen weiter oben schon die Rede war. Gerade die Sprache der religiösen Tradition wäre also ersetzbar und muß auch ersetzt bzw. erneuert werden - nicht ersetzt werden z.B. durch bloße Naturwissenschaft oder Ökonomie kann dagegen ein sozialer Ort, eine soziale Institution, an dem die Menschen ihr inneres, geistiges und gemeinschaftliches Verhältnis zu den letzten Dingen regeln, zum Ursprung der Welt und der Natur des Seins, zur ethisch-moralischen Begründung und Endlichkeit des menschlichen Lebens und zur Hoffnung auf Unsterblichkeit.

Wirklich neue geistig-sprachliche wie soziale Formen von Religion setzten aber eben eine umfassende weil ZWEIFACHE Kritik voraus: die an den prärationalen und vor allem unbewußten (sozial-)psychologischen Mechanismen der religiösen Tradition und die an der zu kurz greifenden rationalistischen Religionskritik, die die vorsoziale und damit immer noch weiterbestehende Quelle von Religion ausblendet und dadurch eine neue Form von Illussion, den herrschenden weltlichen Humanismus, hervorgebracht hat. Denn es ist genau jener Humanismus, der in seinen übelsten aber letztlich auch zwangsläufigen Zerr- und Verfallsformen die Wiederkehr des Verdrängten provoziert, sei es in Form von destruktivsten politisch-ideologischen Ersatzreligionen, sei es in der Hilflosigkeit gegenüber der religiösen Restauration, sei es in der Begünstigung aller möglichen Arten von Entfremdung, Nihilismus oder Weltuntergangsvision. In der klassischen Philosophie nennt man ein solches dialektisch gestuftes Verfahren der doppelten Kritik auch ‘Negation der Negation’. Es würde erlauben, das schon seit so langem unfruchtbar gewordene Hin- und Herschwanken zwischen religiöser These und rationalistischer Antithese endlich zugunsten einer neuen und wirklich tragfähigen Synthese zu überwinden. Wer will, kann diese neue Synthese auch ‘Transhumanismus’ nennen, aber bis jetzt ist das kaum mehr als ein sehr eingängiger und prägnanter Begriff, der noch mit wenig geistiger wie sozialer Substanz gefüllt ist.

PS: Am letzten Wochenende veranstaltete die ZEIT in Hamburg auch noch eine Podiumsdiskussion zum Thema, siehe den entsprechenden Bericht vom 11.2. auf SPIEGEL-Online. Über die noch junge Bewegung des Transhumanismus war in FOREVER dagegen schon im Sommer 2006 anlässlich der Besprechung eines kritischen Artikels im ‘Kursbuch’ zu lesen.

                  

 

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