Zur Startseite

Start

News

Archiv

Termine

Service

Glossar

Clubarchiv

Links

Kontakt

FOREVER       Magazin für Physische Unsterblichkeit

 (4. Jahrgang)                                     Politik

                         ‘Beendet die Diktatur der kurzen Frist!’                     Zu einem Artikel in Cicero

Autor: Lothar Michael Muth ---------- Datum: 1.6.07

‘Die Ideologie des reinen Ökonomismus programmiert unser Leben radikal auf das Hier und Jetzt. Doch extreme Kurzfristigkeit verhindert notwendige Reflexion und kluge Weichenstellungen. Kann die Koppelung von Zeit und Geld gebrochen werden? Ein Plädoyer mit sechs Vorschlägen.’

So lautet die vorangestellte Einleitung zum Essay ‘Beendet die Diktatur der kurzen Frist!’ von Michael Müller (SPD-Bundestagsabgeordneter und Staatssekretär im Bundesumweltministerium) und Andreas Troge (Präsident des Umweltbundesamtes und Professor für Umweltökonomie) in der Mai-Ausgabe des politischen Monatsmagazins ‘Cicero’. Darin arbeiten die beiden Verfasser kurz und präzise heraus, wie das herrschende Grundmuster der Ökonomie auf äußerst kurzfristige Zeithorizonte orientiert ist, was sowohl fortschreitend soziale Bindungskräfte als auch verschiedene Errungenschaften der sozialen Marktwirtschaft zerstöre:

‘Dieses Grundmuster kommt aus der angelsächsischen Wirtschaft und ist äußerst resistent gegen soziale und ökologische Modernisierungsversuche. Angetrieben von den großen Finanzinstituten wird die Koppelung von Zeit und Geld zur Diktatur der kurzen Frist. Dieses Regime belohnt schnelle Gewinne, kurzfristige Verfügbarkeit und jederzeitige Mobilität. Es widerspricht den Grundsätzen der sozialen Marktwirtschaft, die Zeit braucht, weil sie auf dem produktiven Ausgleich von Interessen aufbaut.’

Der martkwirtschaftliche pure Ökonomismus reduziere so den Menschen auf sein blosses wirtschaftliches Handeln, übersähe dabei aber längerfristige kulturelle und soziale Bedürfnisse, ökologische Begrenzungen und vor allem auch harte Machtinteressen:

‘In der Regel vermag der real existierende freie Markt kein Gleichgewicht zwischen kurz- und langfristigen Interessen zu schaffen. Und wenn es doch einmal gelingt, dann als Zufallsergebnis.’

In der Folge würden nicht nur ‘die anthropologischen Konstanten’, die vertrauensbildenden Bindungskräfte von Familie, anderer Gemeinschaften und ganzer Gesellschaften untergraben, längerfristig drohe sogar die ökologische Selbstzerstörung, wobei sich in der realen Gefahr einer Klimakatastrophe ‘der alltägliche Angriff auf die Zukunft, der unser Leben prägt’, nur besonders prägnant bündele:

‘Der Indikator Geld erfasst nämlich Langfristigkeit und Wichtigkeit nur höchst unzureichend. Und weil viele Folgen unseres Tuns oder Unterlassens bei Dritten anfallen, lohnt es sich, bei sich selbst die Vorteile anzusiedeln und die negativen Folgen bei anderen. Auf diese Weise wird vor allem die Natur belastet, weil sie in der Regel keinen Marktteilnehmer hat, der ihre Interessen wahrnimmt. Aus der Kurzfristigkeit wird Kurzsichtigkeit.’

Diese Analyse mündet gegen Ende schliesslich in sechs konkrete Vorschläge zur politischen Beendigung der ökonomischen Diktatur der kurzen Frist, da die allgemeinere Idee der Nachhaltigkeit im Kern eine ‘Zeitpolititik’ in der Gegenwart zur Folge haben müsse, die die Zukunft bewahrt: Überprüfung der Haftungsregeln für Unternehmen, stärkere Berücksichtigung von Zukunftsrisiken in Geldanlagen, verbindliche Verfahren des Umweltmanagements, zeitabhängige Gehaltsbestandteile von Managern bzw. entsprechend veränderte Stimmrechte von Aktionären, ökologische Vorbildfunktion der öffentlichen Hand und Mehrwertsteuerbegünstigung für ökoeffiziente Produkte. Dies alles solle im übrigen nicht auf ein Lob der Langsamkeit hinauslaufen, als blosse Reaktion auf die Beschleunigungszwänge des puren Ökonomismus, da ganz im Gegenteil Eile angesagt wäre, denn:

‘Viel Zeit haben wir nicht mehr.’

Kommentar:

Der Kerngedanke des Konflikts zwischen den Feldern der Ökonomie und der Ökologie unter dem Gesichtspunkt unterschiedlicher Zeithorizonte ist nicht neu. Man kennt ihn mindestens seit 20 Jahren aus den einschlägigen Diskussionen wenngleich selten so prägnant und komprimiert auf den Punkt gebracht wie hier, zumal von zwei so hochrangigen Vertretern des politischen Establishments. Neben der beschreibenden Analyse sind daher schon seit längerem die sich anschließenden Fragen viel interessanter, warum solche doch zunächst sehr plausibel klingenden Plädoyers in der Regel ungehört verhallen, warum also der politische Wille oder die politische Kraft fehlen, z.B. auch die hier vorgeschlagenen und an sich sinnvollen sechs Punkte tatsächlich umzusetzen, oder wo eigentlich die tieferen Ursachen der kurzfristigen ökonomischen Systemlogiken liegen!? Verfolgt man ernsthaft diese Spur, versteht man allerdings schnell, daß die vorgetragene Kritik an den kurzen Zeitperspektiven der modernen globalisierten Ökonomie selbst dem Ökonomismus verfällt, weil sie zentrale Bedingungen des Individuums ausblendet bzw. historisch-kulturelle, geistig-philosophische, psychologische und letztlich existentiell-religiöse Voraussetzungen des Problems missachtet. In Wirklichkeit resultiert die ‘Diktatur der kurzen Frist’ nämlich keineswegs aus blossen systemimmanenten Eigenlogiken der neoliberalen Globalisierung, des kapitalistischen Profitstrebens oder eines technokratischen Ökonomismus, sondern in diesen formalen Strukturen und Dynamiken schlägt sich vor allem der INDIVIDUELL begrenzte Zeithorizont des modernen säkularen Menschen nieder! Dieses moderne und glaubenslos gewordene Individuum kennt keine Religion mehr, keine Transzendenz, keine Auferstehung und kein ewiges Leben, und ist der daher der je konkreten Grenze seines eigenen Lebens, also seiner Sterblichkeit und seiner eigenen kurzen Lebensfrist, ungeschützt ausgeliefert.

Soziale Systeme wie komplette Gesellschaften aber sogar schon einzelne ökonomische Unternehmungen besitzen dagegen von diesen biologischen Vorgaben und Gesetzmäßigkeiten ganz verschiedene Zeitlogiken mit tendenziell längeren ‘Lebenserwartungen’ als die sterblichen Individuen, und wer stets nur von solchen sozialen Integrationsebenen spricht, hat den individuellen Tod immer schon aus dem Blick verloren. Im übrigen hat sich auch die Politik nicht mit Ruhm bekleckert, wenn es um die Ausdehnung der zeitlichen Perspektive geht, denn deren strenge Orientierung an kurzfristigen Wahlperioden bzw. den nächsten Wahltag ist nur allzu bekannt.

Es liesse sich nun leicht aufzeigen, daß die Ausgangsthese des kurzfristigen ökonomischen Blicks zumindest in der vorgetragenen und letztlich undifferenzierten Form nicht haltbar ist, denn wirtschaftlich-rationales Handeln lebt keineswegs in dieser zugespitzten Weise zeitlich von der Hand in den Mund, sondern baut ganz im Gegenteil auf längerfristigen Planungen, Zukunftshorizonten und entsprechenden Akteuren mit internen Zeitstrukturen auf, die umfassend von ‘Langsicht’ und ‘deferred gratification’ geprägt sind, wie die Soziologie u.a. die Fähigkeit zum Aufschub von unmittelbaren Bedürfnissen beschreibt. (Siehe etwa auch Norbert Elias’ grosse Studie über den ‘Prozess der Zivilisation’ und die historische Veränderung subjektiver Gefühlslagen, Zeitempfindungen und politischer Machtkonstellationen.) Es ist dagegen gerade umgekehrt das Alltagsbewußtsein, das mit seiner Zentrierung in informeller Beliebigkeit und flüchtigen Emotionen eine extrem kurzfristige Zeitorientierung zum Ausdruck bringt, so daß das undifferenzierte Lob von Familie, Gemeinschaft und der Bedürfnisse des Alltags äußerst zwiespältig ist. Dies belegen gerade auch die Sozialisationsprozesse von Kindern und Jugendlichen, deren schulische und berufliche Erfolgschancen entscheidend davon abhängig sind, inwieweit sie diese quasi-natürlichen Dispositionen zugunsten von längerfristigen Handlungsbereitschaften überwinden können. Der Vorwurf der Kurzfristigkeit der Ökonomie entfaltet daher erst in der Gegenüberstellung zu den tatsächlich sehr viel längerfristigen ökologischen Problemen seine tiefere Plausibilität, wo es um Katastrophenszenarien mit konkreten Zukunftshorizonten von 20, 30 oder gar weit mehr als 50 Jahren geht.

In 20, 30 oder gar über 50 Jahren sind aber ALLE heutigen Menschen jenseits der 60, 50 oder selbst der 30 tendenziell tot oder am Ende ihres Lebens und zwar ganz unabhängig vom Eintreffen ökologischer Untergangsprognosen oder anderer großer Katastrophen! Die Schlußwendung der beiden Autoren ‘viel Zeit haben wir nicht mehr’ trifft daher für einen Teil oder sogar die Mehrheit der heute lebenden Menschen - und auf jeden Fall für die deutliche Mehrheit der Eliten und Entscheidungsträger in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur, da sie in der Regel zu den älteren Generationen gehören - immer schon in einer viel grundsätzlicheren und existentiell zugespitzten Weise zu, als es von ihnen beabsichtigt war. Indirekt kommt dieses existentielle Moment allerdings auch bei ihnen zum Ausdruck, wenn sie zum einen nicht nur den allgemeinen Untergang beschwören sondern paradoxerweise zum Ende hin selbst Eile anmahnen bzw. selbst kurze - noch kürzere? - Fristen anmahnen, nur daß dabei die immensen Erfolge kurzfristiger Überlebensstrategien gerade von rein ökonomischen Orientierungen völlig übersehen werden. Spätestens an dieser Stelle zeigt sich, daß erst die Einbeziehung der psycho-existentielle Perspektive eine wirkliche politische Option eröffnet, weil nur sie die entscheidende Differenzierung liefert, um erfolgsversprechende Motivationspotentiale und Handlungsmöglichkeiten in der Gegenwart erkennen zu können, schliesslich handelt es sich bei den allermeisten Umweltproblemen bloss um ungewollte langfristige Nebeneffekte bei der Sicherung des Überlebens hier und heute. Wer den Menschen Opfer in einer kurzfristigen Zeitperspektive zugunsten von langfristigen abverlangen will, hat deshalb nur dann eine prinzipielle Aussicht auf positive Resonanz, wenn er die Überlebensperspektive in einer fundamentalen und integrierten Weise miteinbezieht. Und dies beginnt keineswegs erst mit dem nackten Überleben auf der Stufe eines abstrakten Existenzminimums sondern weit vorher mit den lebenssteigernden und lebensverlängernden Effekten des Massenwohlstands samt funktionierender Infrastruktur, bezahlbarem Gesundheitssystem, weiterer absichernder Sozialsysteme usw.

Radikale Strömungen der Ökologiebewegung haben bei ihrer Suche nach tieferen Ursachen der ökologischen Krise schon immer über die genauere Analyse des Faktors Mensch auch auf religiöse bzw. spirituelle Erklärungsmuster und damit letztlich auf traditionelle Unsterblichkeitsmodelle zurückgegriffen, sei es durch die Wiederbelebung christlicher Vorstellungen im Rahmen kirchlicher Öko-Gruppen, sei es vor allem auch durch die Idee der Reinkarnation im Kontext der Hinwendung zu Mystik, Esoterik oder fernöstlichen Heilslehren. Diese Versuche einer spirituellen Begründung von Sozial- oder Tiefenökologie können mittlerweile nicht umsonst als gescheitert gelten, weil deren religiöse Basis und ganz unabhängig vom Problem der ökologischen Krise historisch-kulturell schon lange überholt war und früheren, vormodernen Zeitaltern angehörte. Der Widerspruch und die daraus resultierende Ungleichzeitigkeit zeigt sich schon allein daran, daß der analytische Ursprung und damit auch die Definitionshoheit des ganzen ökologischen Problems ja selbst schon dem wissenschaftlich-technischen Zeitalter entstammen, Lösungsansätze müssen sich daher ebenfalls auf der Höhe der Zeit und der menschlichen Entwicklung formieren. Wer daher zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine moderne ‘Zeitpolitik’ durchsetzen will, die weder ‘unserer äusseren Natur und auch dem Wohlstand nicht den Garaus macht’ (Müller/Troge), der muß die Idee der ökologischen Nachhaltigkeit fundamental mit einem Konzept individueller ‘Nachhaltigkeit’ verbinden, denn nur moderne Menschen, die bewußt an einer dauerhafteren Existenz hier auf Erden interessiert sind, entwickeln sowohl die richtigen Motivationen als auch die notwendigen Qualifikationen, um die ökologische Krise zu überwinden. Der existentielle Zeithorizont des längst entfalteten modernen Individuums, zu dem es auch gar keine Alternative mehr gäbe, die nicht ein Rückschritt wäre - auch ein spiritueller Rückschritt - muß sich gewissermassen mit der zeitlichen Entfaltungslogik der Umweltzerstörung synchronisieren. In dieser Hinsicht stellt daher die Idee der körperlichen Langlebigkeit die angemessene Antwort auch für die ökologische Frage dar.

                  

 

Start

News

Archiv

Termine

Service

Kontakt