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Vorbemerkungen:
In der Literaturliste sind zehn Titel aufgeführt - fünf Sachtitel und fünf Romane bzw. Erzählungen - die einen ersten allgemeinen Eindruck von
der Idee der physischen Unsterblichkeit vermitteln sollen.
Die einzelnen Werke wurden zum einen im Hinblick auf ihren einführenden oder
übersichtsartigen Charakter ausgewählt, d.h. sie sollen grundlegende Basisinformationen für eine sachbezogene Meinungsbildung liefern, zum anderen soll darin der tiefere Geist, der Charme od er die tiefere Anziehungskraft der ganzen Thematik zum Ausdruck
kommen. Letzteres erklärt auch die etwas ‘wilde Mischung’ von wissenschaftlich oder philosophisch ‘seriösem’, literarisch spekulativem und weltanschaulich alternativem, da sehr bewußt die
Vielfalt der Aspekte und ein ganzes Spektrum unterschiedlicher Zugänge zum Thema dargestellt wurden. Im Anschluß setzen wir unsere allgemeinen Überlegungen zur Quellen- und Literaturlage
noch etwas unter dem Gesichtspunkt des Zeitmanagements fort, aber hier jetzt erstmal die zehn Essentials, erste Annäherung, Stand 9/2003:
1. Emmanuelle Arsan: ‘Emmanuelle oder Die Schule der Lust’, 1967, Roman
Der Feminismus sieht dieses Buch bzw. das Gesamtwerk der Autorin als Paradebeispiel
der Pornographie, was zwar nicht völlig falsch ist, aber meines Erachtens auf ein inhaltliches Mißverständnis hinausläuft. Insofern der Feminismus sich allerdings generell
nicht mit dem Tod auseinandersetzt, ist diese Einschätzung wiederum in sich konsistent. Für mich überraschend war die Beobachtung, daß der erotische Exzess, die sexuelle
Grenzüberschreitung und der von ihr propagierte ‘Erotismus’ vielfältig mit der Idee der physischen Unsterblichkeit verknüpft ist, worüber viel nachzudenken sein wird.
2. Elias Canetti: ‘Die Provinz des Menschen’, Aufzeichnungen von 1942-1972
Der eigenwillige Literaturnobelpreisträger und Theoretiker der Massenpsychologie zeigt
sich in seinen Aphorismensammlungen als einer der schärfsten und prominentesten Verächter des Todes im 20.Jahrhunderts, was in der intellektuellen Öffentlichkeit bisher wenig Beachtung fand.
3. Luigi De Marchi: ‘Der Urschock - Unsere Psyche, die Kultur und der Tod’, 1984, Sachbuch
Ausgehend von einer Kritik an der Ausblendung des Todesthemas in der Psychoanalyse
zeichnet der italienische Psychoanalytiker ein bestechendes wie bestürzendes Bild der gesamten Menschheitsentwicklung, die sich als dynamische und hochambivalente
Abwehr des Todes deuten läßt. Absolute Pflichtlektüre, wer auf einer einer bestimmten Ebene intellektuell mitreden will.
4. Lawrence Durrell: ‘Das Lächeln des Tao’, 1980, Erzählung
Der französische Schriftsteller Lawrence Durrell erhält Besuch von dem Chinesen Jolan
Chang und erfährt dabei einiges über taoistische Philosophie, chinesische Koch- und Liebeskünste und uralte Praktiken zur Verlängerung des Lebens.
5. Mircea Eliade: ‘Die drei Grazien’, 1978, Roman
Der berühmte Religionsforscher Mircea Eliade war auch Romanschriftsteller und hat die
unterschiedlichsten Themen und Motive seiner Disziplin in faszinierenden Geschichten verarbeitet. Auch die Idee der physischen Unsterblichkeit - die ja wohl eher ein Stiefkind
der Religionswissenschaft darstellt - hat er verschiedentlich aufgegriffen.
6. Michael Fossel: ‘Das Unsterblichkeitsenzym’, 1996 Sachbuch
Hier wird einer der bis vor kurzem heißesten Theoriekandidaten bei der Erklärung und
Überwindung des Alterungsprozesses verhandelt: das Modell der Telomere, die für das Hayflicklimit - also die auf ca. 50 Teilungen begrenzte Teilungsrate unserer Zellen -
verantwortlich sein sollen. Die wissenschaftliche Kontroverse um dieses Modell ist zwar noch in vollem Gange, aber die Kritik daran hat seit einiger Zeit die Oberhand
gewonnen. Steht hier auch stellvertretend für die programmtheoretisch orientierten Ansätze in der Alternsforschung.
7. Tom Kirkwood: ‘Zeit unseres Lebens’, 2002, Sachbuch
Buch eines britischen Forschers, der als Urheber der ‘disposable soma’-Theorie gilt,
eines grundlegenden und evolutionstheoretischen Ansatzes im Rahmen verschleißtheoretischer Vorstellungen der Alternsforschung, die im Moment generell die
Vorherrschaft in der naturwissenschaftlichen Diskussion besitzen.
8. Michael Klentze: ‘Für immer jung durch Anti-Aging’, 2001, Sachbuch
Der Arzt Michael Klentze macht klar, was die Medizin heute schon auf dem Gebiet der
Lebensverlängerung ganz praktisch leisten kann - wenn man sich denn generell dem medizinischen Weg bzw. dem herrschenden naturwissenschaftlichen Modell der
Schulmedizin anvertrauen will (das allerdings im Rahmen der Anti-Aging-Ansätze durchaus etwas sanfter und abgefederter daherkommt). Trotz reißerischem Titel die
seriösere Alternative zu Ulrich Strunz’ ‘Forever Young’, das dafür beschwingter und anwendungsorientierter daherkommt.
9. Prentice Mulford: ‘Unfug des Lebens und des Sterbens’, 1977, Essayband
Wenn es einen klassischen Autor sogar schon vom Ende des 19.Jahrhunderts gibt, der die
Idee der physischen Unsterblichkeit am emphatischsten vertreten hat, dann wäre wohl an erster Stelle Prentice Mulford zu nennen. Daß man ihn auch als ‘den Vater des positiven
Denkens’ bezeichnet, hat zwar seine inhaltliche Richtigkeit, ist aber insofern irreführend, weil ‘positives Denken’ in der Regel etwas viel seichteres, oberflächlicheres und inkonsequenteres darstellt.
10. Tom Robbins: ‘PanAroma’, 1985, Roman
Alobar sucht Kudra, Kudra sucht Alobar. Doch was ist das 5.Element? Tom Robbins hat in
seinem überaus vergnüglichen wie tiefsinnigen Roman ernstgemeinte und sehr praktisch orientierte Ansätze zur physischen Unsterblichkeit verarbeitet, die vor allem in der Rebirthingbewegung vertreten werden.
Die Auswahl der obigen zehn Essentials ist natürlich subjektiv und hat vorläufigen
Charakter, denn es ist sehr wahrscheinlich, daß von Zeit zu Zeit eine Neubewertung stattfinden wird und neue Titel den ein oder anderen alten verdrängen werden. Auf eine
Überarbeitung dieser Liste werden wir dabei auch an anderer Stelle gesondert hinweisen. Wer ein Plädoyer für ein neues oder gegen ein altes Buch abgeben möchte,
möge das gerne tun, aber bloße Meinungs- und Geschmacksurteile interessieren uns dabei nicht, sondern nur die tieferen argumentativen Begründungen.
In diesem Sinne sei 5/2005 ein erstes update dieser Liste vorgenommen: Statt der
Erzählung von Lawrence Durrell, die weiterhin als literarische Einführung in den Taoismus empfohlen wird, soll stattdessen das Sachbuch von Schweppe/Schwarz: ‘Tao
und Unsterblichkeit’, 1998, aufgenommen werden, da es die Ausrichtung der taoistischen Tradition an der Idee der körperlichen Unsterblichkeit in einer klaren und verständlichen
Sprache und auch mit praktischem Bezug noch prägnanter zum Ausdruck bringt. Außerdem ist wohl Frank Schirrmachers ‘Methusalem-Komplott’ von 2004 aus allen
weiteren Diskussionen nicht mehr wegzudenken, weil das Thema der demographischen Entwicklung und die kritische Infragestellung überkommener Altersbilder dem modernen
Immortalismus zuarbeitet, der sogar ansatzweise ebenfalls in diesem Riesenbestseller Erwähnung findet und sich dadurch weiter in das allgemeine Bewußtsein ausbreitet.
Herausgenommen wird dafür Michael Fossells ‘Unsterblichkeitsenzym’, da es sich angesichts der immer stärker akzeptierten multifaktoriellen Natur des Alterungsprozesses
immer deutlicher herausstellt, daß die Telomerhypothese in ihrer einseitig zugespitzten Engführung nicht haltbar ist. Sein Werk behält aber weiterhin Bedeutung als historischer
Meilenstein in der jüngeren öffentlichen Debatte um Unsterblichkeit.
Wer wenig Zeit zum Lesen hat und einen noch schnelleren Einstieg in das ganze Thema
finden möchte, dem seien die Einführung, das 1. Kapitel und die Zusammenfassung am Anfang des Schlußkapitels des Buches von De Marchi, die einführenden Kapitel von
Kirkwood und Schirrmacher, der Essay von Mulford: ‘Die Unsterblichkeit im Fleische’ und der Roman von Tom Robbins zur selektiven Lektüre empfohlen. Wer gar keine Zeit zum
Lesen der Originaltexte hat, der muß warten, bis hier jedem einzelnen Titel eine ausführlichere Besprechung gewidmet wird, was im Einzelfall allerdings ein paar Jahre
(Jahrhunderte?) dauern kann. Aber wer wird denn da gleich ungeduldig werden... ...wo es doch um die Unsterblichkeit geht!? Solche längeren Würdigungen existieren
allerdings schon für die Bücher von Arsan, Schirrmacher und Mulford.
Ein zusätzliches Buch wurde für eine erste Buchbesprechung ausgewählt, das durchaus den einen oder anderen überraschen mag.
(Ich kann versichern, daß es mich selbst überrascht hat, als ich mich schließlich dafür entschied!): Erich Fromms Klassiker aus dem Jahre 1956 ‘Die Kunst des Liebens’. Ich hoffe, zeigen zu können, daß und
warum es tatsächlich hier in diesen Zusammenhang gehört, was auf den ersten Blick ganz sicher nicht selbstverständlich ist.
Wir halten generell jede vorschnelle Einengung der theoretischen, methodologischen
wie praktischen Herangehensweise angesichts dessen, worum es geht - Unsterblichkeit! - für unangemessen und plädieren daher für eine inhaltsbezogene Kritik anstatt
oberflächlicher Tabuisierungen und Ausgrenzungen. Die Aufnahme auch eher unorthodoxer Titel, Autoren und Richtungen hat außerdem einen
historisch-dokumentarischen Wert, zum anderen mag sie die Kreativität des ein oder anderen beflügeln. In diesem Sinne wird das Magazin kontinuierlich und systematisch
die Quellenlage aufarbeiten, um vor allem auch den vielen am reinen Inhalt orientierten Lesern mühselige Recherchearbeiten abzunehmen. Jeder kann ja einfach nur mal in
eine beliebige Suchmaschine oder bei amazon.de etc. das Stichwort ‘Unsterblichkeit’ eingeben und sich am Ende von stundenlanger Rumsurferei fragen, ob das Ergebnis
wirklich den ganzen Aufwand gelohnt hat. In vielen Fällen erweist sich das unstrukturierte Internet immer mehr als eine Art Zeitfalle bzw. entfaltet sich mit
zunehmender Online-Erfahrung immer weiter die Einsicht in die Differenz von bloßer, unverbundener ‘Information’ und angeeignetem reflektiertem WISSEN. Physi sche Unsterblichkeit muß daher unter dem Aspekt des Zeitmanagements
auch die Bewegung vom Informations- zum Wissensmanagement organisch in sich einschließen, denn so wie eine reale Flut tödlich sein kann, so auch eine Informationsflut im übertragenen Sinne.
‘Wissen’ hat dabei mit der inneren Prüfung von Information, d.h. ihrer Auswahl, Eingrenzung, kritischen Bewertung und auch ihrer Ausblendung zu tun, letztlich damit also auch mit einer ernsthaften
Selbstverständigung über die tieferen Prüf- und Wahrheitskriterien der Wissenssuche. Ebenfalls geht es dabei um das in Bezug setzen und Einordnen von
Fakten und Informationsdetails zunächst untereinander aber vor allem auch in der Perspektive eines übergeordneten Wissenshorizonts. Sogar das VERGESSEN wird unter
Umständen so zu einer ganz eigentümlichen Überlebensqualität, über die bei Gelegenheit noch nachzudenken sein wird.
Da hochrangige Denker, Forscher und Autoren in der Vergangenheit längst eine
zugespitzte Reflexionsarbeit geleistet haben, steht uns ein gewisses Wissensreservoir schon zur Verfügung, so daß niemand mehr bei Null anfangen muß. Damit verbietet sich
allerdings auch die voraussetzungslose, beziehungslose und spontane Spekulation, die im Einzelfall meist nur die Uninformiertheit der Beteiligten und weniger ihre originäre
Kreativität und Einsichtsfähigkeit zum Ausdruck bringt. Diese und folgende Literaturlisten haben damit auch eine didaktische Funktion, in dem sie die Gesprächs- und
Diskussionskultur beim Thema physische Unsterblichkeit anheben sollen. Kreativität ist hochwillkommen, aber das wirklich neue entfaltet sich normalerweise nur in der
Spannung zum längst bekannten. Wer dagegen das Rad neu erfinden will, macht sich in der Reg el nur lächerlich.
Dieses längst bekannte soll dabei auf effektivere bzw. praktischere Weise erschlossen, zur Verfügung gestellt und fruchtbar gemacht werden. Eine
kontinuierliche Recherchearbeit zum Zwecke der Verdichtung, Präsentation und Popularisierung gehört damit zu einer der Hauptaufgaben dieses
Magazins, und in diesem Sinne wird sich in einer der kommenden Ausgaben zusätzlich zu den zehn Essentials eine erste umfassendere Literaturliste mit über 50
kurzkommentierten Titeln finden, darunter auch einige Filme und wichtige Zeitschriftenaufsätze.
(Anmerkung 5/2005: Dieser Text erschien zuerst in FOREVER Nr. 1 im September 2003.
Die Ausarbeitung und Fertigstellung der zuletzt erwähnten Literaturliste hat sich leider immer wieder verzögert, weil andere Arbeiten wichtiger oder dringender erschienen.
Dafür wurde in der kontinuierlichen News-Erstellung eine große Menge an aktuellerem Zeitschriftenmaterial zusammengetragen, das mittelfristig ebenfalls systematischer erschlossen werden soll.)
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