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Auch der Adept des Ostens, der Fakir Indiens, arbeitet
mit der "ziehenden Kraft des Gemüts", nur richtet er sie ausschließlich auf transzendente Ziele jenseits alles Zeitenglücks. - Ungleich uns, den diesseitigen Menschen, die Wonne und Geist im
Fleische durchleben wollen: Glück als Pflicht empfinden und Anmut als Kult.
Alles Fakirtum aber liegt im Ansammeln von Kräften durch Konzentration, inneren Quellen, doch gespeist von außen her durch die schweigenden
Gewalten der Ruhe, Unerschütterlichkeit, Sanftmut und Zuversicht. Und noch in einem stehen wir der östlichen Anschauung nahe: Auch für uns bedeutet Unsterblichkeit wie bei den Indern, im Gegensatz zum landläufigen occidentalen Begriff, "nicht
nur die Unzerstörbarkeit durch den Tod als vielmehr die Befreiung von der Notwendigkeit, wieder und immer wieder zu sterben". Diesem Fluch der Wiederverkörperung sucht der Fakir zu entgehen durch ein
Besinnen... ein sich Zurückziehen auf das gestaltlose Prinzip alles Gestalteten in ihm selbst: den Atman, "so daß nach Dahinfallen des Leibes er nicht wie die anderen auszieht, sondern bleibt, wo er ist, was er ist und ewig war,
nämlich der Urgrund aller Dinge, für den es keine Vielheit und kein Verschiedenes gibt, der die ganze in Namen und Gestalten ausgebreitete Welt als wesenlos und Blendwerk aus sich heraussetzt wie der Träumer den
Traum". (Vedanta, Deussen.) Auch wir lehren die Befreiung von dem Fluch, "immer und immer wieder sterben zu müssen", doch nicht durch Auslöschung der ganzen dinglichen Welt, die uns ja noch gar
nicht verlassenswert, noch gar nicht ausgelebt dünkt, vielmehr indem wir bewußt lernen, die Regeneration: Umverkörperung anstelle der Reinkarnation, der Wiederverkörperung, zu züchten durch die "ziehende
Kraft des Gemüts", denn Regeneration ist der notwendige Schritt in der Linie geistig-leiblicher Entwicklung des Organischen. Schon jetzt ist das Leben, solange es diesen Namen verdient, eine
Serie von Regenerationen geworden: Im Lauf von je sieben Jahren erneuern sich ja sämtliche Zellen des Leibes, in dieser Zeit haben wir uns mit einem ganz neuen Körper bekleidet, haben eine ganze eigene
Leiche ausgeschieden und dabei das fortlaufende Bewußtsein beibehalten... nicht einmal bemerkt haben wir etwas von der ganzen Sterberei, sprechen immer noch von "dem" Körper, ohne zu bedenken,
daß es schon das komplette dritte, vierte oder fünfte nachgelieferte Exemplar ist, das unser Bewußtsein sukzessive gebildet, benutzt und abgestoßen hat.
Daß diese Umverkörperungen im späteren Alter immer unvollkommener, die neuen Zellen träge und degeneriert sich bilden, ist eine Folge der Stoffwechselzwischenprodukte: der Schlacken, der unlebendigen,
die sich zwischen die Zellen, jene edlen Träger des Lebens, eingeschoben haben und sie in ihren Funktionen behindern. Nicht wir sterben - wir werden von den Fremdkörpern in uns "gestorben" sozusagen. Diese Schlackenbildungen beweisen nur, daß wir noch nicht völlig "lebendig" geworden, "organisiert" sind, zeigen, daß wir noch etwas falsch
machen, Fehler in den illuminierten, restlos lebendigen, organischen Leib während des Lebens selbst einbauen, Fehler, die jene Rückfälle ins Anorganische (die tödlichen Schlacken), aus dem wir ja entsprungen sind, erst ermöglichen. Das Anorganische, die tiefste Stufe des Bewußtseins, besitzt noch keine Regenerationsfähigkeit: Ein Fels verwittert - Eisen verrostet. Das Organische aber hat mit dieser Fundamentaleigenschaft:
dem Baustoffwechsel, bereits den Keim zur Unsterblichkeit des Fleisches in sich entfaltet.
Regeneration bedeutet somit die Verewigung eines sich stets verfeinernden physischen Zellkörpers, in Wechselwirkung wachsend mit und an dem geklärten, gesteigerten Bewußtsein; Reinkarnation bedeutet den völligen Verlust eines noch nicht genügend wandelbaren, daher zerstörbaren Leibes und mit ihm auch der Erinnerung. Was helfen aber tausend Inkarnationen, in denen die Kontinuität des Selbstbewußtseins fehlt... Was
hilft eine Unsterblichkeit, von der ich nichts weiß... die sich in lauter Einzelsterblichkeiten auflöst? - Wo das fortlaufende Ich sich nicht wiedererkennt!
Je schwächer und dumpfer der Lebensgeist, desto längere Intervalle waren noch nötig, auf daß er durch Reinkarnation einen materiellen Träger
forme, belebe und durchdringe. In dem Maße, als der Geist an Beschleunigung und Macht gewann, wurden sie kürzer... zählten vielleicht nach Jahren wie früher nach Jahrhunderten oder Jahrtausenden. Bei höchster
Kraftentfaltung endlich wird der Geist des restlos umverkörpernden statt des wiederverkörpernden Weges sich zu bedienen vermögen (wie er es ja schon jetzt innerhalb des Lebens tut) zur Verewigung und Vollendung des Sinnendaseins...
Denn eine spiritualisierende, eine verfeinernde Kraft hat je und je auf den Planeten gewirkt, hat Wandlungen hervorgebracht, an denen gemessen
jene letzte: dauernde Regeneration der Zellen, ohne "atavistische Rückfälle" in anorganische Schlackenbildung (Tod), viel an Abenteurlichkeit verliert. Man denke, was schon alles aus einem Schleimpatzen geworden ist... je nachdem: ein Adler, ein Elefant oder etwas, das die Neunte Symphonie und den Tristan geschrieben.
Diese spiritualisierende, verfeinernde, unbekannte Kraft, zu der auch die modernste Biologie, nach dem Versagen des Darwinismus, als
Neovitalismus zurückzukehren beginnt, arbeitet im Menschen so gut wie in der übrigen Natur - allmählich wandelt sie ihn aus einem Geschöpf der Materie in das des Geistes... trägt ihn durch all seine physischen
Existenzen von einem Grad der Vervollkommnung zum andern, hat neue Gewalten, neue Leben, neue Existenzmöglichkeiten für ihn in Bereitschaft... wäre er doch nur nicht gar so bockbeinig, so todversessen, so sehr Rückblicker von Beruf!
Die große unbekannte Kraft hat ihm in der Vergangenheit die mächtigen Erfindungen gegeben, hat ihn als Antwort auf seine tiefe äußere Not illuminiert, für die Mechanisierungsmöglichkeiten der Welt hellsichtig gemacht, so daß er plötzlich in Dampf, Elektrizität und allen physikalischen Kräften Bewegungsquellen zu erkennen vermochte, weil ihm eben Kraft und Bewegung zur Überwindung des Raumes, der Nacht und der Kälte auf einmal zwingendes Muß dünkten.
Das Erwachen zum Bewußtsein seiner Not ließ ihn "entdecken", was doch all die Zeit her immer schon rund um ihn gewesen. So hat er durch Mechanisierung der Welt Raum und Zeit äußerlich zu überwinden vermocht. Jetzt bleibt ihm noch übrig, zu
seiner tiefsten inneren Not zu erwachen, um mit Hilfe immanenter Wellenzüge, geistiger Vibrationen und Gewalten Zeit, Nacht und Kälte auch an seinem Herzen zu überwinden.
Ist ihm das gelungen durch die "ziehende Kraft des Gemüts" fallen Stahl, Strom und Dampf dahin, dann bedarf er keiner äußeren Vehikel,
keiner mechanischen Organprojektionen mehr, denn neue Kräfte, aus seinem spirituellen Leben geboren, werden ihn eines großen Teils materieller Hilfen überheben. Er wird nicht nur machen, er wird sein, was er will.
Dies immer und immer wieder Umformen des Körpers wird aus den Verwandlungen - aus wechselnden Stadien des Geistes kommen: Umverkörperung aus Vergeistigung - nicht durch Medizinen, Lebenselixiere, überhaupt materielle Manipulationen. Es muß sich der seelische Habitus ändern; dieser veränderte Habitus nimmt dann von selbst neue Lebensgewohnheiten an - von außen allein läßt sich die Unsterblichkeit nicht ins Fleisch hineinleben. Ehe das seelische Niveau es nicht auf ganz natürliche Weise fördert, bleiben äußere Mätzchen und Reformen resultatlos. "Geistige Wiedergeburt! "... All diese Essays handeln ja von nichts anderem, wollen nichts anderes als den Leuten zeigen, was Leben eigentlich erst bedeuten kann, wie das Gedankliche und seine höheren Stufen: das "Seelische" den Stoff beherrschen, bilden und verfeinern...
Auch Leben und Tod, wie sie einander heute im Organischen folgen, sind ja eine Serie von Regenerationen, nur daß die Methode:
"Sterben" noch eine plumpe, unökonomische, man möchte sagen unelegante Lösung des Problems der Wandlung darstellt. - Regeneriert wird ja das "Ego" auch, wenn es seinen alten Körper abwirft - das verbrauchte Instrument - weder Ein- noch Ausdrucks mehr fähig. Greis und Greisin haben aber ebensoviel "Geist" wie früher, doch ist dieser sozusagen von den Sinnesorganen abgeschnitten zieht sich immer mehr von dem unbrauchbar, morsch und dumpf gewordenen Körper zurück, um ihn bald ganz zu verlassen - zieht sich zurück, weil er ihn nicht zu beherrschen vermochte, Jahr um Jahr niedrige Elemente, immer die gleichen verfaulenden Empfindungen in ihn strömen ließ... ihn
aus seinen eigenen Exkrementen aufzubauen versuchte. Das ist der Degenerationsprozeß innerhalb des Lebens von heute; Ursache verwesender Sinne und des Todes.
Ein erleuchteter Geist - ein stärkerer, ein vorgeschrittener, wird Mittel und Wege finden, den Körper mit neuem Fluidum zu durchdringen, auf das
er, als idealer Träger des Geistes zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem, den Mittler bilde.
Vom Leben scheiden wir ja nicht durch den bloßen Verlust physischer Existenzform - aber eine Art des Lebens verlieren wir... und wie Emerson
sagt: "In dieser Art haben wir halt nichts Besseres" (we have nothing better in the same line).
Wir verlieren im Tod jene Serie von Sinnen, die wir irdisch nennen. Wir verlieren die Fähigkeit, im nahen Konnex mit den Sinnendingen zu leben,
und wahrscheinlich ist ein entkörperter Geist der Sehnsucht voll nach ihnen und wird versuchen, mit der Körperwelt in Kontakt zu bleiben oder wiederzugelangen durch jene hindurch, die im Körper sind... die er
beherrschen oder beeinflussen kann. Alle Menschen sind solchen psychischen Einflüssen... solchen Vergewaltigungsversuchen aus dem Unsichtbaren herüber, ausgesetzt.
Nach Art unserer eigenen Aspirationen ziehen wir nun verschiedenartige freie Psychen an. Wer sich gegen Kühnes und Feines sperrt, alles
Ungewohnte als "lächerlichen Unsinn" ungeprüft ablehnt, ruft und ermutigt ein "Besessensein" von Geistern, so unwissend wie er selbst... von "unregenerierten" Geistern, die durch die
gleiche Unwissenheit Körper auf Körper verloren haben und noch Körper auf Körper verlieren müssen, bis auch sie endlich in die unausbleibliche Rotation allgemeiner Vervollkommnung hineingezogen werden! Warum sollte die lebendige Entelechie außerhalb des Körpers plötzlich gescheiter sein als in ihm? Hört denn ein Dieb auf, ein Dieb zu sein, weil er seinen Überzieher ausgezogenhat? - Ein ultravioletter Fallot eben, nichts weiter... und auch an unkörperlichen Idioten dürfte kaum Mangel sein.
Wie in dem Essay: "Das Mysterium des Schlafes oder Unsere doppelte Existenz" ausgeführt wurde, haben wir zwei Serien von Sinnen:
körperhafte und dann "jene feineren spirituellen, die wir alle im Embryo besitzen und von denen Gesicht, Geruch, Gefühl, Geschmack, Gehör des physischen Körpers nur rohe Abbilder sind". Während des Wachens
leben wir unsere Körpersinne... im Schlaf die spirituellen. Erst, wenn diese zweierlei Leben einander richtig zu durchdringen, gleichsam zu ernähren vermögen, dann entsteht jener ideale Austausch von Vitalität und
Geistigkeit, auf dem Vollkommenheit einzig ruhen kann und muß.
Dies künftige Leben bedeutet, sich beider Serien von Sinnen: der vitalen und psychischen gleicherweise bedienen können - gleichzeitig in beiden
Welten sein.
"Lohn der Sünde ist der Tod", meint die Bibel. Wir meinen lieber, das Resultat unvollkommenen Lebens sei der Tod. Die Körper der
zitternden, runzligen, schwachen Menschen sind fleischgewordene Unwissenheit... Falsch denken war ihre Sünde.... aus den Gedanken, die er in sich zieht, bildet der Geist erst seinen spirituellen Leib. Der
irdische Körper ist die materielle Korrespondenz dieses spirituellen Leibes. Lebt der Geist in Irrtum, so baut er diesen Irrtum in den Körper ein. Verfall ist die Folge.
Kein Vorwurf soll aber jene treffen, die also leiden. Auch sie haben hinaufgelebt zu allem Licht und Wissen, dessen sie eben fähig waren. In
irgendeiner Form von Existenz wird mit steigender Entwicklung auch ihr Wissen wachsen. Jede Runzel ist ein sichtbar gewordener Irrtum. Wir alle sind "Bildnisse des Dorian Gray".
Die Charitas entspricht der Erkenntnis, daß alle Menschen "ihr Bestes" leben, das unendliche Bewußtsein allein kann es
"bessern" in ihnen und in uns. Lassen wir daher die Fehler der anderen in Ruhe, verlangen wir aus tiefster Not nach Erleuchtung, Irrtümer zu sehen und zu verneinen, das allein wird uns und anderen helfen.
Mit welcher Vielfalt organischer und organisierter Stoffe bauen wir unseren Körper auf, und mit wie wenig Gedanken soll der Geist am Leben bleiben?
Immer die paar alten Vorurteile wiederkäuen!
Das Gesetz ewigen Lebens aber verwirft diese endlosen Wiederholungen. Es sagt: Du bist nicht geschaffen, in ausgefahrenen Geleisen fixer Ideen
hin und her zu pendeln. Du hast nicht als John Brown oder John Smith, ohne Wechsel wie ein Meilenstein, in der Ewigkeit zu liegen. Mit deinem John-Browntum, mit deinem John-Smithtum allein diese Ewigkeit ausfüllen
wollen, nein, mein Lieber, daraus wird nichts. Du sollst einen neuen Geist in diesem Abschnitt haben und einen überlegenen mit gesteigerten Mächten der Perzeption im nächsten Abschnitt. Mit der
"ziehenden Kraft des Gemüts" sollst du dich durch immer neue Individualitäten hinaufleben... zu allen "Ich" sagen können, verwandelt werden mit Hilfe der Regeneration in sukzessive Typen des
Seins - jede klarer als die letzte - jede feiner als die letzte. Magst du, an der lückenlosen Kette der Bewußtheit dich zurückfühlend, ganz dort hinten zum Herrn John Brown oder John Smith dann immer noch
"ich" sagen - es sei dir unbenommen; de gustibus...
Umverkörpertes Leben im Physischen heißt bewußt gesteigertes Leben.
Heißt: in jeden neuen Tag mit frischeren Fähigkeiten hinein erwachen, alles immer wieder zum erstenmal sehen. Das Wunder des eigenen Atems
pflegen und genießen; stillsitzen können voll lebendiger Ruhe und sich unaufhörlich freuen. Im großoffenen Herzen die Seele der Bäume, Ströme, Tiere und Blumen... aller reinen Formen des unendlichen Bewußtseins
leben spüren. Es heißt, die Talente in sich bis zur Genialität wachsen fühlen; jubeln in der Zuversicht, alle Möglichkeiten und Entwicklungen immer noch vor sich zu haben, so daß die Nachfreude am Erreichten
stets mit der Vorfreude am Erwarteten an einem hohen Mittag ohne Ende zusammenfließen. "Magie" wird aus einer noch unerreichbaren Intensität der Freude entstehen. "Magie", als der heute noch
latenten Kraft im Menschenherzen, Gedanken von solcher Gewalt aus sich zu zeugen, daß das Gewünschte in der dichteren Substanz der Dinge sich als ihr materieller Niederschlag bilden muß. Entzückung ist etwas
Substantielles: etwas ent-zückt uns ... zuckt aus uns heraus als Strahl und Kraft.
Aus allem Vergnügen ziehen heißt, aus allem Leben ziehen. Aus allen Dingen Leben gewinnen aber heißt, Macht gewinnen. Macht: Beherrschung
physischer Bedingungen, Beherrschung und Erhaltung des ewig erneuerten stofflichen Leibes.
Langweile ist eine Erkrankung. Nicht wissen, was man mit sich anfangen soll, dasitzen und seine eigenen Gedankenexkremente immer wieder in sich
hineinatmen, bis alles verbraucht, plan erscheint vor Ichvergiftung. Versuchen, die Zeit totzuschlagen... also das Leben totzuschlagen - wer das vermag, hat zeitweilig die Verbindung mit der großen Quelle verloren -
seinen Kontakt mit dem unendlichen Bewußtsein. Das ist die schwerste "Erkrankung", die es gibt. Der alte Salomo war nicht weise... aber schon gar nicht weise, als er sein "Alles ist eitel"
aussprach. Mit einem Harem voll junger Mädchenkörper ist es nicht getan, vom geistigen Fluidum der Jugend absorbieren können, nur das verjüngt. Wer dem unendlichen Bewußtsein durch Hingebung und Gebet verbunden ist,
auf den werden alle lebendigen Dinge immer wieder jungfräulich zu wirken vermögen.
Die Regeneration des Körpers kommt auch aus dem Mut! - Das Wagnis auf sich nehmen - völlig dem unendlichen Bewußtsein sein Schicksal
anvertrauen! Manche versuchen es bisweilen, kaum scheinen aber die Dinge ein wenig dunkel, wird wieder zu den alten ausgeleierten materiellen Methoden, Übel abzuwenden, gegriffen.
Restloses Vertrauen und mit ihm eine ganz neue Welt der Ursachen und Wirkungen ist jedoch erreichbar - ist sie erreicht, so werden die Menschen mehr als Sterbliche sein. Wer restlosen Mut hat, wird regeneriert werden.
Mancher Leser denkt vielleicht: Was habe ich mit dem allem zu tun? Das mag wahr sein... oder auch nicht. Jedenfalls ist es viel zu weit weg - zu
vage. Ich brauche etwas, das mir jetzt hilft - denn übermorgen ist zum Beispiel der Zins fällig, und da soll ich mich noch hinsetzen und "unsterblich werden" üben.
Diese Idee der Regeneration aber ist schon heute ein Segen für jeden, der sie als lebendigen Samen in sich auch nur dulden will und kann. Von
selbst wird sie nie mehr ganz aus ihm verschwinden, vielmehr als winziger Keim einer seligen Magie vielleicht monatelang im Unterbewußtsein unbemerkt wirken, immer mehr Raum einnehmen und dabei sanft und leidlos die
Art des Gemüts verwandeln - sozusagen die Farbe der Gedanken -, die werden sich auf einmal ganz allein trauen, rosenrot zu werden - und schließlich auf die Ereignisse der Umwelt abfärben. Wie von selbst gleitet es sich in die Linie des regenerierenden Prozesses hinein. Schon sie allein ist etwas so Gesegnetes, von solcher Wohltat, daß ihr zu folgen, wachsende Lust wird bei jedem Schritt, mag auch ihr Ende für das eine kleine Leben noch nicht abzusehen sein. Doch was immer auf ihr geschieht - nichts ist vertan.
Anmerkungen:
Der moderne Mensch, die moderne Wissenschaft und die
im Westen vorherrschenden diesseitig orientierten Philosophien kennen zwar kein Jenseits mehr, kein Leben nach dem Tode oder sonst noch irgendeine Form traditioneller Metaphysik, aber angesichts des anhaltenden
Sinnverlusts des aufklärerischen Rationalismus im Gefolge politischer, wirtschaftlicher und geistiger Krisen stoßen alternative spirituelle Angebote auf wachsende Zustimmung, siehe die Konjunkturen des New Age, der
Esoterik, des Buddhismus und weiterer fernöstlicher Heilslehren. Im Unterschied zur jüdisch-christlich-islamischen Tradition sind diese neu-alten religiösen Sinnangebote von wenigen Ausnahmen abgesehen (wie z.B. der
philosophische Taoismus oder einzelne buddhistische Strömungen) fast immer mit dem Konzept der Reinkarnation verbunden, wobei Umfragen anzeigen, daß die Idee der Wiedergeburt auch in weiten Teilen der übrigen
Bevölkerung populär ist und sogar in eigentlich christlich geprägte Milieus hineinreicht. (Letzteres signalisiert allerdings mehr den fortschreitenden Bedeutungsverlust bzw. den Verlust der theologischen
Definitionshoheit des organisierten Christentums.) Vor diesem Hintergrund ist es nicht weiter erstaunlich, daß Kritik am modernen Immortalismus oft von Menschen geäußert wird, deren Welt- und Menschenbild eben von
der Idee der Reinkarnation ausgeht, wobei es nicht selten sogar intelligentere, sensiblere und an philosophischen bzw. spirituellen Themen stärker interessierte Zeitgenossen sind, die sich in solchen
Auseinandersetzungen vehement zu Wort melden.
Obige Schlußpassage aus dem Essay des Unsterblichkeitspioniers Prentice Mulford ‘Die ziehende Kraft des Gemüts’ (aus dem Buch ‘Unfug des Lebens
und des Sterbens’, Besprechung siehe hier
), zeigt aber, daß die Idee der körperlichen Unsterblichkeit auch eine konsequente Reaktion auf die Schattenseiten des Reinkarnationsgedankens
darstellt, die vor allem von westlich-modernen Anhängern ausgeblendet werden, während sie in den hinduistisch-buddhistischen Traditionen noch eher präsent sind. Dort spricht man ganz selbstverständlich vom ‘Rad’ des
Karmas, dem ‘Fluch’ der ewigen Wiederkehr oder auch vom ‘spirituellen Gedächtnisverlust’ und daher von der fundamentalen Notwendigkeit, die Kette der Wiedergeburten zu transzendieren, während westliche
Reinkarnationsanhänger einer Art automatischem Fortschrittsmodell anhängen, als ob der fortlaufende Prozess von Tod und Wiedergeburt gewissermassen wie von selbst zur spirituellen Vervollkommnung führen würde. Diese
Haltung entspricht aber wohl mehr dem atheistisch-rationalistischen Fortschrittsmodell der Moderne, das unbewußt auf exotische und kulturfremde religiöse Traditionen übertragen wird, was zu sinnentstellenden
Konsequenzen aller Art führt.
Prentice Mulford hat dagegen in seinem ursprünglich schon Ende des 19. Jahrhunderts erschienenen Text herausgearbeitet, wie ein recht
verstandenes Konzept körperlicher Unsterblichkeit auch dem beschleunigten spirituellen Wachstum dienen kann. In der ersten Hälfte von ‘Die ziehende Kraft des Gemüts’, dem Schlußessay von ‘Unfug des Lebens und des
Sterbens’, fasst er noch einmal Kernaussagen über die Kraft der Gedanken zusammen, bevor er sich im oben dokumentierten zweiten Teil dem Verhältnis von Reinkarnation zur Regeneration zuwendet. Inwiefern er hier und
in seinen anderen Essays ausschliesslich auf die spirituelle Entwicklung des einzelnen setzt, wäre dabei eine weitere interessante Fragestellung, die aber einer späteren Betrachtung vorbehalten bleiben soll. Es wäre
dort zu zeigen, daß Mulford der geistig-seelischen Entwicklung zwar die eindeutig erste Priorität zuweist, daß er aber durchaus weitere medizinische, körperliche oder rein materielle Faktoren gelten läßt, mindestens
als Anreger und Erreger geistiger Kraft- und Motivationsquellen.
Wie weit die Regenerationskraft psychosomatischer Wechselwirkungen nun tatsächlich reicht, wie man es unter modernen Gesichtspunkten zuspitzen
kann, muß in FOREVER zunächst offen bleiben, aber daß rein äußerliche ‘Unsterblichkeitselixiere’ bzw. kommende medizinische High Tech-Methoden gegen Krankheit und Altern bei tief verinnerlichten Todesorientierungen
jeglicher Art weitgehend unwirksam oder ineffektiv bleiben werden, ist keine besonders gewagte Hypothese. Genausowenig wie Stammzellforschung oder Gentherapie etwas gegen Kriege, Klimawandel oder Armutsfolgen etc.
ausrichten können, genausowenig könnte die Pille gegen das Altern schließlich das Leben von Menschen verlängern, die nicht einmal in der Lage sind, die bisherige Lebensspanne sinnvoll und zufriedenstellend
auszufüllen. Oder, in den Worten Prentice Mulfords:
‘Umverkörpertes Leben im Physischen heißt bewußt gesteigertes Leben. Heißt: in jeden neuen Tag mit frischeren Fähigkeiten hinein erwachen, alles immer wieder zum erstenmal sehen. (...) Es heißt, die Talente in sich bis zur Genialität wachsen fühlen; jubeln in der Zuversicht, alle Möglichkeiten und Entwicklungen immer noch vor sich zu haben, so daß die
Nachfreude am Erreichten stets mit der Vorfreude am Erwarteten an einem hohen Mittag ohne Ende zusammenfliessen.’ L.M.M.
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