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FOREVER Magazin für Physische Unsterblichkeit
(2. Jahrgang) Alternsforschung
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Perspektiven der Alternsforschung
Autor: Lothar Michael Muth ---------- Datum: 29.11.04
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1. Prognosen: ‘Die Chancen stehen 50 zu
50, daß wir in 25 Jahren das Altern heilen können,’ wird der britische Biogerontologe Aubrey de Grey von der Universität Cambridge in einem kürzlichen ZEIT-Artikel zum Thema Transhumanismus (‘Die
Tiefkühlreligion’) zitiert. Diese Zahl klingt nur für den Nicht- Eingeweihten und Neuling auf dem Gebiet der Alternsforschung besonders optimistisch oder visionär,
denn wer den Ankündigungsoptimismus bestimmter Autoren, einer entsprechenden medialen Berichterstattung und der dazugehörigen Szene
kennt und schon etwas länger verfolgt, der weiß sehr gut, wie vorsichtig und defensiv diese Prognose von de Grey in Wirklichkeit ist. Eine bloße
fifty-fifty-Chance läßt schließlich alle Irrtumsmöglichkeiten offen, und Prognosen von 20 bis 30 Jahren bleiben ebenfalls im konventionellen
Rahmen, wie es sie in den letzten drei bis vier Jahrzehnten schon viele gegeben hat. Man vergleiche dagegen die vollmundige Prophezeiung von
Michael Fossel in seinem Buch ‘Das Unsterblichkeitsenzym’, daß wir nur noch 10 Jahre bräuchten, um den Alterungsprozess zu stoppen, gerechnet freilich auf der
Basis des Erscheinens seines Bestsellers schon im Jahre 1996. Wenn man weiter berücksichtigt, daß es sich bei de Grey immerhin um einen Propagandisten der
extremen Langlebigkeit handelt, der z.B. auch Mitglied der wachsenden Internetgemeinschaft des Immortality Instituts ist, wird einem schnell bewußt, daß
allen Sensationsmeldungen und Ankündigungen der letzten Jahre und Jahrzehnte zum Trotz die biomedizinische Alternsforschung weiterhin noch ziemlich am Anfang
steht. Dies ist letztlich kein Wunder, denn zum einen verdichtet sich mit zunehmendem Erkenntnisstand immer mehr die Gewißheit, daß es sich beim Altern
um ein hochkomplexes und multidimensionales Phänomen handelt, das sich nicht auf monokausale Erklärungs- und Therapiestrategien reduzieren läßt, zum anderen
fehlt weiterhin ein umfassendes analytisches Paradigma, das sämtliche empirischen Detailkenntnisse und die Unzahl der Teiltheorien zu einem einheitlichen Bild des
Alterungsgeschehens integriert. Dazu paßt ebenfalls die Tatsache, daß die biomedizinische Alternsforschung noch nicht einmal ein eigenständiges
akademisches Fach darstellt, mit eigenen institutionalisierten Strukturen, eigenen Curricula, eigenen Lehrbüchern u.ä. sondern sich weiterhin nur als interdisziplinäre Veranstaltung und Zusatzqualifikation von wenigen Spezialisten im
Grenzbereich von Medizin und Biologie konstituiert, deren zeitliche wie finanzielle Ressourcen notwendigerweise sehr begrenzt bleiben müssen.
(Zu den finanziellen Investitionen im Bereich der Alternsforschung siehe auch den Text ‘Der Umfang der Forschung’.)
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2. Alternsforschung: Zu den wichtigsten
Einzeltheorien, mit denen der Alterungsprozeß erklärt wird, gehören Annahmen über genetische Steuerungsmechanismen z.B. im Zusammenhang mit dem kontrollierten Zelltod, die Verkürzung der Telomere bei
jedem Zellteilungszyklus, wodurch sich wahrscheinlich das sogenannte Hayflick-Limit begründet, also die begrenzte Teilungsfähigkeit von Körperzellen, die Theorie der Freien Radikale, nach der bestimmte
aggressive chemische Verbindungen aus der Nahrung und Umwelt kontinuierliche Zerstörungsprozesse auf Zellebene zur Folge haben, die Mutationstheorie, die Theorie der Anhäufung von Abfallstoffen in den
Zellen u.ä. mehr, wobei es hunderte von weiteren Teiltheorien gibt, die eine mehr oder weniger große Erklärungsreichweite beanspruchen. Auf einer Meta-Ebene ordnet man diese Teilerklärungen zwei
umfassenden Erklärungsprinzipien zu, nach denen das Altern entweder programmtheoretischen oder verschleißtheoretischen Gesetzmäßigkeiten folgen soll. Die Programmtheorie behauptet eine anlagebedingte und
letztlich genetisch gesteuerte ‘programmierte’ Ursache des Alterns nach Art der Wachstums- und Reifungsprozesse im früheren Lebensalter, während die Verschleißtheorie von einem vielfältigen und
unsystematischen Zerfall der organischen Materie auf Grund heterogener pathologischer Einflüsse ausgeht, der nur von stochastischen Gesetzen der Wahrscheinlichkeit regiert wird. Während zu früheren
Zeiten die Programmtheorie die Alternsforschung vor allem auf Grund des Hayflick-Limits, bestimmter Phänomene wie z.B. der Krankheit Progerie, bei der es zu einem beschleunigten Alterungsprozeß kommt,
oder auch wegen tierexperimenteller Befunde dominierte, haben sich in den letzten Jahren dagegen schließlich doch die verschleißtheoretischen Deutungsmuster unter den Forschern durchgesetzt.
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Dieser Umschwung ist an sich schon interessant und wäre einer genaueren wissenschaftshistorischen Untersuchung wert, falls eine
solche Arbeit nicht längst schon vorliegt. Über neue experimentelle Befunde und neue Interpretationen im einzelnen hinaus darf man zwei Hauptgründe dafür vermuten. Zum einen läßt gerade das Phänomen der
Verkürzung der Telomere eine verschleißtheoretische Deutung für das Hayflick-Phänomen zu, wobei der Verschleiß hier am Genom selbst ansetzt, während die begrenzte Teilungsfähigkeit der Zellen bis dahin
das stärkste Teilargument für eine genetische Programmierung im engeren und eigentlichen Sinne des Wortes als sinnvoll gesteuerter Ablauf darstellte. Zum anderen haben im Laufe der Zeit auf einer
mehr grundsätzlichen und erkenntnistheoretischen Ebene die schon älteren evolutionstheoretischen Interpretationen des Alterns schließlich die Oberhand gewonnen, nach denen es aus prinzipiellen Gründen
der evolutionären Anpassung keine genetischen Steuerungsmechanismen für den Alterungsprozeß geben kann, denn die Evolution optimiert die Organismen nur in Hinblick auf ihren Fortpflanzungserfolg und
nicht auf ihre absolute Lebenserwartung. Dies kann in seinen theoretischen wie forschungsstrategischen Auswirkungen gar nicht genug gewürdigt werden, denn die Evolutionstheorie liefert schließlich den
übergeordneten analytischen Bezugsrahmen für die gesamte medizinische, biologische und damit letztlich auch für die biogerontologische Forschung. Trotz der Dominanz der Verschleißtheorie ist es wohl zu früh, wirklich von einem verschleißtheoretischen ‘Paradigma’ zu
reden, denn da die Gene bei allen möglichen körperlichen und zellulären Vorgängen eine wichtige oder sogar zentrale Rolle spielen, bleiben sie natürlich auch weiterhin
am Alterungsgeschehen beteiligt, wenngleich ihr genauerer Stellenwert nach ihrer analytischen Herabstufung zunächst unklar ist. Alles in allem scheinen die verschleißtheoretischen und die
genetischen/programmtheoretischen Deutungen noch nicht hinreichend miteinander verbunden zu sein, und hier zu einer umfassenden Integration zu kommen, wird eine der theoretischen wie
experimentellen Hauptaufgaben der nächsten Jahre und Jahrzehnte werden. Die genetischen Strukturen sind SELBST vielfältig dem Altern unterworfen, aber da sie
natürlich trotzdem alle möglichen körperlichen Vorgänge regulieren, kann der Anschein entstehen, sie kontrollierten auch den Alterungsprozeß nach Art eines
genau festgelegten Programms im Sinne irgendeiner evolutionär-adaptiven Vorgabe, während es sich in Wirklichkeit um einen fortschreitenden Verlust von
Steuerungsordnung handelt. Genetische Optimierung, wie sie z.B. in vielfältigen Tierexperimenten schon vorliegt, können daher natürlich die Lebensspanne
partiell verlängern, aber diese Möglichkeiten haben mehr den Charakter einer unaufhörlichen Sissyphusarbeit im einzelnen mit je begrenztem Teilerfolg, wobei
die damit ebenfalls verbundenen Komplexitäts- Wechselwirkungs- und Rückkopplungsprobleme noch kaum verstanden geschweige denn praktisch-therapeutisch beherrscht werden können. Ein einfacher gar einziger
‘Genschalter’ für das Altern insgesamt wird sich auf Grund der angedeuteten Zusammenhänge daher jedenfalls kaum finden lassen, und dies ist letztlich der
Kern dafür, bei Prognosen über etwaige Erfolge der Alternsforschung grundsätzliche Zurückhaltung zu üben.
Eine noch weitergehende Kritik schon am Begriff des ‘Alterns’ selbst als extreme
Zuspitzung verschleißtheoretischer Interpretationen könnte die verschiedenen Alterungsphänomene nur als langfristige subtilere Krankheitserscheinungen
deuten, denen gar kein eigener logischer Stellenwert zukäme sondern die nur die kontinuierliche Wahrscheinlichkeitszunahme von inneren wie äußeren
Schadensereignissen in der Zeit widerspiegeln. ‘Alterskrankheiten’ wie Demenz, Herz- und Krebskrankheiten usw. wären damit bloß pathologische Erscheinungen,
die generell eine längere Entwicklungszeit brauchen, um sich klinisch zu manifestieren bzw. sich kollektiv zu häufen. ‘Altern’ ließe sich damit als eine
sprachliche Reduktion von Komplexität zu praktisch-kommunikativen Zwecken der Verständigung und Selbstvergewisserung verstehen, die nur begrifflich etwas
einheitliches und systematisches vortäuscht, der aber keine einheitliche empirische Wirklichkeit entspräche, die man einfach und kausal beeinflussen
könnte, es wäre quasi tatsächlich nur ein zuviel Sinn vortäuschendes Synonym für ‘in der Zeit ablaufend’, wie es abstrakt ja auch öfters definiert wird, um es vom bloßen Zustand ‘Alter’ abzugrenzen...
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Eine noch genauere inhaltliche Bestandsaufnahme ist im Rahmen eines solchen Essays nicht zu leisten. Wer hierzu noch mehr wissen
will, den verweise ich insbesondere auf die populäre Einführung von Tom Kirkwood: ‘Zeit unseres Lebens’ aus dem Jahre 2002, auf das Langlebigkeitskapitel in Ernst Ludwig Winnackers ‘Das Genom’ (2002)
oder auch die entsprechenden Passagen in Schirrmachers ‘Methusalem-Komplott’(2004) u.ä. und dort jeweils auf die verschiedenen herangezogenen Quellen, aber auch hier in der News-Rubrik werden regelmäßig
einführende Übersichten unter spezifischen Blickwinkeln und Akzentsetzungen aus einschlägigen Zeitschriften angeführt oder verlinkt, so z.B. in News-Folge 8 ein Beitrag aus der ‘Technology Review’, in
News-Folge 9 ein Text aus ‘Spektrum’ usw. Mit der Dominanz der verschleißtheoretischen Erkenntnisse und Ansätze erweist sich der Alterungsprozeß auf jeden Fall schon einmal als sehr komplexes und heterogenes Geschehen, für das einfache und baldige Lösungen bzw. Therapiestrategien aus prinzipiellen Gründen nicht zu erwarten sind, und im weiteren soll es daher schlaglichtartig um einige Perspektiven aus dieser Grundeinsicht der Alternsforschung selbst gehen. Welche Konsequenzen hat die skizzierte Ausgangslage nun für eine moderne Unsterblichkeitsbewegung??
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3. Teilmengenreduktionismus: ‘Es ist der
Tod, der diese panische Angst auslöst, das Wissen um die Unvermeidbarkeit des Todes, die den Menschen Erfindung um Erfindung machen läßt, um das Leben zu verlängern. Wäre das Altern der entscheidende
Faktor, hätte sich das Dogma, daß daran nichts zu ändern sei, längst nicht so hartnäckig erhalten. Es ist anzunehmen, daß als logische Konsequenz aus der Entdeckung der unsterblichen Einzellerlebewesen
Unmengen an Geld in Forschungsprogramme geflossen wären, das Geheimnis des Alterns zu lüften. Dem ist aber nicht so.’ Dies schreibt die Alternforscherin Martina Steinhart auf Seite 133 ihrer ganz
ausgezeichneten aber nicht mehr ganz aktuellen Einführung ‘Altern - Seine Ursachen und seine Biologie’ schon 1990 und bringt damit die gesellschaftliche Verteilung von Motivations-, Aufmerksamkeits- und
Geldressourcen exakt auf den Punkt, an der sich bis heute kaum etwas grundsätzliches geändert hat. Auch wenn die öffentliche Förderung der Alternsforschung z.B. in den USA in den letzten zehn Jahren
etwas zugenommen hat, aber wenn man die Ausg aben mit anderen
Haushaltsposten wie z.B. dem Verteidigungsetat oder den Ausgaben für den Irakkrieg etc. vergleicht, wird sofort deutlich, welch geringen und unbedeutenden sozialen
Stellenwert die Überwindung des Alterns weiterhin besitzt, insbesondere, wenn man sich das eindringliche Pathos verschiedener Immortalisten in Erinnerung ruft, die
unaufhörlich ‘die Überwindung des Todes’ mit gerontologischen Mitteln beschwören. In gewisser Weise scheint es beinahe so, als ob die modernen Gesellschaften in der Verteilung ihrer
materiellen und ideellen Ressourcen die evolutionäre Logik des Alterungsprozesses noch einmal verdoppeln würden, wenn sie so wie die Evolution anscheinend in den
kurzfristig orientierten Fortpflanzungserfolg der Organismen investiert mehr die kurz- und mittelfristig orientierten Überlebensstrategien ihrer Mitglieder begünstigt. Schaut
man sich dagegen die Zusammenhänge genauer an, stößt man schnell auf die Tatsache, daß sie hier tatsächlich einer tieferen Rationalität folgen, während es der
Erzirrtum technisch-naturwissenschaftlich ausgerichteter Immortalisten darstellt, wenn und soweit sie sich von der Abschaffung des Alterns tatsächlich eine
Abschaffung des Todes versprechen! (Man vergleiche beispielsweise nur den Titel des ersten Buches des Immortality Instituts: ‘The Scientific Conquest of DEATH’!) In
Wirklichkeit liegt hier etwas vor, was man vielleicht einen - auch noch mehrfach gestuften - ‘Teilmengenreduktionismus’ nennen könnte. Biologische Lebewesen im
allgemeinen und der Mensch im besonderen sterben nicht in erster Linie am Altern sondern an ganz verschiedenen Ursachen, und zwar an Krankheiten, Unfällen,
Selbstmord, Totschlag, Mord, Krieg, Hunger, Naturkatastrophen, wilden Tieren..., wobei diese Reihenfolge ungefähr die reale empirische Reihenfolge in der heutigen
Zeit in den westlichen Gesellschaften widerspiegelt. In weiten Teilen der Welt und im überwiegenden Teil der Geschichte sieht diese Reihenfolge natürlich völlig anders
aus, und da dürfte der Hunger im Verein mit Naturkatastrophen, Krankheiten und Krieg an erster Stelle rangieren.
Das Verhältnis zwischen Altern und Krankheit ist dabei wissenschaftlich unklar, aber
genauso, wie es sicher ist, daß mit zunehmender Lebensdauer die Krankheitswahrscheinlichkeit zunimmt, weiß man auch, daß Krankheit im Prinzip
etwas ganz eigenes ist, das unabhängig vom Lebensalter in jeder Lebensphase auftreten kann. Altern in der Perspektive einer stetig zunehmenden Disposition zur
Multimorbidität ist also auf jeden Fall nur eine Teilmenge bei der Summe aller durch Krankheit bedingten Todesursachen, und in dieser Hinsicht wäre die Vorstellung von
einer ‘Pille gegen das Altern’ o.ä. wie die Hoffnung auf ein Medikament, mit dem man sämtliche zum Todes führenden Krankheiten auf einmal abschaffen könnte,
eine nahezu absurde Erwartung, die mit der programmtheoretischen Vorstellung korrespondiert, das Altern von Organen und anderen Zellverbänden sei ‘nichts
anderes als’ das Altern der einzelnen (Körper-) Zellen und das Altern einer Zelle erschöpfe sich in ihrer begrenzten Teilungsfähigkeit. Dies gilt insbesondere wenn
man den herrschenden Typus der hochspezialisierten medizinischen Forschung kennt, bei der immer nur kleinere Teilprobleme von Teilproblemen in den
Blickwinkel der Aufmerksamkeit geraten und die übergeordneten Zusammenhänge und Wechselwirkungen fortschreitend mißachtet werden. Altern läßt sich aber
ähnlich wie die Krebskrankheit auch als fortschreitende Ordnungsstörung in der interzellulären Kommunikation und Abstimmung ganz unterschiedlicher
Zellverbände und Gewebe interpretieren, bei der eben übergeordnete körperliche Strukturmuster im Laufe der Zeit zerfallen oder dysfunktional werden, was man bis in
soziale und psychologische Bereiche hinein verfolgen könnte, wenn alternde Menschen im Gefolge des unaufhörlichen sozialen Wandels ihre wohlvertrauten
Lebensumstände nicht mehr wiederfinden und die resultierende Desorientierung als
psychisch belastend und längerfristig auch als krankmachend erleben.
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Der angedeutete Reduktionismus des herrschenden analytischen Spezialistentums in Forschung und Schulmedizin ist generell einer der
Hauptgründe, warum angesichts der weiter oben skizzierten Komplexitätsprobleme auf genetischer bzw. gerontologischer Ebene in naher und mittlerer Zukunft wenig wirklich bahnbrechende Erkenntnisse zu
erwarten sind, zumindest nicht was die generelle Abschaffung des Alterns angeht, denn für einzelne spektakuläre Therapieerfolge z.B. im Kontext der Stammzellenforschung war und ist die schulmedizinische
Forschung immer gut. Trotzdem rechnen einem die Medizinstatistiker unaufhörlich vor, daß selbst die komplette Abschaffung der heute häufigsten zum Tode führenden
Krankheiten die durchschnittliche Lebenserwartung nur um einige Jahre oder wenige Jahrzehnte steigen lassen würde, weil dann eben nur andere und noch nicht
erforschte Krankheiten auf die vordersten Plätze rutschen würden. Eben: Krankheiten sind äußerst vielfältig und lassen sich nicht auf eine alleinige Ursache zurückführen, wie es einer analogen und
weitverbreiteten reduktionistischen Annahme unter meist jüngeren Immortalisten entspricht, Menschen stürben immer an einer ganz bestimmten - krankhaften - Todesursache und seien im übrigen kerngesund.
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Zum Tode führende Krankheiten sind nun aber selbst wiederum nur eine Teilmenge innerhalb der Gesamtheit aller realen und potentiellen
Todesursachen, wobei z.B. Krieg, Ausbeutung, Hunger, Ungerechtigkeiten usw. sich nicht durch noch so spektakuläre medizinische Therapien oder andere bloß technologische Errungenschaften aus der Welt
schaffen ließen! Die Tatsache, daß Krankheiten mit großem Abstand heute und nur in der westlichen Welt die Todesursache Nr.1 darstellen, läßt leicht die dahinterstehenden sozialen, politischen und
ökonomischen Errungenschaften vergessen oder geringschätzen, wie auch die Bedeutung der Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingungen in den letzten 100 Jahren für den massiven Anstieg der
durchschnittlichen Lebenserwartung in der Regel völlig unterschätzt wird. Die damit einhergehende einseitige theoretische wie forschungsstrategische Fixierung auf die Überwindung des Alterungsprozesses
durch technische Immortalisten ist daher durchaus gefährlich oder zumindest völlig illussionär, wenn und insoweit die dahinterstehenden gesellschaftlichen Entwicklungen ausgeblendet werden, denn es
braucht nur einen kurzen Blick auf die jüngere Vergangenheit, aktuelle politische und ökonomische Krisen oder damit einhergehende gesellschaftliche Diskussionen z.B. im Zusammenhang mit der anhaltenden
Massenarbeitslosigkeit, der Finanzierungskrise im Gesundheitswesen oder den generellen Kürzungen im Sozialbereich etc.pp., um sowohl die Zerbrechlichkeit des heutigen lebenszeitgenerierenden Wohlstandes
wie die prinzipielle Fragwürdigkeit einfacher linearer Projektionen schon nur der durchschnittlichen Lebenserwartung in die Zukunft zu konstatieren. Ob die heute geborenen Menschen TATSÄCHLICH -
mindestens - 100 Jahre im Durchschnitt alt werden, wie es beinahe schon common sense unter Experten zu sein scheint, steht eben keineswegs schon fest sondern wird von der künftigen allgemeinen
Entwicklung abhängen, die prinzipiell ungewiß ist, und wer hätte schon am Anfang des 20. Jahrhunderts die beiden Weltkriege vorausgesagt, von all den anderen Ereignissen und Neuerungen negativer wie
positiver Art ganz zu schweigen. Dabei sollte es weiterhin klar sein, daß der einzelne sich generell vor der umstandslosen Anwendung solcher statistisch-allgemeinen Zusammenhänge auf sein eigenes
Schicksal hüten sollte, denn die individuelle Lebenserwartung wird davon nur in indirekter und eher passiver Weise berührt, während der wichtigste Faktor, ob man sich im statistischen Einklang mit dem
Rest der Welt oder gegenläufig zu ihr entwickelt von der eigenen inneren Einstellung und dem konkreten, praktischen und aktiven Engagement für ein langes Leben abhängt. Daß die kollektive Entwicklung für
das individuelle Leben nicht bedeutungslos ist, versteht sich dabei natürlich von selbst.
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4. Systemisches Denken: Der skizzierte
Teilmengenreduktionismus in der Einschätzung der Alternsforschung als ganzes korrespondiert wie erwähnt mit dem weitverbreiteten Reduktionismus in der naturwissenschaftlichen Forschung und Medizin
selbst, der dazu neigt, Leben im allgemeinen und körperliche Abläufe im besonderen nur von den Zellen oder nur von den Genen her zu betrachten und so auch den Alterungsprozeß. Man ahnt, daß die lange und
in Teilbereichen der Forschung und insbesondere der immortalistischen Szene immer noch anhaltende Beliebtheit programmtheoretischer Vorstellungen ein verschleiertes Wunschdenken zum Ausdruck bringt, denn
je einfacher man sich den Alterungsmechanismus analytisch zurechtlegt - Stichwort ‘Todesgen’ - desto leichter kann man natürlich hypothetische Gegenstrategien konstruieren. Komplexe Organismen im
allgemeinen und insbesondere der Mensch zeichnen sich aber dadurch aus, daß sich untergeordnete Teilsysteme auf höheren Integrationsebenen zusammenschließen und systemisch vernetzen, so daß Vorgänge und
Prozesse auf der niederen Ebene auch durch Umstände auf den übergeordneten Einheiten erklärt werden können. Erkenntnistheoretisch spiegelt sich hier der alte Widerspruch zwischen analytischen und
teleologischen (von ‘Telos’, das Ziel, also auf ein Ziel gerichteten) Erklärungsmustern, wobei letztere durch vormodern-religiöse oder auch idealistische Konzepte diskreditiert erscheinen. Trotzdem kann
kein Zweifel darin bestehen, daß Analyse nur Sinn macht, wenn man auch zur umgekehrten geistigen Operation, also zur Synthese, in der Lage ist, und jegliche Synthese muß automatisch wieder sämtlichen
höheren Integrationsebenen und ihren vielfältigen komplexen Wechselbeziehungen Rechnung tragen. Das reicht letztlich natürlich über rein innerkörperliche Prozesse hinaus, wie der Mensch schon von seiner
evolutionären Herkunft her ein Gruppen- und Gesellschaftswesen ist, das sein Überleben immer kollektiv regelt, womit auch ‘Gesundheit’ psychologische, soziale, kommunikative und politische Aspekte
aufweist.
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Angesichts des angedeuteten Wunschdenkens und der fortgesetzten völligen
praktisch-therapeutischen Folgenlosigkeit der Alternsforschung zumindest was die maximale Lebenserwartung angeht ist es ebenfalls kein Wunder, daß eine extreme und weitverbreitete Ambivalenz besteht zwischen grandiosen Hoffnungen einerseits, als ob die wissenschaftlich-medizinische Entwicklung ‘ganz von alleine’ ohne tiefere Notwendigkeit eines eigenen Engagements zu fulminanten Durchbrüchen käme, die immer schon quasi vor der Tür stünden, und der Dauerforderung nach einer Notwendigkeit der Ausweitung der Forschungsförderung, die man ja nur deshalb beharrlich verlangen muß, wenn eben gerade NICHT mit einfachen und baldigen Lösungen zu rechnen ist! In diesem Zusammenhang wird öfters auch eine Art Kompromiß-Szenario ‘zwischen Hoffen und Bangen’ gezeichnet, wonach man sich die Erlangung der körperlichen Unsterblichkeit in Form eines mehrstufigen Prozesses oder eines Etappenlaufs vorstellt, in dem Teilerfolge der Wissenschaft Lebenszeit schenken sollen, in der neue Teilerfolge weitere Lebensspannen eröffnen und so weiter. Dies scheint auf den ersten Blick bzw. abstrakt eine durchaus naheliegende Annahme zu sein oder auch einfach nur schlicht eine Rückkehr zur Vernunft und Abkehr von überzogenen monokausalen Therapieerwartungen, widerspricht aber der weiter oben schon angedeuteten multimorbiden Tendenz des Alterungsprozesses, bei dem sich vielfältige innere wie äußere pathologische Einflüsse wechselseitig aufschaukeln und die man nicht aus ihrem systemischen Zusammenhang reißen kann. Das populäre Beispiel in der Literatur vergleicht in diesem Zusammenhang den Alterungsprozeß mit einem auf allen Ebenen vor sich hinrostenden Auto, bei dem es irgendwann auch keinen Sinn mehr machen würde, in Einzelreparaturen zu investieren. Die Schadensprozesse häufen sich exponentiell und der Wagen bzw. der körperliche Organismus bricht nur an seiner schwächsten Stelle.
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5. Resümé: Die Alternsforschung würde
selbst im besten und optimistischsten aller Fälle nur den natürlichen Alterungsprozeß abschaffen, was menschheitsgeschichtlich natürlich ein epochaler Einschnitt wäre, aber sie kann niemals d en Tod an sich abschaffen! Dies ist eine entscheidende logische,
philosophisch-existentielle wie empirische Differenz, die nur allzu leicht in den aktuellen pro- wie contra-Debatten übersehen oder vernachlässigt wird, wobei dieses Versäumnis zur zentralen Basis für
alle quasireligiösen Hoffnungen unter pseudorationalistischen Vorzeichen wird, die sich auf die naturwissenschaftliche Erforschung des
Alterungsprozesses richten. Dabei führt die resultierende Irrationalisierung der Debatte zu einer massiven Behinderung einer weitergehenden politischen, sozialen
und ökonomischen Förderung des ganzen Forschungsfeldes, die sich nur aufheben ließe, wenn Immortalisten mit einem extremen rationalistisch-materialistischen
Selbstverständnis die prinzipiellen Grenzen naturwissenschaftlicher Weltdeutungen erkennen würden. Dies muß keineswegs automatisch zur Akzeptanz traditioneller religiöser Weltbilder führen. |
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Beim Altern selbst handelt es sich um ein komplexes und multidimensionales Phänomen, das von der biomedizinischen Alternsforschung
analytisch immer noch nicht richtig verstanden ist. Daher kann man auch kaum mit schnellen und einfachen Lösungen rechnen, und die Wissenschaft hat noch einen langen Weg vor sich, bis sie funktionierende
und bezahlbare Therapien zur Überwindung des Alterungsprozesses bereitstellen wird. Dies gilt einerseits um so mehr, wenn und solange weiterhin theoretische Modelle und analytische Herangehensweisen
dominieren, die der systemischen Natur lebendiger Prozesse unzureichend Rechnung tragen. Andererseits sind schnelle Lösungen auch deshalb unwahrscheinlich, weil die Gesellschaft aus prinzipiellen Gründen
einer andersgelagerten zeitlichen Hierarchie von Todesursachen die Alternsforschung immer nur sehr begrenzt fördern wird. Eine Unsterblichkeitsbewegung, die hier wirklich zu anderen Prioritäten und damit
einer stärkeren Forschungsförderung kommen wollte, müßte daher zuerst einmal die soziale, empirische und letztlich auch logische Realität der Todesbedrohungen akzeptieren, anstatt im Sinne des
skizzierten ‘Teilmengenreduktionismus’ das existentielle Grundproblem des Todes mit der bloß spezifischen Todesursache des Alterns zu verwechseln. Dies würde sich vor allem in einer anderen geistigen,
praktischen und psychologischen Orientierung manifestieren, in dem man sich individuell wie als kollektive Bewegung zunächst einmal in der Überwindung einfacherer, sozialer und naheliegenderer
Todesgründe zentriert - etwa auf politisch-humanitärem Gebiet, in der Präventiv- und Anti Aging-Medizin u.ä. - während die Verkehrung der zeitlichen Reihenfolge sowohl eine mangelnde geistige
Durchdringung der existentiellen Ausgangslage wie individuell-psychologisch einen kompensatorischen Umgang mit dem Tod signalisiert.
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Solange dagegen solche analytisch schwachen und kompensatorischen Haltungen in der kleinen und noch jungen Unsterblichkeitsbewegung
vorherrschen, wird ihr Einfluß weiterhin bedeutungslos bleiben und unter Umständen sogar negativ-bremsend ausfallen, weil die Gesellschaft als ganzes und ihre einzelnen Mitglieder sehr sensibel darauf
reagieren, welche Kräfte und Interessen ihren wirklichen Gefahren und Bedrohungen angemessen Rechnung tragen und welche nicht. Dadurch kann sogar nicht einmal das erreicht werden, was heute als
Ausweitung der Alternsforschung schon möglich und angesichts der demographischen Entwicklungen der alternden westlichen Gesellschaften auch sehr nötig wäre. Der tiefere Grund der angedeuteten
reduktionistischen Haltungen und resultierenden Fixierung auf die Alternsforschung liegt zweifellos aber in der zentralen symbolischen Bedeutung des Alterns selbst, in dem letztlich nicht mehr und nicht weniger als die zwar nicht
zeitlich aber logisch primäre natürliche Todesursache zum Ausdruck kommt, während die allermeisten anderen und insbesondere die sozialen Todesgründe eine mehr oder weniger künstlich-sekundäre und damit -
teils heute schon! - vermeidbare Qualität besitzen! Die Ausrichtung an der Überwindung des Alterungsprozesses - egal ob man sie nun mit technisch-naturwissenschaftlichen Mitteln der biomedizinischen
Alternsforschung oder mit traditionell-alternativen Methoden zu erreichen sucht - bleibt daher trotz aller differenzierten Einwände im Zentrum einer modernen Unsterblichkeitsbewegung bestehen, wobei man
nur vermeiden muß, sie im Sinne einer irreführenden Alternative gegen die vielfältigen anderen Überlebensnotwendigkeiten auszuspielen.
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Hier liegt auch der tiefere Grund, warum es sehr legitim und notwendig ist, bei allen Bestrebungen nach extremer Langlebigkeit
tatsächlich von körperlicher UNSTERBLICHKEIT zu sprechen, denn wenn es hier auch immer nur um partielle Zeitgewinne und damit um ‘relative’ Unsterblichkeit gehen kann, so ist doch klar, daß mit der
Aufhebung des Alterns ein prinzipieller Qualitätsumschwung verbunden wäre, in dem die zentrale, natürliche und automatische Todesursache überwunden wäre! Oder in den Worten der schon einmal erwähnten
Alternsforscherin Martina Steinhardt: ‘Es ist nicht dasselbe, das Altern zu verhindern oder den Tod zu besiegen. Und trotzdem haben wir, wenn wir nicht mehr altern, einen Prozeß ausgeschaltet, der uns
den Tod innerhalb einer bestimmten Zeit GARANTIERT (kursiv im Orginal) hätte.’ Die Bestrebungen zur Aufhebung des Alterns könnte man in dieser Perspektive strategisch als einen Kristallisationskern oder
Katalysator eines viel umfassenderen Unsterblichkeitsverständnisses verstehen, und die allgemeine Überwindung des Alterungsprozesses fördert man daher wohl umgekehrt auch wiederum am besten, wenn man
sich vielfältig, engagiert und glaubwürdig für die Überwindung aller anderen und zeitlich naheliegend-drängenderen Krankheits- und Todesursachen einsetzt, im Sinne eines radikalen Engagements für
körperliche Unversehrtheit auf allen medizinischen wie sozialen, politischen und geistigen Ebenen. Dies schließt automatisch den Kampf für bessere Lebensverhältnisse organisch mit ein, wodurch heute
schon in konsequenter Fortführung vergangener Errungenschaften der Alterungsprozeß stark verzögert werden kann, wobei mit steigender Lebensqualität zudem die allgemeine Motivation nach Ausdehnung der
Lebenszeit kontinuierlich mit ansteigt. Aus einer ‘single point-Bewegung’ würde so eine breitere Strömung, die zahlreiche geistige, praktische und politische Aspekte in sich einschließt und damit in der
Auseinandersetzung konkurrierender Weltanschauungen um die Gestaltung des menschlichen Lebens künftig ein gewichtiges Wort mitzureden hätte.
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