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FOREVER       Magazin für Physische Unsterblichkeit

 (2. Jahrgang)                                     Immortalismus

Vor uns die Unsterblichkeit

Autor: Lothar Michael Muth ----------  Datum: 9.9.03

Im inhaltlichen Brennpunkt dieses Magazins steht ein ganz besonderes Unsterblichkeitskonzept, wie es schon im Untertitel zum Magazinnamen auf der Startseite zum Ausdruck kommt. Um PHYSISCHE Unsterblichkeit wird die Diskussion gehen, womit auch eine klare Abgrenzung von den verschiedenen traditionell-religiösen Ewigkeitsvorstellungen formuliert ist.

Unter ‘physischer Unsterblichkeit’ verstehen wir zunächst im radikalen Wortsinne die unbegrenzte Existenz und Fortdauer im eigenen Körper, in einer gemäßigteren Fassung den Wunsch und das Vermögen, in der gegebenen körperlichen Existenzform sehr viel länger als die von der Wissenschaft momentan maximal zugestandenen 120 Jahre leben zu können. Gemeinsam ist der Idee der physischen Unsterblichkeit in Reinform oder dem eingeschränkteren Wunsch nach bloßer Lebensverlängerung die Orientierung auf das Diesseits und die Ablehnung von oder eher das Desinteresse an allen möglichen Jenseitsmodellen, Transzendenzvorstellungen oder Metaphysiken.

Diese erste Bestandsaufnahme will zunächst nicht mehr leisten, als eine knappe Übersicht über die verschiedensten Aspekte der Themenstellung zu geben, womit auch verdeutlicht werden soll, welchen Sinn ein solches kontinuierlich erscheinendes Magazin haben kann. Der wichtigste Grund für ein solches Öffentlichkeitsforum und eine kontinuierliche Berichterstattung wurde eben schon indirekt genannt, denn es existiert tatsächlich eine riesige Vielfalt von ganz unterschiedlichen und komplex miteinander zusammenhängenden Aspekten, Neben- und Unterthemen, die sich gerade NICHT auf die Diskussion der Alter(n)sforschung oder die Reflexion weniger philosophisch-religiöser Gedankengänge reduzieren lassen! Schon das Gebiet der naturwissenschaftlichen Alter(n)sforschung selbst ist kaum übersehbar und wird von verschiedensten grundlegenden Ansätzen und Kontroversen beherrscht. Die aktuell sehr populäre Anti-Aging Medizin mit ihrem neueren Arsenal an praktischen Maßnahmen und Therapieangeboten steht zu dieser Grundlagenforschung in einem keineswegs ungebrochenen Verhältnis, wie ihre vielfältigen Leistungen und Grenzen sowieso ein eigenständiges Themenfeld darstellen. Wir werden auch sehr unkonventionellen und ‘unwissenschaftlichen’ Ansätzen der Lebensverlängerung Raum geben, wobei wir eine formale Unterscheidung von grundsätzlich verschiedenen Wegen einführen: die ‘technische Unsterblichkeit’ bezeichnet all’ jene mehr oder weniger wissenschaftlich-medizinischen Konzepte, die im Einklang mit moderner wissenschaftlicher Forschung technisch-künstliche Mittel zur Lebensverlängerung/Unsterblichkeit hervorbringen will. Mit ‘natürlicher Unsterblichkeit’ fassen wir dagegen alle alternativen Modelle vor allem aus dem Umkreis östlicher und/oder esoterischer Spiritualität zusammen, die die Verlängerung des Lebens durch den kombinierten Einsatz natürlicher Mittel wie Diätik, Meditation, komplexer Methoden der psychischen oder sexuellen Selbsterfahrung u.ä. mehr anstrebt.

Im weiteren läßt sich am Studium der religiösen Traditionen das Ringen der Menschheit mit dem Tod seit Anbeginn der Geschichte eindrucksvoll studieren. In der philosophischen, religionswissenschaftlichen und sozialwissenschaftlichen Diskussion werden dabei geistige Weichen gestellt oder aber auch intellektuelle Hürden errichtet, die z.B. den Fortgang der wissenschaftlichen Alter(n)sforschung befördern oder behindern können. Die politischen und ökonomischen Auswirkungen einer grundlegend veränderten Lebenserwartung bekommen wir jetzt beinahe täglich in den öffentlichen Debatten um die Sicherung des Gesundheitswesens und des Rentensystems vorgeführt, wie natürlich generell politische und ökonomische Bedingungen wiederum den Fortschritt (nicht nur) der Wissenschaft beeinflussen. Auch in Musik, Film, Literatur und Kunst werden Werke produziert, die auf die (Un-)Sterblichkeit des Menschen bzw. seine allgemeinen Vorstellungen davon in der verschiedensten Weise einwirken. Schließlich entscheidet sich auch in der Berichterstattung in den Massenmedien, abhängig von den in ihnen herrschenden Philosophien und Menschenbildern, ob sich bestimmte Themen, Haltungen und inhaltliche Positionen eher verbreiten, ob sie vernachlässigt oder sogar blockiert werden. Kurz: da es im Wortsinne ‘um Leben und Tod’ geht, ist es letztlich kein Wunder, wenn das Konzept der physischen Unsterblichkeit mit der TOTALITÄT aller materiellen, geistigen und sozialen Lebenserscheinungen in Berührung kommt , woraus sich komplexe und teils noch völlig unüberschaubare Wechselwirkungen der verschiedensten Art ergeben.

Ein paar Aspekte des Unsterblichkeitsthemas, die uns wahrscheinlich etwas mehr als andere beschäftigen werden, seien aber jetzt schon einmal schlaglichtartig hervorgehoben. So ist z.B. klar, daß sich zwar das Konzept der physischen Unsterblichkeit von der religiösen Tradition abzugrenzen hat, aber die genaue Herausarbeitung der historischen Entwicklung der religiösen Ideen kann für das eigene Selbstverständnis und die Selbstvergewisserung über die eigene Vorgeschichte nur von Vorteil sein. Auch die physische Unsterblichkeit entsteht nicht im luftleeren Raum, wie die traditionellen Religionen samt ihrer kirchlichen Organisationen sowieso weiterhin mächtige geistige und politische Erscheinungen im sozialen Raum darstellen. Der Auseinandersetzung mit dem Tod bzw. der Sterblichkeit des Menschen wird ebenfalls ein größerer Raum eingeräumt werden, da hier sowohl potentielle und existentielle Motivationsquellen für das eigene Engagement liegen wie sich auch gewissermassen der Gegenpol oder die ewige Grenzlinie zur Unsterblichkeit herauschält. Ein anderer und damit zusammenhängender Akzent wird in der Reflexion des Themas ‘Lebenslust’ oder der Qualität des Lebens liegen und der Frage, in welchem Verhältnis die Qualität des Lebens zum Wunsch nach seiner Verlängerung oder seinem ewigen Fortgange steht. Dementsprechend wird den verschiedensten Kritiken und Kritikern am Konzept der physischen Unsterblichkeit Platz eingeräumt, um die vorgetragenen Argumente samt ihrer geistigen und psychosozialen Hintergründe in ihrer Stichhaltigkeit zu prüfen.

Mehr als all’ das hier nur anzureißen, kann dieser Text nicht leisten, ohne sofort in die ‘unendliche’ Diskussion der vielfältigsten Für und Wider einzusteigen. Letztlich dient das Magazin dem Zweck, diese Diskussionen nicht nur zu führen und ihnen einen öffentlichen Ort zu geben, sondern sie auch so zu bündeln, zu konzentrieren und zu systematisieren, damit längst formulierte Erkenntnisse und Einsichten zusammengetragen, bewertet und in vereinfachter und komprimierter Form weitergegeben werden können. In diesem Sinne soll es ein geistiger Ort werden, der in formaler Konsistenz mit dem Leitthema gewissermassen ein kollektives Zeitmanagement befördert, damit nicht jeder neu Interessierte ständig wieder bei Null anfangen muß, sondern in beschleunigtem Maße auf den Stand des aktuellen und gehobenen Wissens gebracht werden kann. Längerfristig können sich so geistige Kräfte und Potenzen leichter kombinieren, verdichten und auch wechselseitig verstärken. Auf der Seite mit den Literaturessentials wird dieser Gedanke noch einmal unter einem wichtigen praktischen Aspekt aufgegriffen, denn wer einmal bei Google oder in irgendeiner anderen Suchmaschine das Stichwort ‘Unsterblichkeit’ in die Suchmaske eingegeben hat und stirnrunzelnd die völlig heterogenen und unübersichtlichen Trefferlisten studieren mußte, weiß, wovon hier die Rede ist, von der Qualität der einzelnen Ergebnisse ganz abgesehen! Diese ganze Informationsverdichtung und Reflexionsarbeit soll aber auch in einer äußerlich ansprechenden und zuweilen auch unterhaltsamen Form geschehen, denn die einseitige Ausrichtung auf die physische Unsterblichkeit im Sinne eines nackten Überlebenswillen tritt zur Freude am Leben und damit zur organischen Motivation, die Länge des Lebens auszudehnen, nur allzuleicht in einen unfruchtbaren oder gar fatalen weil destruktiven Gegensatz. Wir sind dagegen umgekehrt der Auffassung, daß Qualität und Quantität des Lebens im Prinzip keine Gegensätze sind, wie es so oft verkündet wird, sondern in Wahrheit sich wechselseitig bedingen. Was das wirklich und konkret heißt und welcher politische und soziale Sprengstoff mit einer solche Synthese verbunden ist, kann man sich ganz einfach klarmachen, wenn man sich die aktuellen Nachrichten einmal in dieser zugespitzten Perspektive anschaut und sich die elenden Lebensbedingungen von so vielen Menschen auf diesem Globus nochmal ganz neu bewußt macht. Einem Immortalismus, der sich um dieses Elend nicht schert, wird jedenfalls kein Erfolg beschieden sein, wobei das Konzept der physischen Unsterblichkeit die Armen und Elenden nicht erst auf das Jenseits vertröstet, was ja nichts anderes als ein subtiles und unbewußtes Schmackhaftmachen des Todes impliziert.

Auf einer tieferen und subtileren Ebene geht es schließlich um die ultimative Form von Freiheit, denn solange der Prozeß von Krankheit und Altern und der damit drohende Tod wie vielfältige andere Todesursachen natürlichen und blind-mechanischen Gesetzen gehorcht, auf die der Mensch keinen Einfluß hat, solange ist diese Lebensqualität - mag sie vordergründig noch so privilegiert sein - grundsätzlich begrenzt und solange ist der Mensch im wesentlichen unfrei! ‘Physische Unsterblichkeit’ bedeutet daher im letzten das Ringen um diese ultimative Freiheit, bei der es keine Rolle spielt, wie LANGE der Mensch lebt, sondern daß er so lange lebt, wie er leben MÖCHTE! In einer spirituellen Perspektive, die wahrscheinlich noch am ehesten buddhistischem Gedankengut nahesteht - freilich in schärfster Abgrenzung zur buddhistischen Lebensverneinung in Form einer moralisierenden Doktrin - ist damit vor allem ausgesagt, daß jegliche Form von Todesakzeptanz, die nicht aus dieser ultimativen Freiheit stammt, unvollkommen ist und dementsprechende Kritik erfahren wird. Das Hauptmittel der ‘Kritik’ soll dabei allerdings das bessere Vorbild sein, denn nur die REALE Erlangung einer solchen Freiheit wird diese unvollkommenen Todesakzeptierer letztlich überzeugen können. Die Anhänger der physischen Unsterblichkeit sollten sich dabei darüber im klaren sein, daß SIE tatsächlich in der Bringschuld sind, während die unzähligen Todesanhänger der verschiedensten Richtungen sich auf die bisherige normative Kraft des Faktischen berufen können. Dieser Rückzug auf die normative Kraft des Faktischen drückt zwar in der Regel eine geistige Bequemlichkeit und Borniertheit von Vorgestern aus, die schon seit Jahrzehnten nicht mehr in die moderne Landschaft der ständigen Umgestaltung und Neuerung aller Verhältnisse paßt, aber angesichts des Menschheitsziels der Unsterblichkeit und der Überlegung, WIE groß diese ganz spezielle destruktive Kraft des Faktischen bis jetzt war und ist, muß man leider auch bei den intelligentesten und aufgeschlossensten Menschen mit solchen Rückfällen in das geistige Vorgestern rechnen. Wahrscheinlich ist angesichts des Problem des Todes eine gewisse Demut angebracht, aber man kann es auch als eine Art lustvolle Herausforderung ansehen und sollte den Versuch seiner Überwindung nicht zu etwas verbissenem machen, denn in puncto Verbissenheit werden immer die morbiden Haltungen triumphieren, darin sind sie geübt. Um mit einem Bibelzitat zu schließen: ‘Laßt die Toten ihre Toten begraben!’ verkündet der Sohn Gottes im Neuen Testament, um eine fundamentale äußere wie innere Umkehr bei seinen Jüngern zu bewirken, damit sie sich von den todesorientierten Mitmenschen ab und dem ewigen Leben zuwenden. Wo er Recht hat, hat er Recht! kann ich da nur sagen, auch wenn ich schon lange nicht mehr in einem christlichen Gottesdienst war...

(Anmerkung 5/05: Dieser Text erschien zuerst als Titelgeschichte von FOREVER Nr. 1 Anfang September 2003.)

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