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FOREVER       Magazin für Physische Unsterblichkeit

 (2. Jahrgang)                                     Immortalismus

Sex und Unsterblichkeit

Autor: Lothar Michael Muth ----------  Datum: 3.4.04

Um ein Ergebnis gleich vorweg zu nehmen: weder führt das exzessive Ausleben der sexuellen Bedürfnisse noch deren zölibitäre Vermeidung auf dem direkten WeSEXg zur physischen Unsterblichkeit. Die Sache scheint wohl komplizierter zu sein, und wenn es auf diesem Gebiet generell einfache und selbstevidente Methoden und Wege gäbe, wäre ein solches Magazin ja überflüssig.

Das Verhältnis von Sex und Unsterblichkeit wird auf einer tieferen Ebene von folgenden evolutionären Zusammenhängen bestimmt: Einzellige Lebewesen kennen keinen Tod, der durch einen Alterungsprozess einträte, sondern sie besitzen bereits die potentielle Unsterblichkeit durch ihre unbegrenzte Teilungsfähigkeit. Im Vorgang der Teilung kommt die bisherige individuelle Zelle allerdings auch an eine Art ‘Ende’, worauf zumindest einmal hingewiesen werden soll, und natürlich ist klar, daß auch ‘unsterbliche’ Einzeller aus unzähligen anderen - äußeren - Gründen sterben können. Es war jedenfalls schon oft Gegenstand verwunderter Reflexionen, daß der Sex und der Tod mehrzelliger Organismen naturgeschichtlich gesehen ZUSAMMEN die Bühne betraten, denn mit der zweigeschlechtlichen Fortpflanzung in der Vereinigung von Ei- und Samenzelle ist die Weitergabe der genetischen Erbmasse nicht mehr an das erfolgreiche Überleben der beiden Elternorganismen gekoppelt. Und es ist klar, daß diese Weitergabe der Gene im Zentrum aller biologischen Erklärungsmodelle im Kontext neodarwinistischer Theoriebildung steht, deren grundlegende Erklärungsmuster bekanntlich von den Schlagworten ‘Mutation’, ‘Selektion’, ‘survival of the fittest’ u.ä. regiert werden.

Im weiteren ist es daher nur folgerichtig und konsequent, wenn die verschiedenen Ansätze der modernen wissenschaftlichen Alternsforschung - die letztlich auf den evolutionstheoretischen Paradigmen des Neodarwinismus aufbauen - insbesondere auf unterschiedliche Fortpflanzungsstrategien der einzelnen Arten verweisen und den jeweiligen Alterungsprozeß im strengen Hinblick auf diese Strategien unter dem Generalgesichtspunkt des optimierten Überlebenserfolgs der Gene interpretieren. Zwei Grundstrategien lassen sich idealtypisch unterscheiden: kurze Lebensspannen bei extrem hohen Fortpflanzungsraten wie z.B. bei Insektenarten oder Fischen, lange Lebensspannen mit niedrigen Fortpflanzungsraten bei gleichzeitig intensiver Brutpflege wie z.B. bei Säugetieren im allgemeinen und Primaten im besonderen, zu denen natürlich auch der Mensch stammesgeschichtlich gehört. In dieser evolutionistischen Perspektive sind alle sozialen Gemeinschaften zweigeschlechtlicher Lebewesen und damit auch die menschlichen zunächst nichts anderes als Fortpflanzungsgemeinschaften, deren oberstes Ziel darin bestünde, das Überleben und die Reproduktion der Gene zu sichern. Der individuelle Körper und das individuelle Verhalten seien darauf programmiert und optimiert, diesem obersten Ziel, also dem individuellen Fortpflanzungserfolg, zu dienen, was auch für den Menschen weiterhin Geltung behalte. Jeglicher Lebensabschnitt, der aber NACH der Fortpflanzungsphase komme, sei damit aber gewissermassen ‘Extra-Lebenszeit’, die evolutionär nicht oder nur von minderer Bedeutung sei, in der die evolutionären Mechanismen von Mutation und Selektion nicht mehr richtig greifen könnten und die daher der erhöhten Krankheitsanfälligkeit, dem Verfall, dem Altern und schließlich dem Tod preisgegeben sei.

Dies ist in aller Kürze der tiefere naturgeschichtlich und evolutionstheoretisch begründete Kern des momentan in der Biogerontologie vorherrschenden verschleißtheoretischen Paradigmas, nach dem Altern kein einfaches und deterministisches genetisches Programm z.B. via einzelner ‘Todesgene’ darstellt sondern sich als komplexer und ungesteuerter Zerfall der lebenden Materie auf vielfältigster Ebene manifestiert. Man sieht dabei auf den ersten Blick, welche zentrale Bedeutung die Sexualität in diesen biologischen Erklärungmodellen besitzt, wobei man sich natürlich davor hüten muß, solche abstrakten naturwissenschaftlichen Theorien umstandslos auf das auch kulturell geprägte menschliche Verhalten oder gar auf unsere heutigen Alltagsvorstellungen von sexuellem Verhalten zu beziehen.

 

              

 

Das Kulturwesen Mensch hängt allgemein nicht mehr am Gängelband der Gene in einem simplen deterministischen Sinne sondern der Prozeß der Menschwerdung hat mit der Entstehung von Großhirnrinde, Sprache und Bewußtsein, von aufrechtem Gang, Werkzeugbenutzung und Lernverhalten - Qualitäten und Fähigkeiten also, die sich alle nur in der sozialen Gruppe, in sozialer Gemeinschaft verwirklichen - ein Wesen hervorgebracht, das ungleich größere Freiheitsgrade in Bezug auf seine natürlichen Anlagen als seine tierischen Vorfahren und tierischen Anverwandten besitzt. Trotzdem ist klar, daß ungeachtet dieser

Freiheitsgrade ein evolutionäres Erbe in uns fortwirkt und daß alle kulturellen und historischen Prägungen bzw. Zielvorstellungen mit natürlichen Grenzen, Dispositionen und leitenden Vorgaben rechnen müssen, wenn sie sich nicht unter der Hand in unreflektierte Utopien verwandeln wollen, die - im Grade ihrer Unreflektiertheit - die Menschen bzw. die menschliche Natur permanent überfordern. Es ist hier nicht der Ort, die Ansätze und Ergebnisse der modernen Verhaltensforschung, von Soziobiologie, Soziologischer Anthropologie, Evolutionärer Psychologie und Memetik angemessen darzustellen und einer kritischen wie konstruktiven Prüfung zu unterziehen. Entscheidend soll hier nur die Grundeinsicht sein, daß Kultur und Geschichte immer nur auf einer biologisch-evolutionär begründeten Natur des Menschen aufbauen aber sich nicht zu ihr in einen fundamentalen Gegensatz bringen können, weshalb der alte schroffe Natur-Kultur-Dualismus als längst überholt zu gelten hat. Das heißt konkret, daß alle menschlichen Phänomene sowohl biologisch-natürliche als auch historische-gewordene und kulturell-veränderliche Aspekte besitzen, die sich im Einzelfall kompliziert miteinander verschränken und nur theoretisch, abstrakt, voneinander isolieren lassen. Dies gilt auch und gerade für das Phänomen der Sexualität, das sich schon von seiner biologisch-physiologischen Seite her durch große je individuelle Spielräume und eingeschränkte Geltungs- oder Durchsetzungskraft auszeichnet. Die starke historische, kulturell-religiöse und psychologisch-individuelle Plastizität des Sexualtriebs hat schon viele Theoretiker dazu verleitet, dessen biologisch-medizinische und körperlich-genetische Basis zu leugnen oder in übertriebener Weise zu relativieren. Wahr ist allerdings tatsächlich, daß ‘der Trieb’ viel weniger ‘triebhaft’ ist, in einem mystifizierten, ideologischen und reduktionistischen Sinne, als es speziell dieser Begriff suggeriert, der mehr Ausdruck einer bestimmten historischen Verdrängungs- und Unterdrückungsgeschichte darstellt als angemessene Kennzeichnung einer menschlichen Universalie.

 

 

 

 

 

Eine Interpretation der menschlichen Sexualität unter evolutionistischen Gesichtspunkten in Hinblick auf die Altersproblematik bzw. die physische Unsterblichkeit muß zunächst eine naheliegende verengende Auffassung zurückweisen, wie sie auch traditioneller Sexualmoral eigen ist, die die sexuelle Vereinigung allein in ihrer direkten Funktion für den Fortpflanzungsprozeß betrachtet. Schon biologische Autoren weisen aber auf gleichrangige Funktionen des Sexualverhaltens z.B. für die Paarbildung hin, die wiederum Auswirkungen auf die Optimierung des

Brutpflegeverhaltens habe, das gerade für Arten, bei denen individuelles Lernen eine große Rolle spiele, besonders wichtig sei. Trotzdem ist klar, daß die menschlichen Keimzellen, Ei- und Samenzellen, analog zu den potentiell unsterblichen Einzellern in jedem menschlichen Organismus eine todestranszendierende Kraft - oder ‘Essenz’, wie die alten Taoisten sagen - repräsentieren, und daß im Prozeß der geschlechtlichen Vereinigung eine existentielle Dynamik zum Ausdruck kommt, die über die Sterblichkeit der jeweiligen Individuen hinausreicht. Das menschliche Keimplasma, das in der Keimbahn weitergegeben wird, ist im Unterschied zu den sterblichen Körperzellen tatsächlich schon in gewisser Weise ‘unsterblich’, und auch von daher läßt sich die extreme Bedeutung der Sexualität im menschlichen Leben verstehen.

Gerade im Hinblick auf die individuelle Unsterblichkeit muß man sich allerdings vor einem übertriebenen evolutionistischen Funktionalismus als Generalerklärung oder genauer: als indirekte moralische Norm, hüten, da in der biologisch-evolutionären Perspektive alles letztlich immer nur auf die Erhaltung der Art bzw. die Abstraktion des Gens hinausläuft und dem Individuum keine oder nur eine dienend-untergeordnete Rolle zugewiesen wird. Generell setzen sich biologische ‘Funktionen’ auch nicht als bewußte oder teilbewußte Intentionen der jeweiligen tierischen/menschlichen Individuen durch, sondern die Natur sichert ihre tieferen ‘Ziele’, indem sie erwünschtes Verhalten mit einer bestimmten inneren ‘Prämie’ versieht, um sein Auftreten zu begünstigen und zu verstärken, im Falle der Sexualität eben mit dem überwältigenden Gefühl der sexuellen Lust! Verfolgt man diese Zusammenhänge genauer, stößt man schnell auf tiefere Verbindungs- oder Begründungslinien, die es ermöglichen, die klassische Freudsche Psychoanalyse evolutionistisch zu untermauern, da das psychoanalytische Lehrgebäude die Sexualität, die ‘Libido’ des Menschen, zum theoretischen Dreh- und Angelpunkt der ganzen menschlichen Charakterbildung gemacht hat. Gleichzeitig erlauben es ihre Theorieansätze der schon erwähnten Plastizität des Sexualtriebs Rechnung zu tragen, in dem auf Basis weniger grundlegender Prinzipien vielfältige Verdrängungs-, Umformungs-, Sublimationsprozesse u.ä. beschrieben werden, um nicht nur die riesige kulturelle wie individuelle Vielfalt menschlichen Sexualempfindens zu beschreiben und zu erklären sondern auch zu zeigen, wie ursprünglich sexuelle Affekte und Motivationen in andere geistige und emotionale Gebiete hineinreichen, sie beeinflussen, überformen oder sogar determinieren.

Diese Komplexität des sexuellen bzw. emotionalen Geschehens macht es auch so schwierig, einfache Verhaltensempfehlungen zu geben, wie sie auch in der Anti-Aging-Literatur z.B. für den Umgang mit dem Sex älterer Menschen zu finden sind, weil die Frage der Heilsamkeit sexuellen Verhaltens - gar seiner lebensverlängernden Wirkung - von sehr individuellen Faktoren abhängig ist. Dem tatsächlich etwas naiven Rat, Sex im Alter sei per sé gut und lebensspendend, findet sich dementsprechend auch die aktuellere Kritik beigesellt, daß hier neue sexuelle Leistungsnormen aufgestellt würden, deren Verfehlen neue Formen von Unterdrückung und Entfremdung zur Folge hätten. Diese Gefahr scheint angesichts Jahrhunderte sexueller Repression zwar etwas übertrieben, ist im Einzelfall aber tatsächlich nicht von der Hand zu weisen. Dies kann generell verallgemeinert werden, in dem die Frage, ob Sexualität prinzipiell ‘gut’ oder ‘gesund’ sei nur vor dem je individuellen Hintergrund beantwortet werden kann, wobei von den naheliegenden Aspekten der Schwangerschafts- und Gesundheitsrisiken ganz abgesehen vor allem die tiefere Qualität der Beziehung zwischen den Partnern hier wohl die entscheidende Rolle spielt bzw. die Frage, welche tieferen seelischen Qualitäten und charakterlichen Dynamiken sich im sexuellen Geschehen manifestieren.

Die neueren Ansätze einer sogenannten ‘Evolutionären Psychologie’ müssen jedenfalls solange als vorläufig und unvollkommen betrachtet werden, solange sie dieses Freudsche Erbe nicht tiefer aufgearbeitet und z.B. die Debatten um das ‘Lustprinzip’ bzw. das ‘Realtitätsprinzip’ nicht integriert haben. Eine um die Unsterblichkeitsdimension erweiterte Evolutionäre Psychologie hätte dagegen die Kontroverse um das spätere Freudsche Konzept des ‘Todestriebs’ aufzuarbeiten, wobei der Freud-Schüler Wilhelm Reich und der Reich-Biograph Luigi De Marchi hier schon entscheidende Vorarbeiten geleistet haben. (Siehe zu letzterem auch die Buchliste mit den zehn Essentials, die ursprünglich zuerst in FOREVER Nr. 1. erschien.)

Vor dem so skizzierten Hintergrund ist das grundlegende Verhältnis von Sexualität und Unsterblichkeit abschließend leicht zu beschreiben:

 

  

      

 

 

Im sexuellen Geschehen manifestiert sich eine existentielle und natürliche Antriebskraft, die über die Sterblichkeit der beteiligten Individuen hinausreicht und zugleich tief in der innerpsychischen Motivationsstruktur verwurzelt und angelegt ist. Von daher ist sowohl die subjektive wie kollektive Macht des Geschlechtlichen zu verstehen als auch die Frage, warum im Kern religiöser Vorstellungswelten sich so oft sexuelle Symboliken und Verhaltensvorschriften wiederfinden, von archaischen Fruchtbarkeitskulten, über die ‘Verführung’ Adams durch die sündige Eva in der biblischen Genesis u.ä. bis hin zur Kennzeichnung Gottes, dem traditionellen Unsterblichkeitsprinzip, als allumfassender ekstatischer Liebe, wie sie vor allem in den verschiedenen Zweigen der Mystik zum Ausdruck kommt. Es wird weiterhin klar, warum traditionelle Religionen auf den Gedanken kommen können, Vermeidung von Sexualität sei ein zentraler Schlüssel auf dem Weg zum ewigen Leben, denn intuitiv wurde die biologisch-evolutionäre Dominanz vom Überleben der Art bzw. des genetischen Erbes zum Nachteil der einzelnen sterblichen Individuen erkannt und geistig-ideologisch überhöht. In ihren zugespitzten Übertreibungen, am extremsten wahrscheinlich im Kontext der christlichen Sexualmoral, wurden so aber alle möglichen sekundären Verdrängungen erzeugt, die keine Steigerung der Lebens- und Glücksmöglichkeiten zur Folge hatten sondern im Gegenteil zur gesteigerten Ausbreitung von Haß, Unterdrückung, Krieg, Gewalt, Krankheit und Tod führten, als permanente Wiederkehr des Verdrängten. Vor diesem Hintergrund sind auch die Kontroversen um den Stellenwert sexueller Askese versus erotischer Exzess zu bewerten: ersteres knüpft zwar an tiefere bioökonomische Gesetzmäßigkeiten an, die in der Vergangenheit aber weitgehend unverstanden und auf einem vorbewußten, vorrationalen Niveau verblieben, letzteres ist als notwendiges Aufbegehren gegen die daraufhin erfolgten sexualmoralisch-religiösen Sackgassen, Irrwege und Katastrophen in der Geschichte zu verstehen, die den Menschen nicht die ersehnte Unsterblichkeit brachten sondern sogar noch vermehrtes Leid, Elend und den vorzeitigen Tod.

Eine interessante Variante der sexualfeindlich-asketischen religiösen Tradition stellt in diesem Zusammenhang allerdings der altchinesische Taoismus dar, der sehr praktisch, detailgenau und differenziert nicht das sexuelle Verhalten an sich moralisch negativ sanktioniert sondern mehr im Sinne einer nüchternen medizinischen Lehre die lebensverzehrenden Folgen unmäßiger Ejakulation vor allem der Männer hervorhebt. Dementsprechend finden sich ganze - auch mehr oder weniger vorrational-mystische - Systeme der Steuerung der sexuellen Energie, die alle zum Ziel haben, durch bewußte sexuelle Techniken die individuelle Gesundheit, die Langlebigkeit und sogar die physische Unsterblichkeit zu verwirklichen. Im Kern steht dabei die Bewahrung und die Umwandlung der ‘Essenz’ in eine Art lebensspendendes Elixier, in dem das energetische Potential der unsterblichen Keimzellen nicht mehr dazu dient, äußeres neues Leben zu erschaffen sondern das eigene Leben zu erhalten und zu verjüngen. Diese uralten taoistischen Praktiken des sexuellen Yogas werden auch als ‘der zweifache Weg’ bezeichnet, weil eben zwei Menschen in der Form eines Paares den gemeinsamen Weg zur Unsterblichkeit beschreiten, wobei der sexuellen Askese an sich kein Wert beigemessen wird bzw. man erachtet sie in ihrer zugespitzten oder unbewußt-mechanischen Form sogar als gesundheitlich schädlich.

Ungeachtet der oben schon problematisierten Frage, inwieweit sexuelles Verhalten von Menschen im allgemeinen oder im höheren Alter positive und lebensspende Kräfte entfaltet oder nicht, erscheint es doch angemessen, den Maßstab des individuellen Alterns gerade auch an den sexuellen Aktivitäten festzumachen, wie man es in der ein oder anderen Form gerade auch in der Anti-Aging Literatur vorgeführt findet. (Siehe z.B. die entsprechenden Kapitel in ‘Anti-Aging. Die Macht der eigenen Hormone’ von Michael Klentze.) In der Sexualität manifestiert sich die Kontinuität alles Lebendigen, und erotisches Begehren gedeiht in der Regel nur auf Basis eines gesunden und vitalen Körpers, wie es auch über vielfältige hormonelle und physiologische Prozesse positiv auf diese vitale Basis zurückwirkt. Wenn man Altern in der Gerontologie abstrakt an evolutionär begründete Verfallsprozesse der nachreproduktiven Phase festmacht, also einer Phase, in der Sexualität zumindest im ganz engen Sinne der Fortpflanzungsfähigkeit an ein Ende kommt, dann wäre es nur zu plausibel oder zumindest wünschenswert, den Eintritt dieser nachreproduktiven Phase immer weiter hinauszuschieben. (Dieses Theoriemodell ist allerdings in sich etwas widersprüchlich oder unvollständig, da ‘die nachreproduktive Phase’ sich für Männer und Frauen sehr unterschiedlich darstellt!?) Es muß jeder letztlich selbst herausfinden, ob bzw. wie weit das tatsächlich möglich ist, welchen Stellenwert die sexuelle Askese oder zumindest eine spezifische Zurückhaltung dabei spielt oder was gar an solchen uralten Lehren wie dem taoistischen Sexualyoga dran ist, worauf wir bei Gelegenheit bestimmt genauer zurückkommen werden. In den letzten Jahrzehnten wurde es immerhin schon erreicht, die vorwiegend christlich inspirierten Haltungen der Tabuisierung der Alterssexualität außer Kraft zu setzen, was zumindest aufzeigt, wie lange Zeit auch als biologisch aufgefasste Grenzen in ungleich größerem Ausmaß dem Zwang veränderlicher kultureller Normen unterlagen. Vielleicht ist die menschliche Natur und Biologie insgesamt sogar noch viel weniger deterministisch, als es auch heutige Alternsforschung und Medizin wenngleich mit etwas erweiterten Spielräumen noch verfügen, und das ‘Unsterblichkeitsrezept’ von Alobar und Kudra, den beiden Helden aus Tom Robbins Roman ‘PanAroma’ hat eine tiefere realistische Grundlage, bei dem ja auch der Aspekt einer ausgedehnten und verwandelten Sexualität eine wichtige Rolle spielt.

(PS: Dieser Text erschien zuerst als Titelgeschichte von FOREVER Nr. 4 Anfang April 2004.)

        

 

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