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FOREVER       Magazin für Physische Unsterblichkeit

 (2. Jahrgang)                                     Besprechung

Frank Schirrmachers ‘Methusalem-Komplott’

Autor: Lothar Michael Muth ----------  Datum: 27.7.04

1. Das Buch

Ein sehr widersprüchliches Werk, zweifellos, jedoch es könnte durchaus sein, daß Frank Schirrmachers Riesenbestseller seinen gigantischen Erfolg gerade dieser Widersprüchlichkeit verdankt, weil sie in eine positive Resonanz mit der tieferen existentiellen Ambivalenz seiner Leserschaft tritt.

Die Struktur, inhaltlichen Grundlinien und Kernaussagen des ‘Methusalem-Komplotts’ sind dabei schnell benannt. Schon der Fronttext auf Seite 1 bringt die inhaltliche Botschaft und formale Herangehensweise des Autors prägnant auf den Punkt: ‘Die Menschheit altert in unvorstellbarem Ausmaß. Wir müssen das Problem unseres eigenen Alterns lösen, um das Problem der Welt zu lösen.’ Zwei einleitenden Kapiteln, in denen er zum einen suggestiv die persönliche Betroffenheit des Lesers beschwört (‘Sie gehören dazu’), zum anderen zentrale Inhalte übersichtsartig vorwegnimmt (‘Unsere Zukunft’), folgen insgesamt 4 Hauptteile, die sich in weitere Unterkapitel aufspalten und worin er seine Sicht des Alterungsproblems differenziert darstellt.

Teil 1 behandelt ‘Die Heraufkunft der alternden Gesellschaft’ und skizziert auf Basis einiger zentraler demographischer Daten sowohl das Szenario eines möglichen Kriegs der Kulturen wie das eines Kriegs der Generationen. Die zunehmende Verschiebung der Altersstruktur vor allem in den westlichen Industrienationen könnte zum einen die heute schon prekäre Schieflage unserer sozialen Sicherungssystem vollends zum Kollabieren bringen, zum anderen seien sich weiter zuspitzende Konflikte mit demographisch jüngeren Gesellschaften insbesondere aus dem arabisch-islamischen Kulturkreis zu befürchten, die sich gerade auch über eine Verschärfung der bereits bestehenden Immigrationsprobleme manifestieren könnten.

Teil 2 nimmt mit ca. 90 von den insgesamt knapp über 200 Seiten insgesamt den größten Raum des Buches ein und ist lapidar mit ‘Das Komplott’ überschrieben. Ein ‘Komplott’ gehe einem Umsturz voraus, heißt es im letzten Satz von Teil 1, und umstürzen möchte Schirrmacher vor allem unsere traditionellen Vorstellungen vom Alter und Altern, also die in Alltagsbewußtsein, Literatur, Film, Werbung, Wissenschaft usw. herrschenden Rollenvorbilder und Stereotypen, deren ganz unterschiedlichen Aspekte und letztlich fatalen weil lebensmindernden Konsequenzen er in den verschiedenen Unterkapiteln eindringlich beschreibt. Dabei spricht er immer wieder insbesondere die Generation der nachkriegsgeborenen Babyboomer an, als deren Sprachrohr er sich anscheinend fühlt - Frank Schirrmacher ist Jahrgang 1958 - die einerseits durch ihre schiere Masse im Verein mit dem starken Rückgang der Geburtenzahlen nachfolgender Generationen zur Ursache der angedeuteten Krisenszenarien werden, andererseits aber auch zum Ansprechpartner, Hoffnungsträger und Adressat seiner im Prinzip aufklärerischen Intention. In den letzten beiden Unterkapiteln des 2. Teils, insbesondere aber im vorletzten unter der etwas irreführenden Überschrift ‘Das geistige Altern’, liefert er schließlich noch einige summarische Ausblicke auf Stand und Perspektiven der modernen Alternsforschung, inclusive der Hoffnungen auf biologische Langlebigkeit und Unsterblichkeit, die er - alles in allem - verhalten optimistisch bewertet.

Die folgenden Teile 3 (‘Die Mission’) und 4 (‘Die neue Selbstdefinition’) nehmen dies allerdings nicht weiter auf, sondern kehren von der biologisch-existentiellen Ebene des Alterungsproblems wieder zurück zu seinem Grund- und Hauptthema unserer kulturell, sozial und historisch mithin also mental geprägten Alters(selbst)bilder, die es eben in einem ‘Kampf um die Köpfe’ zu verändern gälte (Teil 3), wofür er auch nach ‘Mitverschwörern’ Ausschau hält (Teil 4). Der Schluß des Buches ist insgesamt gesehen am wenigsten überzeugend, weil er wohl sein argumentatives wie polemisches Pulver schon in den vorangegangenen Passagen verschossen hat und nur noch bekannte Kernaussagen variierend wiederholt, ohne daß es auf irgendeine prägnante Zusammenfassung, konkrete Handlungsanleitungen oder politisch-praktische Schlußfolgerungen hinausliefe. Diese ständige variierende Wiederholung von zentralen Gedanken ist dabei ein generelles stilistisches Merkmal des Buches, das vor allem seinem Charakter als polemisches Manifest geschuldet ist, in dem es auch rhetorisch-formal durch klare Parteinahme für die Sache eintreten will, für die es inhaltlich steht. Unter den Gesichtspunkten der reinen Verständlichkeit und emotionalen Identifikation wird es einerseits dadurch sehr lesbar und eingängig, andererseits kann es bei allen, die mit zentralen Einsichten und Botschaften nicht einverstanden sind, schnell Schmerzgrenzen überschreiten und Abwehrreflexe auslösen. Anders gesagt: ‘Das Methusalem-Komplott’ polarisiert, und das ist beabsichtigt, wie an mehreren expliziten Stellen deutlich wird. Die bisherige öffentliche Resonanz zeigt, daß ihm das in fulminanter Weise gelungen ist, aber ein solches rhetorisches Stilmittel der plakativen und emotionalisierenden Vereinfachung hat wohl auch einen Preis, wie er u.a. in der eingangs schon erwähnten Widersprüchlichkeit zum Ausdruck kommt.

 

2. Immanente Kritik

So bleibt letztlich unklar, welchen Stellenwert er den demographischen Faktoren wirklich gibt, denn anfangs und über lange Passagen gewinnt man den Eindruck, er hielte sie beinah für so mächtig wie Naturgesetze, gegen die sich nichts ausrichten ließe, was aber jeglicher aufklärerischer Absicht zuwiderliefe. Ähnliches gilt für die damit verbundene Bedeutung biologischer Grundbedingungen im Verhältnis zur Macht kultureller Prägung, denn auch hier changiert er zwischen der Beschwörung der biologischen Macht des Alterns (aber auch der Sexualität in Hinblick auf die Geburtenrate) und ihrer Relativierung zugunsten der Möglichkeit sozialer und geistiger Einflußnahme und Distanzierung von genetischen Imperativen. Auch sein Grundton des Alarmismus, den einige Rezensenten ganz zu Recht festgestellt haben, läuft letztlich auf einen Widerspruch hinaus, weil er auf diese Weise genau zu jener Art des rhetorisch-medialen ‘Kriegs der Generationen’ indirekt mit beiträgt, den er bewußt gerade verhindern will. Daß dieser Konflikt bis jetzt und gottlob vor allem nur in den Medien stattfindet und keine reale Alltagsbasis in den wirklichen Beziehungen von alt und jung hat, sei nur am Rande angemerkt.

Schwach bleibt insbesondere die implizite Unterstellung, das ganze Thema sei jetzt irgendwie neu oder in seiner Zuspitzung besonders dringlich, während in Wirklichkeit die Demographen seit Jahrzehnten auf die grundlegenden Verschiebungen der Bevölkerungsstruktur aufmerksam machen und die Medien seit vielen Jahren regelmäßig vor möglichen Folgen warnen. So gibt es etwa einen SPIEGEL-Titel schon aus dem Jahre 1989, der den Kampf von Jung gegen Alt beschwört und natürlich viele andere Artikel auch, Bücher, wissenschaftliche Studien usw. Geradezu ärgerlich ist aber die damit einhergehende Ausblendung der längst stattfindenden unaufhörlichen Veränderung unserer Alters(selbst)bilder, worin sich auch einfach nur das Älterwerden von Generationen niederschlägt, die in ihrer Jugend völlig andere Erfahrungen gemacht haben als die der Generationen zuvor. Es ist ebenfalls einfach nicht richtig, es gäbe keine neuen Rollenvorbilder, obwohl zugegeben werden muß, daß sie noch nicht repräsentativ sind. Fitneßpäpste jenseits der 50 all’ überall, die wie Ende 30 wirken, Kabarettisten, die sich bemüßigt fühlen, die neuen ‘Senioren’ zu karikieren (und die Starre des Denkens heutiger 30-jähriger), ein 60-jähriger Mick Jagger, der rund um den Globus die Konzertarenen füllt, die ununterbrochene Aufmarsch der vitalen Schauspielerinnen, die mit 50, 60 oder gar über 70 in den Talkshows eindrucksvoll demonstrieren, daß Einstellung und Lebensstil sich bis auf die Zellen auswirken können oder gar ein 100-jähriger Johannes Heesters kürzlich bei Thomas Gottschalk, dessen Auftritt mit standing ovations beklatscht wird. Diese Reihe könnte fortgesetzt werden, und im Moment sieht es so aus, als passiere das, wofür er so vehement plädiert, tatsächlich einfach von selbst, in dem Maße wie ganz anders geprägte Generationen alt werden.

Seine Focussierung der Generation der Babyboomer ist dabei durchaus inspirierend und weiterführend, denn man kann tatsächlich davon ausgehen, daß es einen kollektiven Einschnitt bedeuten wird, wenn große Alterskohorten - beginnend ab etwa 2010 - ins Rentenalter eintreten werden oder sich ihm auch nur annähern. Aber auch hier wieder kann Schirrmacher sich nicht entscheiden, ob die Demographie quasi aus sich selbst heraus eigene Maßstäbe und Konsequenzen begründen wird oder ob andere Faktoren z.B. auf der kulturell geformten Bewußtseinsebene oder politische Maßnahmen wichtiger sind. Die Beschwörung des demographischen Faktors dient seinem Alarmismus und seiner polemisch-rhetorischen Intention des Wachrüttelns zwecks Selbstverteidigung gegen Zumutungen traditionell-repressiver Altersbilder. Nur: wenn die Demographie tatsächlich ein Selbstläufer wäre, dann spricht wenig bis nichts für die Katastrophenszenarien, denn gerade die schiere Zahl der Babyboomer müßte ihnen die politische, mediale und definitiorische Überlegenheit sichern. Er ahnt diesen argumentativen Zwiespalt sehr wohl, da er an einer Stelle schreibt, daß die große Zahl alleine noch keine Bedeutung habe, wenn die Masse der Alten auf die KRAFT der wenigen Jungen stieße. Das sind durchaus überlegenswerte Argumente, nur sägt er damit an einem Ast, auf den er seinen Ausgangsalarmismus aufgebaut hat. Analoges gilt hier natürlich auch für die gesamte außenpolitische Linie, denn es scheint sehr fraglich, daß ‘junge’ Gesellschaften ohne jegliche weitere Bestimmung ihrer kulturellen, politischen, ökonomischen usw. Situation von vorneherein zur Aggression neigen, um spezifische Konfliktpotentiale aufzubauen. Die demographische Perspektive wird hier immer wieder monokausal und damit reduktionistisch gebraucht, dient daher nur weit verbreiteten Hysterien im Kontext des ‘Kriegs der Generationen’ und der Fremdenfeindlichkeit, anstatt zu einer versachlichten weil differenzierten Debatte beizutragen.

Eine weitere und sehr ärgerliche Schwäche seiner ganzen Argumentation ist die Ausblendung der sozioökonomischen Hintergründe des allgemeinen Wohlstandes, der den Anstieg der durchschnittlichen Lebenserwartung erst begünstigt und damit auch zentrale Basis für eine fortschreitende positive Veränderung der Alten(selbst)bilder wäre. Es sind die postindustriellen Dienstleistungs- und Informationsgesellschaften, in denen durch immer weiteren Produktivitätsfortschritt die körperliche Arbeit zugunsten geistiger Qualifikationen eine immer geringere Rolle für das materielle Überleben spielt, und in denen sich dem so befreiten Geist, dem so befreiten Körper, immer weitere Zeit- und Entwicklungshorizonte eröffnen. Ärgerlich ist diese Ausblendung vor allem deswegen, weil er sonst soviel Geschick im Aufspüren der sozialen und kulturellen Determinanten der dominierenden Vorstellungen vom Altern beweist, so daß diese Erweiterung des analytischen Blicks naheliegend, ja zwingend gewesen wäre. Es scheint sich hier die Grenze seiner eigenen geistigen Herkunft, seines sozialen Milieus und seines politischen Lagers anzudeuten, als ob der Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, also eines Flaggschiffs des konservativ-liberalen Bürgertums und neoliberaler Aufsteiger, sich scheute, die argumentative Grundfigur des linksintellekuellen Diskurses in seiner letzten Konsequenz anzuwenden. Auch wenn es ärgerlich weil inkonsequent und widersprüchlich ist, ist es doch nicht nur ein Nachteil, denn es bewahrt ihn vor dem typisch soziologistischen Gegenextrem, Alter und Altern NUR als soziale Prozesse zu verstehen und die biologisch-materielle, damit die existentielle und überhistorische Qualität des Alterungsphänomens auszublenden.

Unterschlägt man allerdings die sozioökonomischen Hintergründe sowohl der Bedingungen für das individuelle Altern wie auch der kollektiven demographischen Entwicklung, verliert man auch den Blick für die spezifische Relevanz aktueller politischer Diskussionen. Schirrmachers Buch hat zu Hartz 4, der Agenda 2010, der Dauerdebatte um die Finanzierung des Renten- und des Gesundheitssystems u.ä. Themen mehr nicht wirklich etwas zu sagen. All seine Polemik läuft daher in einem entscheidenden Punkt ins Leere, wo es daraum ginge, durchaus wichtige und richtige Einsichten praktisch-politisch konkret zu machen. Mit einer solchen Konkretisierung und Zuspitzung würde sich ein Großteil seiner projektiven Zukunftsszenarien von selbst erledigen, denn die fernere Zukunft entwickelt sich immer nur auf Basis heutiger Entscheidungen und der zeitlich näheren Entwicklungen. Anders gesagt: die Menschen werden NUR wie von ihm gehofft oder befürchtet älter, wenn und soweit es für sie mehrheitlich positiv verläuft, denn der Anstieg der durchschnittlichen Lebenserwartung ist kein biologischer oder medizinischer Automatismus sondern reflektiert die Summe ALLER Lebensumstände, biomedizinischer genauso wie sozial-ökonomischer, kultureller, geistiger und mentaler. Lineare Extrapolationen vergangener Entwicklungen in die Zukunft sind dagegen IMMER irrig, egal auf welchem Gebiet. (Zu den generellen Grenzen des demographischen Diskurses  siehe auch den entsprechenden Beitrag im Archiv.)

Eine weitere immanente Schwäche und Widersprüchlichkeit seiner Argumentation, die auch mit seiner geistig-politischen Herkunft zusammenhängen könnte, ist die ständige undifferenzierte Behauptung, die heutige bzw. zukünftige ältere Generation sei per sé schwach und werde von der jüngeren dominiert. Auch hier haben aber einige Rezensenten völlig zu Recht festgestellt, daß beinahe die gesamte politische, wirtschaftliche und geistige Macht in den Händen von älteren Menschen liegt, so daß man die Botschaft des Mitvierzigers durchaus auch als vorwegnehmende Immunisierungsstrategie lesen kann, an bestehenden wie künftigen Machtverhältnissen nichts ändern zu wollen. (Es versteht sich von selbst, daß es sich dabei insgesamt gesehen nur um relativ wenige Einzelpersonen bzw. kleine Eliten handelt, denn für die Masse der älteren Generation treffen seine Einschätzungen durchaus zu. Dies hat im Kern aber nichts mit dem Verhältnis der Generationen zu tun.) Die radikalen Jugendbewegungen der 60er werden heute gerne auch als erster kollektiver Ausdruck des ‘Jugendwahns’ interpretiert, wobei seine Ausführungen über ‘68’ als bloßes Kaufkraftphänomen eine ökonomistische Vereinfachung ist, die man zuletzt von Vulgärmarxisten vergangener Jahrzehnte gewohnt war. In Wirklichkeit war es ein Aufstand von ohnmächtigen Jungen, die sich ringsum in der Gesellschaft in all ihren relevanten Institutionen, von der Schule, über die Kirchen, die Universitäten, der Wirtschaft und dem Staat, von der Macht älterer bis uralter Herrschaften umzingelt sahen. Auch hier ist ein Autor, der eine lupenreine Karriere in einem der letzten Horte bürgerlicher Tradition hingelegt hat, nur ein schlechter Gewährsmann, und es scheint fast ein wenig so, als entdecke er die längst vergangenen Euphorien des einstigen Jugendkultes seiner Nach-68er Generationsgenossen erst jetzt über den Umweg des Alternsthemas. Auch dies muß nicht nur ein Nachteil sein oder Anlaß für billige politisch-ideologische Polemik.

Die letzte immanente Schwäche des Buches schließlich hat mit der ambivalenten Methusalem-Metapher des Titels zu tun (deren genauerer Analyse ursprünglich ein eigener kleiner Text gewidmet war). Sie führt hier zu seiner eigentlichen inhaltlichen Ausblendung und damit zu Teil 3, in dem alles abschließend noch einmal in der Perspektive körperlicher Unsterblichkeit bewertet werden soll.

 

3. Die Unsterblichkeitsperspektive

Wertet man den Mitherausgeber der FAZ tatsächlich als Repräsentanten des bürgerlich-konservativ-liberalen Lagers, dann verblüfft besonders, daß in einem Buch über Altern, Leben und Sterben das Thema der RELIGION keine wirkliche Erwähnung mehr findet, was durchaus als zugespitztes Zeichen des fortschreitenden Säkularisierungsprozesses gedeutet werden kann. Es ist tatsächlich nur noch die altbiblische Figur des Methusalem im Titel, die einen metaphorischen Bezug herstellt, der aber christlich-religiös gesehen nicht nur äußerlich sondern sinnwidrig und geradezu ‘blasphemisch’ bliebe, wenn er mit seinen 969 Jahren Lebensjahren als idealisiertes Vorbild der Langlebigkeit herangezogen würde. Die implizit positive Intention soll hier durchaus gewürdigt werden, die tiefere Kritik daran steht auch an einer anderen und bereits erwähnten Stelle. (Der entsprechende Text wird zu einem späteren Zeitpunkt wieder verfügbar gemacht.) Hier soll dagegen einfach nur einmal festgestell werden, daß die historisch-kulturelle Entstehung, aktuelle Ausgestaltung und mögliche Veränderung unserer Vorstellungen vom Altern nur innerhalb religiöser bzw. religionswissenschaftlicher Konstellationen umfassend und erschöpfend diskutiert werden können, weil Religion der traditionelle Ort ist, an dem die Endlichkeit des individuellen Lebens verhandelt wird. (Und Religion ist mindestens immer auch noch INDIREKT vorhanden, wenn man von Phänomenen und Theorien der ‘Säkularisierung’ ausgeht.) Gerade sein Daueraufbegehren gegen die fatalistische Dimension herrschender Altersstereotype macht den religiösen Aspekt nur zu deutlich, denn der Christ - natürlich auch der Islamist, der buddhistisch-hinduistische oder esoterische Reinkarnist - akzeptiert den Niedergang der Lebenskräfte als Vorbereitung und Übergang zu einem wie auch immer gedachten ewigen Leben und bringt so das fatalistische Einverständnis in ‘den Lauf der Dinge’ als eine Art zwangsläufiges Nebenprodukt mit hervor. Im Alltag der westlichen Moderne scheinen diese Traditionen zwar längst entscheidend geschwächt und unbedeutend geworden sein, aber zum einen macht man immer wieder die irritierende und widersprüchliche Erfahrung, daß auch Menschen mit einem bewußt säkularen Welt- und Selbstbild sich der Argumente der religiösen Tradition bedienen, da sich Jahrtausende alte Prägungen sich eben wohl doch nicht in ein, zwei Generationen überwinden lassen. Zum anderen hinkt die Entwicklung global gesehen sowieso noch zurück und gibt es fundamentalistische Rückfälle der verschiedensten Art.

Mit der Ausblendung der Religion geht aber vor allem auch die weitgehende Ausblendung des Todes als eigener existentieller Qualität einher, und es ist sicher nicht übertrieben, seinen ganzen Alarmismus und sein partielles Schwelgen in negativen Zukunfts- und Bedrohungsszenarien, vor allem als die projektive Wiederkehr des Verdrängten zu deuten. Hier kulminiert die anfangs konstatierte Widersprüchlichkeit im letzten, da er sich nicht zwischen solcher Schwarzmalerei auf hohem inhaltlichen wie formalem Niveau und einer wie auch immer gearteten immortalistischen Perspektive entscheiden kann. Entsprechend liegt beispielsweise der Abschnitt ‘Auf der Suche nach Unsterblichkeit’ auf S. 140, worin er aktuelle Ergebnisse und Aussichten der modernen Alternsforschung prägnant und vorsichtig optimistisch präsentiert, versteckt in einem Unterkapitel und taucht so nicht einmal im Inhaltsverzeichnis auf. Bei der uralten Frage, ob das Glas halb voll oder halb leer sei, entscheidet er sich daher leider - vielleicht auch nur zweckpessimistisch, im Sinne seiner Wachrüttelabsicht - für das halb leere Glas, denn statt ‘wir altern dramatisch’ könnte man mit gleichem Recht sagen: ‘wir leben immer länger, hurra!’ Es ist wohl das Erzübel dieses Buches, die steigende Lebenserwartung so grundlegend als Problem in den öffentlichen Raum zu stellen, anstatt die damit zweifellos einhergehenden Anpassungs- und Übergangsschwierigkeiten als lösbare und nachgeordnete Nebenfolgen eines im Prinzip konstruktiven Prozesses zu werten. Das grundlegende Problem ist in Wirklichkeit dagegen die existentielle Qualität des Todes, die von der Frage der Lebensspanne unberührt bleibt und immer unberührt bleiben wird. Hier macht sich auch sein leichter Hang zu den Problembeschreibungen und Lösungsansätzen technischer Langlebigkeit und Unsterblichkeit bemerkbar, also eine Affinität zu biomedizinischen und naturwissenschaftlichen Verfahren, die generell von der Vermischung der Problemebenen geprägt sind und die die Abschaffung bloß spezifischer Todesursachen mit der Überwindung des Todes schlechthin verwechseln.

Schirrmachers zentrale Leistung besteht dagegen darin, die destruktiven Folgen negativer Alterns(selbst)bilder so eindringlich wie differenziert und mit aktuellem Gegenwartsbezug herausgearbeitet zu haben. Prinzipiell sind diese Gedanken zwar nicht neu, man findet sie beispielsweise unter der Kategorie ‘positives Denken’ in verschiedenen Bereichen alternativer Spiritualität bis hin zum alten Prentice Mulford, aber sie werden meistens argumentativ schwach, in fragwürdigem Kontext, zu großer Allgemeinheit und ohne Beziehung zu gegenwärtigen Lebensumständen vorgetragen. Eine positive Nebenkonsequenz seiner spezifischen Dramatisierung der demographischen Entwicklung dürfte die indirekte Entschärfung des bei naiven Gemütern beliebten Gegenarguments der Überbevölkerung sein, denn wer ‘Das Methusalem-Komplott’ gelesen hat, sieht erst einmal nur noch überall schrumpfende und ‘aussterbende’ Gesellschaften. Die Uminterpretation seiner Zuspitzung auf die Generation der Babyboomer drängt sich dabei mit Macht auf, denn es dürften wirklich die hedonistisch-säkularen Nachkriegsgenerationen sein, die mit ihrer Annäherung ans Rentenalter, ihrer quantitativen Zahl und den längst begonnen Veränderungen unserer Vorstellungen vom Alter(n) nicht nur die kollektive Beschäftigung mit Gerontologie erzwingen werden, wie Schirrmacher an einer Stelle prophezeit, sondern die sogar tatsächlich eine moderne Unsterblichkeitsbewegung hervorbringen könnten! Natürlich wäre auch das kein Automatismus sondern die von den demographischen Aspekten begünstigten Entwicklungen stellen nur Chancen und Möglichkeiten dar, die bewußt aufgegriffen, formuliert, zugespitzt und organisiert werden müssen. In DIESEM Sinne ist ‘Das Methusalem-Komplott’ daher trotz aller Einwände und Schwächen, die mehr die Widersprüchlichkeiten und Ambivalenzen einer ganzen Generation als die des Autors widerspiegeln, ein bedeutendes Buch, weil hier das Thema der körperlichen Langlebigkeit und Unsterblichkeit wenngleich noch mehr indirekt, gebrochen und relativiert auf die öffentliche Tagesordnung gesetzt wird - nicht mehr, aber auch nicht weniger.

(PS: Dieser Text erschien zuerst als Titelgeschichte von FOREVER Nr. 5 Ende Juli 2004.)

              

 

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