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FOREVER       Magazin für Physische Unsterblichkeit

 (4. Jahrgang)                                     Religion

                           Was heisst ‘Transhedonismus’?                           Zum SPIEGEL-Titel Atheismus

Autor: Lothar Michael Muth ---------- Datum: 17.6.07

Unter der knalligen Überschrift zu entsprechender Fotomontage ‘Gott ist an allem schuld - Der Kreuzzug der neuen Atheisten’ berichtete die Pfingstausgabe des SPIEGEL am 26.5.07 über die aktuellen Versuche atheistischer Philosophen, Naturwissenschaftler und Publizisten, der religiösen Renaissance (nicht nur) in den westlichen Ländern Paroli zu bieten. Neu daran ist vor allem der militant-aggressive und tendenziell intolerante Ton der atheistischen Kritiker, die in der religiösen Tradition die Wurzel aller möglichen politischen, sozialen und geistigen Übel erblicken, wobei diese Bewegung, zu deren führenden Köpfen u.a. der britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins gehört (‘Das egoistische Gen’, ‘Der Gotteswahn’), insbesondere in den angelsächsischen Ländern verbreitet ist. Der SPIEGEL-Artikel wertete dies als tendenziell überschiessende Reaktion auf die islamistischen Terroranschläge, in deren Gefolge es ein Erstarken der religiösen Rechten in den USA gegeben habe, während hierzulande das Feld nur von christlichen ‘Missionaren’ à la ZDF-Politmoderator Peter Hahne (‘Schluß mit lustig’) oder ARD-Nachrichtensprecherin und zurück-an-den-Herd-Autorin Eva Herrman (‘Das Eva-Prinzip’) geprägt würde, wie der Autor leicht süffisant bemerkt. Genaugenommen herrsche aber in Deutschland sowieso eher die große Gleichgültigkeit in weltanschaulich-religiösen Fragen, weshalb die atheistischen Polemiken weitgehend ins Leere liefen.

Der Text malte nach facettenreicher Darstellung der neuen Bewegung im ersten Teil, in der u.a. eine säkulare Alternative zu den 10 Geboten angeboten wurde, in der zweiten Hälfte mehrere große Fragezeichen bezüglich der angedeuteten Intoleranz aufklärerischer Skeptiker, da sie selbst fundamentalistische Züge trügen. Gegen Ende zog er daher deren allumfassende rationalistische Erklärungsansprüche zunehmend in Zweifel, um einen versöhnlichen wenngleich nicht besonders ausführlich begründeten Bogen zur religiösen Tradition zu schlagen:

‘Nichts spricht gegen die tiefe Gewissheit, dass alle Erfahrung und Wissen nicht der Weisheit letzter Schluss sind. Alles Weitere ist Privatsache.’

Für einen Autor ausgerechnet des SPIEGEL ist eine solche Versöhnlichkeit in religiösen Letztfragen eher verwunderlich obwohl auch nicht wirklich neu, da solche teils indifferent-unentschiedenen, teils rückwärts gewandten Töne hier in den letzten Jahren schon öfters zu lesen waren. (Siehe z.B. den SPIEGEL-Titel zum Ursprung des Monotheismus , News 27) Aus immortalistischer Perspektive sind dagegen nun folgende drei Zitate am interessantesten, da sie den exakten Stand bzw. die aktuelle Grenze aller öffentlichen Debatten zum Thema Religion versus Aufklärung markieren:

1. ‘Der Glaube wird nicht aussterben, jedenfalls nicht, solange wir noch Angst vor dem Sterben haben und vor dem Dunkel und vor dem Unbekannten und voreinander.’ (Gegen Ende des SPIEGEL-Textes)

2. ‘Solange Menschen sterben müssen, wird es Gott geben. Er existiert als Ausflucht vor der existentiellen Furcht, der Unfähigkeit, zu akzeptieren, dass wir und die Menschen, die wir lieben, verschwinden werden.’ (Aus dem darin eingeschobenen Interview mit dem französischen Philosophen Michel Onfray; aktueller Bestseller in Frankreich ‘Wir brauchen keinen Gott’)

3. ‘Christoph Archibald: Ist der Glaube an Gott nicht einfach ein Ausdruck der Tatsache, dass Menschen ihre Endlichkeit nicht akzeptieren wollen? Michael Schmidt-Salomon: Richtig, das ist ein wesentlicher Aspekt, wenn auch nicht der einzige. Dennoch denke ich, dass der Stein der Weisen der Grabstein ist. Wir dürfen uns nicht weglügen aus der Wirklichkeit, sondern sollten uns mit unserer Endlichkeit konfrontieren, und dieses eine Leben, das uns zur Verfügung steht, als kostbares Gut wertschätzen.’ (Aus dem Chat mit dem deutschen Philosophen Michael Schmidt-Salomon (‘Manifest des evolutionären Humanismus’) am 29.5.07 auf SPIEGEL-Online aus Anlass der Titelgeschichte, der in einem dortigen zweiten Einschub als atheistischer Chefdenker portraitiert wurde.)

Wieder kommt also an prominenter Stelle der tiefste und letzte Ursprung aller Religion, ihr überhistorisch-existentieller bzw. anthropologischer Kern zum Ausdruck, der Tod bzw. die Sterblichkeit des Menschen (oder die menschliche Fähigkeit, ihn geistig zu antizipieren) - und wieder wird diese Wahrheit in all’ ihren Voraussetzungen und abgeleiteten Konsequenzen gar nicht angemessen gewürdigt, wird ihr nicht der richtige theoretisch-analytische wie praktisch-psychologische Stellenwert zugewiesen und werden stattdessen nur nachrangige Themen und Probleme diskutiert!

In der psychoexistentiellen Perspektive, wie sie der italienische Psychoanalytiker Luigi de Marchi schon Mitte der 80er in seinem Buch ‘Der Urschock - Unsere Psyche, die Kultur und der Tod’ eröffnet hat, erscheinen all die von den ‘neuen’ Atheisten aufgelisteten Übel und Probleme der traditionellen Religionen nur als sekundäre Reaktion auf den ‘Urschock’, als psychodynamisch und soziokulturell so zwangsläufige wie dysfunktionale Versuche des vormodernen Menschen, die Endlichkeit des Lebens, die Angst vor dem eigenen Tod oder den Schmerz über den Verlust nahestehender Personen zu bewältigen. Die religiöse Tradition hat dabei allerdings auch mit ihren Vorstellungen und Visionen von Unsterblichkeit und ewigem Leben einen grandiosen Gegenentwurf zum Tod in die Welt gebracht, während alte und neue Atheisten wie organisierte ‘Humanisten’ uns allen Ernstes - auf Basis eines säkularen Weltbildes! - die Akzeptanz des Todes als positive Heilsbotschaft verkaufen wollen!? Wahrscheinlich handelt es sich bei diesen Todesakzeptanzphilosophien in Wirklichkeit aber nur um unreine und völlig unreflektierte Mischprodukte von rationalistischer Lebensverzweiflung mit mystisch-esoterischen Traditionen, deren Reinkarnationsvorstellungen tatsächlich die Akzeptanz des (Ego-)Todes voraussetzen, aber natürlich fundamental auf ein Weiterleben nach dem Tode orientiert sind.

Die polemisch-rationalistische Kritik an den traditionellen Religionen mag sich daher an deren Schattenseiten und fiktionalen Elementen, an ihren Widersprüchen und ethisch-moralischen Konsequenzen usw. entzünden, aber eine aufklärerischen Kritik, die diese Kernerrungenschaft von Religion einfach nur preisgeben will, ohne etwas neues bzw. ebenbürtiges an ihre Stelle zu setzen, ist selbst dem Untergang geweiht. Die dauerhafte Wiederkehr religiöser Traditionen oder gar fundamentalistischer Bestrebungen ist vor dem Hintergrund dieses Versagens dann wahrlich kein Wunder mehr, wie die intoleranten und fundamentalistischen Elemente der neuen Atheisten selbst deutlich deren tiefere Ohnmacht anzeigen, die nach vielen Jahrzehnten intellektueller Vormachtstellung nur noch defensiv reagieren und keinen gesellschaftlichen Optimismus mehr verbreiten können. Angesichts der Schrecken des Todes als primärer und religionsunabhängiger Ursache der sekundären religiösen Schattenseiten ist jener Alltags-Hedonismus, den sie uns als weltanschauliche Alternative nahelegen wollen, schliesslich auch immer nur ein begrenzter und letztlich TRAGISCHER Hedonismus:

‘SPIEGEL: ‘Wie tröstlich - wir kommen aus dem Nichts und kehren dorthin zurück... Onfray: ...aber dazwischen liegt das eine kostbare Leben! Das gilt es zu geniessen, denn diese Welt ist liebenswert und wirklich. Man muss sich auch nicht gegen den Körper wehren, gegen das Fleisch, die Begierde, die Triebe; Frauen sind das beste, was uns Männern im Leben passieren kann, Sexualität ist keine Schande und die Malerei, die Literatur, das Reisen und die Musik darf man lieben.’

Darüber hinaus bedeutet diese Art Missionsarbeit für die weltliche Glückssuche ein philosophisch-politisches Eulen nach Athen tragen, als ob es nicht längst Abermillionen von Menschen in der ganzen westlichen Zivilisation gäbe, die seit vielen Jahrzehnten den Hedonismus in der ein oder anderen Form verfolgten. Wichtiger und erst wirklich aktuell wäre doch aber die Frage nach seiner mangelnden Durchschlagskraft, nach seinen Ermüdungserscheinungen, nach den tieferen Gründen für die Hin- oder Rückwendung so vieler weltlicher Menschen zu den Sinnangeboten der religiösen Tradition. Die hat übrigens ihre ganz eigenen und durchaus weltlichen Glücksmöglichkeiten im Angebot, weshalb der aufgemachte Gegensatz religiöse Askese versus weltlicher Hedonismus bei Gelegenheit ja auch einmal genauer zu differenzieren wäre...

Der Hedonismus beschränkte sich in der Vergangenheit darüberhinaus schon immer auf begünstigte einzelne oder auf zeitlich eng begrenzte Hochphasen insbesondere in der Jugend, mit allen neueren Formen oft kritisierter Oberflächlichkeit oder existentieller Seinsvergessenheit, Stichwort ‘Jugendwahn’ oder siehe auch das ökologische Zerstörungspotential durch Ausblendung der Zukunft in der Konzentration auf den schnellen Lustgewinn im hier und jetzt. So wie es daher in erkenntnistheoretisch-philosophischer Hinsicht einen ‘Trans-Humanismus’ geben muß, um diese Art masochistischer Lebensbegrenzung weltlich-humanistischer Philosophien zu überwinden, so müßte es parallel dazu auch etwas geben, das man in psychoexistentieller Perspektive TRANSHEDONISMUS nennen könnte, um ganz neue (uralte) subjektive Erfahrungshorizonte zu eröffnen! ‘Transhedonismus’ könnte damit ganz allgemein und noch völlig vorläufig als ein System von Theorien, sozialen Regeln und praktischen Methoden bezeichnet werden, das es ermöglichen soll über das kleine Glück und die herkömmliche Lust am Leben des konventionellen Alltagshedonismus hinaus, auch das große Glück oder die große Ekstase des Daseins zu erfahren, wie sie schon immer zu den Kernelementen der traditionell-religiösen Identität gehörte. (Die Beschreibungen atheistischer Kritiker können in diesem Punkt nur als einseitig-entstellende Karikatur gewertet werden, die schon aus psychologischen Gründen rätselhaft lassen, wie und warum sich religiöse Vorstellungswelten in diesem historischen und gesellschaftlichen Ausmass ausbreiten konnten.) Glücksmöglichkeiten also, die die Christen ‘Gotteserfahrung’, die alten Chinesen das ‘Einswerden mit dem Tao’, Buddhisten und Tantriker ‘Erleuchtung’ und Mystiker ‘die Vereinigung mit der ganzen Existenz’ genannt haben und die auch noch gemäßigteren oder institutionell domestizierteren Formen von kirchlichem Ritual und individuellem Gebet zugrunde liegen.

Transhedonismus organisiert und ermöglichte damit die Erfahrung des Heiligen und des Ewigen unter den Bedingungen der Moderne - die ekstatische Erfahrung von Kontinuität, wie es bei Georges Bataille (‘Die Tränen des Eros’) heißt - ohne in die vorrationalen Denkwelten der religiösen Traditionen mit all ihren und durchaus zu Recht kritisierten Schattenseiten zurückzufallen. Er erfordert dabei vor allem das Opfer aller möglicher Formen von oberflächlichem Spaß und konformistischer Zufriedenheit, von schalem Konsumglück und jener unbewußten Lusttechniken, die ihren kurzfristig-begrenzten Kick nur aus der autoaggressiven Zerstörung längerfristiger und tiefergehender Erfahrungs- bzw. Glücksmöglichkeiten gewinnen. Transhedonismus wäre die notwendige und angemessene Ergänzung der ganzen subjektiven Dimension, die den bisherigen transhumanistischen Ansätzen - aber auch allen rein technisch-naturwissenschaftlichen Immortalisten - noch so schmerzlich fehlt, und er bringt damit das für die körperliche Langlebigkeit genauer zur Geltung, was unter dem Stichwort gesteigerte Lebensqualität bislang nur ganz allgemein angedeutet ist.

 

                  

 

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