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FOREVER       Magazin für Physische Unsterblichkeit

 (4. Jahrgang)                                           Glossar

GLOSSAR

Jedes Gebiet hat seine Fachterminologie, weil sich der Erkenntnisprozess in verdichteten Begriffen niederschlägt, die die weitere Diskussion wiederum vereinfachen und beschleunigen. Dies gilt auch für den Immortalismus, die Alter(n)sforschung und angrenzende Gebiete, und daher gibt es hier im folgenden die ersten Anfänge eines ‘Lexikons der Unsterblichkeit’, das in kleinen Schritten sukzessive erweitert und - wo nötig - verbessert werden soll. Der Glossar enthält zur Zeit 85 Einträge, wobei auch Begriffe aus anderen Zusammenhängen zu finden sind, die hier allerdings eine erweiterte - immortalistische - Deutung erfahren:

Alchemie, Alchimist - Ageism - Alter, Altern - Ankündigungsoptimismus - Auferstehung(sglaube) - Biophilie - Chi, Ching - De Grey, Aubrey - Demographie - Disposable Soma Theory - Durovital - Escape Velocity - Etappenunsterblichkeit - Ewigkeit, ewiges Leben - Genitalität - Geriatrie - Gerontologie - Gipfelerlebnis - Gott - Gral(ssage), heiliger Gral - Hayflick, Leonard - Hayflick-Limit - Homöostase - Hufeland, Christoph Wilhelm - Immortalismus - Immortality Institute - Jungbrunnen - Ka - Kryobiologie - Kryonik - Kundalini - Kybernetik - Langlebigkeit - Leben - Lebenselixier - Lebensenergie - Lebenserwartung - leeres Grab - Libido - Makrobiotik - Methusalem - Methusalem-Komplott - Methusalem Maus-Preis - Monotheismus - Mulford, Prentice - Nachhaltigkeit - natürliche Unsterblichkeit - Nekrophilie - Neurotheologie - Od - Orgasmusreflex - orgastische Potenz - Orgon(energie) - Paradigma - Paradigmenwechsel - physische Unsterblichkeit - Polytheismus - Prekarisierung - Programmtheorie - protestantische Ethik - Psychoneuroimmunologie - Psychosomatik - - Reich, Wilhelm - Reinkarnation - Religion - Reparaturunsterblichkeit - Säkularisierung - SENS - Sex(ualität) - Sexualenergie - Soziologie der Unsterblichkeit - Spiritualität - Standardisiertes Alter - Stein der Weisen - Talorgasmus - technische Unsterblichkeit - Teilmengenreduktionismus - Telomere - Tod - Todesapologie - Unsterblichkeit - Verschleißtheorie - Zeit - Zerfallstheorie - zweifacher Weg.

Alchemie, Alchimist: Die mittelalterliche Alchemie war der mystisch-magische oder esoterische Vorläufer der modernen Chemie, die die innerste Einheit aller Dinge, die Verbindung von Mikro- und Makrokosmos und die Einheit des Lebens mit der äußeren Natur ergründen wollte. Oberstes Ziel der Alchimisten war die Herstellung des (>) Steins der Weisen oder des Lebenselixiers, was je nach Interpretation als ein äußerlich stoffliches Mittel (zur Goldherstellung, zur Lebensverlängerung) oder als innere seelische Qualität beschrieben werden kann. Die moderne Esoterik sieht jegliche ausschließliche Orientierung an der äußeren Materie als Entartung oder Degeneration des eigentlichen Wesens der Alchemie, während umgekehrt die moderne Naturwissenschaft ihre religiösen Vorläufer als Aberglauben und reine Quacksalberei denunziert. Trotzdem kann kein Zweifel darin bestehen, daß die heutige naturwissenschaftliche Chemie ihre Ursprünge und Anfänge einem religiösen Erkenntnisinteresse verdankt, das indirekt und vielfach gebrochen weiter fortbesteht. Esoterische Strömungen tendieren dabei zu einem spiegelbildlichen Dualismus, der die diesseitige materielle Welt einseitig abwertet, wodurch eigene Ansprüche auf ganzheitliche Erkenntnis verletzt werden. Im Sinne dieser grundlegenden Orientierung an äußerlich-materiellen oder innerlich-seelischen Mitteln und Zielen unterteilt man auch in ‘äußere’ oder ‘innere’ Alchemie, so auch im altchinesischen Taoismus der lange vor den mittelalterlichen westlichen Alchimisten Traditionen der Lebensverlängerung mittels materieller Substanzen und Hilfsmittel und/oder der spirituellen Selbsterkenntnis kennt. Schon hier gab es aber alle möglichen Übergangs- und Mischformen, die eine strenge Unterscheidung nur in theoretisch-analytischer Hinsicht erlauben, wobei sich Aspekte dieser Gegenüberstellung auch in der auf FOREVER vertretenen Unterteilung von (>) technischer und (>) natürlicher Unsterblichkeit wiederfinden. ‘Der Alchimist’ ist außerdem der Titel eines weltweiten Millionenbeststellers von 1996 des brasilianischen Schriftstellers Paulo Coelho, in dem die Sinn- und Glückssuche eines Helden im Stile eines Märchens für Erwachsene und vor allem im Sinne der inneren Alchemie geschildert wird, obwohl auch die Idee der körperlichen Unsterblichkeit am Rande Erwähnung findet.

Ageism: Begriff aus der angelsächsischen Diskussion, der sich von dem englischen Verb ‘to age’ , altern, ableitet. Wurde vor allem von Frank Schirrmacher in seinem Bestseller (>) ‘Das Methusalem-Komplott’ hierzulande eingeführt und soll die vielfältigen Diskriminierungen und Benachteiligungen, denen ältere Menschen ausgesetzt sind, auf einen prägnanten Begriff bringen. Wird auch mit ‘Altersrassismus’ übersetzt, was in seiner polemischen Schärfe etwas überzeichnet ist. Der einfache Ausdruck ‘Altersdiskriminierung’ wäre angemessener.

Alter, Altern: Unter ‘Alter’ versteht man den nominalen Zeitraum eines organischen oder anorganischen Systems seit seiner Entstehung. ‘Altern’ dagegen beschreibt einen degenerativen Veränderungsprozeß, der auf die Auflösung einer gegebenen Struktur, ein Ende bzw. den (>) Tod hinläuft. Dementsprechend lassen sich Alterstheorien von Alternstheorien unterscheiden. Die Schreibweise, bei der das ‘n’ in Alter(n)stheorien eingeklammert erscheint, trägt der Tatsache Rechnung, daß beide Aspekte normalerweise gemeinsam auftreten, sich oft komplex überschneiden und daher zusammen untersucht werden sollten. ‘Altersforschung’ ist demgegenüber zumeist im Bereich der sozialen (>) Gerontologie angesiedelt, weil mehr die statischen Bedingungen bestimmter Altersstufen in ihren interdependenten Zusammenhängen zum Gegenstand der Betrachtung gemacht werden. ‘Alternsforschung’ als Teil biomedizinischer Fachrichtungen will dagegen eher die Ursachen und den dynamischen Verlauf des Alterungsprozesses analytisch erklären und experimentell bzw. therapeutisch beeinflussen. Der lapidare Begriff ‘Altern’ suggeriert die Einheitlichkeit und Einfachheit eines Vorganges, die so nicht gegeben sind, da es sich im Sinne der (>) Verschleißtheorie in Wirklichkeit um einen hochkomplex-chaotischen und multifaktoriellen Zerfallsprozeß handelt. Die rhetorische Dauervereinfachung ist zwar umgangssprachlich legitim, führt letztlich aber doch inhaltlich-sachlich in die Irre, weil sie die Größe des Problems banalisiert und unaufhörlich Anlass für illussionäre Lösungsstrategien gibt, z.B. als unangemessene Erwartungshaltung einer medialen Öffentlichkeit gegenüber der Alternsforschung. Der in (>) SENS-Kreisen beklagte Pessimismus der Mainstream-Biogerontologie dürfte genau in der jahrzehntelangen Zurückweisung solcher überzogener Erwartungen im Hinblick auf die baldige praktische Überwindung des Alterns ihre tiefere Ursache haben. Angemessener wäre es daher, kontinuierlich von ‘altersbedingten Krankheiten’ zu sprechen, weil der damit implizierte Plural die wirkliche Komplexität der Vorgänge zumindest andeutet. Allerdings ist auch das nicht problemlos, weil es Altersphänomene gibt, die nicht unbedingt oder sofort einen pathologischen Charakter haben bzw. subjektiven oder sozial akzeptierten Krankheitswert. Dafür macht die Formulierung zum einen indirekt deutlich, daß am ‘Älterwerden’ nur die steigende Krankheitstendenz problematisch ist, zum anderen, daß es auch andere lebensbedrohende Krankheiten gibt, die unabhängig vom Alterungsprozess auftreten.

Ankündigungsoptimismus: Weit verbreitete Haltung vor allem unter jüngeren technisch-naturwissenschaftlichen Immortalisten, die den kurz bevorstehenden Durchbruch in der Alternsforschung verkünden, um dadurch das Thema der körperlichen Unsterblichkeit populärer zu machen. Zum einen wird dadurch der moderne Immortalismus auf die bloße Überwindung des Alterns verkürzt, zum anderen bindet man sich in voreiliger Weise an den in Wirklichkeit schwer einschätzbaren Stand der Wissenschaft, die zudem das qualitativ neue aus prinzipiellen Gründen der Logik nie vorhersagen kann. Der Ankündigungsoptimismus wird von einschlägigen Presse- und Medienberichten aller Art genährt, die wenig bis gar kein authentisches Interesse an den sachlichen Zusammenhängen sondern vor allem an den quotensteigernden Effekten der vermeintlichen Sensation besitzen. Die Aufmerksamkeitswirkung bleibt daher zeitlich begrenzt und wirkt mittel- und längerfristig als stetig zunehmender Widerstand, da die Öffentlichkeit mit der Zeit immun gegen nicht eingetroffene überzogene Versprechungen wird, insbesondere ihr kritischer und gebildeter Teil. In dieser Hinsicht zielt die übertriebene Ankündigung immer auf den unkritischeren, unwissenderen und leichtgläubigen Teil der Gesellschaft, was zu einer ungünstigen Selektion der Anhängerschaft des Immortalismus führt. Der Ankündigungsoptimismus bzw. die entsprechende Berichterstattung wird weiter genährt von Wissenschaftlern selbst, die Forschungsergebnisse und -hypothesen in übertrieben positiver Weise darstellen müssen, um in der Konkurrenz um öffentliche Aufmerksamkeit und finanzielle Förderung bestehen zu können. Auf einer tieferen Ebene verknüpft der Ankündigungsoptimismus indirekt den Wunsch nach körperlicher Langlebigkeit mit ihrer praktischen - und das heißt technisch-naturwissenschaftlichen und äußerlichen -  Durchführbarkeit, woraus eine unterentwickelte Motivation und eine unterentwickelte Einsicht in die Notwendigkeit spricht, sich auch umfassend, aktiv und eigeninitiativ z.B. für die eigene Gesundheit einzusetzen. Als Gegenreaktion auf den weit verbreiteten Pessimismus bezüglich der Machbarkeit körperlicher Unsterblichkeit enthält er auch ein konstruktives Element, wobei er allerdings den psychologischen Projektionsgehalt der meisten Einwände übersieht, die sich nur die Form eines sachlichen Argumentes geben. Dies resultiert im letzten daraus, weil das konstruktive Element von Optimismus und Zuversicht in falscher weil undifferenzierter Weise auf die sachlich-wissenschaftlichen Zusammenhänge übertragen wird, während es in Wirklichkeit auf psychologischem und sozialem Gebiet Anwendung finden müßte. Ein wichtiges und weit verbreitetes Hilfsargument des Ankündigungsoptimismus ist der euphorische Hinweis auf das sogenannte Moorsche Gesetz der exponentiellen Leistungssteigerung von Computerchips, das in falscher Weise auf den Fortschritt in der Medizin übertragen wird, der in Wirklichkeit viel langsamer voranschreitet und von ganz anderen und auch nicht bloß technischen Faktoren regiert wird.

Auferstehung(sglaube): Kernstück der christlichen Religion, nach dem sowohl Christus selbst nach seinem Tod im Gefolge der Kreuzigung am dritten Tage von den Toten wiederauferstand als auch allen Menschen, die an ihn glauben, ein analoges Schicksal bereitet sei. Dabei begründet die Zuspitzung auf LEIBLICHE Wiederauferstehung bzw. die neutestamentliche Rede vom (>) leeren Grab eine wichtige Unterscheidung zu anderen traditionellen Religionen, die zunächst zu aufklärerischer Religionskritik und (>) Säkularisierung und schließlich auch zum modernen (>) Immortalismus unter aktuellen Vorzeichen hinführt. Traditionelle bzw. konventionelle Theologie interpretiert die Leiblichkeit der Auferstehung allerdings ganz überwiegend unter prärational-mythologischen bzw. idealistisch-symbolischen Gesichtspunkten, worin sich vor allem eine widersprüchliche Rückwärtsgewandtheit ausdrückt und was auch mit der generellen, letztlich paradoxen Leibfeindlichkeit der christlichen Tradition zusammenhängt.

Biophilie: Liebe zum Leben. Siehe auch ‘Nekrophilie’.

Chi, Ching: Unterschiedliche Erscheinungsformen der (>) Lebensenergie im Kontext der taoistischen Philosophie, wobei ‘Ching’ den Aspekt der Sexualenergie bzw. der sexuellen Essenz zum Ausdruck bringt. Der Taoismus bzw. die klassische chinesische Medizin kennt noch viele weitere Differenzierungen von ‘Chi’, so z.B. den Begriff ‘Shen’ für die geistige Energie. Siehe auch News 14, zum Vortrag eines Tao-Meisters.

De Grey, Aubrey: Geboren 1963, britischer Biogerontologe der Universität Cambridge. Ursprünglich Computerwissenschaftler und Quereinsteiger in die Alternsforschung, der als theoretischer Biologe umfangreiche wissenschaftliche und propagandistische Aktivitäten für die wissenschaftliche Überwindung des Alterungsprozesses entfaltet. In dieser Hinsicht wahrscheinlich der größte lebende Visionär innerhalb der (>) Gerontologie, damit aber gleichzeitig auch noch Außenseiter seines Fachs, in dem dieses Ziel noch keinen größeren Zuspruch findet. Die wichtigste Unternehmung von de Grey ist die Ausarbeitung, Organisation und Förderung seines (>) SENS-Projektes, außerdem ist er der Initiator des (>) Methusalem Maus-Preises und dadurch der Besitzer der weltweit ältesten (Labor-)Maus. Einführende und deutschsprachige Online-Artikel zu de Greys Arbeit, siehe News 15 und News 17 (SPIEGEL-Artikel).

Demographie: Bevölkerungswissenschaft, die als Mischdisziplin aus empirischer Sozialforschung, mathematischer und amtlicher Statistik mit formalen Mitteln eine gegebene Bevölkerung beschreibt und versucht, überprüfbare Hypothesen über ihre Entwicklung zu begründen. Schwerpunkte sind die systematische Erfassung der Bevölkerungszahl, von Geburts- und Todesfällen, die Analyse von Alters- und Geschlechterstruktur, des Krankheitsvorkommens u.ä. mehr, wobei empirisch-demographische Fakten und Modellrechnungen die Grundlagen für alle abgeleiteten politischen Fragen z.B. im Zusammenhang mit der Sicherung unseres Rentensystems darstellen. Zu den Grenzen der Demographie: Siehe auch den Empirie-Text von FOREVER Nr. 5.

Disposable Soma Theory: Englisch, etwa: ‘Theorie des disponiblen Körpergewebes’. Zentrale Teiltheorie und Einzelerklärung im Rahmen (>) verschleißtheoretischer Ansätze in der biologischen Alternsforschung, die von dem britischen Alternsforscher Tom Kirkwood schon in den 70ern formuliert wurde und seither weite Anerkennung gefunden hat. Die ‘disposable soma theory’ beantwortet die Grundfrage nach dem Alterungsprozess des Körpers im Rahmen der allgemeinen biologischen Evolutionstheorie. Danach altern Körper, weil sie genetisch nicht mehr für die nachreproduktive Phase optimiert sind. Aus der Sicht der Gene ist es ökonomischer, in Fortpflanzungsstrategien statt in Langlebigkeitsstrategien zu investieren. Ist die Fortpflanzung vollzogen und der Nachwuchs gesichert,gibt es gewissermassen keine genetische Notwendigkeit mehr dafür, daß der Körper, der einzelne ältere Organismus, weiterlebt und in dieser evolutionären Hinsicht wird der Körper damit ‘disponibel’. Auch wenn die ‘disposable soma theory’ zunächst wenig Hoffnung auf individuelle Langlebigkeit zumindest aus evolutionärer Sicht gibt, so bricht sie doch mit früheren Vorstellungen eines programmierten Alterns oder Todes bzw. einer biologischen Notwendigkeit des Sterbens. Aus ihrer Sicht hat der Tod keine biologische Funktion und spricht daher zumindest auch nichts dagegen, daß ein Organismus einfach immer weiterlebt, auch wenn es zunächst aus Gründen der begrenzten Optimierung, die mit einer statistisch feststellbaren Zunahme von Schadensereignissen aller Art einhergeht, unwahrscheinlich erscheint. Siehe auch News 14.

Durovital: Fiktives Langlebigkeitsmedikament in dem Buch ‘Die Methusalemformel’ (1994) von Johannes von Buttlar, einer Mischung aus populärem Sachbuch und Doku-Fiction, das eine Lebensdauer von ca. 400 Jahren gewähren soll. Steht hier stellvertretend für alle ähnlichen symbolischen Antizipationen eines Unsterblichkeitsmittels, wie sie sich vor allem in der Science Fiction oder in der Romanliteratur finden.

Erotik: Nach einer Definition von George Bataille die innere ekstatische Erfahrung der Kontinuität alles Lebendigen, am reinsten in den verschiedenen Formen der geschlechtlichen Intimität zu erfahren, die auch die Wurzel für die Erlebnisqualität des Heiligen ist. Die erotische Erfahrung ist wesentlich an den inneren wie äußeren Vorgang der Grenzüberschreitung gekoppelt. Siehe auch: ‘Sex(ualität)’.

Escape Velocity: Englisch für ‘Fluchtgeschwindigkeit’. Normalerweise Begriff aus der Physik bzw. der Raumfahrt, der diejenige Geschwindigkeit bezeichnet, mit der man die Anziehungskraft eines Planeten überwinden kann. In der Konzeption des britischen Biogerontologen (>) Aubrey de Grey wird ‘escape velocity’ metaphorisch gebraucht und meint jenen Komplex zukünftiger medizinisch-technischer Verfahren, mit der der Körper ‘die Anziehungskraft’ des biologischen Alterungsprozesses hinter sich lassen kann. ‘Escape velocity’ stellt damit eine geschickte und subtilere Kompromißformel im Sinne allgemeinerer Vorstellungen von (>) Etappenunsterblichkeit dar, in dem zum einen die extreme Langlebigkeit nicht die sofortige und völlige Abschaffung des Alterns sondern nur die Eindämmung und beschleunigt fortschreitende Überwindung von lebensbedrohlichen Beeinträchtigungen erfordert, zum anderen hat sie mit der grundlegenden Ingenieursperspektive de Greys zu tun, den nicht die Frage nach dem kausalen ‘warum’ (des Alterns) sondern dem lebensrettenden ‘wie’ (der Alternsüberwindung) interessiert. Jede praktisch-therapeutische Maßnahme, die die ‘escape velocity’ erreicht, also den tödlichen Einfluß des Alterns entscheidend hinter sich läßt, ist in dieser Perspektive sinnvoll und erstrebenswert, wobei de Grey hier meist rigoristisch zuspitzt, wenn er z.B. herkömmlich medizinische Anti Aging-Strategien als unterhalb der Fluchtgeschwindigkeit verharrend verwirft. Dieser szientistische Rigorismus mechanistischer biomedizinischer Ansätze verfehlt allerdings meist die psychischen, politischen und sozialen Aspekte des Menschen und des Alterns, damit auch die Frage nach der Qualität des Lebens, als ob die Menschen tatsächlich nur an der abstrakten Länge ihres Daseins interessiert wären. Die wirkliche ‘Fluchtgeschwindigkeit’ ergäbe sich daher erst aus der organischen Kombination aus hypothetischen medizinischen Strategien und psychosozialen Einstellungen und Bedingungen, die den zentralen Faktor der Motivation angemessen berücksichtigen.

Etappenunsterblichkeit: Salopper Begriff mit leicht ironischem Akzent, der die weit verbreitete Vorstellung zum Ausdruck bringt, nach der die Erlangung der Unsterblichkeit sich in gestufter Weise vollziehen könnte. Partielle Lebensgewinne schaffen danach zeitlichen Raum, um in den Genuß weiterer z.B. medizinischer Fortschritte in der Zukunft zu kommen. Abstrakt erscheint die Grundidee plausibel, konkret hängt es ganz entscheidend von der integralen Reichweite der lebensverlängernden Maßnahmen ab, da einseitig zugespitzte Methoden, die eine allgemeine Gesundheitsprävention bzw. die multimorbide Dimension des Alterungsprozesses verfehlen, als bloß kurzfristige Zeitgewinne in strategischen Sackgassen enden. (Beispiel aus der Mechanik: es macht längerfristig wenig Sinn in einem alten auf allen Ebenen durchrostenden Wagen einen neuen Motor einzubauen.) Andererseits könnten die Vorstellungen von Etappenunsterblichkeit auch gut als Kompromißformel zwischen der sogenannten (>) natürlichen und der (>) technischen Unsterblichkeit dienen, da die natürliche Unsterblichkeit auf allen möglichen Ansätzen zur Prävention aufbaut. Siehe auch ‘escape velocity’.

Ewigkeit, ewiges Leben: Oft als Synonym für (>) Unsterblichkeit verwandter Begriff, der einen größeren sowohl religiös-rituellen wie poetisch-emotionalen Assoziationshof besitzt. In verschiedenen Richtungen der Mystik wird er in einem entscheidend anderen Sinne  gebraucht, nämlich als Beschreibung der Qualität einer Erfahrung - der Erfahrung des Absoluten - in deren Kern die Aufhebung der (>) Zeit steht. In welchem Verhältnis diese ‘Aufhebung’ zur weiter bestehenden fortschreitenden linearen Zeit steht, die wiederum mit dem (>) Altern zusammenhängt, bleibt unklar. Mystiker sprechen von existentiellen und ultimativen Erfahrungsqualitäten, die für sich selbst sprächen und solche Fragen und Einwände selbst aufheben würden.

Genitalität: Wichtiger Begriff aus der Psychoanalyse, der die seelischen Regungen, die sich auf das genitale, auf die Geschlechtsorgane, richten, bezeichnet und entspricht meist dem, was das Alltagsbewußtsein undifferenziert (>) ‘Sexualität’ nennt. Unter Sexualität versteht die Psychoanalyse dagegen etwas weiteres, umfassenderes und grundsätzlicheres, was Anlaß zu ununterbrochenen Mißverständnissen bei der Rezeption psychoanalytischer Theorien darstellt. Siehe auch: ‘Libido’.

Geriatrie: Medizinische Altersheilkunde, die sich mit der Behandlung von Alterskrankheiten beschäftigt, deren kausaler Ursprung die (>) Gerontologie erforscht.

Gerontologie: Wissenschaftliche Fachbezeichnung für die Alter(n)sforschung. Leitet sich vom griechischen ‘geron’, der Greis, ab, so daß es wörtlich etwa heißen könnte: ‘die Lehre vom Greisenstadium’. Die naturwissenschaftlich bio-medizinische Gerontologie beschäftigt sich hauptsächlich mit den natürlichen Ursachen des Alterungsprozesses bzw. mit Mitteln und Strategien, darauf künstlich Einfluß zu nehmen. Die soziale und verhaltenswissenschaftliche Gerontologie dagegen untersucht die sozialen, politischen, ökonomischen, psychologischen usw. Rahmenbedingungen und Folgen des Alterns sowohl für das alternde Individuum selbst wie für die Gesellschaft und ihre Institutionen insgesamt. Die fachlichen Zugänge sind somit Medizin, Biologie u.ä. auf der einen, sozialwissenschaftliche Studienrichtungen auf der anderen Seite, wobei es gewisse Überschneidungsbereiche gibt und generell interdisziplinäre Ansätze in der wissenschaftlichen Diskussion gefordert und gefördert werden, um der Komplexität und den Interdependenzen des Alterungsprozesses Rechnung tragen zu können.

Gipfelerlebnis: Umschreibung für den Vorgang des sexuellen Orgasmus im engeren Sinne, im weiteren eine Bezeichnung ekstatischer Erfahrungen aller Art. Siehe auch: ‘Talorgasmus’, ‘orgastische Potenz’, ‘Erotik’.

Gott: Vorstellung eines höchsten, allmächtigen, ewigen und mit subjekthafter Qualität ausgestatteten Wesens, das das Universum, die Zeit, die Erde, das Leben und die Menschen geschaffen hat, das jenseits der Zeit und des Irdischen existiert, das in die Welt der Menschen eingreift und moralische Gesetze stiftet, zu dem man inneren Kontakt aufnehmen kann (Gebet), das Anerkennung und Würdigung fordert (Glauben, Verehrung in Gottesdiensten) und zu dem man nach dem Tod zurückkehrt, wenn alle Gebote befolgt wurden. Die Idee von einem einzigen höchsten Wesen unterscheidet den (>) Monotheismus von polytheistischen Religionen und Vorstellungswelten, in denen es eine Mehr- oder Vielzahl überirdischer Wesenheiten gibt. Die Religionskritik der Aufklärung weist die Vorstellung und Existenz eines Gottes seit mehreren Jahrhunderten zurück und sieht in der Gottesidee phantastische Übertreibungen und Projektionen menschlicher Verhältnisse, Unzulänglichkeiten und Sehnsüchte nach einem überirdischen Reich ‘über den Wolken’. Psychologisch orientierte Religionskritik jüngeren Datums (Freud, Erich Fromm, Drewermann, Ken Wilber) zeigt dagegen auf, daß nur die konkreten Formen, die sozialen Organisationsmuster, das GottesBILD und vor allem die personale Gottesidee auf einfachere menschliche und gesellschaftliche Bedingungen zurückgeführt werden können, insbesondere auf Umstände und Konstellationen der frühkindlichen Sozialisation (Gott als ‘Vater’, ‘Mutter Gottes’, ‘Gottes Sohn’ etc.), daß aber die ErfahrungsQUALITÄT des Göttlichen, des Heiligen, des Numinosen oder von vollkommener Liebe in ihrem psychologischen Wesensgehalt eine unbezweifelbare weil eben erfahrbare Realität seien. Die spekulativen religiösen Glaubensgegenstände über eine behauptete äußere Wirklichkeit verwandeln sich so in eine selbstevidente innere Erfahrungstatsache, wobei religionspsychologische und -soziologische Ansätze weiter aufzeigen können, daß und wie solche Erfahrungsqualitäten weitere Konsequenzen für das eigene Selbstverständnis, die soziale Interaktion und Gruppenbildung sowie die Begründung von Normen und Werten entwickeln. Eine solche alten mystischen Traditionen einer Universalreligion nahestehenden Auffassung des Religiösen geht insbesondere auch mit einer Kritik von traditionellen kirchlichen Organisationsformen einher, die die Erfahrung des Heiligen für außerreligiöse Zwecke der Machtansammlung, materieller Bereicherung oder anderer weltlicher Privilegien instrumentalisieren oder gar entstellen. Das Selbstverständnis religiöser Mystik äußert sich oft daher auch darin, daß man sich schon vom Begriff der ‘Religion’ distanziert z.B. zugunsten der allgemeineren und historisch weniger vorbelasteten ‘Spiritualität’. Solche mystisch-spirituellen Traditionen laufen darauf hinaus, wesentliche Attribute der klassisch-personalen Gottesvorstellung beizubehalten, ohne sie mit der Idee eines subjekthaften göttlichen Wesens zu verbinden, wobei allerdings dem Attribut der Unsterblichkeit oder Ewigkeit Gottes in der Regel keine oder zuwenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Im Kontext des modernen Immortalismus läßt sich ‘Gott’ dagegen gerade als uraltes traditionelles Unsterblichkeitssymbol interpretieren, die traditionellen Religionen dementsprechend als kollektive, symbolisch-fiktive und rituell-praktische Versuche, die Sterblichkeit des Menschen zu überwinden.

Gral, Gralssage, ‘der Heilige Gral’: Mittelalterlicher Mythos aus dem Umkreis der Artus-Sage, in dem sich keltische, christliche und mystisch-esoterische Einflüsse wiederfinden. Nach der einen Lesart ist der heilige Gral ein wirklicher materieller Gegenstand und das Gefäß, in dem das Blut von Jesus bei der Kreuzigung aufgefangen wurde und das daher magisch-übersinnliche bzw. lebensspendend-heilende Kräfte enthält, wie sie schon dem Blut Christi zugeschrieben werden (siehe den Ritus des Abendmahls). Die Idee eines solchen Gefässes überschneidet sich mit keltischen Legenden nach wundertätigen Kesseln und Behältnissen, die ebenfalls lebenssteigernde Elixiere enthalten sollen. Nach anderen Deutungen ist es ein immaterielles Symbol für den Schoß der Frau, die Reinheit des Herzens, die höchste Vollkommenheit oder die Unsterblichkeit der Seele. Die Gralssage ist in alle möglichen esoterischen Strömungen eingegangen, sie findet sich in der Opernwelt Richard Wagners (‘Parsifal’) genauso wieder wie in der heutigen Unterhaltungskultur (druidisch-keltischer Zaubertrank bei ‘Asterix’, Spielbergs Film ‘Indiana Jones und der letzte Kreuzzug’, Dan Browns Bestseller ‘Sakrileg’ etc.) und prägt dadurch indirekt auch das religiöse Massenbewußtsein mit. Siehe News 10 zu einer entsprechenden SPIEGEL-Titelgeschichte, News 13 zu einer Wagner-Premiere, News 24 zu Dan Brown.

Hayflick, Leonard: Geboren 19.. Hayflick ist wohl der bekannteste Vertreter der (>)Gerontologie seit seiner schon in den 60er Jahren gemachten Entdeckung, daß sich menschliche Zellen außerhalb des Körpers nur ca. maximal fünfzigmal teilen und dann absterben ( (>) Hayflick-Limit). Es gibt vielfältige Publikationen von ihm, wobei er sich deutlich gegen die Idee einer Lebensverlängerung ausgesprochen hat, sowohl aus Gründen der mangelnden Machbarkeit wie aus prinzipiellen Erwägungen ethisch-philosophischer Natur.

Hayflick-Limit: Benannt nach dem berühmten Gerontologen Leonard Hayflick, nach dem sich menschliche Zellen in Zellkulturen außerhalb des Körpers maximal ca. fünfzigmal teilen und dann absterben. Wichtigstes Indiz für programmtheoretische Ansätze, wobei die genauen Ursachen für das beobachtbare und bestätigte Phänomen immer noch unklar bzw. in der Deutung umstritten sind.

Homöostase: Begriff aus der Biologie lebender Systeme im Kontext biokybernetischer Vorstellungen, nach der (>)Leben ein dynamisches Fließgleichgewicht unterschiedlicher und zyklischer Austauschprozesse eines Organismus mit seiner Umwelt darstellt. Genaugenommen bezeichnet die H. diesen dynamischen Gleichgewichtszustand selbst. Beispielsweise stellt der kontinuierliche Atemprozeß mit der dauernden Zufuhr von Sauerstoff und der permanenten Abgabe von Abfallprodukten des Gasaustausches einen mittleren Gleichgewichtszustand auf energetischer Ebene im Organismus her, bei dem die Versorgung mit Sauerstoffenergie dauerhaft gesichert bleibt. Physische Unsterblichkeit bzw. extreme Langlebigkeit kann man auf einer abstrakt-allgemeinen Ebene als die ununterbrochene Fortsetzung dieser organismischen Homöostase interpretieren. Siehe auch News 18, zu einer aktuellen Meldung über vermeintliche Durchbrüche in der Alternsforschung.

Hufeland, Christoph Wilhelm: Lebte von 1762 bis 1836. Leibarzt von Goethe. Autor des Buches ‘Makrobiotik oder die Kunst das menschliche Leben zu verlängern’, das als früher Klassiker der modernen (>) Gerontologie gilt.

Immortalismus: Weltanschauung oder Lehre, die auf die Erlangung der Unsterblichkeit gerichtet ist. Es lassen sich ein traditionell-religiöser und ein moderner Immortalismus unterscheiden. Die immortalistische Tradition spricht von der Unsterblichkeit der Seele in spekulativen jenseitig-transzendenten Wirklichkeitsbereichen, der moderne Immortalismus möchte die Unsterblichkeit im Diesseits, als (>) physische Unsterblichkeit verwirklichen. Aus Gründen der theoretischen bzw. sprachlichen Vereinfachung ist die Überhöhung der Unsterblichkeitssuche zu einem ‘-ismus’ zwar naheliegend, aber insbesondere die Geschichte des 20.Jahrhunderts mit ihrer Inflation aller möglichen und oft sehr destruktiven -ismen zeigt uns, daß man mit dem Begriff ‘Immortalismus’ nur sehr sparsam, selbstkritisch und vorsichtig umgehen sollte. Siehe auch: ‘Unsterblichkeit’.

Immortality Institute: Englisch, wörtlich: ‘Unsterblichkeitsinstitut’. Seit mehreren Jahren bestehende größere Internetgemeinschaft, die sich der Überwindung des Todes verschrieben hat und dabei vor allem mit technisch-naturwissenschaftlichen bzw. biomedizinischen Mitteln den biologischen Alterungsprozeß abschaffen will. Hauptaktivität ist das Betreiben eines virtuellen Diskussionsforums, wobei auf der Homepage zahlreiche weitere Informationen z.B. in Form von Artikeln, Nachrichten, Projektvorschlägen etc. bereitgestellt werden. Die Basismitgliedschaft ist frei und verlangt nur eine einfache und formlose Registrierung, die es vor allem erlaubt, Beiträge im Hauptforum zu schreiben. Für die Vollmitgliedschaft, die Zugang zu einem geschlossenen Bereich eröffnet (‘full member forum’) muß ein je nach Einkommen gestaffelter Beitrag von 2 bis 5 Dollar pro Monat gezahlt werden. Im April 2005 beträgt die Zahl der Basismitglieder (in die freilich auch alle Stimmen miteingerechnet sind, die sich kritisch äußern oder nur marginale vorübergehende Anliegen vortragen etc.) über 2000, die Zahl der full member 130. Gründer des Instituts ist B.J.Klein (geb. 196?), der in Birmingham, Alabama/USA beheimatet ist. Die Verkehrssprache ist Englisch bis auf einige Regionalforen, die allerdings wie auch das deutschsprachige bislang wenig genutzt werden. Die überwiegende Mehrzahl der Mitglieder dürfte aus den USA und dem United Kingdom stammen. Über den Altersdurchschnitt der Teilnehmer liegen keine Angaben vor, er dürfte unter 30 liegen, wofür der größere Anteil von Schülern und vor allem Studenten spricht, die sich regelmäßig zu Wort melden und die weit verbreitete Benutzung von eigentümlichen Pseudonymen, wie sie in weiten Bereichen des Internets üblich sind. Das Forum unterteilt sich in viele Unterabteilungen und wird stark frequentiert, wobei die Qualität der vielen und täglich neu erscheinenden Diskussionsstränge und Beiträge ganz unterschiedlich ist und von laienhaften oder  phantastischen Spekulationen bis zu theoretischen Abhandlungen auf wissenschaftlichem Niveau reicht. Die Hauptleistung von Imminst besteht neben der kontinuierlichen Organisation eines kollektiven Gedankenaustausches als Keimzelle von Gemeinschaftsbildung bislang in der Herausgabe eines Buches Ende 2004 von teils hochkarätigen Autoren, wobei ein zweites Buch geplant ist und eine Filmdokumentation schon in Arbeit. Das Hauptproblem des Immortality Instituts liegt in den prinzipiellen Grenzen virtueller Diskussionsforen überhaupt. In Form sachlicher und rationaler Anliegen bricht sich oft nur ein Wunsch nach direktem und unmittelbarem Kontakt Bahn, der in dieser elektronischen und distanzierten Weise nicht, nur unvollständig oder nur entstellt befriedigt werden kann, wobei die technisch-naturwissenschaftliche Grundorientierung der meisten Mitglieder bei einem im Kern so sinnlichen und existentiell-vitalen Thema wie dem der körperlichen Unsterblichkeit zusätzliche  Enttäuschungen, Mißverständnisse und Konflikte vorprogrammiert.

Jungbrunnen: Vorstellung in Sagen, Mythen und Legenden über wundertätige Flüsse, Seen oder vor allem Quellen, in deren Bad man seine Jugend zurückgewinnt. Berühmt ist das Gemälde ‘Der Jungbrunnen’ von Lucas Cranach dem Älteren aus dem 17. Jahrhundert, das sich oft als Illustration in modernen Berichten zum Unsterblichkeitsthema findet. (Siehe News 17, zum SPIEGEL-Bericht über Aubrey de Grey.) Der spanische Entdecker Ponce de Leon suchte bald nach der Entdeckung Amerikas einen Jungbrunnen in Florida auf Grund von Erzählungen von Eingeborenen. Dort spielt auch eine amüsante wie inspirierte Hollywood-Komödie aus dem Jahr 1985 - ‘Cocoon’ - die das Motiv des Jungbrunnens mit Gegenwarts- und Science Fiction-Motiven verknüpft. Wahrscheinlich spiegelt sich in der Idee eines verjüngenden Gewässers über den allgemeineren oder zugespitzten Wunsch nach Gesundheit, Langlebigkeit und Unsterblichkeit hinaus vor allem die real erfahrene Heilkraft von besonderen Quellen, wie sie die Basis unzähliger Bade- und Kurorte darstellt. Reinigungs- und Badezeremonien sind daher nicht zufällig Bestandteile traditionell religiöser Rituale wie z.B. der Taufe, man findet sie auch als Element natürlicher Methoden und Techniken zur Erlangung der körperlichen Unsterblichkeit, so z.B. beim Erfinder des Rebirthing Leonard Orr oder in Tom Robbins Unsterblichkeitsroman ‘Panaroma’.

Ka: Altägyptische Vorstellung von der (>) Lebensenergie oder Lebenskraft.

Kryobiologie: Wissenschaftlich anerkannte Teildisziplin der Biologie bzw. Spezialisierung von Medizinern, in der es um die kältetechnische Konservierung organischer Gewebe geht, vor allem von Blutplasma, Eizellen, Sperma und der zeitlich eng begrenzten Lagerung von Spenderorganen in der Transplantationsmedizin. Die Arbeit auf diesem Gebiet soll vor allem die Anwendungsmöglichkeiten in der Notfallmedizin erweitern, wobei auch Projekte in der Raumfahrtmedizin existieren sowie eine Grundlagenforschung, die sich mit den Phänomenen des Winterschlafs bei Tieren beschäftigt. Es erscheint zumindest nicht ausgeschlossen, daß sich die Kryobiologie eines Tages zu einer funktionierenden und wissenschaftliche bestätigten (>) Kryonik erweitert, von deren Selbstverständnis, Zielen und Methoden sie sich heute noch strikt abgrenzt. Siehe News 18 zu einem Artikel in ‘Spektrum’ über neuere kryobiologische Verfahren und News 21 zu einem SPIEGEL-Artikel über das Phänomen des Winterschlafs.

Kryonik: Im Unterschied zur wissenschaftlich anerkannten (>) Kryobiologie Theorie bzw. technische Verfahren, nach der der menschliche Körper bei unheilbaren Krankheiten, Unfällen o.ä. durch eine spezifische Prozedur eingefroren und konserviert werden soll, um ihn zu einem späteren und u.U. sehr fernen Zeitpunkt wieder aufzutauen, wenn die Medizin entsprechende Fortschritte gemacht hat. Es läßt sich eine gegenwärtige Notfall- oder Bestattungskryonik von einer noch zu entwickelnden echten Kryonik unterscheiden, da es zum gegenwärtigen Zeitpunkt und bis auf weiteres nicht möglich ist, eingefrorene Körper wiederzubeleben. Außerdem ist der existentielle Status der nach heutigen Verfahren kryonisch Konservierten sehr umstritten, ebenso die grundsätzlichen Auswirkungen der kryonischen Prozedur selbst. Siehe auch News 16 zu einer Sendung auf Arte.

Kundalini: Altindische Vorstellung für die Idee einer (>) Lebensenergie oder Lebenskraft.

Kybernetik: Lehre von den Regelkreisläufen, Rückwirkungen durch Feedbackschleifen, Wechselwirkungen u.ä. . Ursprünglich aus der Meß- und Regelungstechnik von Maschinen und technischen Abläufen stammend, hat sich das kreisförmig-systemische Denken auch in der Biologie als Biokybernetik etabliert. Organismisch-physiologische Prozesse und Strukturen werden so als lebende Systeme interpretiert, bei denen nach genau beschreibbaren Gesetzen die innersystemischen Bedingungen mit den äußeren Randbedingungen interagieren, was auch für das ganze Feld der Ökologie große Bedeutung gewonnen hat. Im Sinne der Biokybernetik tendieren lebende Systeme nach einem dynamischen Gleichgewichtszustand ( (>) Homöostase), in dem sie sämtliche  Stoff- bzw. Energieaustäusche mit der Umwelt auf ein Optimum hin auszubalancieren trachten.

Langlebigkeit: Häufig auf FOREVER verwendeter und teils problematischer Begriff, weil er zunächst sprachlich gegenüber (>) ‘Unsterblichkeit’ abrüstet und eine Art Bescheidenheit, Relativierung und Kompromiß zum Ausdruck zu bringen scheint, wenn nicht gar eine größere wissenschaftliche ‘Seriosität’. Technische Immortalisten, die sich einseitig an der wissenschaftlichen Alternsforschung orientieren, grenzen sich daher öfters vom Begriff der Unsterblichkeit ab, mit dem zentralen Argument, daß ‘Unsterblichkeit’ im Wortsinne sowohl aus kosmologisch-physikalischen wie statistisch-praktischen Gründen unmöglich sei und das Beharren auf dieser Wortwahl unwissenschaftlich sei bzw. unnötigen Widerstand provoziere. Dem steht gegenüber, daß der bloße Begriff der Langlebigkeit durch den millionenfachen Gebrauch im Alltag längst vordefiniert ist und ein ‘langes Leben’ einfach nur eine hohe Lebenserwartung im Sinne der gegebenen Grenzen meint, die es gerade zu durchbrechen gilt. Außerdem erlaubt es nur das zusammengesetzte ‘physische Unsterblichkeit’ sowohl an die religiösen Ursprünge der Unsterblichkeitsidee anzuknüpfen, an deren Kraft- und Motivationsquellen wie entsprechender sozialer Bewegungen, wie zugleich  grundlegende Ideale neu und anders zu formulieren, zu deren prinzipiellem Wesen das Moment der übertreibenden Zuspitzung gehört. (Beispielsweise dürfte ein solcher Sprachpurismus auch einen Begriff wie ‘Gesundheit’ dann nicht mehr zulassen, weil es in solch absolutem Sinne keine Gesundheit gäbe.) Auf FOREVER findet sich letztlich keine einheitliche Sprachregelung, da beide Argumente für wichtig erachtet werden, wobei der Unsterblichkeitsakzentuierung ein Vorrang eingeräumt wird, wie es auch im Untertitel zum Magazinnamen zum Ausdruck kommt. Häufiger liest man hier daher auch die Kompromißformulierung ‘extreme’ Langlebigkeit, um dem zentralen Aspekt der Grenzüberschreitung zumindest indirekt Genüge zu tun.

Leben: Schwer zu definierendes Phänomen, das sich - wahrscheinlich - nur im Zusammenhang mit organischen Strukturen feststellen läßt. Frühere idealistisch-vitalistische Erklärungsprinzipien für Lebensphänomene wurden von naturwissenschaftlich-materialistischen abgelöst, die Leben von bestimmten zentralen Grundbedingungen abhängig machen: Abgrenzung von der äußeren Umgebung, Austauschprozesse mit ihr, Reizbarkeit, Reproduktion bzw. Fortpflanzung. Da lebendige Strukturen Energie aus der Umwelt aufnehmen und speichern, ist Leben gegen den 2. Hauptsatz der Thermodynamik gerichtet, nach dem allen (übrigen) physikalischen Systemen eine Tendenz innewohne, einen Zustand niederer Energie einzunehmen. Man spricht daher auch davon, daß Leben ‘gegen die Entropie’, d.h. gegen einen Zustand zunehmender Unordnung, gerichtet sei. Alles Leben auf der Erde ernährt sich direkt oder indirekt von der Energieabstrahlung der Sonne, wobei sich in diesem unterschiedlichen Direktheitsgrad auch eine bestimmte strukturelle Hierarchie der Lebenserscheinungen widerspiegelt. (Pflanzen, tierische Organismen, Pflanzenfresser, Fleischfresser). - Genauso schwer zu definieren, wie das Leben selbst, ist die Definition des Gegenteils des Lebens, des Todes. In Anlehnung und Umkehrung an die Lebensdefinition geht der Tod mit dem Verlust der Abgrenzung zur äußeren Umgebung einher, mit dem Ende der Austauschprozesse, dem Verlust der Reizbarkeit und dem Aufhören reproduktiver Prozesse. Es kommt also zu einem allgemeinen Zerfall der Struktur, wobei sich das ganze beim Menschen noch weiter kompliziert, wegen dessen grundsätzlicher Eigenschaft, Bewußtseinsträger zu sein und den vielfältigen religiösen Behauptungen, daß Leben und Bewußtsein auch unabhängig von einer sichtbaren materiellen Struktur existieren könne. Die natürliche Begrenzung des Lebens, also den Tod ohne äußere lethale Fremdeinwirkung, gibt es prinzipiell nur bei mehrzelligen und höher organisierten Lebensformen. Einzeller und einige Ausnahmen besitzen dagegen die sogenannte potentielle (>) Unsterblichkeit, wie das Leben als solches bzw. in der Gesamtheit aller Lebenserscheinungen seit der Entstehung der ersten Zelle vor ca. 2-3 Milliarden Jahre in einer ununterbrochenen Kette fortbesteht. Siehe auch: ‘Lebensenergie’. Siehe auch: ‘Homöostase’.

Lebenselixier: siehe Alchemie.

Lebensenergie: Teils traditionell magisch-mystische oder esoterische, teils naturwissenschaftlich-moderne oder psychologische Vorstellung einer dem Menschen innewohnenden energetischen Lebenskraft, die von vielfältigen äußeren (Sonnenlicht, Ernährung, Luft/Atmung...) wie inneren Bedingungen abhängig sei, und die durch Verhaltensweisen, innere Einstellungen, Emotionen, intime Beziehungen, der Kraft des Willens, der Imagination oder durch bestimmte Techniken der Selbsterfahrung usw. angesammelt, verstärkt, gezielt gelenkt oder sogar auf andere Menschen übertragen werden kann. Zu den traditionellen Vorstellungen gehören das altchinesische Konzept von Chi, japanisch Ki, die altindische Kundalini, das germanische Od, das altägyptische Ka u.ä. In neuerer Zeit findet man bei Wilhelm (>) Reich die Annahme einer (>) Orgon-Energie, wie die Psychoanalyse generell Lebensenergie mit Libido, Sexualenergie, oder auch ‘psychische Energie’ gleichsetzt. Biologie und Medizin sehen den Menschen dagegen als physikalisch-chemische Kraftmaschine, die vor allem die biochemische Energie aus Nahrung und Atmung umsetzt, wobei die Berücksichtigung bioelektrischer bzw. elektromagnetischer Phänomene im Alltag der Schulmedizin unterentwickelt bleibt und auch das Verhältnis von solchen naturwissenschaftlichen Ansätzen zu den traditionellen aber auch zu den psychologischen Konzepten weithin ungeklärt ist. Eine gewisse Einigkeit von religiöser Tradition und moderner Wissenschaft besteht dagegen im Stellenwert der Sonne, da sowohl uralte Sonnenkulte wie moderne Biologie und Technik letztlich die Quelle aller Energie in unserem Zentralgestirn ansiedeln. (Siehe beispielsweise auch den Essay von Prentice (>) Mulford: ‘Die Kraft aus der Sonne’.) Physische Unsterblichkeit kann auf abstraktester Ebene daher auch als die Fähigkeit zur dauerhaften Kontinuität der Aufnahme, Umsetzung und Abgabe von Lebens- oder Sonnenenergie bezeichnet werden. Siehe auch: ‘Leben’, siehe auch: ‘orgastische Potenz’. Die reale oder empirische Basis aller möglichen traditionellen wie modernen Konzepte einer Lebensenergie besteht dabei in der subtilen Wahrnehmung bzw. intensiven Erfahrung aller Phänomene von kraftvoller Vitalität in körperlicher, geistiger oder emotionaler Hinsicht auf der einen bzw. von Zuständen der Schwäche, Depression, Leere, Erschöpfung etc. auf der anderen Seite, die durch alle möglichen inneren und äußeren Umstände, Hilfsmittel, Bedingungen, Methoden beeinflusst und aktiv verändert werden können (Atmung, Schlaf(mangel), Bewegung(sarmut), (Fehl)Ernährung, Sexualität, Entspannung versus Stress usw.).

Lebenserwartung: Spezifischer Begriff aus der Bevölkerungswissenschaft oder (>) Demographie, mit der die wahrscheinliche und statistisch-mathematisch angebbare Lebensdauer eines Individuums in einer bestimmten Gesellschaft bezeichnet wird. Man unterscheidet die durchschnittliche von einer - vermuteten - maximalen Lebenserwartung. Die durchschnittliche Lebenserwartung ergibt sich aus der mittleren Lebensspanne in einer Gesamtpopulation in Vergangenheit und Gegenwart, die für kommende Generationen für die Zukunft hochgerechnet wird. Im Moment beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland für Männer etwa 76 und für Frauen etwa 80 Jahren, wobei man für die heutigen Neugeborenen aufgrund anhaltender medizinischer und sozialer Verbesserungen mit einem weiteren Anstieg dieses Wertes von 15 bis 20 Jahren rechnet. Die behauptete oder vielfach unterstellte ‘maximale’ Lebenserwartung von etwa 120 Jahren dagegen spiegelt ungleich stärker hypothetische Annahmen der Medizin, der Biologie und der Gerontologie wider, da die Alterungsmechanismen im Kern immer noch unverstanden sind und man bislang einfach nur noch keine gesicherten empirischen Fälle eines höheren Lebensalters kennt.

Leeres Grab: Biblisches Kernelement des christlichen (>) Auferstehungsglaubens, nach dem Christus am dritten Tag nach der Kreuzigung von den Toten auferstanden sei und den Tod für immer überwunden habe. Die Zuspitzung auf die LEIBLICHE Wiederauferstehung, die sich im leeren Grab in Reinform symbolisiert, schafft eine spezifische Differenz zu anderen religiösen Traditionen, wenngleich das Christentum selbst noch eine Mischform aus leiblicher und geistig-seelischer Wiederauferstehung propagiert. Es ist diese Zuspitzung und Differenz, die im Laufe der Religionsgeschichte und des geschichtlichen Prozesses zur kulturellen Basis des modernen (>) Immortalismus wird.

Libido: Psychoanalytischer Begriff für die (>) Lebens- bzw. Sexualenergie, der bei verschiedenen Autoren eine unterschiedliche Färbung erhält und dadurch vor allem eine unterschiedliche große Erklärungsreichweite bekommt. Es wird damit auch das sexuelle Verlangen im engeren Sinne, die Liebeskraft im weiteren Sinne bezeichnet. Siehe auch: ‘Genitalität’.

Makrobiotik: Kann allgemein (von ‘makro’ = groß und ‘bios’ = das Leben) mit ‘großem’ oder auch ‘langem Leben’ übersetzt werden. Der Begriff wurde ursprünglich von Goethes Leibarzt (>) Hufeland erfunden, hat aber in den letzten Jahrzehnten eine gewisse Bedeutungsverschiebung erfahren. In neuerer Zeit versteht man unter ‘Makrobiotik’ daher vor allem eine fernöstliche Ernährungslehre mit spirituellem Hintergrund, der vom japanischen Zen, dem chinesischen Taoismus und der traditionellen chinesischen Medizin geprägt ist.

Methusalem: Figur aus dem Alten Testament, der von allen auftretenden Personen der Bibel das höchste Lebensalter erreichte. Methusalem soll danach 969 Jahre alt geworden sein, wobei moderne Theologen u.ä. diese Zahl als rein symbolische Aussage interpretieren. Siehe auch ‘Methusalem-Komplott’.

Methusalem-Komplott: ‘Das Methusalem-Komplott’ ist der Titel eines Bestsellers zur Alterungsfrage von Frank Schirrmacher aus dem Jahre 2004 und bezeichnet gleichzeitig ein vom Autor geprägtes Schlagwort für ein neues - zu schaffendes - Selbstverständnis älterer oder alternder Menschen. Die Alten sollen sich gegen die Jungen bzw. gegen die Ideologie des altenfeindlichen Jugendkultes nach Art eines ‘Komplotts’ verbünden, um die traditionellen Zumutungen, die mit der Rolle des Alternden bislang verbunden waren, zurückweisen zu können. Das ‘Komplott’ meint nach Schirrmacher allerdings weniger eine tatsächliche, handfeste oder gar politische Organisierung von alternden Menschen sondern zielt mehr auf die kollektive und geistige Umbesinnung unserer Vorstellungen vom Altern. Siehe auch FOREVER, Nr. 5.

Methusalem Maus-Preis: Wissenschaftspreis, der von dem britischen Biogerontologen (>) Aubrey de Grey initiert wurde,um Forscher auszuzeichnen, die die Lebensdauer einer Maus signifikant erhöhen. Der Preis unterscheidet nach Erfolgen bei der reinen Lebensverlängerung und solchen der Verjüngung und wird daher in verschiedenen Kategorien vergeben. Die Hauptfunktion des Preises neben der allgemeinen Motivationssteigerung der Forscher liegt vor allem in seiner propagandistischen Funktion im Kontext des (>) SENS-Projektes, da wichtige Erfolge und kommende Durchbrüche bei einem als modellhaft interpretierten Säugetierorganismus die öffentliche Aufmerksamkeit und vor allem auch die finanzielle Förderung für die entsprechende Forschung beim Menschen entscheidend beeinflussen sollen. Ob diese Annahme wirklich zutreffend ist, kann bestritten werden, da de Grey letztlich davon ausgeht, daß die kollektive Wünschbarkeit einzig von der praktischen Durchführbarkeit der Langlebigkeit gesteuert wird. Das ist aber zum einen eine Übervereinfachung menschlicher Motivationen, zum anderen bleibt die Machbarkeit beim Menschen auch mit Erfolgen in der Mausforschung zunächst interpretationsfähig und schließlich richtet sich die öffentliche wie mediale Aufmerksamkeit nicht nach solchen schematischen Gesetzmäßigkeitenn sondern funktioniert wesentlich irrationaler. Es wird ebenfalls übersehen, daß der Alterungsprozess beim Menschen auch von psychologischen und sozialen Aspekten mitbestimmt wird, die von der experimentellen Tierforschung prinzipiell nicht erfasst werden können, wie der Mensch schon biologisch-evolutionär eine Sonderstellung im Reich des Lebendigen einnimmt, was auch für seinen Alterungsprozeß Auswirkungen haben dürfte. Weiterhin ist die Sicherstellung von Langlebigkeit und Unsterblichkeit nicht auf die Überwindung des Alterns zu reduzieren. Plausibel scheint aber die Annahme, daß größere Durchbrüche bei einem Säugetierorganismus die Ablehnungsfront in der wissenschaftlichen Forschung und vor allem in der Biogerontologie selbst zum Einsturz bringen könnte, was sich dann tatsächlich auch längerfristig und vermittelt in den öffentlichen Diskussionen auswirken würde. Anfang 2005 wurde die Grenze von 1 Million Dollar bei der Höhe des gesamten Fördertopfes überschritten, Ende 2005 sogar die Grenze von 3 Millionen Dollar vor allem auf Grund einer anonymen Spende von einer Million. De Grey und seine Mitstreiter veranschlagen die Summe von  einer Milliarde Dollar, die innerhalb von 10 Jahren benötigen würde, die Lebensdauer einer Maus von heute ca. 2 Jahren zu verdreifachen. Über die Summe der Anschlußkosten für die Forschung am Menschen existieren keine verläßlichen Schätzungen. Siehe auch einführend: News-Folge 12, siehe auch ‘SENS’, siehe auch ‘Aubrey de Grey’, siehe auch ‘escape velocity’.

Monotheismus: Als Monotheismus bezeichnet man im Unterschied zum (>) Polytheismus die religiöse Vorstellung, daß es nur ein überirdisches höchstes Wesen gibt, das die Gläubigen als (>) Gott verehren. Es existieren nur drei monotheistische Hauptreligionen - das Judentum, das Christentum, der Islam - die allerdings mit über drei Milliarden Anhängern die Mehrheit der Weltbevölkerung stellen (ca. zwei Milliarden Christen und eine Milliarde Muslime, während die Zahl der Juden im Vergleich dazu marginal ist) und die alle aus gemeinsamen Wurzeln hervorgingen. Der Monotheismus entstand vor ca. 2500 bis 3000 Jahren im frühen Judentum und kommt schon im ersten der 10 Gebote Mose zum Ausdruck: ‘Ich bin der Herr dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.’ Er entwickelte sich wahrscheinlich über einen längeren Zeitraum aus, parallel und in Konkurrenz zu polytheistischen Vorstellungen, die die ganze Vorzeit und die Antike beherrschten und heute noch vor allem im indisch geprägten Hinduismus mit nahezu einer Milliarde Anhängern präsent sind. Religionswissenschaftler gehen oft von einer zwangsläufigen historischen Entwicklung in mehreren Stufen vom magisch orientierten Schamanismus über den mythologischen Polytheismus zum rationalistischen Monotheismus aus, was sie auch mit bestimmten materiellen wie strukturellen Zwängen der jeweiligen Gesellschaften begründen. Vor allem christliche Theologen bestreiten diese Entwicklungslogik und behaupten, daß die monotheistische Idee schon unter polytheistischen Vorzeichen nachweisbar wäre. (Idee eines Hauptgottes, eines Göttervaters u.ä.) Siehe auch ‘Gott’.

Mulford, Prentice, 1834-1891: Bedeutender Autor und Pionier auf dem Gebiet der (>)natürlichen Unsterblichkeit, nach dem die permanente Fortsetzung der Existenz im eigenen Körper vor allem von der richtigen geistigen Einstellung abhängt. Aus seiner mehrbändigen Essaysammlung ‘Your forces and how to use them’ (auch: ‘White cross library’) wurden immer wieder neue Auszüge und Textsammlungen zusammengestellt und ins Deutsche übersetzt. Die wichtigste bzw. meistgelesenste davon trägt den Titel ‘Unfug des Lebens und des Sterbens’ und ist im Fischer-Verlag 1977 als Taschenbuch erschienen. Siehe auch die Besprechung dazu in FOREVER, Ausgabe 2 , siehe auch News-Folge 11 .

Nachhaltigkeit: Schlüsselbegriff aus der ökologischen Diskussion, nach dem die Summe allen menschlichen Handelns, vor allem des technologischen und wirtschaftlichen, mittel- und langfristig die natürlichen Grundlagen der Erde berücksichtigen muß, anstatt sie wie bisher immer weiter und irreversibel zu zerstören. Es ist klar, daß es ohne eine grundlegende Ausrichtung der modernen Gesellschaften am Ziel der Nachhaltigkeit auch keine individuelle Langlebigkeit oder physische Unsterblichkeit geben kann. Außerdem steht noch der Versuch aus, den Begriff unter psychoexistentiellen Vorzeichen zu erweitern, in dem man Strategien und Orientierungen extremer Langlebigkeit als ‘individuelle Nachhaltigkeit’ beschreibt. Diese Umdeutung ins psychologische könnte zu einer Vereinheitlichung und Integration ökologischer mit immortalistischen Ansätzen führen.

Natürliche Unsterblichkeit: siehe ‘Unsterblichkeit’.

Nekrophilie: Die Liebe zu den toten Dingen. Insbesondere von Erich Fromm populär gemachter kulturkritischer Begriff (‘Anatomie der menschlichen Destruktivität’, 1973), den er rhetorisch auch als Kontrastfolie für das angestrebte und propagierte Gegenteil benutzt, der Biophilie, der Liebe zum Leben. Nekrophilie als klinisch-pathologische Kategorie im engeren Sinne bezeichnet in der Psychoanalyse zunächst verschiedene Formen von Perversionen, die individuell aus frühen Traumata, Verlusterfahrungen und Störungen vor allem in der analen Phase resultieren. Physische Unsterblichkeit ließe sich zwar abstrakt als ultimative Steigerung von Biophilie interpretieren, aber Fromm selbst hätte dieser Einschätzung wohl widersprochen, da er bei allem humanistischen Engagement von (>) todesapologetischen Ansätzen und Traditionen beeinflusst blieb. Siehe auch die Buchbesprechung - ‘Die Kunst des Liebens’ - in FOREVER, Ausgabe 1.

Neurotheologie: Neuere Ansätze und vor allem Untersuchungsmethoden in der Medizin und Hirnforschung, mit denen man grundlegende Phänomene der traditionellen (>)Religion durch neurophysiologische Strukturen und Prozesse zu erklären sucht. Danach seien der Glaube an Gott und andere zentrale religiöse Konzepte bloße Artefakte der Gehirnstruktur oder -physiologie. In der Regel verfehlt die Neurotheologie noch den Todesbezug traditioneller Religiosität und kann daher nur einen sehr begrenzten Beitrag zum modernen Immortalismus leisten, von grundlegenden methodischen und philosophischen Einwänden ganz abgesehen, da die subjektive innere Erfahrungsqualität und resultierende soziale Prozesse reduktionistisch auf bloße messbare körperliche Strukturen begrenzt wird. Siehe die weiterführenden Hinweise und Quellen im Jahresrückblick 2005 in News 20 bzw. News 15.

Od: Altgermanische Vorstellung von der (>) Lebensenergie oder Lebenskraft.

Orgasmusreflex: Wichtiger Begriff in den Theorien von Wilhelm (>) Reich, womit eine ganzheitliche Reaktion des menschlichen Organismus bezeichnet wird, die zwar tatsächlich auch beim Orgasmus des gesunden, entpanzerten Menschen auftritt, aber in erster Linie eine fließende, entspannt-belebende und wellenförmige subtilere Bewegung im Kontext des Atemprozesses darstellt.

Orgastische Potenz: Zentralbegriff von Wilhelm (>) Reich, der eine Erweiterung der medizinisch-mechanischen Potenzvorstellungen des Alltagsbewußtseins darstellt, in dem nicht allein (beim Mann) die erektive Potenz sondern die innere ekstatische Erlebnisfähigkeit  des Menschen und seine Fähigkeit zum (>) Orgasmusreflex zum entscheidenden Kriterium für die psychosexuelle Gesundheit gemacht wird. Im Kontext (>) natürlicher Unsterblichkeit sind damit wahrscheinlich wichtige Vorbedingungen für die Fähigkeit zur kontinuierlichen Aufnahme, Speicherung und Umsetzung von (>) Lebensenergie beschrieben.

Orgon(energie): Begriff des Freud-Schülers Wilhelm (>) Reich, der meint die Sexual- bzw. (>) Lebensenergie im naturwissenschaftlich-physikalischen Sinne entdeckt, beschrieben und technisch verfügbar gemacht zu haben (‘Orgonakkumulator’ u.ä.).

Paradigma: Auf den Wissenschaftshistoriker Thomas S. Kuhn und sein Buch ‘Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen’ zurückgehender Begriff, der die die grundlegenden Erklärungsmuster und wissenschaftlichen Prinzipien innerhalb einer Disziplin bezeichnet. Es ist fraglich, ob die biologische Alternsforschung angesichts einer großen Fülle von meist unverbundenen Einzeltheorien, die das Altern beschreiben, schon ein solches umfassendes Paradigma besitzt. Paradigmatischen Status könnten allenfalls übergeordnete Erklärungsweisen bzw. Typologien beanspruchen, die unterschiedliche Teiltheorien nach gemeinsamen Grundmerkmalen zusammenfassen. In dieser Perspektive stehen sich die (>) Programmtheorie, nach der das Altern ein sinnvoller, systematischer und (wahrscheinlich genetisch) gesteuerter Vorgang darstellt, und die (>) Verschleißtheorie gegenüber, die im Altern einen chaotischen und ungesteuerten Zerfallsprozeß sieht, bei dem allenfalls stochastische Gesetzmäßigkeiten der Wahrscheinlichkeit Anwendung finden können. Nach dem lange Zeit vor allem wegen des sogenannten (>) Hayflick-Limits und verschiedener experimenteller Beobachtungen aus dem Bereich der Genetik programmtheoretische Vorstellungen dominierten, haben sich in jüngerer Zeit die verschleißtheoretischen Ansätze weitgehend unter den Alternsforscher durchgesetzt. Dies hat vor allem damit zu tun, daß das ‘Verschleißparadigma’ besser zu evolutionstheoretischen Grundannahmen paßt, wie auch das Hayflick-Limit durch die Entdeckung der Verkürzung der (>) Telomere selbst als Verschleißphänomen interpretiert werden kann. Es bleibt aber weiterhin nicht ausgeschlossen, daß ein neues und besseres Erklärungsprinzip widersprüchlich erscheinende Einzelergebnisse  umfassender integriert und damit auch Programm- und Verschleißtheorie auf einer höheren Ebene vereinigt. Siehe auch ‘Paradigmenwechsel’.

Paradigmenwechsel: Der umfassende und einer ‘Revolution’ gleichkommende Wandel der grundlegendes Erklärungsprinzipien innerhalb einer wissenschaftlichen Disziplin. So kann man den Wechsel von der Newtonschen zur Einsteinschen Physik beispielsweise als einen Paradigmenwechsel bezeichnen, mit dem meistens sehr viele weitere Veränderungen im theoretischen wie praktisch-methodischen Selbstverständnis der Wissenschaftler und ihrer fachspezifischen Wahrnehmung der Welt einhergehen. Ein Paradigmenwechsel vollzieht sich oft nur in der Weise, daß die Anhänger einer alten Theorie einfach nur aussterben, so daß ein altes und ein neues Paradigma eine größere Zeit auch parallel nebeneinander existieren können. In der biologischen Alternsforschung könnte man die Hinwendung zu verschleißtheoretischen Ansätzen als eine Art Paradigmenwechsel bezeichnen, wenn man Programm- und Verschleißtheorie paradigmatischen Status zuschreiben will. In einer anderen Perspektive läßt sich der Begriff des Paradigmas innerhalb der Alternsforschung nicht nur auf die inhaltlichen Grundprinzipien bei der Erklärung des Alterungsprozesses beziehen sondern auch auf die strategischen Ziele und das Selbstverständnis der Alternsforscher selbst. Bislang dominieren Erkenntnishaltungen, die das Studium des Alterns entweder praktisch-neutral um des reinen Wissensfortschritts betreiben oder die als Grundlagenforschung für die (>) Geriatrie Wissen für ein ‘gutes’ und ‘gesundes’ Altern bereitstellen wollen. Jüngere Alternsforscher, die noch in einer Minderheiten- oder Außenseiterposition sind, zielen dagegen darauf, daß Altern komplett zu überwinden, da ‘gesundes Altern’ ein Widerspruch in sich sei. Siehe auch ‘Aubrey de Grey’, siehe auch ‘Paradigma’, siehe auch ‘SENS’.

Physische Unsterblichkeit: siehe ‘Unsterblichkeit’.

Polytheismus: Vielgötterei, Gegenbegriff zum und Vorläufer des (>) Monotheismus. Der Polytheismus ist selbst der Nachfolger noch älterer magisch-mystischer oder schamanistischer Glaubensvorstellungen von einer Allbeseeltheit aller Dinge. In ihm gibt es bereits verdichtete und kristallisierte überirdische Wesenheiten - ‘Götter’ - die Anlaß für komplexe und oft schon schriftlich niedergelegte Mythologien liefern. (Götterwelt des alten Ägypten, der Griechen, der Römer und anderer außereuropäischer bzw. -nahöstlicher Völker wie der alten Inder, Mayas, Azteken usw.)

Prekarisierung: Begriff aus neueren politisch links angesiedelten Diskussionen, der die zunehmende strukturelle Unsicherheit aller Arbeitsverhältnisse unter Bedingungen neoliberaler Globalisierung und Flexibilisierung meint. In der existentiellen Zuspitzung prekärer Arbeitsbedingungen - z.B. Minijobs, Ich-AG’s, Ein-Euro-Jobs, Abbau von Kündigungsschutzregelungen, unbezahlte Überstunden, bestimmte Formen von Teilzeitarbeit usw. - im Zusammenhang mit dem Angriff auf lebenssichernde Sozialsysteme öffnen sich Verbindungs- und Diskurslinien zu den Themen des modernen Immortalismus, wie sich generell das Todesthema in allen möglichen polit-ökonomischen Fragestellungen verbirgt. Eine wirkliche Synthese solcher politischen mit immortalistischen Diskussionen setzt aber eine differenzierte Unterscheidung bzw. Kritik an einseitig historisierenden Erklärungsansätzen bezüglich existentieller Gefahren voraus, die sonst bloß spezifische oder eben historisch zufällige Todesursachen falsch verallgemeinern und dadurch den Tod an sich bzw. ‘den natürlichen Tod’ ausblenden.

Programmtheorie (des Alterns): Oberbegriff, der eine ganze Reihe Ansätze und Erklärungsmodelle innerhalb der (>) Gerontologie zusammenfasst, die den Prozeß des Alterns als einen natürlichen Ablauf im Sinne eines evolutionären bzw. genetischen Programms beschreiben. Siehe auch: ‘Hayflick-Limit’, siehe auch: ‘Verschleißtheorie’

Protestantische Ethik: ‘Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus’ heißt die berühmte Studie des Soziologen Max Weber, in der bestimmte christlich-protestantische Glaubensvorstellungen im Gefolge der Reformation als wichtige geistige Voraussetzungen für die Entstehung des modernen Kapitalismus beschrieben werden. Die reformatorischen Christen wollten sich das Himmelreich durch den weltlichen Erfolg im Diesseits verdienen und begründeten so eine spezifische Leistungs- und Verzichtsmoral, die im bürgerlich-liberalen und kapitalistischen Arbeitsethos weiterwirkt, wobei die früheren religiösen Begründungen und Ziele allerdings verlorengegangen sind bzw. nur noch auf formaler Ebene weiterbestehen. (Kapitalismus als ‘moderner Kult’, ‘die Religion des Geldes’, Profitorientierung als moderne Heilsvorstellung usw.) Mit solchen Ansätzen werden theoretische bzw. historische Zwischenglieder beschrieben, die die Entstehung des modernen Immortalismus aus dem Geist einer ganz bestimmten religiösen Vorstellungswelt verständlich machen.

Psychoneuroimmunologie: siehe ‘Psychosomatik’.

Psychosomatik: Lehre vom Zusammenhang psychischer und somatischer Phänomene in der Medizin, wobei zwar beide kausale Richtungen denkbar sind, aber im engeren Verständnis von P. mehr der Einfluß von geistigen und emotionalen Faktoren auf physiologische Prozesse, insbesondere das Krankheitsgeschehen, interessiert. Pioniere der psychosomatischen Medizin aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind Sigmund Freud und seine Schüler Georg Groddeck und Wilhelm Reich, sowie Viktor von Weizäcker und Thure von Uexküll. Die Stressforschung seit den 60er Jahren (Seyle etc.) konnte den prinzipiellen Zusammenhang experimentell bestätigen, wenngleich keine einheitlichen und allgemein akzeptieren theoretischen bzw. ätiologischen Krankheitsmodelle existieren. In jüngerer Zeit wurde diese Bestätigung vom neueren Zweig der Psychoneuroimmunologie weiter empirisch untermauert und verfeinert, in dem man Auswirkungen geistig-emotionaler Einstellungen auf das Immunsystem genauer beschreiben und messen konnte. Diese wissenschaftlichen Traditionen und Befunde werden im Kontext physischer bzw. natürlicher Unsterblichkeit theoretisch wie praktisch-therapeutisch relevant, weil und insofern es hier um die Steigerung der Selbstheilungs- und Regenerationskräfte des Organismus geht. Siehe einführend auch News-Folge 12, zu einer Titelgeschichte des FOCUS.

Reich, Wilhelm, 1897-1957: Umstrittener Schüler von Sigmund Freud, der den Stellenwert der (>) Sexualität/Genitalität für die gesamte Charakterentwicklung des Menschen am stärksten hochgehalten hat, sogar gegenüber seinem Lehrmeister. Begründer der allermeisten modernen Formen von Körperpsychotherapie, Entdecker der von ihm benannten und beschriebenen (>) Orgonenergie, deren Existenz allerdings von den Naturwissenschaften bestritten wird. Sexualrevolutionär mit großem theoretischen Einfluß auf die revoltierenden Studenten der 60er und folgende. Schärfster Kritiker der Freudschen Todestriebtheorie, aber er schaffte es auch noch nicht, die historisierenden Deutungen des Todes zu überwinden, siehe die Einleitung in De Marchis Buch: ‘Der Urschock - Unsere Psyche, die Kultur und der Tod’.

Reinkarnation: Oberbegriff für unterschiedliche Lehren der Wiedergeburt, nach der sich die Seele eines Verstorbenen in einem Neugeborenen wiederverkörpert. Der Gedanke der Reinkarnation ist vor allem im Hinduismus, in Teilen des Buddhismus und in der westliche Esoterik präsent. Durch die lateinische Stammform lautete die wörtliche Übersetzung etwas ‘Wiederverfleischlichung’, wobei der Gedanke der Reinkarnation ein typisches Beispiel für eine traditionell-religiöse (>) Unsterblichkeitsidee darstellt. Der Vorstellung der Reinkarnation liegt somit immer eine Form des Leib-Seele-Dualismus zugrunde bzw. eine Form der Differenzierung zwischen solchen verschiedenen Lebensaspekten.

Religion: Der Begriff meint ursprünglich ‘Rückbindung’ und bezeichnet im Alltagsverständnis die Summe aller geistigen und sozialen Systeme, Glaubensvorstellungen und rituellen Praktiken, die sich mit ‘den letzten Dingen’ beschäftigen, dem Tod, dem Jenseits oder der Existenz überirdischer Wesenheiten, die als oberste Autoritätsinstanzen ordnend in das diesseitige Leben der Menschen eingreifen. Siehe auch: ‘Gott’, ‘Monotheismus’,  ‘Reinkarnation’, ‘protestantische Ethik’, ‘Säkularisierung’.

Reparaturunsterblichkeit: Andere Facette von (>) Etappenunsterblichkeit, in der die extreme Langlebigkeit durch fortgesetzte ‘Reparaturen’, sprich: medizinische Therapien, gesichert werden soll, die krankhafte Organe, Körpergewebe, Zellen... wieder instandsetzt oder durch gesunde (u.U. künstliche) ersetzt. ‘Reparaturunsterblichkeit’ besitzt ebenfalls einen leicht ironischen oder polemisch-kritischen Akzent, der darauf hinweisen soll, daß echte Langlebigkeit mit einer umfassenden Krankheitsprävention einhergehen müsste. Jede ‘Reparatur’, jede medizinische Therapie, setzt einen krankhaften Prozeß und damit eine mehr oder weniger große physische, psychische und nicht zuletzt auch ökonomische Belastung voraus und ist mit unwägbaren Risiken und Folgeproblemen verbunden, vor allem mit einer spezifischen Wahrscheinlichkeit, daß die getroffenen Maßnahmen unzulänglich sind und nach Art eines negativen Regresses die zukünftigen Behandlungen eskalierend erschweren. In dieser Perspektive ergeben sich damit prinzipielle Grenzen der Lebensverlängerung, die vor allem auch durch systemische Effekte im Rahmen von Komplexitätsphänomenen gesetzt werden. In einer anderen Stoßrichtung richtet sich der polemische Akzent gegen die weit verbreitete Haltung von technisch-naturwissenschaftlichen Immortalisten, ihren Körper tatsächlich als eine Art Automat oder Maschine wahrzunehmen, der nicht sinnlich von innen erlebt wird sondern nur als abgespaltenes äußeres Objekt, das unter rein funktionalen und tendenziell entfremdeten Gesichtspunkten betrachtet wird.

Säkularisierung: Ursprünglich der Vorgang der Umwandlung von Kirchengütern in Adels- oder Staatseigentum wird darunter heute vor allem der immer weiter voranschreitende Prozeß der Verweltlichung aller Lebenserscheinungen und die Abkehr von traditioneller Religion im Gefolge von Aufklärung und rationaler Wissenschaft im allgemeinen, die Abwendung von den christlichen Kirchen im besonderen verstanden. In der Religionswissenschaft wird dieser Befund auch unter dem Stichwort ‘Dialektik der Aufklärung’ zum einen teilweise wieder in Frage gestellt, da man das breite indirekte Fortwirken einstiger religiöser Glaubensvorstellungen unter modernen und rationalistischen Vorzeichen aufzeigen kann, so in der Politik, in Kunst und Literatur, im Film oder in der Werbung etc. Zum anderen gibt es aber auch stärkere und explizite Gegenbewegungen zur Säkularisierung, wie sie sich im religiösen Fundamentalismus oder in den breiten Strömungen alternativer Religiosität und Spiritualität ausdrücken, Stichworte New Age-Bewegung, Esoterik-Boom, Ausbreitung östlich-asiatischer Heilslehren etc.

SENS: Akronym für ‘Strategies for Engineered Negligible Senescence’, zu deutsch: ‘Strategien für die technische Vernachlässigbarmachung der Seneszenz’, was man sinngemäß etwa mit ‘Strategien der technischen Überwindung des natürlichen Alterungsprozesses’ übersetzen könnte. ‘SENS’ ist das zentrale Projekt des britischen Biogerontologen (>) Aubrey de Grey, der von nur sieben allerdings fundamentalen biologischen Mechanismen ausgeht, die das Altern hervorrufen oder durch die sich Alterssymptome manifestieren und die es in einer (bio-)ingenieurshaften Herangehensweise auszuschalten oder zu neutralisieren gälte. Mit dieser Perspektive grenzt er sich auch von der biogerontologischen Grundlagenforschung und deren Bemühen nach kausaler Analyse ab, um sich völlig auf die technisch-praktische Dimension des ‘wie’ (der Alternsüberwindung) zu konzentrieren. ‘SENS’ steht auch für eine Reihe großer von de Grey initierter und organisierter wissenschaftlicher Konferenzen, die zur Förderung und Diskussion der einzelnen Aspekte in Cambridge abgehalten wurden und werden. SENS 1 fand im September 2003 statt, SENS 2 folgte im September 2005. SENS kann innerhalb der Alternsforschung als das ambitionierteste Vorhaben angesehen werden, das letztlich auf nichts weniger als einen umfassenden (>) Paradigmenwechsel zielt, erntet aber bislang großen Widerstand innerhalb des biogerontologischen Mainstreams. Siehe auch einführend News-Folge 12, siehe auch ‘Methusalem Maus-Preis’, siehe auch ‘escape velocity’, de Greys deutschsprachige Homepage, siehe News 15, Evaluierungsprojekt ‘SENS-Challenge’, siehe News 17, News 22 und News 24, SPIEGEL-Artikel, siehe News 17, Streit um de Grey bzw. de Grey in der Sendung ‘nano’, siehe News 20.

Sex(ualität): Modernere Sammelbezeichnung für die verschiedensten Formen des Geschlechtlichen. Wird meist undifferenziert gebraucht. Siehe auch: Titelgeschichte FOREVER Nr. 4, siehe auch: ‘Erotik’, siehe auch: ‘Genitalität’, siehe auch: ‘Libido’.

Sexualenergie: siehe ‘Lebensenergie’, siehe ‘Chi/Ching’.

Soziologie der Unsterblichkeit: Die „Soziologie der Unsterblichkeit” als Teildisziplin und Forschungsfeld der Sozialwissenschaften existiert noch nicht. Gibt man den Begriff bei Google ein, erhält man Null Treffer, ebenso in der englischen Version „sociology of immortality”, während die komplementäre Zuspitzung „Soziologie des Todes” über sechshundert Treffer vor allem aus dem einschlägig universitären-akademischen Bereich liefert. (Stand: 6. Januar 2006.) Eine Soziologie der Unsterblichkeit würde Gesellschaft unter dem zentralen Aspekt des Überlebens der einzelnen Individuen und weniger ihrer Teilbereiche und Untergliederungen analysieren, wie es z.B. für die propagierte Selbsterhaltungstendenz sozialer Systeme in der klassischen Systemtheorie vorliegt. Sämtliche sozialen Interaktions-, Gruppenbildungs- und Organisationsprozesse können so als sinnvolle Reaktion auf die individuelle Sterblichkeit gedeutet werden, was zum einen einen systematischen Anschluß an religionssoziologische Anfänge und Ursprünge der Soziologie erlaubt (da Religion generell, als traditionelle Letztbegründungsinstanz für gesellschaftsintegrierende Normen und Werte, im tiefsten und letzten ebenfalls eine individuelle Todeskompensation darstellt). Zum anderen erlaubt es die ‘psychoexistentielle’ Perspektive (Luigi De Marchi), soziologische Theorien und Erkenntnisgegenstände mit soziobiologischen, anthropologischen und evolutionären Ansätzen zu integrieren, da die Kategorie des Überlebens in gleicher Weise der biologischen Evolutionstheorie als analytische Kernkategorie einbeschrieben ist (‘SURVIVAL of the fittest’). In dieser kategorialen Hinsicht wäre eine ‘Soziologie der Unsterblichkeit’ wahrscheinlich viel mehr als eine bloße Teil- oder Bindestrichsoziologie oder ein bloßes Forschungsfeld, das die unterschiedlichsten Unsterblichkeitsbestrebungen von Menschen in Gegenwart und Geschichte empirisch untersucht, sondern ein neuer Anwärter für ein vereinheitlichendes Paradigma in der Soziologie überhaupt.

Spiritualität: siehe die Unterscheidung zwischen Religion und Spiritualität zum Stichwort ‘Gott’.

Standardisiertes Alter: Begriff und Meßzahl aus der neueren demographischen Forschung, der die gestiegene und steigende durchschnittliche Lebenserwartung bei der Beschreibung der Bevölkerungsentwicklung mitberücksichtigt. Das standardisierte Alter ist im Gegensatz zur durchschnittlichen Lebenserwartung nicht oder nur kaum gestiegen, was zu grundlegenden Entwarnungen angesichts der vermeintlichen demographischen Katastrophe bzw. zu praktischen Konsequenzen bei der Ausgestaltung des Rentensystems führen könnte. Siehe News 16.

Stein der Weisen: ‘Der Stein der Weisen’ war das zentrale Ziel mittelalterlicher (>) Alchemisten, mit dessen Hilfe es möglich sein sollte, aus Blei Gold herzustellen. In einer anderen Lesart stand das Gold für die körperliche Unsterblichkeit, in der Perspektive der ‘inneren’ Alchemie stellt der Stein der Weisen dagegen ein Symbol für die höchste Vollkommenheit der Seele dar.

Talorgasmus: Begriff aus der altindischen Meditations- bzw. Erotiklehre des Tantra, der auf eine andere innere Dynamik und eine extreme Ausdehnung der geschlechtlichen Vereinigung zielt, mit der auch eine besondere Kultivierung der (>) Lebensenergie einhergehen soll.

Technische Unsterblichkeit: siehe ‘Unsterblichkeit’.

Teilmengenreduktionismus: Bezeichnet eine weit verbreitete Haltung vor allem unter technischen Immortalisten, bei der das Ziel der körperlichen Unsterblichkeit auf die Überwindung des natürlichen Alterungsprozesses reduziert wird. Eine wichtige Todesursache unter anderen wird dabei unbewußt mit dem Tod selbst identifiziert, was mit weiteren reduktionistischen Vorstellungen in methodischer Hinsicht bzw. zum Verhältnis von Altern und Krankheit einhergeht. Alternsbedingte Krankheiten sind aber nur eine Teilmenge aller krankheitsbedingten Todesursachen wie tödliche Krankheiten selbst wiederum nur eine Teilmenge aller generellen Todesursachen darstellen. Manchmal wird diese Reduktion explizit gerechtfertigt, in dem auf die exponentielle Zunahme und statistische Häufung von altersbedingten und zum Tode führenden Krankheiten hingewiesen wird, wobei hier die sozialen und historischen Bedingungen, die vielfältig in die Todesstatistiken indirekt miteingehen, ausgeblendet werden. Der Teilmengenreduktionismus verkennt vor allem sowohl den logisch-philosophischen wie existentiellen Status des Todes, der von der Abschaffung spezifischer Todesursachen völlig unberührt bleibt, was mit einer Vielzahl weiterer Verzerrungen in der Wahrnehmung verschiedener Aspekte und Prioritäten innerhalb des Immortalismus einhergeht.

Telomere: Endstück der DNS mit spezifischer Basenstruktur, das sich bei jeder Zellteilung etwas verkürzt, bis die ganze Sequenz aufgebraucht ist, so daß sich die Zelle nicht weiter teilen kann. Eventuell eine Erklärung für das (>) Hayflick-Limit. Deutung und Stellenwert des Phänomens sind umstritten. Nach anfänglicher Euphorie Mitte der 90er DEN Alterungsmechanismus gefunden zu haben plus entscheidender Option für eine gezielte Beeinflussung, hat sich in den letzten Jahren erst einmal die Kritik an diesem Modell durchgesetzt. Siehe auch News 19 zu aktuellen Untersuchungsergebnissen über die beschleunigte Verkürzung der Telomere durch Lebensstilfaktoren.

Tod: siehe ‘Leben’.

Todesapologie: Unter einer ‘Apologie’ versteht man gemeinhin die intellektuelle Rechtfertigung einer Sache. Eine Todesapologie ist daher der anspruchsvollere Versuch, den Tod geistig oder moralisch zu legitimieren. Dabei kann man vor allem zwei große Hauptlager von Todesapologeten unterscheiden, die geradezu von gegensätzlichen und ‘eigentlich’ feindlichen ideologischen Positionen ausgehen, sich aber im Diskursalltag mehr oder weniger unbewußt gegen einen gemeinsamen Gegner verbünden. Den religiös motivierten Todesapologeten, für die der Tod nur ein Durchgangstor oder eine Transformationsstufe für jenseitig-transzendente und höhere Wirklichkeitsstufen ist, stehen die säkularen und rationalistischen Todesbejaher vorwiegend aus dem bio-medizinischen Bereich gegenüber, nach denen der Tod notwendig für das Gleichgewicht in der Natur, die menschliche Evolution o.ä. geistig überhöhte Konstrukte und fiktive Kollektivsubjekte sei. Die ursprünglich aufklärerische und emanzipatorische Evolutionstheorie gerät so ins Fahrwasser rückwärtsgewandter Kräfte, wie das unbewußte Bündnis gegensätzlicher geistiger und politischer Lager schier übermächtige Koalitionen für die Sterblichkeit schmiedet, die in Wirklichkeit - d.h. zumindest in analytischer Hinsicht - höchst brüchig sind.

Unsterblichkeit: Anderer Gegenbegriff zum (>) Tod, der sich schon rein sprachlich - im Unterschied zum (>) Leben - als einfache Negation der Vergänglichkeit darstellt: Un-Sterblichkeit. Traditionell religiöse oder metaphysische Unsterblichkeitsvorstellungen teilen die Idee einer unsterblichen Seele o.ä., und weisen meistens nur dem Körper bzw. dem irdischen Dasein den (>) Tod zu. PHYSISCHE Unsterblichkeit strebt dagegen die extreme, im Wortsinne unendliche Ausdehnung des (>) Lebens im Diesseits an. Man kann im weiteren zwei grundsätzliche Gruppen von Wegen der physischen Unsterblichkeit unterscheiden: die technische Unsterblichkeit und die natürliche Unsterblichkeit, wobei es hier noch offen bleiben muß, ob und inwieweit es zwischen diesen beiden Formen Überschneidungsbereiche gibt. Die technische Unsterblichkeit sucht die unendliche Ausdehnung des menschlichen Lebens durch technisch-künstliche, also vor allem naturwissenschaftliche Mittel und Methoden wie beispielsweise der Gentechnologie zu verwirklichen. Die natürliche Unsterblichkeit dagegen will dieses Ziel durch den kombinierten Einsatz natürlicher Techniken und Verfahren wie Ernährung, Atemmethoden, Meditation, Techniken der psychologischen Selbsterfahrung u.ä. erreichen. (Siehe auch: Titelgeschichte von Ausgabe 1) Siehe auch: ‘Immortalismus’.

                        

Verschleißtheorie (des Alterns): Andere große Gruppe von Ansätzen innerhalb der (>) Gerontologie und im Gegensatz zur (>) Programmtheorie stehend, die das Altern als fortschreitenden Zerfallsprozeß der organischen Materie durch komplexe Anhäufung vielfältigster Schäden, Krankheiten, Abnutzungs- oder Erschöpfungserscheinungen grundlegender Lebensfaktoren beschreiben. Gilt zur Zeit - 9/2003 - als wahrscheinlichste Grunderklärung für das Altern, obwohl die Prozesse im einzelnen noch wenig verstanden sind. Siehe auch: ‘disposable soma theory’.

Zeit: ‘Fragt man mich nach der Zeit, so weiß ich es nicht. Fragt man mich aber nicht, DANN weiß ich es!’ lautet das berühmte Zitat des frühmittelalterlichen Theologen Augustinus zum rätselhaften Wesen der Zeit, womit die Schwierigkeiten beim Verständnis der Zeit schon eine erste  klassische Formulierung gefunden haben. Das Phänomen der Zeit steht im Hintergrund bei allen Fragen der (>) Alter(n)sforschung, von (>) Unsterblichkeit, (>) Tod etc. und markiert letztlich den tiefsten geistigen wie philosophischen Bezugsrahmen. Man unterscheidet zyklische von linearen Zeitkonzepten, wobei die Moderne entscheidend von letzteren geprägt ist, bei denen Entwicklungen in der Zeit in eine Unendlichkeit fortlaufen. (>) Physische Unsterblichkeit baut wiederum auf linearen Zeitvorstellungen auf, verschiedene traditionell religiöse Unsterblichkeitsideen wie z.B. die (>) Reinkarnation dagegen auf zyklischen Zeitmodellen, bei denen alle möglichen Verhältnisse und Lebensbedingungen als ewig wiederkehrend und sich wiederholend gedacht sind, insbesondere in den jahreszeitlichen Veränderungen in der Natur, den biologischen Rhythmen des Körpers, den sozialen Stadien des Lebenslaufs usw. Siehe auch News 17, zu einem umfangreichen Artikel über ‘Zeitnot’ in GEO.

Zerfallstheorie (des Alterns): Anderer Name für verschleißtheoretische Ansätze in der Alternsforschung. Siehe auch: ‘Verschleißtheorie’.

Zweifacher Weg: Begriff aus der taoistischen Sexual- bzw. Langlebigkeitsalchemie, die die Verlängerung der Lebensdauer u.a. über sexuelle Praktiken erreichen will, die mit einem Partner ausgeführt werden (daher ‘zwei’fach). Siehe auch: ‘Chi/Ching’, siehe auch: ‘Lebensenergie’.                                                                                                                             L.M.M.

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